Stimmen aus der Universität Hamburg – Die Gabe der Kinder

Seminar: Transitorische Räume im Gegenwartsdrama und -theater unter der Leitung von Felix Lempp, M.A.

Atmosphäre durch Farbe und Nicht-Farbe – Eine Analyse fernab von Ton und Stimme

Erdrückende Dunkelheit, rätselhafte Finsternis und geheimnisvolle Schatten bestimmen das fast unheimliche Milieu, in dem die Theateraufführung Die Gabe der Kinder, eine Inszenierung von Lemi Ponifasio, an einem Sonntagabend stattfindet. Die Musikperformance Die Gabe der Kinder wird im Rahmen des eigentlich so bunt durchmischten Festivals „Theater der Welt“ in einer dunkelgrauen Lagerhalle in einem finsteren und dreckigen Hafenkotext aufgeführt.

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Kakaospeicher, Innenansicht. Foto: Diane Hagemann.

Eine riesengroße, weitläufige Bühne mit grau-staubiger Unterlage, winzigen Fenstern und der Geruch von alten, verrosteten Deckenträgern erwarten den Zuschauer beim Eintritt in den Veranstaltungsort. Diese Umgebung ist von Stille und Erwartungen geprägt und ruft noch vor Beginn der Inszenierung eine von Spannung gezeichnete Gefühlslage hervor.

Die Kostüme der Darsteller sind vorrangig schwarz. Auch in den Spots und der Ausleuchtung des Bühnenfeldes sind keine Farben zu finden. Die Stimmung erinnert an eine Art Schweigeminute, welche sich im Rahmen des Stückes allerdings zu mehr als einer Schweigestunde ausdehnt.

Nicht einmal der Himmel kann helfen

Langsame Bewegungen und unverständliche Chorgesänge der Schauspieler unterstreichen eine fast kirchenähnliche Atmosphäre der Aufführung. Damit in Zusammenhang steht immer die Besinnlichkeit, das Nachdenken über schlimme Schicksale und vor allem: Trauer.

Der Aufführungszeitpunkt (21:00 Uhr) scheint bewusst so gewählt. Die untergehende Sonne, die letzte Lichtstrahlen zu Beginn der Aufführung durch die kleinen Fenster der Lagerhalle wirft, verschwindet gegen Ende des Stückes vollkommen und lässt ausschließlich Dunkelheit und Kälte zurück. Somit ist auch eine letzte Hoffnung auf Helligkeit und Hilfe ausgelöscht.

Das zentrale Rot unterstreicht das Schwarz

Ein einziger Akzent aus Farbe wird dem ganzem Stück aufgesetzt. Nämlich das Rot. Rot steht immer für Liebe aber auch für Gefahr, und Warnungen. In diesem Stück unterstreicht die rote Farbe, welche für das Blut einer einzigen Darstellerin genutzt wird, die Ausweglosigkeit und Ernsthaftigkeit des Inhaltes. Es wird sehr zentral in den Fokus der entsprechenden Szene gestellt und in vorderster Reihe auf dem weißem T-Shirt der Darstellerin besonders sichtbar. Es schockiert, es überrascht und finalisiert.

Einigkeit durch Farbe“

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Foto: Diane Hagemann.

Die Farbe oder auch Nicht-Farbe stellt die Einigkeit unter den Kindern und mit der Umgebung, in der sie sich befinden, dar. Sie lässt den Zuschauer in eine Atmospähre eintauchen, in der er mit ihnen verbunden scheint. Die dunkle Ausweglosigkeit und Kälte lässt den Zuschauer fühlen und erleben, sie lässt ihn ansatzweise erahnen wie die Kinder sich fühlen, da er sich selbst erdrückt und hilflos fühlt. Durch die geschaffene Atmosphäre wird einem Zuschauer erst möglich, Anteil zu nehmen, Anteil an einem undefinierten Leid der Kinder. Das Einzige, was zurückbleibt, sind Gebete.

Diane Hagemann

 


 

Der Kreislauf des Lebens – so nicht!

In seiner bild- und stimmgewaltigen Produktion verwandelt Lemi Ponifasio den alten Kakaospeicher am Baakenhöft in ein Kriegsgebiet.

