Die Heimat für Heimatlose.

Zu Gast bei einem Weltempfänger im Duckdalben

von Gina Gadewoltz, Sunke Lüppen, Tom Wendel und Nadine Wöbs

Mittwoch, 11 Uhr in Hamburg. Heute verschlägt es uns auf die andere Seite der Elbe. Durch den Elbtunnel, über die Köhlbrandbrücke, vorbei an unzähligen Containerschiffen erreichen wir unser Ziel. Möwen ziehen Kreise am grauen Himmel. Das berühmte Hamburger Schietwetter macht seinem Namen alle Ehre. Doch nur wenige Schritte später gelangen wir an einen kleinen versteckten Ort, der uns in eine ganz andere Welt entführt: Die der Duckdalben. Der Seemannsclub in Hamburg-Waltershof ist ein wichtiger Anlaufpunkt für Seeleute aus aller Welt. An 364 Tagen im Jahr werden hier von 10:00 – 22:30 Uhr die Türen geöffnet, hauptsächlich für die Seeleute, aber auch andere Gäste. Denn eins macht sich sofort beim Betreten des Clubs bemerkbar: Hier ist jeder willkommen.

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Im Jahr 2015 haben 34.523 Seeleute aus 105 verschiedenen Nationen hier ihren Landgang verbracht. „Wir sind Bank, Reisebüro, Touristeninformation, Seelsorge, Kirche, Spielsalon, Kommunikationszentrum und Laden in einem. Zudem bieten wir einen Shuttleservice für Fahrten jeglicher Art an“, sagt Lars, einer der 17 Festangestellten, während er uns die verschiedenen Ecken des Duckdalbens zeigt. Lars ist seit sieben Jahren als Weltempfänger im Einsatz und für das Wohl der anreisenden Seemänner zuständig. „Man muss sich das so vorstellen: man kommt von einem Schiff, an dem man seine Funktion hat: Sechs Stunden Wache, sechs Stunden Freiwache, sechs Stunden keine Wache – und dann das ganze wieder von vorne. Sieben Monate am Stück. Das kann schon ganz schön einsam sein. Mit etwas Glück hat man vielleicht einen Freund an Bord. Dann kommt man an Land und kann mal wieder für wenige Stunden Mensch sein.“

Wenn ein Schiff im Hafen einläuft, leiten Wasserschutzpolizei und Lotsen die Telefonnummer des Duckdalbens an die Mitglieder der Crew weiter. Somit hat jeder die Möglichkeit die Hilfe der Weltempfänger in Anspruch zu nehmen. Doch nicht alle Seeleute haben das Glück nach Anlegen auch Freigang zu bekommen. Manche müssen während der Zeit an Bord bleiben und weiterarbeiten. Für diese Fälle bieten Lars und seine Kollegen eine Bordbetreuung an, d.h. sie bringen Telefonkarten, Zeitungen aus der Heimat oder was auch immer benötigt wird auf das Schiff.

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Der allergrößte Teil der Seemänner kommt von den Philippinen, im Jahr 2015 waren es rund 18.500. Platz 2 und 3 der Seemannsnationen belegen Indien (3.700) und die Ukraine (2.300). Die Gestaltung der Räume ist ebenfalls multikulturell und geschmückt mit Mitbringsel aus aller Welt. Als ruhiges Plätzchen und Ort zum Beten für jegliche Religion dient der „Raum der Stille“. Dieser ist für Seeleute etwas ganz Besonderes, denn auf See finden sie nie komplette Ruhe.

Auch Lars weiß die persönliche Atmosphäre im Duckdalben zu schätzen. Er kann sich durchaus vorstellen, bis zu seinem letzten Arbeitsjahr hier zu bleiben. „Besonders schön ist es, dass man als Weltempfänger nicht nur viel gibt, sondern auch viel zurückbekommt“, erzählt er mit einem Lächeln im Gesicht. Die meisten Seeleute kommen vor allem, um telefonisch Kontakt zu ihrer Familie aufzunehmen. Wenn sie hören, dass eine Stunde preislich bei ungefähr einem Dollar liegt, sind sie überglücklich. Denn an Bord steht dieser Preis für eine Minute. Apropos überglücklich: pro Monat werden ungefähr 1,5 Tonnen Schokolade im kleinen Laden des Duckdalbens gekauft. Da Hamburg der Wendepunkt, also das letzte Ziel auf der Strecke ist, muss sich der ein oder andere Seefahrer noch mit Vorräten für die bevorstehende Rückreise eindecken.

Manchmal, wenn Lars an der Elbe spazieren geht, muss er schmunzeln. Denn jeder sieht nur die großen Schiffe, die über die Elbe fahren, aber niemand sieht die Menschen, die darauf arbeiten.

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