ISHVARA – Eine bildgewaltige, tanztheatrale Inszenierung

Tianzhuo Chens Ishvara ist eine bildgewaltige, tanztheatrale  Inszenierung, die durch ihren überbordenden Ideenreichtum und deren originelle Umsetzung überzeugt. Grenzüberschreitungen und Tabubrüche durchziehen die Performance und werden gleichsam zum stilbildenden Prinzip erhoben. Überhaupt ist es ein auf emotionale Wirkung zielendes Werk, das im Wesentlichen ohne Text auskommt und in den wenigen Passagen, in denen gesprochen wird, keine Übersetzung zu den stets auf kantonesisch vorgetragenen Monologen liefert. Das Resultat ist ein primär auf affektive Wirkung und nicht etwa auf rationales Verständnis zielendes Stück. Der Zuschauer ist gefordert, die mannigfaltigen popkulturellen Referenzen zu den chinesischen und hinduistischen Symbolen sowie den zwischen House-Beats und klassischer fernöstlicher Musik changierenden musikalischen Begleitung in Verbindung zu setzen, um daraus eine (bzw. mehrere) Bedeutung(en) abzuleiten. Das Verhandeln von universellen Themen wie (Macht-)Gier und (Fleisches-)Lust lässt sich in die dramatischen Darbietungen des Ensembles ebenso interpretieren wie eine grundsätzliche postkoloniale Kritik an der Fetischisierung schwarzer Körper und deren Degradierung zu (Sex-)Objekten. Durch die fortwährende karnevaleske Rekombination von Elementen aus unterschiedlichen Kulturkreisen (z.B. „westlich“-kanonisierter Standardtanz zu chinesischer Musik und Trommelklängen) wird einer simplifizierenden Gegenüberstellung von Kulturen – im Sinn eines „clash of civilizations“ (Huntington) – entgegengewirkt und die Hybridität von Kultur und ihr performativer Charakter einprägsam auf die Bühne gebracht.

Überhaupt ist es letztlich die Bildsprache, die in Erinnerung bleibt und zu überzeugen vermag. Ungewöhnliche Kostüme (bzw. der Fortfall derer oder vielmehr ihre Substitution durch body painting) sowie ungewöhnliche Figuren, Tanzarrangements und Stilleben durch tableaux vivants, die nicht zuletzt durch ihre teils bizarre Gegenüberstellung verstörend und somit denkanregend wirken, bilden die treibende Kraft des Abends. Anders gesagt ist es vielmehr die Form als der Inhalt, der innovativ und ikonoklastisch daherkommt. Inhaltlich bringt Chens Werk die gängigen Topoi und Themen auf die Bühne, die den Diskurs des linksliberalen Milieus (und nicht nur) derzeit länder- und kulturübergreifend bestimmen: Homosexualität, Rassismus, queerness, post-humanism, etc. Anstelle lautstark und explizit Kritik an Diskriminierungen jedweder Art zu üben, ist Chens Ansatz der eines Theaters des „showing“ und nicht „telling.“ Mit anderen Worten: Chen beteiligt sich am öffentlichen Diskurs zu oben genannten Themen durch den radikalen, provokativen Tabubruch. Nacktheit, fließende Grenzen zwischen Sex und Vergewaltigung sowie Tierkadaver sind dabei die gängigen Verfahren, die Chen anwendet, um uns als Zuschauer durch die Radikalität des Gezeigten … – ja, was, für bestimmte Themen zu sensibilisieren bzw. das bislang als extravagant oder unziemlich bzw. schlichtweg als befremdlich (Andere) abgetane zu normalisieren und somit salonfähig zu machen? Was am Ende des Abends in Erinnerung bleibt, ist vor allem ein, im positiven Sinn, overload an Sinneseindrücken und Bildern. Ob diese Form des Theaters, das in gewisser Weise ein post-politisches ist und sich in den gängigen Trend der Abkehr von konkreten politischen Stellungnahmen in den visuellen Künsten einfügt (s. Biennale 2017), das Theater der Zukunft ist? Angesichts der aktuellen Schnelligkeit der turns und trends wird das Pendel, wie man es gewohnt ist, wohl schon bald wieder in die andere Richtung ausschlagen und klare politische Positionen und Interventionen von den Künsten (er)fordern. Bis dato wird Chens Musiktheater mit den Ton der Avantgarde angeben.

Also Chen als eine Art Pina Bausch des 21. Jahrhunderts? Wohl kaum. Bei Bausch überzeugte nicht nur das Gesamtkunstwerk aus Ton, Tanz und Bild, sondern auch jedes Detail, das zu diesem Gesamteffekt, von E.A. Poe in seinen poetologischen Überlegungen zur Wirkungsweise von Kurzgeschichten als unity of effect bezeichnet, beitrug. Bei Chen herrscht zuweilen Leerlauf zwischen den im Vergleich zu Bausch deutlich statischeren szenischen Bildern. Der (Zitaten-)Fundus aus dem Chen schöpft ist zwar reichhaltig (und unterhaltsam), aber die dem Werk zugrundeliegende hinduistische Idee von der Wiederkehr alles Seienden letztlich ein alter Schuh und, wie durch den selbstreferenziellen Bezug des Epilogs von „Ishvara“ auf die identische Anfangssequenz veranschaulicht, letztlich mehr im postmodernen als im post-postmodernen Theater fundiert (selbst wenn bei Chen letztlich poststrukturalistische Erkenntnisse mit vitalistischen Strömungen gekoppelt werden, wodurch eine Rückbindung an die Wirklichkeit im Sinn eines „neuen Realismus“ erfolgt). Auch wenn Chen dem Vergleich mit Bausch nicht standhält: Ishvara ist zweifelsohne sehenswert.

Julia Lange, 25.05.2017

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