Gewaltig ist bereits der Spielort, an dem die 500 Zuschauer auf den kargen Tribünen Platz nehmen. Eine riesige alte Lagerhalle – ebenso karg wie die Tribüne – und doch, so meine ich zu spüren, erzählt dieser Ort unendliche Geschichten aus aller Herren Länder.

Aus den Lautsprechern tönt leise das Kreischen von Möwen. 141 Wasserkanister stehen sich auf der rechten und linken Seite des Bühnenraums gegenüber, scheinen ein Feld abzustecken. Klein wirken sie, wie sie dort stehen, brav aufgereiht in Dreier- und Viererformationen. Fast so klein wie die sieben schwarzgekleideten Frauen, die dem Publikum vom entfernten Speicherende langsam entgegen schreiten. Die Stimmung verändert sich schlagartig, als der Gesang der Frauen einsetzt und das Publikum in ein fremdes, weit entferntes Land entführt. 100 Schritte brauchen die Frauen, um die Lagerhalle gen Zuschauerraum zu durchqueren. Im beinahe zeitlupenartigen Gleichschritt dieser Frauen verbirgt sich sowohl etwas Zeremonielles wie auch gleichermaßen etwas höchst Bedrohliches. Militärisch muten sie an, wie sie im Gleichschritt auf uns zukommen. Dieses Szenario wird verstärkt durch den monotonen Schlag eines Trommlers und das Kreischen der Möwen, das sukzessive in das Heulen von tieffliegenden Kampfjets mutiert. Und langsam dämmert es mir: Könnten die Wasserkanister Soldaten sein, die sich auf dem Schlachtfeld Antlitz zu Antlitz gegenüber stehen?

Die Gabe der Kinder

Die 59 Kinder und Jugendlichen, die nun die Bühne betreten, vermögen die unheilverheißende Stimmung nicht aufrechtzuerhalten. Ihre Uniformen sind nicht uniform, ihr Gleichschritt nicht gleich. Unschuldig, ja geradezu rührend, muten sie an, wie sie zaghaft das Schlachtfeld betreten. Hier offenbart sich dem Zuschauer der erste Clou Ponifasios, denn kurz bin ich versucht, diese Nicht-Uniformität mangelndem schauspielerischem Talent zuzuschreiben, und begreife dann, genau in dieser Unschuld und Unbedarftheit zeigt sich mir die Gabe der Kinder.

Lady Macbeth trinkt das Blut ihrer Kinder

Tot liegen sie auf dem Schlachtfeld. Alle 59 Kinder. Eine Frau badet ihre Hände in einem Zober voller Blut, trinkt es, benetzt ihr Gesicht und ihre Brust. Und plötzlich sehe ich eine Lady Macbeth, die, getrieben von Machtbesessenheit, einen Jeden mordet, der sich ihr und ihrem Gatten in den Weg stellt. Die Schuld treibt Lady Macbeth letztendlich in den Wahnsinn. Doch bevor die blutverschmierte Frau auf der Bühne dem Wahnsinn verfallen kann, wird sie – untermalt von sphärischen Klängen eines christlichen Chorals – reingewaschen. Durch das Wasser aus einem der Kanister. Oder: durch die Unschuld der toten Kinder? Die nämlich beginnen nun die durchsichtige Flüssigkeit aus den (Soldaten-)Kanistern auf die Bühne zu gießen, als würden sie dort, wo sie eben noch tot lagen, etwas Neues säen. Als würden sie ihre Seelen in den Boden pflanzen.

Die Seelen der Toten

122 Sängerinnen und Sänger kommen auf das bewässerte Schlachtfeld und benetzen – wie einst Lady Macbeth mit dem Blut ihrer Feinde – ihre Hände, Gesicht und Brust mit den Seelen der toten Kinder. Trotz eines starken – spirituell und religiös aufgeladenen – Bildes, dass Ponifasio hier schafft, ist dies der einzige Moment der Inszenierung, der es nicht vermag, den Spannungsbogen aufrechtzuerhalten. Als aber die schwarzgekleideten Sängerinnen, die den Abend bereits verheißungsvoll eröffneten, wiederum in ihren Gesang einsteigen, schließt sich nicht nur der Kreis des Abends, sondern auch eine Art Lebenskreis. Ein brutaler, unerbittlicher Lebenskreis, geprägt vom Krieg und seinen Opfern.

