Theater Down Under


von Julia Heidinger, Nadja Kardel und Carina Sager

Ulrich Schrauth, ehemals künstlerischer Betriebsdirektor des Thalia Theaters, übernimmt für „Theater der Welt 2017“ die Künstlerische Produktionsleitung und ist damit für die gesamte Organisation des Festivals verantwortlich. Er hat den Erstkontakt mit den Gruppen und weiß, wann sie Zeit haben, wann auf- und abgebaut werden muss und hat dabei auch noch das Budget im Auge. Zusammen mit seinem Team betreut er sämtliche Kompanien und Künstler aus dem In- und Ausland. Wir haben den Mann, bei dem alle Schnüre zusammenlaufen, interviewt.

Erfahrungen mit der Organisation eines großen internationalen Festivals haben Sie beim Sydney Festival im Januar 2016 gesammelt. Wie kamen Sie zum Sydney Festival?

Zwischen meiner Tätigkeit als Künstlerischer Betriebsdirektor des Thalia Theaters und meinem Vertrag mit „Theater der Welt 2017“ hatte ich etwas Zeit und wollte schauen, wie ein anderes großes internationales Festivals organisiert ist. Da ich persönliche Kontakte zum Sydney Festival hatte, habe ich einfach angefragt, ob ich dort für einen begrenzten Zeitraum mitarbeiten kann. So habe ich drei Monate das Festival begleitet und einen Einblick erhalten, wie das Sydney Festival programmiert, budgetiert, plant und organisiert ist. Ein paar eigene Produktionen, also kleine Gesprächsformate etc. habe ich dann auch betreut. Und mir im Laufe des Festivals wahnsinnig viel angeschaut. Ich bin mit Gruppen in Kontakt gekommen und habe dabei auch für das „Theater der Welt 2017“ gescoutet. Wir haben gemeinsam mit Joachim Lux – dem Künstlerischen Leiter des Festivals – Recherche vor Ort betrieben, da er zufällig aufgrund eines Gastspiels zur gleichen Zeit in Australien war.

Dabei haben Sie das Australische Theater sicher gut kennengelernt. Wie schätzen Sie dessen Stellenwert ein?

In Australien gibt es nicht diesen stark subventionierten also staatlich geförderten Kultur-Betrieb wie in Europa und ganz besonders in Deutschland. Natürlich gibt es auch staatliche Förderung, aber sie macht einen geringeren Teil aus. Das heißt, man merkt den Produktionen an, dass der finanzielle und zuschauergenerierende Druck größer ist, als zum Teil hier in Deutschland. Das bedeutet natürlich auch weniger künstlerische Freiheit, um es ein wenig platt zu sagen.

Es gibt aus historischen Gründen in Australien ein sehr großes Interesse an der europäischen Theaterkultur, sie ist immer auf gewisse Weise der Referenzrahmen für die kulturelle Entwicklung dort. Auf der anderen Seite gibt es aber auch einen großen Nationalstolz und damit einen großen Stellenwert für die eigene kulturelle Identität und das Bestreben, künstlerische Kräfte, die im eigenen Land entstehen, stark zu fördern. Das führt somit auch wieder zu einer Art von Abgrenzung. Es gibt also ein Kräfteverhältnis, das auf eine gewisse Weise paradox und sehr interessant zu betrachten ist.

Können Sie uns in diesem Zusammenhang typische australische Theaterstücke nennen?

Zunächst mal ist – wie bereits erwähnt – der europäische Bildungsbürgerkanon dort ganz genauso verbreitet wie hier. Man spielt den Faust, die Räuber, Shakespeare, hat klassische Konzerte, Oper etc., die sehr stark europäisch geprägt sind. Parallel dazu gibt es eine Beschäftigung mit der Aborigine Kunst, die viele Jahre unterdrückt wurde und erst in den letzten Jahren immer stärker versucht wird zu fördern. Da gibt es ganze Förderprojekte speziell für diese Künstler und Künstlergruppen. Es gibt nicht das Nationalstück, aber zum Beispiel den Versuch einen anderen Blick auf die großen Dramen der Weltliteratur zu werfen. Zum Beispiel gab es im letzten Jahr eine Produktion der Melbourne Theatre Company, die versucht hat, ein großes Shakespeare-Drama auf die Lebenswirklichkeit der australischen Ureinwohner, der Aborigines, zu übertragen. Ein sehr interessanter Versuch, den Alltag der Aborigines, die dort zum Teil immer noch sehr unterdrückt werden – in Ghettos leben, in großen Städten oder in eigenen Bezirken – in einen Kontext zu setzen, der sozusagen einem europäischen Dramenkanon folgt.

Sollte sich Deutschland Ihrer Meinung nach etwas davon abgucken?

