Angedockt – Theater der Welt: Joachim Lux im Exklusivinterview

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Das Herzstück von „Theater der Welt“, das Kunstschaffende aus aller Welt nach Hamburg bringt, ist der Hafen. Er steht in jeder Hinsicht im Rampenlicht: Hier hat die Festivalzentrale Haven ihr Zelt aufgeschlagen und lädt zum Verweilen ein, das Baakenhöft wird als Aufführungsort bespielt und etliche Produktionen setzen sich inhaltlich mit dem Hafen auseinander, und wofür er steht. Die Forschungsstelle „Hamburgs (post-)koloniales Erbe“ verfolgt das Festival mit dem Motto „Hafen für die Künstler*innen der Welt“ und begleitet es mit Beiträgen aus postkolonialer Perspektive. Das Gespräch mit Joachim Lux über die historische Dimension des Hafens und Hamburgs (post-)koloniales Erbe macht den Auftakt.


„Theater der Welt“ rückt den Hafen sowohl thematisch als auch als Spielort ins Rampenlicht. Das Festivalzentrum als Begegnungsort ist ebenfalls im Hafengelände angesiedelt. Wie kamen Sie zu dieser Idee, den Hafen als Ausgangspunkt und Herzstück des Festivals zu setzen? Und welche Rolle spielt für Sie persönlich die historische Dimension des Hafens?

Joachim Lux: Ich suche immer nach Bildern, in denen sich das Lokale mit dem Globalen verbindet. Lessing war das – als halbe Hamburgensie, die kosmopolitisch denkt. Der Hafen ist ein anderes Bild, aber touristisch und unterhaltungskulturell kontaminiert. Dabei ist der Hafen viel mehr. Ein Mythos, ein Bild für Aufbruch und Untergang, für Abschied und Ankommen, für Welteroberung, nicht zuletzt aber auch ein Ort der Arbeit, in Teilen ein Industriedenkmal und…und…und… da gibt es unendlich viel zu entdecken, Schönes und Schmerzhaftes. Und viele historische Wunden – all dem sollte man sich stellen. Wenn man, wie ich, Geschichte studiert hat, erst recht.

Mit Achille Mbembe platzieren Sie einen postkolonialen Denker prominent im Festivalprogramm. In Hinblick auf den globalisierten Handel ist seiner Einschätzung nach „Europa […] längst nicht mehr der Kapitän“. Ist seine Eröffnungsrede auch ein Statement, um romantisierten Vorstellungen des „Heimathafen“ Hamburgs und das Selbstbild als „Tor zur Welt“ andere Perspektiven entgegenzusetzen?

Joachim Lux: Ja, natürlich. Die Begrifflichkeit vom „Tor zur Welt“ hat immer auch etwas Kolonialistisches. Jetzt kommen die ehemals Kolonialisierten zurück und erklären uns eine Welt, die wir nicht mehr dominieren – Ironie der Geschichte. Wir brauchen ein bisschen mehr Demut, das tut ganz gut.

Die Eröffnungsproduktion „Children of Gods“ des neuseeländischen Regisseurs Lemi Ponifasio, der sich auch mit Kolonialismus beschäftigt, thematisiert Flucht und Migration. Sie bringt Lokales und Globales zusammen. War die Wahl eines kolonialen Erinnerungsortes als Spielort Absicht oder Zufall?

Joachim Lux: Beides. Wir haben mit der HafenCity lange nach einem Spielort gesucht. Zuerst sollten wir die letzten sein, die die Hallen bespielen, die dann für Olympia abgerissen werden sollten. Als Olympia dann scheiterte landeten wir am Afrikaterminal im Baakenhafen. Dann fragt man sich schnell, wo man eigentlich ist. Von hier aus zogen die Soldaten los, um die Hereros nieder zu schlagen, hundert Meter weiter ist der Hannoversche Bahnhof, von dem aus Juden, Sinti und Roma deportiert wurden, und das Flüchtlingslager ist unser unmittelbarer Nachbar. Da überlagern sich viele Schichten von Geschichte – eine Überforderung, auch für ein Festival.

„Jetzt kommen die ehemals Kolonialisierten zurück und erklären uns eine Welt, die wir nicht mehr dominieren“

Das Festival holt Künstler*innen und Produktionen von 5 Kontinenten nach Hamburg. Afrika ist vor allem im umfangreichen Diskurs- und Vermittlungsprogramm ein Fokus gewidmet. Warum?

Joachim Lux: Wir beginnen das Festival mit Achille Mbembe im Thalia, und wir beenden es im Kakaospeicher mit dem burkinischen Choreographen Salia Sanou im Kakaospeicher. Es gibt sehr viel afrikanische Konzerte und eben drei Diskursprogramme: sie importieren aber nicht afrikanische Kunst, sondern sie befragen unser eigenes Verhältnis zu Afrika. Denn das ist doch völlig ungeklärt.

