Stimmen aus der Universität – Die Gabe der Kinder

Seminar: HafenSzenen unter der Leitung von Prof. Dr. Ortrud Gutjahr

Bildgewaltig

Heute ist bereits der dritte Tag in Folge, an dem ich ins Theater gehe und vorher zum Hafenkongress (können Sie auch mal machen, das ist durchaus spannend) und ich stelle fest, dass sich leichte Überforderung meinerseits einstellt. So viele intensive Eindrücke in kürzester Zeit, das ist schon heftig. Also überlege ich, dieses Mal gut vorbereitet in die Vorstellung zu gehen. Das heißt ich denke jetzt schon einmal darüber nach, was möglicherweise auf mich zukommen wird und was ich
eigentlich so erwarte. Gut, dann fangen wir mal mit ein paar Eckdaten an, wo und wann und was und wer: Der Veranstaltungsort? Kakaospeicher, Baakenhöft. Das ist eine leerstehende Fabrikhalle in der Hafencity. Könnte eine tolle Bühne hergeben. Das ist auf jeden Fall schon einmal spannend. Uhrzeit? 21:00 Uhr bis ca. 22:45 Uhr. Scheint so, als gäbe es keine Pause. Name der Inszenierung? Children of
Gods. Hm, okay, so richtig kann ich mir darunter nichts vorstellen. „[…] eine bildgewaltige Neuproduktion, die das Leben der zahllosen Kinder aus Kriegsregionen reflektiert.“, verrät mir der „Theater der Welt“ – Flyer. Das dort abgebildete Foto ist in der Tat ziemlich eindrucksvoll. Das Thema anspruchsvoll und wichtig. Ich bin also gespannt auf die Umsetzung und bereite mich darauf vor, dass es ziemlich beklemmend werden könnte. Ach so, von wem ist das Stück eigentlich und wer steht auf der Bühne? Lemi Ponifasio ist der Regisseur und die Darstellenden stammen aus Samoa, Chile, Neuseeland und ebenso aus Hamburg.Letztere sind Kinder und Jugendliche, außerdem Musiker und ein Projektchor mit mehr als 200 SängerInnen. Ganz schön viele Leute. Soweit die Vorbereitung, nun also die Nachbereitung! Erstmal zum Ort: Auf dem Weg zum Kakaospeicher stelle ich fest, dass ich in dieser Ecke der Hafencity noch nie gewesen bin und dass sie mir sehr gut gefällt. Wasser – Wiese – Ruhe. Ich nehme mir vor, öfter herzukommen. Neben dem Kakaospeicher, einer riesigen Halle, ist das Festivalzentrum Haven aufgebaut. Sicher auch dank des schönen Wetters, bin ich sofort begeistert von der Mischung aus Zelten, Palettenmöbeln, Elbblick und Lichtinstallationen. Bevor die Aufführung beginnt setzen wir uns noch eine Weile ans Wasser und unterhalten uns. Dann geht es los. Beim Betreten des Speichers fällt mir als erstes auf, dass die Zuschauertribüne im Vergleich zur Halle winzig ist und nicht mittig, sondern an der linken Seite in
Eingangnähe aufgebaut ist. Dann sehe ich die Wasserflaschen, die in einer Reihe jeweils rechts und links an den langen Seiten der Halle aufgestellt sind. Damit wird ja wohl irgendwas passieren. Ich setze mich und betrachte alles eingehend: Die Graffitis an den Wänden (die waren sicher schon vorher da), das Licht, das durch die milchigen Fenster hereinfällt, die alten Fabrik-Schilder, die noch von der Decke hängen. Ich finde die Kulisse toll, so toll, dass ich sie fotografiere und sofort feststelle,
dass die Handy-Kamera das Beeindruckende nicht festhalten kann. Hatte mein Opa eben doch recht: „Das Auge ist der beste Fotoapparat.“ Und auf einmal fällt meinen Augen auf, dass an der der Tribüne gegenüberliegenden Wand dunkle Gestalten knien, reglos, in gleichen Abständen. Ein bisschen unheimlich sieht das aus, vor allem, weil um sie herum eine Art Nebelschwade hängt. Aber schon jetzt kann ich dem Festival-Flyer zustimmen: In der Tat bildgewaltig. Das Licht geht aus. Die Gestalten setzen sich in Bewegung, erst völlig geräuschlos, dann beginnt der Gesang. Sie bewegen sich durch die Halle, vorwärts, rückwärts, zur Seite, immer langsam. Irgendwann betreten die Kinder die Bühne – ein langer Zug dunkel gekleideter, stummer Gestalten, der dem hinteren Ende der Halle zuströmt. Langsam. Insgesamt bewegen sich alle und alles in dieser Inszenierung langsam und vielleicht gerade deshalb mit so viel Nachdruck. Das ist (ja, ich sage es noch einmal) bildgewaltig und
teilweise schwer auszuhalten. Ein paar Zuschauende schaffen das mit dem Aushalten nicht, vielleicht müssen sie auch einfach nur tierisch dringend aufs Klo (möglicherweise angeregt durch das Ausleeren der Wasserflaschen. Wissen Sie noch? Die vom Anfang). Das würde zumindest ein wenig entschuldigen, warum man gerade an der Stelle aufsteht, in der der Projektchor direkt vor der Tribüne steht. Eine Person tut das nämlich tatsächlich und wird dabei einige Sekunden quasi Teil der Vorstellung. Denn einmal von der Tribüne herunter, befindet sie sich schon direkt auf der Bühne und zwängt sich ungeduldig an den Darstellenden vorbei. Das kann man machen, aber etwas unverschämt ist es schon. Selbst wenn man einer Inszenierung so gar nichts abgewinnen kann, muss man diese, meiner Meinung nach, nicht mutwillig stören. Aber zurück zum Stück. Children of Gods, das sind viele eindrucksvolle Bilder, einige bedrückende Momente, die nachdenklich machen, einige, die sich mir nicht so ganz erschließen. Trotzdem beziehungsweise gerade deshalb: auf jeden Fall hingehen… und wenn Sie eine empfindliche Blase haben, dann gehen Sie doch vorher einfach noch mal auf die Toilette.

Birte lebt und studiert seit einigen Monaten in Hamburg.

 


 

Die Gabe der Kinder: Akustischer (Alp)traum?

Die Gabe der Kinder. So lautet der Titel der Inszenierung des Regisseurs Lemi Ponifasio. Und dieser Titel könnte auch der eines Horrorfilmes sein. Eines Horrorfilmes in dem Kinder abgeschottet umherwandern. Langsam. Wie Zombies. Lebendige Tote. Und ich frage mich: Ist das wirklich ein Horrorfilm oder bittere Realität?

Die ersten Minuten der Inszenierung unterstützen diesen Eindruck bereits. Sieben schwarz gekleidete Frauen treten aus dem Nebel und kommen auf das Publikum zu. Sie bewegen sich langsam. Und kommen immer näher. Schritt für Schritt. Dabei wiederholen sie singend dieselbe Zeile. Immer und immer wieder. Mit ihren Stimmen erfüllen sie den Raum. Und noch mehr als das. Sie erfüllen die Kulisse eines stillgelegten Kakaospeichers inmitten der HafenCity mit ihrer Performance.

An dieser Stelle möchte ich ansetzen. Der Sound der Inszenierung. Ein Sound, der nicht nur Kindern in Kriegsgebieten eine Stimme gibt, sondern auch Hamburg als Stadt selbst. Denn die Geräusche, die das Gebäude ohne die Akteure bereits von sich gibt, erzählen auch eine Geschichte. Die Geschichte des Hafens und die Geschichte der Arbeit in diesem. Wer ist wohl schon durch diese Halle gewandert oder hat dort einfach seine Arbeit verrichtet. So kommt die Inszenierung auch ohne großes Bühnenbild aus. Denn der Raum spricht für dich selbst. Und die Töne, die dieser erzeugt auch.

Während der Performance muss ich mich die ganze Zeit fragen: Woher kommt jetzt dieses Geräusch? Wird gerade live gesungen oder die Musik über Boxen abgespielt?