Lemi Ponifasios Aufruf zu mehr Empathie, ethischem Miteinander und Einigkeit ist in der Tat gewaltig. Gewaltig und traurig und schön.

Judith Achner

 


 

„Die Gabe der Kinder“ (von Lemi Ponifasio) –  Kakao, Choreo und Kampfgeschrei

Tief einatmen. Nichts. Und gleich noch einmal. Nein, wirklich nichts. Keine Spur von Schokolade in der Luft. Irgendwo zwischen enttäuscht und beschämt (hatte ich wirklich geglaubt, in einem leerstehenden Kakaospeicher würde es nach Schokolade riechen?) nehme ich auf einem Klappstuhl Platz, meterhoch über der Erde, und lasse den Blick schweifen. Sandfarbener Betonfußboden, Reifenspuren beschreiben die  immer gleichen Wegen von Gabelstaplern. An den Wänden Graffiti. „Trash Group“ steht da geschmiert, direkt über riesigen, blass-roten Lettern „RAUCHEN VERBOTEN“. Überbleibsel, die die Geschichten derer ausatmen, die irgendwann einmal hier waren. Eine Uhr, stehengeblieben  auf kurz vor fünf, bezeugt: Dieser Ort ist eingefroren in der Zeit.

Die riesige Halle wird durch grasgrüne Stahlpfeiler getrennt, sie strahlen eine industrielle Nostalgie aus, wirken gleichzeitig wie die Säulen in einer Kathedrale. Die Oberlichter aus milchigem Glas lassen die Abendsonne herein, bilden natürliche Scheinwerfer. Möwen kreischen von draußen in ein dumpfes Rauschen. Die Betonfläche, auf die wir schauen, bildet eine riesige Bühne, begrenzt durch große Wasserflaschen, immer zu viert gebündelt, in einer langen Reihe aufgestellt, vom Publikum wegführend, in der Ferne verschwindend. Ganz am hinteren Ende der Bühne ist es merkwürdig nebelig. Eine Maschine produziert still eine Nebelwand, sie bildet eine Grenze, oder besser eine Art Off-Bereich der Bühne, aus dem nun unfassbar langsam sieben Tänzerinnen heraus schweben. Eine von ihnen beginnt zu singen, die anderen steigen ein. Gänsehaut kitzelt meinen Nacken. Es sind fremde Klänge – samoanische Gesänge, wie ich später herausfinde. Ich weiß nicht, ob ich es romantisch oder irgendwie paradox finden soll, dass hier Künstlerinnen auftreten, die offenbar aus einer Gegend stammen, in welcher Kakao angepflanzt wird. In jedem Fall geschieht auf denkwürdige Weise hier im Speicher eine spannende Zusammenführung von Ort und Mensch.

Ode an die Langsamkeit

Das schleppende Tempo der Performance bleibt durchweg Bestandteil. Die Darstellung ist bis zum Zerreißen gedehnt, gnadenlos zeitlupenartig. Die große Halle bedient diese Langsamkeit aufs Beste. Alles scheint sich in ihr zu verlaufen. Es gibt genug Raum auszufüllen und wie ein ewiges Echo bleiben die Bilder endlos lang in der Luft kleben. Es hätte keinen besseren Ort für diese Inszenierung geben können. Jugendliche betreten geräuschlos die Bühne in offenbar choreographierten, unregelmäßigen Abständen. Es werden immer mehr. Ein ganzer Schwarm von ihnen, 50 oder 100 Stück, strömt herein, läuft zielgerichtet und bedächtig Richtung Nebel, um in ihm zu verschwinden. Hier gewinnt die Bühne durch die gerade Flucht des Weges eine verzerrt weite Tiefe. Draußen wird es allmählich dunkler und Scheinwerfer, welche die Bühne nicht von oben, sondern zunächst nur von vorn beleuchten, lassen die jungen PerformerInnen, die sich inzwischen überall auf der Bühne verteilt haben, zum Teil einen langen Schatten hinter sich herziehen. All die vielen Gesichter, stumm uns zugewandt, leuchten als kleine, helle Punkte zwischen dem Grau, in welchem sie starr verharren, während eine Tänzerin unter bedrohlichen Kampfschreien einen Speer schwingt.