Der Auseinandersetzung mit Hamburgs kolonialem Erbe widmet sich neben geführten Erkundungstouren der HafenCity und des Hafenareals auch eine Diskussionsveranstaltung mit grassroot-Aktivist*innen, Prof. Dr. Henri-Louis Seukwa und Prof. Dr. Zimmerer. Das ist für ein Theaterfestival nicht selbstverständlich. Was kann das bewirken? Und warum gerade auf einem Theaterfestival?

Joachim Lux: Wir umkreisen all unsere Themen künstlerisch, wissenschaftlich, musikalisch und hoffen, dass das eine das andere in Schwingung bringt. Ich gehe davon aus, dass man sich die afrikanischen Tänzer anders anschaut, wenn man vorher bei Prof. Henri Seukwa und Prof Zimmerer war. Alles andere wäre eigentlich seltsam. Es ist nicht zu leugnen, dass Menschen das Exotische anzieht. Aber sie ordnen es dann vielleicht besser in reale Zusammenhänge ein.

Kultursenator Carsten Brosda erachtet „Theater der Welt“ nicht nur als Chance Hamburg als engagierte Kulturstadt zu positionieren, sondern auch als einmalige Möglichkeit, drängende Fragen der Welt in den Diskurs zu bringen. Der Hamburger Hafen stellt auch einen bedeutenden Erinnerungsort des deutschen Kolonialismus dar. Wie glauben Sie, kann das Festival zur Aufarbeitung des kolonialen Erbes der Stadt beitragen?

Joachim Lux: Wir wollen die Möglichkeiten eines Festivals nicht überschätzen. Aber wir können doch anstoßen, sich mit dem kolonialen Erbe zu beschäftigen, mit dem hanseatischen Handel, mit der Kakao- und Kaffeewirtschaft und anderem mehr. Eigentlich gehört all das schon in den Schulunterricht. Denn man kann es anschaulich zeigen. Und wir wissen alle viel zu wenig.

„Aber wir können doch anstoßen, sich mit dem kolonialen Erbe zu beschäftigen…“

Apropos Hamburgs koloniales Erbe: Kolonialismus ist eng verknüpft mit Kultur, koloniale Denkmuster und Stereotype wurden nicht zuletzt durch kulturelle Produktion vermittelt und festgeschrieben im 19. Jahrhundert. Dass auch Theater einen wichtigen Beitrag leisteten zum kolonialen Projekt wird weitgehend ausgeblendet. Beispielsweise wurde der Erwerb Kameruns oder der Völkermord im heutigen Namibia thematisiert, u.a. vom Thalia-Theater. Was sagen Sie dazu? Wie könnte eine Aufarbeitung aussehen? Welches Potential sehen Sie für künstlerische Auseinandersetzungen mit dem Phänomen Kolonialismus, um zum aktuellen Erinnerungsdiskurs beizutragen?

Joachim Lux: Ich habe über die Rolle des Thalia Theaters bis vor kurzem rein gar nichts gewusst. Das habe ich erst von Prof. Zimmerer erfahren. Ein Theater ist in seiner Erinnerungskultur kein bisschen besser oder weiter als der Rest der Gesellschaft. Wir werden uns auf jeden Fall damit beschäftigen! Wichtig ist aber vor allem die Gegenwart: so haben wir unlängst eine Übermalung von Joseph Conrads „Herz der Finsternis“ herausgebracht. Aber auch die Kriege im Nahen und Mittleren Osten sind ja u.a. ferne Nachbeben des Kolonialismus. Die Flüchtlinge … die Festung Europa etc. Das Thalia hat als erstes Theater in Deutschland eine große künstlerische Arbeit über die Geflüchteten herausgebracht. Zuerst in der St. Pauli Kirche, anschließend auf der Bühne des Thalia. Seit 1 ½ Jahren haben wir überdies mit der „embassy of hope“ eine Anlaufstelle für Flüchtlinge – mittlerweile eine Dauereinrichtung. Man muss kein Prophet sein, um zu sagen, dass in diesen Themen die Herausforderung für unsere europäischen Gesellschaften, und damit auch für die Künste liegt.

 

Herfert_(c) Oliver Neunteufel
©Oliver Neunteufel

Dieses Interview erschien in der Reihe „Angedockt“ im Blog der Forschungsstelle „Hamburgs (post-)koloniales Erbe“ der Universität Hamburg. Es wurde geführt von Dr. Caroline Herfert, die sowohl Theater- und Kulturwissenschaftlerin als auch privat passionierte Theatergeherin ist. Seit 2016 ist sie wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Forschungsstelle „Hamburgs (post-)koloniales Erbe“ und erforscht im Projekt „Die Inszenierung des Anderen“ die Rolle von Theater und Unterhaltung im Kolonialismus. 

Erfahren Sie mehr über Hamburgs (post-)koloniales Erbe unter:

https://www.kolonialismus.uni-hamburg.de/category/allgemein/

© Portraitfoto Joachim Lux: Armin Smailovic

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