Ich verliere mich im Raum und werde eingesogen. Die Beschallung von allen Seiten steht im Kontrast zur oftmaligen Stille der Inszenierung. Eine Stille, die nicht wirklich eine Stille ist. Denn um uns herum sind immer Töne und Geräusche. Und so wird mir während der Inszenierung deutlich wie nie bewusst, wie viel akustisch um mich herum passiert. Jeder Huster. Jedes Herumrücken auf den Stühlen und jedes einzelne Geräusch des Kakaospeichers selbst.

Und diese Geräuschkulisse steigert sich immer weiter.

Besondere Gänsehaut bekomme ich bei der Szene, in der die rund 100 Kinder Wasser auf dem Boden verschütten. Ich weiß bis jetzt nicht, warum ich gerade an dieser Stelle besonders emotional ergriffen bin. Aber die Einfachheit der Handlung, die sich durch Wiederholungen immer weiter steigert und der Raum, der alles nachschallen lässt, erzeugen diese Wirkung bei mir. Das Wasser, welches auf den festen Lagerhallenboden plätschert, löst eine Emotion in mir aus. Der Ton nimmt den Raum ein. Er dringt bis in die letzte Ecke.

Und dann wird wieder alles gebrochen. Durch Bomben und Kriegsgeräusche. Und ich bin wieder mittendrin im Horrorfilm.

Julia Beller, 23, Studentin an der Universität Hamburg

 


 

Ein Meisterwerk der Inszenierung: Children of Gods

 Seit einer halben Stunde schreibe und lösche ich wieder das, was ich über Die Gabe der Kinder sagen möchte. Es fällt mir schwer, das gestern Gesehen in Worte zu fassen. Ich fühle mich immer noch ergriffen und habe Ehrfurcht vor dem, woran uns die Darsteller haben teilnehmen lassen. Der Regisseur Lemi Ponifasio hat den Raum des alten Kakaospeichers gekonnt in Szene gesetzt und aus einer eigentlich platten Fläche einen Projektionsraum für große Emotionen geschaffen. Nur ein Viertel des Raumes nimmt die Zuschauertribüne ein, vor ihr eine Art Spielfeld, einzig und allein Licht und Lautsprecher sind zu sehen. Am Rand des Spielfeldes stehen Wasserkanister in Viererreihen. Ich suche den riesigen Speicher mit den Augen ab und versuche zu erkennen, was sich in den hinteren Ecken befindet. Ein dünner Nebelschleier versperrt mir die Sicht. Die Menge wird plötzlich still und ich schaue hinüber zum gewaltigen Platz, der vor mir liegt. Es geht los.

Scheinbar endlos gestaltet sich der Prolog, in dem sich sieben Frauen in Schritttempo den Zuschauern nähern. Trotz der Länge zieht mich die Inszenierung in ihren Bann, in eine Art Trance, während die Frauen beginnen zu singen. Das Stück bleibt die gesamte Inszenierung über in einem Tempo, was in mir eine Art Anspannung und Unbehagen auslöst. Wie in Trance scheint auch die Gruppe von Menschen, die an den Seiten der Tribüne entlang das Spielfeld überquert und sich in Richtung des Nebels bewegt. Je mehr Zeit vergeht, desto mehr bewegt sich der Nebel wie eine Wand auf uns zu, sodass die Sicht nach hinten immer schlechter wird. Die Personen verschwinden scheinbar im Nichts. Mein Unbehagen nimmt zu, als dumpfe Schläge ertönen, von denen ich nicht weiß, ob ich sie Donner oder dem Geräusch von fallenden Bomben zuordnen soll. Inzwischen befinden sich gefühlt hunderte von Menschen auf dem vor mir liegenden Feld, welches mit Hilfe der Wasserkanister begossen wurde. Das Spiel aus Licht, Nebel und dem spiegelnden Wasser ist atemberaubend und wird von Chorgesängen begleitet, die ein Gefühl von Zusammenhalt und Hoffnung transportieren. Im ersten Moment habe ich nicht genau verstanden, worum es gehen soll, habe aber meinem Gefühl vertraut. Erst jetzt habe ich mehr über die Inszenierung gelesen und fühlte mich in meinem Gefühl bestätigt. Das Festival selber schreibt: „Eine gemeinschaftliche Zeremonie des Neuanfangs, der Hoffnung und des Widerstandes“ – sehr viel passender kann man es nicht ausdrücken. Ich ringe derweil weiterhin um Worte.

Merle Paul: ist an der Ostsee aufgewachsen und studiert seit 5 Jahren in Hamburg Deutsch und Englisch auf Lehramt.

 


 

„Die Gabe der Kinder“ – eine Probe der Geduld

Ich bin ein hektischer Mensch. Wenn ich durch die Stadt laufe, laufe ich schnell, um an mein Ziel zu kommen. Leute, die dabei vor mir zu langsam laufen und an denen ich keine Möglichkeit habe, vorbeizukommen, würde ich aus lauter Verzweiflung manchmal am liebsten mit einem Besen vor mir herscheuchen. Egal wo ich bin, es macht mich wahnsinnig, wenn es nicht vorangeht.

Die Musik Performance des Samoaners Lemi Ponifasio „Die Gabe der Kinder“ hat genau dieses Gefühl in mir geweckt. Die völlige Entschleunigung der Performance machte sie für mich zäh wie Kaugummi. Mein Hintern wird taub von den ungemütlichen Plastikstühlen, die viel zu dicht beieinanderstehen. Bald habe ich öfter auf die Uhr gesehen, als auf die Spielfläche. Trotzdem haben es einige Bilder geschafft, meine Aufmerksamkeit zu erregen. Wie die Frauen, die ganz in schwarz gekleidet am Anfang geschlossen auf mich zukommen und dabei in einer fremden Sprache singen. Oder das in weiß gekleidete, mit roter Farbe beschmierte Mädchen, das mit Wasser begossen wird, aufsteht und einen Abdruck im noch immer vorhandenen Staub des Kakaos hinterlässt. Wie sich die 9000 Quadratmeter große Bühne, in Nebel gehüllt und nur noch von hinten beleuchtet, mit Menschen füllt. Aber das ist mir nicht genug. Mir erschließt sich keine Botschaft aus diesen Bildern. Alles ist zu langgezogen. Nach einiger Zeit bin ich habituiert und sehne mich nach einem neuen Reiz.

Auch wenn das Tempo der Inszenierung mir gar nicht gefallen hat, bin ich doch von der technischen Umsetzung beeindruckt. Das Spiel mit den Kontrasten durch Licht und Schatten, schwarz und weiß und der Reflexionen auf dem nassen Boden hat mir trotz aller negativen Kritik gefallen. Es war schon etwas Besonderes, ein Stück an diesem Ort zu sehen, der sonst nicht der Öffentlichkeit zugänglich ist. Der seine ganz eigene Soundkulisse hat, so dass ich nicht weiß, welcher vom Hafen herschallt und welcher aus den im Kakaospeicher angebrachten Lautsprechern.

Nach der Aufführung spreche ich mit meinen Kommilitoninnen über das Stück. Sie sind begeistert. Vielleicht bin ich doch ein wenig zu ungeduldig. Wir leben in einer wahnsinnig schnellen Welt. Etwas Entschleunigung könnte da nicht schaden.

Jana JanßenJana Janßen wurde vor 21 Jahren in einer Kleinstadt in Ostfriesland geboren. Nach dem Abitur wollte sie dort so schnell wie möglich weg und ist nach Hamburg gezogen, um das Großstadtleben kennenzulernen. Hier studiert sie Germanistik und Psychologie und hofft, damit später auch mal einen Job zu finden.