Der Tod und die Regenmacher

Ein Mädchen mit weißer Bluse kommt auf die Bühne, wäscht sich mit roter Farbe, legt sich still auf den Boden. Alle anderen Jugendlichen legen sich wie auf Kommando ebenfalls hin. Regungslos verharren sie dort (nebenbei bemerkt: Glanzleistung der jungen Darsteller, sich die ganze Zeit so langsam und andächtig fortzubewegen, so aufeinander zu achten und umsichtig zu agieren!). Sofort assoziiere ich erschossene Körper. Ohne Mitleid bleibt die Szene bestehen, sie breitet sich aus wie ein übler Geruch, lässt genug Zeit, um in ihrer Tragik zu versinken. Ich habe einen Kloß im Hals.

Draußen ist es nun fast Nacht. Endlich, ein junger Mann kommt wie Prinz Eisenherz auf die Bühne, hebt eine der großen Flaschen über dem Mädchen in Weiß in die Luft, daraus läuft Wasser. Sie erhebt sich, alle anderen tun es ihr nach. Die Jugendlichen lassen es aus den Wasserflaschen regnen, ein Prasselkonzert setzt ein, dort, wo sie eben noch lagen, entstehen nasse Spiegelflächen, die durch die neue Scheinwerfereinstellung vom hinteren Bühnenrand hell aufleuchten. Wieder eine schier endlose Flucht bedienend, positionieren sich die Jugendlichen links und rechts davon. Als stünden sie an den Rändern einer matschigen Straße nahe des Regenwaldes. Etliche Erwachsene kommen dazu, waschen sich symbolisch und stark choreografiert in dem Wasser. Zu erkennen sind nur die schwarzen Silhouetten ihrer Körper. Ein spannender, identitätsverwischender Effekt, hervorgerufen durch das blendende, kühle Licht, das uns entgegen strahlt. Im Hintergrund dramatische Chorklänge, die etwas blechern über die Lautsprecher ertönen. Eigentlich hätte die Musik – komponiert von Murray Schafer – live gespielt werden sollen, wie ich später recherchiere. Macht nichts. Trotzdem sehr imposant. Plötzlich: Gewehrschüsse über die Boxen, explodierende Bomben. Oder doch nur Gewitter? Der Speicher bebt, mein Herz sackt in die Hose. Die Tänzerinnen in den schwarzen Gewändern bilden indes zärtlich singend einen Kreis, alle anderen formatieren sich andächtig darum. Die Beleuchtung von hinten fadet aus, alle werden wieder erkennbar. Ende.

„Das ist ja bei weitem nicht das, was es hätte werden sollen“, flüstert ein Zuschauer. Möglich. Alles schien ganz simpel. Unaufgeregt, trotz zum Teil dröhnend lauter Musik. Ruhig, ja paradoxerweise fast friedlich wurden die Szenen vorübergehend in diese Speicher-Kathedrale hineingelegt. Aber Fakt ist: Ich habe während der letzten eineinhalb Stunden vergessen zu atmen. Oder es vor Schreck nicht getan. Und ob ich mir je wieder einen Kakao zubereiten kann, ohne dass mit dem heißen Dampf, der über der Tasse aufsteigt, auch die bedrückenden Bilder dieser besonderen Inszenierung wieder angespült werden – ich bin mir nicht sicher…

Mareike Henken

 


 

Das Fremde

Nebel liegt in der Luft. Eine schöne Frau mit hüftlangen schwarzen Haaren, komplett weiß gekleidet, schreitet die große Lagerhalle entlang. Sie hält einen waffenartigen Stock in ihren Händen und schreitet unbeirrt weiter. Hinter ihr gehen viele Menschen, vielleicht sind es 50, vielleicht auch 70. Sie sind dunkel gekleidet und verfolgen die schöne Frau. Plötzlich bleiben alle stehen. Die weiß gekleidete Frau schleudert ihre Waffe elegant durch die Luft, während sie in einer fremden Sprache singt bzw. fast schon eher Kampfschreie ausstößt. Sie bewegt sich anmutig, während ihr linker Arm unentwegt zittert. Sie wirkt stark. Wie eine Kriegerin. Plötzlich tritt eine weitere Frau auf. Sie trägt eine Schale bei sich und stellt diese ab. Sie wäscht ihre Hände darin und auch ihr Gesicht. Alles ist blutrot. Sie legt sich auf den Boden. Wie eine blutende Opfergabe sieht sie aus. Alle dunkel gekleideten Menschen legen sich zu ihr auf den Boden, und sie beginnen, im Chor zu singen.