Es handelt sich um ganz unterschiedliche Systeme. Da ist es ganz schwierig zu vergleichen und auch eher eine Geschmacksfrage. Was in Australien meiner Meinung nach sehr gut funktioniert, ist, dass es – obwohl es wie überall starke Kürzungen besonders im Kulturbereich gab – einen sehr klaren Fokus auf kulturelle Ziele oder die „creative industries“, wie es dort heißt, gibt. Dort gibt es richtige Aktionspläne: Was soll in den nächsten Jahren kulturell passieren? Welche Art von Kunst und Kultur will man fördern? Was bedeutet dies für den Standort? Man sieht allerdings, dass das ein eindeutig kommerziellerer Anspruch an Kunst ist. Die Frage ist dort, was die Kunst für die Gemeinschaft, für die Wirtschaft, für die Menschen, für das gemeinsame Miteinander, für das Leben bedeuten kann – was sie bewirken kann. Und diese Projekte werden dort dann sehr unterstützt. Allerdings hat das dann oft auch ein wenig Auswirkung auf die Freiheit der Kunst, zumindest, was die Gestaltung der Projekte betrifft. Trotzdem merkt man eben, dass die Verantwortlichen sich Gedanken machen und versuchen langfristige und auch nachhaltige Leitlinien zu entwickeln, die den Akteuren vor Ort Planungssicherheit geben.

Dürfen wir uns bei dem Festival auch auf ein derartiges Aborigine-Stück freuen?

Wir hatten Kontakt aufgenommen mit einer sehr bekannten – oder einer der bekanntesten Aborigine-Tanzkompanie, die heißen „Bangarra Dance Theatre“. Wir wollten eine Produktion einladen – „Ochres“ – sie ist ein Meilenstein der indigenen australischen Tanzgeschichte – eine Auseinandersetzung mit den Traditionen und kulturellen Wurzeln der Aborigines. Aber das ist leider an terminlichen Problemen gescheitert. Trotzdem zeigen wir viele interessante Produktionen aus Australien und haben einen richtigen Schwerpunkt im Rahmen unseres Festivals zu Australien gesetzt.

Sie haben ja nicht nur Kontakt mit englischsprachigen Ensembles. Entstehen da Probleme in der Verständigung oder nutzen Sie Dolmetscher?

Mein Kontakt mit den Kompanien ist eigentlich komplett auf Englisch. Die meisten Kompanien können Englisch oder zumindest die Kompanieleiter dort sind der englischen Sprache mächtig. Es gibt manchmal weniger sprachliche Barrieren, als Verständnis- oder Kulturbarrieren. In China zum Beispiel ist mir das ein paar Mal bei Gastspieleinladungen so ergangen. Man hat sich zwar ausgetauscht, aber nicht so ganz verstanden, was der andere sagen wollte, denn eigentlich war das „Ja“, das jemand geschrieben hat, eher ein „Nein“ oder die Infos sind einfach nicht richtig angekommen und es wurde sich dann nicht getraut, ehrlich zuzugeben, dass man es vielleicht nicht so ganz verstanden hat. Da haben wir manchmal auf Dolmetscher zurückgegriffen. Aber in den allermeisten Fällen funktioniert das alles sehr gut auf Englisch.

Natürlich werden wir für das Festival hier immer Übersetzer haben. Und natürlich werden auch alle ausländischen Stücke mit deutschen Übertiteln versehen.

Wo Sie ja schon mehr vom Programm wissen, was glauben Sie, werden Ihre Highlights bei „Theater der Welt 2017“ werden? Worauf freuen Sie sich bisher am meisten?

Es gibt eine Produktion aus Australien auf die ich mich besonders freue: das „Back to Back Theatre“ mit der Produktion LADY EATS APPLE. Die Produktion habe ich schon sehr früh kennengelernt, als ich in Australien war. Ich habe dort viel Zeit mit den Produktionsverantwortlichen verbracht und in Gesprächen und in Konferenzen lange versucht zu überlegen, wie wir diese Produktion nach Hamburg kriegen. Wie schaffen wir es, Förderer zu finden? Wir haben dann einiges an finanzieller Unterstützung  von der australischen Regierung bekommen für diese Produktion. Außerdem ist es ästhetisch ein sehr interessantes Werk. Die Arbeitsgruppe – die Performer auf der Bühne – besteht aus Menschen mit körperlicher und/oder geistiger Behinderung. Und diese Gruppe arbeitet sehr einmalig, sehr partizipativ an diesen Themen. Sie haben einen einzigartigen, ästhetischen, inhaltlichen Zugriff. Und diese Produktion ist insofern sehr besonders und auch sehr produktionstechnisch anspruchsvoll, weil sie – so viel darf ich schon verraten – ganz anders mit dem Bühnenraum umgeht. Die Produktion soll hier im Thalia Theater stattfinden und die Zuschauer sitzen auf der Bühne, schauen in den Zuschauerraum und dieser Zuschauerraum ist durch einen riesen Ballon verhüllt – sogar durch zwei eigentlich. Also man weiß gar nicht so genau, in welcher Art von Raum man gerade sitzt. Und dann wird nach und nach der Zuschauerraum enthüllt. Bis man dann auf einmal in das Theater sieht, sozusagen aus Schauspielerperspektive. Und das ist, kann man sich ja vorstellen, ziemlich aufwändig für das Thalia Theater und das bedarf vieler Gespräche. Ich hoffe sehr, dass das alles gut verläuft, schließlich ist das eine Produktion, die mir sehr am Herzen liegt, weil die Kompanie auch einfach großartig ist und ich das künstlerisch sehr spannend finde, was da passieren wird und was da los sein wird.

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