 

 

 


 

DIE GABE DER KINDER

Lemi Ponifasios Die Gabe der Kinder wird uns präsentiert im alten Kakaospeicher mitten im Hafen. Der Ort als solcher beeindruckt durch seine Dimensionen, 9000 Quadratmeter weite Fläche, in der die Publikumstribüne ein seltsam verlorener Fremdkörper bleibt. Sieben kleine Punkte bewegen sich singend vom anderen Ende der Halle auf uns zu, sieben Sängerinnen machen die Halle zum Klangkörper. Sie verschränken die Arme miteinander und scheinen so zu einem einzigen physischen Körper zu verschmelzen, durchmessen langsam mit wiegendem Schritt den Raum. Die unmittelbare Nähe des Wassers, die Schreie der Möwen, lassen den Speicher zum Meer, die Sängerinnen zur Welle werden, die die Weiten des Ozeans durchmisst. Ein Strom schwarz gekleideter Kindern ergießt sich in den Raum, sie verteilen sich in der Weite, legen sich nieder – die Fläche wird zum Friedhof, Bilder von gekenterten Flüchtlingsbooten drängen sich mir auf, ein nasses Grab, in dem die Körper treiben. Später werden die Darstellerinnen Wasser aus großen Kanistern vergießen und so den Speicherboden in eine spiegelnde Fläche verwandeln, die zusammen mit Nebelschwaden und dem Licht an der gegenüberliegenden Wand die Illusion unendlicher Weite des Meeres noch verstärkt.
Vor dieser Kulisse kann der Einzelne sich nur klein und verloren fühlen, und wie verloren und verzweifelt muss man sein, um sein Kind auf die ungewisse Reise in eine fremde Welt zu schicken? Eine Reise, die eben auch mit dem Tod enden kann, und doch als Chance auf ein sichereres Leben dem Bleiben in der Heimat vorzuziehen ist. Dieses Leid, diese Verzweiflung, sie übersteigen unsere Vorstellungskraft, zu saturiert und geborgen haben wir uns in unserer Überflussgesellschaft eingerichtet. Wie kann es sein, dass Mütter und Väter aus Verzweiflung und aus Sorge um deren Überleben ihre Kinder fortschicken müssen, mit dem Wissen darum, dass diese Reise ein tödliches Ende nehmen kann? Wir müssen akzeptieren, dass die Menschlichkeit längst Schiffbruch erlitten hat, und doch klagt Die Gabe der Kinder nicht an. Sakrale Klänge erfüllen den Speicher, ruhig und getragen vollzieht sich das Geschehen auf der Bühne: Erwachsene gesellen sich zu den Kindern, verteilen sich im Raum und nehmen vom Wasser, führen die nassen Hände wie im Gebet zum Gesicht. Ein symbolisches Eintauchen in ein Meer der Tränen, das die Trauer anerkennt und ihr Raum gibt, das den Zorn bereits hinter sich gelassen hat. So wird Ponifasios Inszenierung für mich zu einer Totenklage, einem Requiem, das den Finger in die Wunde legt, ohne Schuld zuweisen zu wollen und mich nachdenklich in den Abend entlässt.

Anja ReuerAnja; vor zwei Jahren in die Großstadt zurückgekehrt, seit einem Jahr wieder Studentin.

 

 

 

 


 

Die Gabe der Kinder – Geräuschvoll stille Bilder und die Neuentdeckung der Langsamkeit

Geräusche, Bilder und das Aushalten-Können der Langsamkeit. Das sind die Dinge, die ich von der gestrigen Vorstellung der in „Die Gabe der Kinder“ umbenannten Musikperformance „Children of Gods“ des samoanischen Theaterregisseurs Lemi Ponifasio mitnehme.

Auf der Tribüne im Kakaospeicher angekommen, sehe ich mich um. Es gibt keinen Vorhang und ich frage mich, wie das wohl gelöst werden wird und von welcher Seite die Darsteller die Bühne betreten. Apropos Bühne; was ist eigentlich Bühne? Der gesamte Raum? Eine Frau setzt sich neben mich, die ich von dem vorangegangenen Hafen Kongress wiedererkenne. Es ist Prof. Dr. Wildner, die einen sehr interessanten Vortrag über Soundscapes des Hamburger Hafens gehalten hat. Sie informierte uns darüber, dass Murray Schafer, der die Musik für das Stück komponierte, auch ein sehr bekannter Klangforscher ist. Super! Das ist doch ein guter Hinweis. Geräusche scheinen also eine wichtige Rolle zu spielen. Ich möchte mein Gehör deshalb für die kommende Vorstellung sensibilisieren, schließe die Augen und konzentriere mich auf die Geräusche in meiner Umgebung. Links höre ich die Bahn vorbeirattern, rechts oben über den Metallträgern höre ich Vögel zwitschern, die dort zu nisten scheinen. Um mich herum leises Stimmengewirr der Zuschauer. Es geht los. Die Frage nach dem Vorhang klärt sich. Nebel. Ganz hinten an der Wand treten sieben schwarzgewandete Gestalten aus einer Nebelschwade. Das warme Licht der Abendsonne beleuchtet die Szenerie durch die milchigen Fenster. Sie schreiten langsam, sehr langsam auf die Tribüne zu. Ich höre die Vögel, die Bahn, die Möwen. Ungefähr in der Mitte beginnen die Frauen zu singen. Es klingt wunderschön. Langsam schreiten sie weiter, die Gesänge wiederholen sich, brechen irgendwann ab. Es ist wieder still. Ich höre die Bahn, die Vögel, das Räuspern der Zuschauer, draußen klappert irgend etwas. Nach einer Weile kommt langsam, sehr langsam eine weitere Person von hinten aus dem Nebel nach vorne. Sie beginnt zu singen, begleitet von einer – hm, sagen wir mal – Klangtrommel. Über die Lautsprecher ertönt begleitend ein dumpfes Grollen – Schiffsmotoren? – das mal lauter, mal leiser wird. Die sieben Sängerinnen schreiten eingehakt, immer in gleichbleibender, synchroner Bewegung über den Betonboden der Halle. Ein Chor aus circa 55 Kindern und Jugendlichen – ich habe versucht, mitzuzählen – schreitet ebenso langsam in einer Reihe, hintereinander über die Bühne nach hinten. Mir wird klar; die extreme Langsamkeit und der Wechsel zwischen absoluter Stille (von den Vögeln und der Bahn einmal abgesehen) und langen, rhythmischen Gesängen und Chorälen sowie donnernden, grollenden, maschinenartigen Geräuschen werden sich im gesamten Stück fortsetzen. Wie damit umgehen? Wir sind es doch aus Film und Fernsehen gewohnt, dass Bildfolgen so rasend schnell auf uns einprasseln, dass man kaum noch mitkommt. Kurzweiligkeit ist das Motto der heutigen Zuschauerkultur. Die gesamte Handlung hätte in normaler Schrittgeschwindigkeit und ohne die Wiederholungen wohl auf circa 15 Minuten gekürzt werden können. Allerdings bezweifle ich, dass die fantastischen Bilder, die uns geboten werden, ihre Wirkung in der Art hätten entfalten können. Das ungewohnt lange Warten darauf, dass etwas Neues passiert, bewirkt, dass meine Sinne geschärft werden und ich die einzelnen Bilder bewusster anschaue. Ich möchte nach einer Weile keine Geschichte, keinen Zusammenhang mehr erkennen oder Deutungen anstellen, sondern nur noch wahrnehmen. Die auf dem Boden liegenden, schweigenden Kinder machen mich betroffen. Von der von hinten angeleuchteten Masse an Menschen, die sich andächtig auf uns zu bewegt, sind nur schwarze Umrisse zu erkennen. Sie sehen aus wie bedrohliche Scherenschnitte. Die plätschernden Geräusche des Wassers, das aus Flaschen auf den Boden vergossen wird, werden zu wunderbar sinnlich ergänzendem Teil der musikalischen Komposition. Irgendwann kann ich in der Dunkelheit kaum noch unterscheiden, welche Geräusche vom Band kommen und welche von draußen. Fliegt hier gerade eine Möwe vorbei oder ist ihr Gekreische Teil der Aufführung? Singt der Chor selbst – ich kann die Gesichter nicht erkennen – oder kommen die Gesänge vom Band? Macht es einen Unterschied? Nein, ich denke nicht.