Diese auf den ersten Blick skurril wirkende Szene hat mich sehr begeistert.

Es wirkt alles so geheimnisvoll. Fremd. Anders.

Ich war fasziniert und wollte mehr erfahren. Woher kommt die weiß gekleidete Frau? In welcher Sprache singt sie? Vor dem Hintergrund, dass dies eine neuseeländische und samoanische Produktion ist, liegt eine polynesische Sprache nahe. Auch die Bewegungen der Frau ließen mich an den neuseeländischen „Haka“-Tanz denken. Der Nebel, der über der Halle lag, verstärkte den geheimnisvollen Eindruck ebenso wie die Beleuchtung dieser Szene. Die Charaktere wurden nur vom Boden aus von vorne angestrahlt, was dazu führte, dass sie lange Schatten hinter sich herzogen.

Ich war fasziniert von der geheimnisvollen und fremden Welt und vergaß, dass wir uns in der HafenCity befanden. Ich fühlte mich in den samoanischen Regenwald versetzt und war begeistert davon, wie man mit so wenigen Mitteln (wenngleich auch sehr vielen Schauspielern) eine solche Stimmung erzeugen kann. Ich hatte das Gefühl, dass den Zuschauern die fremde Kultur nahe gebracht wird. Ohne, dass auch nur ein einziges Wort über ein fremdes Land, eine andere Kultur oder auf einer unbekannten Sprache gesprochen wurde. Einzig durch den Gesang und die Bewegungen hatte man das Gefühl, in eine andere, fremde und spannende Welt eintauchen zu können.

Jennifer Harms

 


 

„CHILDREN OF GODS“ – Zwischen Klang und Geräusch

Etwa 100 junge Menschen liegen auf dem Boden des großen Kakaospeichers. Bewegungslos liegen sie da und ihre Füße zeigen alle in dieselbe Richtung. Nach einer unbehaglich werdenden Stille setzt der Gesang eines Chores ein, der zunächst eine beruhigende Wirkung erzielt, jedoch durch seinen scheppernden Klang ebenfalls etwas Bedrohliches an sich hat. Aus der vorletzten Reihe der Zuschauertribüne blickt man fast wie aus der Vogelperspektive auf diese Formation herunter. Von den Klängen der Musik eingehüllt ist man beinahe hypnotisiert und die atmosphärische Wirkung der Musik sowie die Höhe des Zuschauerplatzes entreißt einem förmlich den Boden unter den Füßen und nimmt jeglichen Halt. Man könnte fast denken, man schwebe über ein großes Feld und blicke auf eine riesige Fläche, auf der eine anonyme Masse von verletzten Menschen liegt oder auf eine durch Krieg zerstörte Ebene herab. In den Chorgesang stimmen einige Streichinstrumente mit ein, wodurch der Klang voller wird. Aus dieser Szene löst sich ein Mensch mit einem Wassergefäß heraus und begießt einen in der Mitte der Menschenmenge liegenden Menschen, dessen Gesicht und Brust in Blut getränkt sind, mit Wasser. Damit kommt es zu einer interessanten Vermischung der Klänge der Musik und dem Tropfen des Wassers. Das Geräusch des tropfenden Wassers wird immer stärker. Es rückt mehr in den Vordergrund, da nach und nach alle Menschen aufstehen und aus Gefäßen Wasser auf den Boden tropfen lassen. Die Auswirkung dieses Klangereignisses löst die unterschiedlichsten Gefühle im Zuschauer aus: Trauer oder die Assoziation mit Tränen sowie eiskalte Schauer, die einem selbst den Rücken herunterlaufen. Alles ist möglich. Diese Szene ist nur ein Beispiel dafür, wie eindrucksvoll mit der Mischung aus Klang und Geräusch umgegangen wird und es zu fließenden Wechseln kommt.