Katharina – Studentin aus Hamburg

 


 

Die Gabe der Kinder

Bevor wir starten, möchten wir Sie bitte, die elektronischen Geräte nun auszuschalten. Was klingt, wie die Ansage im Flugzeug, ist die letzte Bitte, mit der das Publikum endlich in die Vorstellung entlassen wird. Das Publikum auf der Tribüne verstummt. Die Tribüne, die höchstens ein Sechstel des gesamten Kakaospeichers einnimmt. Eine kahle, rustikale Halle als Schauplatz. Weiches Licht der niedrigstehenden Sonne strahlt auf die Fläche, die für die nächsten 105 Minuten Hauptbühne der Inszenierung Children of Gods bzw. Die Gabe der Kinder von Lemi Ponifasio sein wird. Am Rand stehen Wasserkanister. Dreiundzwanzig Mal vier Stück. Auf jeder Seite. Abgesehen von einem Kelch und einem samuraischwertähnlichen Gegenstand die einzigen Requisiten, mit denen das Stück auskommen wird. Die Anzahl der Kanister lässt erahnen, welches Ausmaß an Darstellern zu erwarten ist. Sieben schwarzgekleidete junge Frauen betreten die Halle. Nach und nach schreiten immer neue Menschen hinzu, füllen die kalte Halle mit Leben. Während des gesamten Stücks passiert nicht viel – eine junge Kämpferin schreit und singt, eine andere schmiert sich mit einer an Blut erinnernden Flüssigkeit ein, um dann von einer weiteren Person durch Wasser gereinigt zu werden. Und trotzdem und gerade deshalb, langweile ich mich nicht, nehme mehr wahr, als jemals in einem Theaterstück zuvor. Meine Sinne werden aktiviert, ich sehe, fühle, rieche und schmecke die Melancholie im Raum. Mittlerweile wurde das Licht der Sonne durch Scheinwerfer ersetzt. Wann und wie das passierte, habe ich nicht mitbekommen, so vorsichtig erfolgte der Wechsel. In der riesigen Halle steigt Nebel auf, am Anfang noch so wenig, dass ich mir einbilde, das Licht würde diese Wahrnehmung erzeugen. Doch der Nebel wird mehr, hinter ihm, am optischen Horizont, bricht das Licht. Der Anblick erinnert mich an eine morgendliche Dämmerung, bei der die Gräser noch feucht sind, die Luft gekühlt. Die menschlichen Schatten auf der Bühne vergießen Wasser. Die Pfützen am Boden spiegeln erst die Industriedecke der Halle, dann die Menschen, die die Nässe berühren. Es sieht aus, als würden sie sich selbst die Hand reichen. Dieser friedliche Anblick berührt mich, wärmt meinen Körper von innen. Ich denke an meine Familie, meine Freunde, Menschen, die ich liebe. Es knallt und donnert. Der Boden bebt, die ganze Tribüne wackelt. Das wechselnde Licht und die kriegsähnlichen Laute zerren an dem friedlichen Bild. Ein Raunen geht durch die Menge. Ich selbst erschrecke nicht. Komisch, anlässlich des momentanen Weltgeschehens. Aber die Menschen auf der Bühne bleiben ruhig, bewegen sich kaum. Sie strahlen Zusammenhalt aus und geben mir ein Gefühl der Geborgenheit. Mittlerweile stehen mehrere hunderte Menschen in der Halle. Kleine und große, alte und junge. Menschen mit körperlichen Einschränkungen, Menschen mit unterschiedlichen Klamotten-, Haar- und Hautfarben. Sie alle bilden einen Kreis, sind einander zugewandt. Dieser Anblick erzeugt das Gefühl eines ruhigen und respektvollen Miteinanders und weckt in mir einen Funken Hoffnung auf mehr Frieden auf dieser Welt.

Marieke Hoeft

 


 

Die Gabe der Kinder am 28.05.2017 im Kakaospeicher, Baakenhöft
Es ist ein wunderbar angenehmer Sommerabend, man bedenke, vor nicht einmal zwei Wochen regnete es noch aus Kübeln, als ich die Brücke am Baakenhafen passiere. Vor mir sehe ich Plakate von Theater der Welt, angebracht am Kakaospeicher, wo das Stück Die Gabe der Kinder von Regisseur Lemi Ponifasio stattfinden wird. Ich höre leise, entfernte Jazzklänge, ich höre Menschen, die sich untereinander angeregt unterhalten. Je näher ich komme, desto mehr entnehme ich den Duft von Crêpes und Köften, die im angenehmen Hafenwind ein großes Wohlfühlbefinden in mir hervorrufen. Es ist Sonntag, ich gehe ins Theater, ich freue mich. Besonders gespannt bin ich auf die Location, den Kakaospeicher. Die teils zerschlagenen Scheiben und der Rost lassen mich auf viel Charme in der alten Halle hoffen. Und ich werde bestätigt. Es ist eine riesige Fabrikhalle, die ich betrete, die überraschend angenehm riecht, überhaupt nicht wie erwartet etwas muffelt. Als ich um kurz nach 21 Uhr meinen Platz einnehme, freue ich mich auf eine der besten Inszenierungen, die ich jemals gesehen habe. Noch nie hatte Theater so viel Potenzial und Raum zur Entfaltung an die Perfektion. Keine Grenze, keine Zäune, einfach Freude, einfach Spaß.
Das Stück beginnt. Die Kulisse ist gigantisch. Die schwarzen Frauen, die zu siebt im Gleichschritt singend auf das Publikum zugehen und wieder fortgehen, finde ich faszinierend. Sie lassen mich auf eine fesselnde Handlung hoffen. Aber ich fühle mich nach knapp 45 Minuten noch immer nicht wirklich angesprochen. Ich vernahm bislang fantastischen Gesang, sah synchrone Gänge, die angenehm auf mich wirkten und tolle Lichteffekte, die sich mit dem künstlichen Nebel vermischten und für eine unheimliche und beeindruckende Atmosphäre sorgten. Es betreten im Laufe des Stücks noch einige, weitere Protagonisten die Bühne. Nahezu alle in schwarz gekleidet üben auch sie durch den Nebel laufend eine Faszination auf mich aus. In ihrem Gesang demonstrieren sie eine Urgewalt, die in den Wänden der Halle ein Wahnsinns-Echo bilden und Gänsehaut hervorrufen.
Und dennoch sagt mir mein Bauchgefühl, dass nach knapp 80 Minuten für mich Schluss ist. Ich bin nach wie vor beeindruckt von den Lichteffekten, von den Schauspielern, von der Symbiose der Bewegungen. Aber ich möchte mir das nicht über 2 Stunden ansehen. Enttäuscht verlasse ich den Kakaospeicher, bin sofort mit meinem Kommilitonen, der mit mir das Stück verließ, der Meinung, dass man viel mehr aus der Location hätte rausholen können. Dass die Inszenierung beeindruckend war, aber doch zu inhaltsleer. Zu viel Stückwerk, zu wenig Interaktion. Vielleicht verpasse ich das Beeindruckendste gerade, vielleicht bin ich zu ungeduldig. Vielleicht weiß ich aber auch im Unterbewusstsein, dass mich außerhalb des Kakaospeichers eine unvergleichliche Kulisse samt Sonnenuntergang am Baakenhafen erwartet. Das liebe ich, da weiß ich, was ich daran hab. Entschuldige, Lemi Ponifasio. Bei Children of Gods hätte ich auf das vielleicht Fantastische noch warten müssen. Ich schlendere lächelnd durch den Sommerabend. Manchmal ist der Mensch echt bequem.

Alexander, 24 Jahre alt, Student an der Universität Hamburg

 


 

Die Gabe der Kinder von Lemi Ponifasio

Das Publikum wird im Programmheft von Lemi Ponifasio aufgefordert, all der Kinder zu gedenken, die von Gewalt, Krieg und Misshandlungen betroffen sind. Ponifasio schafft im Kakaospeicher auf einer Fläche von 9.000 Quadratmetern eine Atmosphäre von Meditation und Hingabe. Der Choreograph greift auf den Ritualtanz und sakrale Gesänge zurück. Die Bewegungen sind einfach, konzentriert und in einem regelmäßigen, meditativen Tempo ausgeführt. Zu hören sind Gesänge, vermutlich aus Samoa, sie erinnern mich an die kurdischen Dengbej-Lieder, die von Krieg, Liebe und Heldentaten erzählen. Der Haka-Tanz ist, soweit mir bekannt, ein Tanz, der zu unterschiedlichen Anlässen wie Hochzeiten, Beerdigungen und um den Feind einzuschüchtern von den Maori getanzt wird.  Dieser Tanz leitet auf der Bühne den Tod einer Frau ein. Sie wird anschließend durch das Wasser, das über ihr vergossen wird, wieder zum Leben erweckt; das Wasser, das sie reinigt und auferstehen lässt. Es sind die Hamburger Kinder, vielleicht um die 70 an der Zahl, die die Gesten der Frau kopieren, sich auf den Boden legen und das Wasser über den Boden vergießen, die mir einen Schauer über den Körper jagen und schon purzeln bei mir die Tränen. Es sind die Bilder von Kindern, die auf der Bühne im Nebel verschwinden und wieder auftauchen, die Maori-Gesänge, das Credo von Murray Schafer, die Lichterflut, Körper die verschwinden, auftauchen, sterben und wiederauferstehen, begleitet von Bombenschlägen, die mich dazu bewegen, an all die Kinder zu denken, denen ich dreimal wöchentlich in der Erstaufnahmestelle für geflüchtete Menschen begegne, wo ich neben dem Studium als Sozialarbeiterin tätig bin. Vor einem Jahr leitete ich einen Theaterworkshop für geflüchtete Mädchen und sie wollten unbedingt eine Liebesgeschichte nachspielen. Ein ezidisches Mädchen von 12 Jahren aus dem Irak erzählte folgende Geschichte: Rojda liebe Aziz und sie verlobten sich. Da kam die ISIS und entführte Rojda. Rojda fand eine Möglichkeit, aus ihrer Gefangenschaft ihren Verlobten anzurufen und sagte zu ihm: „Aziz, sie haben schlimme Dinge mit mir gemacht. Ich werde nicht mehr zurückkehren.“ Und sie brachte sich um. Aziz, der Rojda sehr liebte, konnte den Tod seiner Verlobten nicht verkraften und nahm sich ebenfalls das Leben.“ „Oh,“ sagte ich, „das ist aber sehr dramatisch.“ Das ezidische Mädchen strahlte mich an und sagte „Ja. Es ist aber wirklich passiert. Aziz war der Nachbarsjunge.“ Ich glaube nicht daran, dass Kinder von Natur aus unschuldig, rein und wunderschön in ihren Seelen sind. Aber was mich verfolgt, ist die Scham und das Bewusstsein, dass wir verantwortlich dafür sind, dass Kinder den Gewalttaten der Erwachsenen ausgesetzt sind, dass sie gezwungen werden, Geschichten zu erleben, die für niemanden auf dieser Welt gemacht sind.

Serfiraz Vural

 


 

Lemi Ponifasio: Die Gabe der Kinder.
Aufführung vom 28.05.2017 im Kakaospeicher

Kakaospeicher_Ursula
Kakaospeicher, Innenansicht. Foto: Ursula.

Von der neuen Baakenhafenbrücke aus betrachte ich den langgezogenen Kakaospeicher und denke an den soeben auf dem Hafenkongress gehörten Vortrag Harbour Soundscapes – Forschungen zu Stadt und Hafen  (Prof. Dr. Karin Wildner, Stadtethnologie, HCU Hamburg). Unglaublich, was alles beforscht werden kann! Ich spitze die Ohren, um dem Hafen zu lauschen.

Etwas später sitze ich mit vielen weiteren Zuschauern auf der Tribüne im ehemaligen Kakaospeicher. Schulter an Schulter erwarten wir den Beginn der Performance Children Of Gods, eine Antwort auf das Leid und Elend in der Welt, insbesondere das der Kinder. Die Abendsonne schickt ein letztes mildes Licht durch die staubtrüben Fenster. Welche Dimensionen! Vor uns erstreckt sich die alte Industriehalle von 9000 qm.

Es geht los. Wie aus dem Nichts kommen sieben schwarzgekleidete sehr junge Frauen langsam auf uns zu, förmlich auf dem Boden schwebend. Völlige Ruhe herrscht im Publikum. Ich höre eine Möwe kreischen. Melodiöser, klagender Gesang. Afrikanisch? (Nein, wohl eher Samoanisch. MAU kommt aus Samoa, entnehme ich später den Informationen.) Auf halber Strecke rücken die Frauen zusammen, umfassen sich überkreuz auf dem Rücken und schreiten eng miteinander verbunden weiter, in Auf-  und Abbewegungen, rhythmischen Wellen gleich. Der Gesang folgt an- und abschwellend in ständigen Wiederholungen. Eine andere Sängerin übernimmt mit einem hölzernen Schlaginstrument. Rechts ziehen viele weitere Schwarzgekleidete ein, ein langer Zug. Es staubt, Kakaogeruch steigt in die Nase. Alle verschwinden im nebulösen Hintergrund. Das  restliche Tageslicht ist entwichen.

Die Musik ist beeindruckend, nicht erdrückend laut, eher leise. Darüber hinaus begleitet eine ungewöhnliche Geräuschkulisse das Stück: Flugzeuge, hohle, dröhnende, rollende und quietschende Metallgeräusche, blecherne Klänge, Möwen, Unterwasserlärm. – Oh, Soundscapes, denke ich. Und immer wieder Stille, viel Stille, die unter die Haut kriecht.

In beschwörenden Bildern werden Krieg, Todesopfer, reinigende und religiöse Rituale groß angelegt. Die Bühne ist wasserüberschwemmt, erinnert mich an eine trügerische Meeresoberfläche. Hinter dem Horizont kriecht eine helle Beleuchtung hervor, die im Zusammenspiel mit dem Nebel alles in ein mystisches Licht taucht. Das Bühnenpersonal ist  auf 200 Personen angewachsen; viele Kinder und Jugendliche spielen mit, die spiegelnde Wasseroberfläche sorgt für eine Verdoppelung.

Christliche Choräle haben längst die samoanischen Klänge abgelöst. Im Kontrast zum in großen Teilen minutiös ablaufenden Bühnengeschehen werden in mir mächtige Bilder und Emotionen wach,  ein Exodus, das Gefühl, in einem Schiffsbauch eingeschlossen zu sein, Assoziationen von Meeresgräbern. Ein Blick an die Decke: Sind nicht auch die Balken etwas gesunken?

Ich bin tief bewegt. – Und erstaunt: Die Zeremonien verfehlen offenkundig nicht ihre Wirkung. Ich bin der profanen Welt entrückt. In diesem Moment ist kein Raum für Wut über ungerechte Machtkonstellationen. Dafür unendliche Empathie.

Ursula, Hamburgerin, Kontaktstudentin AWW, Uni Hamburg

 


 

Die Gabe der Kinder – Faszinierende Kulisse, aber wo bleibt die Botschaft?

Die Kulisse, die Regisseur Lemi Ponifasio für sein Stück wählte, war faszinierend, großartig und bildgewaltig! Ein zum Bühnenraum transformierter Kakaospeicher. Die riesige Halle mit grauen, mit Graffiti vollgesprayten Wänden und Wellblechfenstern, durch die das dämmernde Licht des Abends flutete und im Raum eine unglaubliche Atmosphäre erschuf, schien wie geschaffen für diese Inszenierung. Was den inhaltlichen Verlauf und die Umsetzung der Thematik angeht, war ich allerdings stark enttäuscht. Das Musiktheaterstück, welches in Kooperation mit der Hip Hop Akademie fungierte, bot wenig Tanz oder Live-Gesang, wovon ich bei der Beschreibung des Stückes ausging.

Im Laufe der Inszenierung war ich also immer wieder hin- und hergerissen zwischen Langeweile auf der einen und Faszination dem grandiosen und Bühnenbild gegenüber auf der anderen Seite. Die Message bzw. die „gemeinschaftliche Antwort auf die derzeitige Szenerie aus Gewalt, Terror, zur Flucht gezwungenen Menschen, insbesondere Kinder“ kam bei mir leider nicht an – ich hätte mich so gefreut, wenn die Kinder tatsächlich im Zentrum des Geschehens gestanden hätten und während des Stückes zumindest ein Lied gesungen oder zu der vom Chor gesungenen Musik getanzt hätten, um ihre zentrale Rolle im Stück an die Zuschauer zu übermitteln. Leider war ihr stummes Auftreten für mich nicht wirklich aussagekräftig. Anders ging es mir mit den sieben Frauen, die in der ersten Szene des Stückes auf der gegenüberliegenden Seite der Halle plötzlich zwischen Nebelschwaden auftauchten und sich ganz langsam, fast wie schwebend, und tranceartig singend dem Publikum näherten. Als sie dann vorne angekommen waren und sich in einer Reihe ineinander gehakt regelmäßig nach links und rechts schwankend durch die Halle bewegten, während eine ältere Frau inmitten des Raumes auf einer Trommel spielte und ein ruhiges und sehr ergreifendes Lied sang, war für mich klar, was die Frauen darstellten: Das in regelmäßigen Bewegungen schwankende, schöne und doch gewaltige und beängstigende Meer, das dem Menschen so vertraut, gleichzeitig so bedrohlich ist und so viele Leben kostete und aktuell kostet.

In dieser ersten Szene wurde für mich die Verbindung zur aktuellen Flüchtlings- und Kriegssituation auf der Welt dargestellt. Leider fiel mir hier die Verbindung zu den Kindern schwer, die zwar am Ende dieser eben beschriebenen Szene mit den sieben Frauen zum ersten Mal die Bühne betraten, aber leider mit dem Rücken zum Publikum waren, da sie von der Seite der Zuschauer auftauchten und langsam auf die andere Seite der Halle liefen. Für mich persönlich waren es diese sieben (am Ende des Stückes acht) Frauen, die die „Zeremonie“ das gesamte Stück über anführten, aber definitiv nicht die Kinder… Aber alleine der Kulisse wegen lohnt sich ein Besuch in dieses Theaterstück auf alle Fälle!

Nicola, Studentin der Uni Hamburg, 25 Jahre alt.

 


 

Die Gabe der Kinder am 28.05.2017 im Kakaospeicher, Baakenhöft

Es ist ein wunderbar angenehmer Sommerabend, man bedenke, vor nicht einmal zwei Wochen regnete es noch aus Kübeln, als ich die Brücke am Baakenhafen passiere. Vor mir sehe ich Plakate von Theater der Welt, angebracht am Kakaospeicher, wo das Stück Die Gabe der Kinder von Regisseur Lemi Ponifasio stattfinden wird. Ich höre leise, entfernte Jazzklänge, ich höre Menschen, die sich untereinander angeregt unterhalten. Je näher ich komme, desto mehr entnehme ich den Duft von Crêpes und Köften, die im angenehmen Hafenwind ein großes Wohlfühlbefinden in mir hervorrufen. Es ist Sonntag, ich gehe ins Theater, ich freue mich. Besonders gespannt bin ich auf die Location, den Kakaospeicher. Die teils zerschlagenen Scheiben und der Rost lassen mich auf viel Charme in der alten Halle hoffen. Und ich werde bestätigt. Es ist eine riesige Fabrikhalle, die ich betrete, die überraschend angenehm riecht, überhaupt nicht wie erwartet etwas muffelt. Als ich um kurz nach 21 Uhr meinen Platz einnehme, freue ich mich auf eine der besten Inszenierungen, die ich jemals gesehen habe. Noch nie hatte Theater so viel Potenzial und Raum zur Entfaltung an die Perfektion. Keine Grenze, keine Zäune, einfach Freude, einfach Spaß.
Das Stück beginnt. Die Kulisse ist gigantisch. Die schwarzen Frauen, die zu siebt im Gleichschritt singend auf das Publikum zugehen und wieder fortgehen, finde ich faszinierend. Sie lassen mich auf eine fesselnde Handlung hoffen. Aber ich fühle mich nach knapp 45 Minuten noch immer nicht wirklich angesprochen. Ich vernahm bislang fantastischen Gesang, sah synchrone Gänge, die angenehm auf mich wirkten und tolle Lichteffekte, die sich mit dem künstlichen Nebel vermischten und für eine unheimliche und beeindruckende Atmosphäre sorgten. Es betreten im Laufe des Stücks noch einige, weitere Protagonisten die Bühne. Nahezu alle in schwarz gekleidet üben auch sie durch den Nebel laufend eine Faszination auf mich aus. In ihrem Gesang demonstrieren sie eine Urgewalt, die in den Wänden der Halle ein Wahnsinns-Echo bilden und Gänsehaut hervorrufen.
Und dennoch sagt mir mein Bauchgefühl, dass nach knapp 80 Minuten für mich Schluss ist. Ich bin nach wie vor beeindruckt von den Lichteffekten, von den Schauspielern, von der Symbiose der Bewegungen. Aber ich möchte mir das nicht über 2 Stunden ansehen. Enttäuscht verlasse ich den Kakaospeicher, bin sofort mit meinem Kommilitonen, der mit mir das Stück verließ, der Meinung, dass man viel mehr aus der Location hätte rausholen können. Dass die Inszenierung beeindruckend war, aber doch zu inhaltsleer. Zu viel Stückwerk, zu wenig Interaktion. Vielleicht verpasse ich das Beeindruckendste gerade, vielleicht bin ich zu ungeduldig. Vielleicht weiß ich aber auch im Unterbewusstsein, dass mich außerhalb des Kakaospeichers eine unvergleichliche Kulisse samt Sonnenuntergang am Baakenhafen erwartet. Das liebe ich, da weiß ich, was ich daran hab. Entschuldige, Lemi Ponifasio. Bei Die Gabe der Kinder hätte ich auf das vielleicht Fantastische noch warten müssen. Ich schlendere lächelnd durch den Sommerabend. Manchmal ist der Mensch echt bequem.

Alexander, 24 Jahre alt, Student an der Universität Hamburg

 


 

Von Kindern, Bomben und Schuld

KIRRR, KRR-KRR
DUMMM-MM-M, DUMMM-MM-M, GRMMM-MM
GJJJ-SCH, S-S-S-S-S
PRCH-PRCH-BRCH-BRCH

Geräusche auf dem Weg der Kinder in Die Gabe der Kinder. Geräusche, vor denen sie fliehen, die sie begleiten, die sie auf ihrem Weg immer wieder einholen. Schläge, Donner und Bomben. Schritt für Schritt ziehen sie durch die große Halle – den alten Kakaospeicher im Hamburger Hafen. Nicht weniger als einhundert Kinder sind es. In kleinen Gruppen oder allein schleppen sie sich langsam vom einen zu anderen Ende ihrer Bühne. Sie lassen sich Zeit, ihr Gang erschöpft von dem was hinter ihnen liegt – ihre Zukunft irgendwo vor ihnen im Nebel der Halle. Greifbar ist sie nicht. Das dumpfe und tiefe Getöse, das ihre kleinen Schritte begleitet, lässt den Boden unter meinen Füßen in Reihe 16 beben, meinen Stuhl vibrieren. Ich sitze ganz oben, in einem Raum voller Ton und Hall. BRCH BRCH … Bomben fallen. Aber auch Chöre und Streicher mischen sich ein, füllen mit ihrem gewaltigen sakralen Spiel meinen Körper. Ich bin angespannt – konzentriert folgen meine Blicke den Schritten der Kinder. Ihr mir endlos erscheinender Weg umfängt mich, hüllt mich ein und erschüttert mich. Mitleid und Traurigkeit. Das, was Lemi Ponifasio mir an diesem Sonntag zeigt sind Kinder auf der Flucht. Kinder, die eigentlich keine mehr sind. Was sie sahen, vermögen wir uns nicht vorzustellen. Oder wir schaffen es doch, schließen dann aber lieber unsere Augen. Das ist bequemer. Die Kinder vor uns, sie leben mit Krieg, Gewalt und Verlusten. Viel scheint dabei von ihnen nicht geblieben. Im Zwielicht der Halle verschwimmen ihre kleinen dunkelgekleideten Körper zu Schatten. Alle sehen gleich aus, wie sie sich da vor mir langsam ihre Wege suchen. Eine synchrone Bewegung entsteht, die bis zum Ende des Stückes aufrechterhalten werden wird. Gemeinsam werden sich die Kinder auf den Hallenboden legen, bereit zu sterben. Doch das werden sie nicht. Sie werden sich alle gemeinsam wieder erheben und sich schließlich in einer langen Reihe vor uns am Bühnenrand sammeln und uns festen Blickes ansehen – ein Moment, in dem ich weder Mitleid noch Traurigkeit empfinde. Was entsteht ist ein Gefühl von Schuld und Benommenheit. Ich und alle um mich herum sind die, die Schuld haben. Wir werden angeklagt. Recht haben sie.

Sina Fischer

 


 

Die Gabe der Kinder.
28.05.2017 im Kakaospeicher Hamburg

Noch ganz mitgenommen von der Premiere der Weber im Thalia am Samstagabend, besuche ich im Anschluss eine Gartenparty bei bestem Wetter in Hamburg Eimsbüttel. Ich treffe eine Freundin, der ich von meinen bisherigen Besuchen im Rahmen des Theater der Welt-Festivals erzähle. Als ich auf das für mich nächste Stück Die Gabe der Kinder hinweise, schaut sie mich bemitleidenswert an und sagt: „Viel Spaß, ich habe es vor zwei Tagen bereits gesehen. Nimm dir viel Ausdauer mit und zieh dir etwas Warmes an, der Kakaospeicher ist nicht beheizt.“ Mit diesen Tipps ausgerüstet bin ich am Sonntag zur Tatortzeit beim Kakaospeicher, direkt am und irgendwie auch mitten im Hafen. Der Blick vom Festivalgelände HAVEN ist für mich eine neue Perspektive auf das Wasser, die Elbphilharmonie, die Kräne und Containerschiffe. Auch der Spielort selbst – bis vor einigen Wochen war dies noch ein leerstehender Speicher, in dem früher wirklich einmal Kakao gelagert wurde – ist für mich ein Stück Hamburg, das ich noch nicht kannte. Kein spektakuläres Licht, kein Vorhang und keine mit Samt bezogene Sitze. Nur eine riesige Halle mit Betonboden und dicht platzierten Plastikschalensitzen auf einer Tribüne machen das Bild dieses Spielortes aus. Die Veranstalter haben gelernt: Jedem Gast ist eine Decke bereitgelegt, sollte es zu kalt werden. Ich merke schnell, dass sich die Ankündigung meiner Bekannten, ich müsse viel Ausdauer mitbringen, als wahr herausstellen. Ich bin zum Aushalten aufgefordert. Nichts Schockierendes, Wildes soll ich aushalten, wie es noch der Festivalauftakt mit Ishvara von mir abverlangte, sondern ich muss heute Abend die Langsamkeit aushalten. Mit bedächtigen Schritten wandeln anfangs 7 Frauen, später 40 Kinder, zum Ende bestimmt ganze 200 Menschen den Kakaospeicher auf und ab. Die dabei entstehenden Bilder sind für ganz kurze Zeit effektvoll, die meiste Zeit jedoch für mich leider wirkungslos. Wenn ich jetzt sage, dass ich es nicht fühle, heißt es sicher ich würde es nicht verstehen. Vielleicht verstehe ich diese Bilder auch nicht. Vielleicht bin ich aber auch zu wenig ausdauernd, mich auf diese Szenerie einzulassen und mitzufühlen. Die Langsamkeit allein hätte ich vielleicht gemeistert. Die Unterstützung des Chorgesangs über die Lautsprecher mit Streichern und weiteren Chören vom Band halte ich aber leider nicht aus. Ich kann weder identifizieren, was von dem Gehörten vom Band kommt, was live gesungen wird, noch kann ich den donnernden, knallenden Soundeffekten etwas abgewinnen. Lediglich das Abschlussbild, in dem alle 200 Personen ohne technische Unterstützung singen und den alten Kakaospeicher mit ihren Stimmen schallend füllen, klingt bei mir an. Lemi Ponifasios Die Gabe der Kinder verlangt den Zuschauern viel ab. Viel Zeit, viel Durchhaltevermögen, viel Vorstellungskraft, wie toll es hätte sein können, hätten sie denn genügend SängerInnen gefunden, um auf technische Hilfsmittel verzichten zu können. Ich kann mich an diesem Abend nicht darauf einlassen.

Leif, 26 Jahre, aus Hamburg. Studiert Lehramt im Master mit dem Fach Deutsch an der Uni Hamburg.

 


 

Die Gabe der Kinder – Rettet die Welt!
Schon bevor das Stück beginnt, kann ich mich gar nicht genug satt sehen an der tollen
Location des Kakaospeichers, mitten in der Hafencity. Die Lagerhalle trägt eine gewisse Aura mit sich, die sofort Einfluss auf mich nimmt. Noch nie habe ich so ein große Halle gesehen und ich fantasiere über die Möglichkeiten von Theater- und Tanzproduktionen, die in diesem Raum eine magische Wirkung hätten. Auch Die Gabe der Kinder hat dies geschafft. Ich hätte mir niemals so einen tollen Einsatz von Licht, Schatten und Nebel ausmalen können. Worauf ich aber hier einen besonderen Fokus legen möchte, ist die eröffnende Szene. Hier kommen vom anderen Ende der Halle sieben Frauen auf uns zu. Zunächst bemerkt man sie nicht, denn sie geben noch keinen Ton von sich. Als man sie dann bemerkt hat, kann man nur Silhouetten erkennen, der Kakaospeicher lässt diese Distanz zu. Auch der eingesetzte
Nebel trägt dazu bei, dass man zunächst nur eine Ahnung von dem hat, was da auf einen zukommt. Ich kann nicht verhindern, dass mir der Anblick ein bisschen Angst einjagt. Die Frauen wirken trotz ihres langsamen Schrittes recht bedrohlich. Als sie anfangen, in fremden Tönen zu singen wird meine Angst noch größer. Diese Angst führe ich darauf zurück, dass wir in der Gesellschaft sonst Formationen wie diese mit Kampfsituationen in Verbindung bringen. Meine erste Assoziation, als ich die Frauen sah, war das Bild der Volturi aus den Twilight Filmen, ein Vampirclan, der im letzten Teil der Filmreihe zum Kampf gegen die Cullens antritt. Auch Soldatenformationen sind ein bekanntes Bild aus den Medien, das meist negativ konnotiert ist.
Bald schon hat sich die Angst gelegt und wird durch Idealismus eingetauscht. Ich stelle mir vor, wie es wäre wenn alle Frauen dieser Welt in all ihren verschiedenen Größen, Formen und Farben die Chance bekämen, auf so eine Art und Weise zusammen ein Ziel zu verfolgen. Dieser Anblick ist so faszinierend. Gleichzeitig könnte man die Anzahl der Frauen als Anspielung auf die Anzahl von Kontinenten verstehen, sodass jede Frau für einen Teil der Welt stehen würde. Nach einiger Zeit umarmen sich die Frauen und laufen verschlungen, gleichen Schrittes durch die Weiten des Kakaospeichers. Vielleicht lässt dieser Anblick einen träumen, wie es wäre, wenn die Kontinente und ihre Bewohner erkennen würden, dass wir im Endeffekt alle der gleichen menschlichen Rasse angehören, die versucht, unseren Planeten auf eine Weise zu bevölkern, die respektvoll und nachhaltig ist. Wenn alle, ohne Berührungsängste und ohne Geldgier miteinander kooperieren würden, ohne durch Kriege alles kaputt zu machen würden wir, wie die sieben Frauen in Die Gabe der Kinder, einen viel positiveren Einfluss auf die Welt nehmen können.

Marjam, Studentin der Universität Hamburg

 


 

Gegenteilige Agoraphobie auf 9000m²
(Blogeintrag zur Performance Die Gabe der Kinder von Lemi Ponifasio)
Vom Ende der Lagerhalle nähern sich sieben Frauen in bodenlangen, schwarzen Kleidern. Ich kann nicht sagen, von wo sie gekommen sind und es scheint mir, als seien sie einfach aus dem Nichts erschienen. Mit graziler Bedächtigkeit bewegen sie sich durch den 9000m² großen Kakaospeicher auf das Publikum zu. Für einen kurzen Augenblick fühle ich mich trotz ihres zarten Schreitens bedroht. Von den immensen Ausmaßen ihrer Umgebung zeigen sie sich unbeeindruckt. Und so bleiben sie für eine Weile begleitet von Trommelschlägen, die kraftvoll durch das Lager hallen, eine kleine, einsame Insel in der Unendlichkeit dieses Ortes. Ich fühle mich ein wenig unruhig, während mein Blick über die weite, unbespielte Fläche gleitet und muss den Impuls unterdrücken aufzuspringen, loszulaufen und jeden einzelnen Fleck des unberührten Bodens mit Schritten zu füllen. Wie schaffen es die Tänzerinnen des
MAU-Ensembles von Regisseur Lemi Ponifasio bloß dieser Aufforderung des Raumes, ihn doch endlich einzunehmen, zu widerstehen?

Platzangst. Im Alltag zumeist irrtümlich für die Klaustrophobie verwendet, steht der Begriff jedoch nicht für die Angst vor engen Räumen, sondern beschreibt eine Angststörung, die beispielsweise durch weite Plätze ausgelöst wird. Agoraphobie geht mit einer Angst vor Kontrollverlust einher. Kontrollverlust scheinen die Tänzerinnen nicht zu kennen. Ich blicke mich um und frage mich, wie die anderen Zuschauer_innen mit dieser Weite umgehen, da wir doch sonst alle – gerade in der Großstadt – von einer konstanten Dichte aus Menschen, Verkehr, Bahngleisen und Häusern umgeben sind. Ich spüre, dass sich in mir ein immer stärker werdendes, gegensätzliches Gefühl von Platzangst ausbreitet, es ist eher eine Sucht nach Fläche, die im wilden Treiben Hamburgs verloren gegangen zu sein scheint und die der Kakaospeicher nun hervorbringt.

Als ungefähr 50 Kinder nacheinander, ebenfalls bedächtig langsam, den Bühnenraum betreten, bin ich erleichtert. Doch ihr langsamer Marsch an das Ende der Lagerhalle, in eine dunkle, unbekannte Zukunft, löst ein bedrückendes Gefühl aus. Nach Angaben von Unicef befinden sich momentan 28 Millionen Kinder weltweit auf der Flucht. Sie wachsen in der Fremde auf und blicken einer Zukunft entgegen, über die sich nichts erahnen lässt. Regisseur Lemi Ponifasio möchte mit seiner Inszenierung auf die Schicksale von Kindern in Kriegssituationen aufmerksam machen. Und so ist es wohl gewollt, dass auch sie nicht in der Lage sind, den Kakaospeicher vollends einzunehmen und stattdessen jedes der Kinder eine
tiefe Verlorenheit ausstrahlt, in einer Welt, die immer mehr zu straucheln droht. Begleitet wird das Szenario von ausdrucksstarken Stimmen und klangvollen Tönen, die anders als die Personen selbst, in der Lage sind, in jede Ritze des Kakaospeichers vorzudringen und die dort vergessenen Kakaobohnen sowie die Zuschauer_innen zum Beben zu bringen.

Trotz aller Betroffenheit und Ernsthaftigkeit der Performance wird der Abend zu einem beeindruckenden Erlebnis mit schweren, aber auch versöhnlichen Momenten und einem abschließenden Bild, das Verbundenheit und Miteinander ausstrahlt.

Mein Name ist Sina Scherzant, ich bin 26 Jahre alt und studiere seit Oktober 2016 Erziehungs-und Bildungswissenschaften im Master an der Universität Hamburg.

 


 

Wenn Worte nicht genug sind

Es gibt nicht viel, was ich über Die Gabe der Kinder sagen kann. Worte sind schlicht unzureichend, um zu beschreiben, was ich im Kakaospeicher erlebt habe. Aber in dieser Riesen-Performance geht es ja genau um das, was keine Worte mehr findet. Es würde also keinen Sinn machen, hier über Inhalte zu schreiben. Sie werden diese Erfahrung schon selbst machen müssen.

Ich habe schon lange einen Traum: Ich wünsche mir von Theater, dass es den schwächsten Gliedern unserer Gesellschaftskette eine Stimme gibt. Ich wünsche mir, dass es zeigt, was diese Menschen uns nicht erzählen können, weil sie es entweder nicht über die Lippen bringen oder die Sprache als Ausdruck zu schwach ist. Ich wünsche mir, dass, wenn diese Menschen es uns nicht selbst zeigen können, Stellvertreter das für sie und in ihrem Sinne übernehmen. Auf diesem Wege kann ein Verständnis zwischen diesen Menschen und uns stattfindet, sodass ein großes Wir entsteht, wo vorher nur wir versus die da war.

Mit Die Gabe der Kinder ist genau das heute für mich passiert. Ich kenne einige Menschen, die aus Kriegsgebieten geflüchtet sind, und sie haben mir einiges erzählt. Doch weder ihre Worte noch meine Vorstellungsgabe waren genug, um mir ein Gefühl für das zu vermitteln, was ihnen passiert ist. Dieses Unverständnis hat unsere Welten getrennt, mich ungewollt unfair und sie zu Außenseitern gemacht. Heute hat eine große Gruppe Menschen sich eineinhalb Stunden Zeit genommen, um mir mit Bildern, Gesang, Raum und Körperempfindungen zu zeigen, was mir niemand mit Worten hätte begreiflich machen können. Beim Verlassen des Kakaospeichers möchte ich eigentlich nur eins sagen: Danke. Danke, dass ihr diese Erlebnisse mit mir geteilt habt. Natürlich kann man im Theater niemals auch nur ansatzweise nacherleben, wie es sich anfühlt, wenn Bomben fallen und Menschen sterben – aber es ging ja darum, eine Ahnung von einem Gefühl zu den Erlebnissen zu transportieren und ich glaube, ich habe verstanden.

Performances wie Die Gabe der Kinder sind wichtig. Sie heilen seelische Wunden und schaffen Gemeinschaft. Solche Performances brauchen ganz spezifische Bedingungen, damit ihre Effekte eine Wirkung erzielen können. Wäre der Kakaospeicher nicht so riesig, nicht so leer, nicht so dreckig, nicht so heruntergekommen und hätte er nicht diese unglaubliche Resonanz, die er nun mal hat, hätte ich heute Abend wenig verstanden. Noch viele ähnliche Inszenierungen zu anderen Themen und für andere Menschen brauchen solche Spielorte, weil sie nirgendwo anders funktionieren können. Wenn diese Spielorte von ihren Eigentümern aber nicht bereitgestellt werden, können solche Performances nicht stattfinden.

Liebe Stadt Hamburg, bitte gib den Hafen als Spielfläche frei!

Katrin Friese GutjahrKatrin Friese (26): Studentin (Musikwissenschaft/Theaterwissenschaft), Eventmanagerin, Bühnenmensch

 

 


 

Der Kakaospeicher als riesige Bühne

 Der Kakaospeicher im Titel meines Blogeintrags ist nicht zufällig dort angeführt, denn außer ihm gab es an diesem Abend nichts zu bestaunen.

Das Musiktheater von Lemi Ponifasio Die Gabe der Kinder mag dem Genre Musiktheater zugeschrieben werden, doch für mich fehlt in diesem das Theater. Das unaufgeregte Schauspiel auf der wirklich imposanten Freifläche des Kakaospeichers bleibt mir an diesem Abend einiges schuldig. Der einsetzende Gesang, der sich nähernden sieben in schwarz gekleideten weiblichen Personen zu Beginn, ist stimmgewaltig, doch danach folgt so gut wie nichts, was mich an ein Theater denken ließe. Ich fühle mich viel mehr, als wäre ich bei einer Inszenierung dabei, die das Potenzial ihrer eigenen Bühne nicht genutzt hat. Zwar nutzen die jugendlichen Akteure den Kakaospeicher in seiner fast gesamten Länge und Breite, doch wenn man nur auf und ab läuft, sich auf den Boden legt und das auch noch gefühlt die gesamten zwei Stunden hindurch, dann darf ich mich fragen, was dem Zuschauer hier geboten werden soll. Vielleicht verstehe ich den Sinn von einem Theater in unserer vielzitierten postmodernen Zeit des Theaters einfach nicht mehr und jeder Regisseur darf heutzutage tun und lassen was er möchte.

Zu keiner Zeit kann ich davon sprechen, dass ich so etwas wie einen Handlungsstrang oder eine Interaktion der Akteure auf der Bühne erkennen konnte. Mir fehlt das Gefühl, das in mir ausgelöst wird, das mir zeigt, hier werden die Grenzen meines Horizonts neu ausgelotet. Ich kann nichts von einer bildgewaltigen, aufwühlenden Inszenierung erkennen, wie es mir das Programmheft von Theater der Welt 2017 verkaufen möchte. Auch wenn das Thema ein schwerwiegendes ist, Kinder, die in Kriegsregionen leben, um das es sich scheinbar in diesem Musiktheater handeln soll, so ist für mich die Inszenierung ein Beleg dafür, dass man sich als Regisseur an dem einen oder anderen durchaus übernehmen kann. Das kriegerische Echo einer jungen Akteurin, das nach gut einer halben Stunde durch den Kakaospeicher schallt, verpufft zu schnell. Die Inszenierung verpasst das Potenzial der riesigen Bühne zu nutzen und diese für sich einzunehmen. Leider wird der Kakaospeicher an diesem Abend nicht zu einem überragenden Spielort bei dem Theater der Welt 2017 in Hamburg gemacht.

Hassan Elayan

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