Gleich zu Beginn der Vorstellung. Der Zuschauer hat sich gerade auf seinem Sitzplatz eingefunden, die Menge kommt zur Ruhe. Noch von draußen kann man Möwengeschrei hören. Dann ein Grollen, welches den Start des Stückes verkündet. Wie aus dem Nichts tauchen am anderen Ende des großen Kakaospeichers sieben junge Performerinnen auf, die sich kaum merklich und ganz langsam auf die Zuschauertribüne zubewegen. Gemeinsam setzen sie zu einem A-cappella-Gesang an, den sie unisono singen. Der Melodieverlauf lässt an einen geistlichen oder mystischen Gesang denken, der eine hypnotisierende und zeremoniöse Stimmung ausstrahlt. Dabei sind die Schreie der Möwen hin und wieder noch eindeutig zu erkennen.

Dieser erste Klangabschnitt wird durch einen Trommelspieler abgelöst. Er schlägt ein durchgehendes Metrum und lässt dazu einen schrillen und lauten Gesang erklingen. Der monotone Rhythmus hat auf den Zuschauer eine bedrückende und einengende Wirkung. Bombengeräusche und Flugzeuglärm sind anschließend erkennbar. Ein neuer Klangeindruck wird durch eine Kämpferin eröffnet, die mit einem Stab in der Hand Schreie von sich gibt. Diese sind von solcher Intensität, dass der Geräuschpegel kaum aushaltbar ist und fast zum Schmerz für die Ohren wird. Fast als Erlösung wird der daran anknüpfende Gesang empfunden, mit welchem sich die jungen Menschen auf den Boden legen.

Ein ebenfalls prägnanter Klangeindruck ergibt sich mit dem Auftreten einer großen Masse von über 100 Menschen. Selber sangen sie leider das für 12 Chöre, Streicher und Synthesizer komponierte „Credo“ von Murray Schafer nicht, es wurde lediglich über das Band ein Eindruck ermöglicht. Die Ausdrucksstärke und Macht dieser Musik wäre durch eine Liveaufführung bestimmt intensiver erlebbar gewesen. Der Zuschauer ist bei diesen Klangeindrücken wieder ohne Halt. Verzweifelt versucht das musikalische Ohr, einen tonalen Zusammenhang in den Klängen zu erkennen und Halt in Strukturen zu finden. Der Zuschauer wird mit einem extrem lauten Geräusch – Gewittergrollen oder Bombengeräusch – aus seinem vertieften Sinnen aufgeschreckt. Hier kommt es wieder zu einer direkten Zusammenführung von Geräusch und Klang.

Der letzte Klangeindruck wird wie der Eröffnungsklang durch einen wehleidigen, jedoch nach den „durchlittenen“ Klängen auch als durchaus hoffnungsvoll empfundenen A-cappella-Gesang gebildet. Jedes andere Geräusch verstummt und nur der Unisono-Gesang ist vernehmbar.

 

Das Spiel zwischen Klang und Geräusch sowie die Einbindung des Hafenklanges werden während des gesamten Stückes genutzt, um den Zuschauer über die Macht der Musik und Geräusche im Allgemeinen zu Emotionen anzuregen und somit seine Seele zu bewegen und zu treffen. Die Thematik kann dadurch sehr nah an den Zuschauer herangetragen werden. Ein emotionaler Zugang wird so zu anderen Kulturen und Lebenssituationen erlebbar. Es ist sicherlich kein Abend des Vergnügens, jedoch werden sehr starke Emotionen, Klänge und Bilder, die lange vor dem geistigen Auge und Ohr bestehen bleiben, erzeugt.

P.v.P.

 


 

Die Gabe der Kinder

Lemi Ponifasio, Samoa

 Die leichenhafte Frau im weißen Gewand nähert sich so langsam, dass es aussieht, als würde sie schweben. Meter um Meter rückt sie zu uns vor. Wir halten den Atem an. Die Spannung ist kaum auszuhalten. Sie bückt sich, und als sie sich langsam wieder aufrichtet, glänzen ihre Hände vor Blut.

Wir sind in einer riesigen Halle versammelt – dem ehemaligen Hamburger Kakaospeicher in der HafenCity. Das Gebäude ist 9000m² groß und mittendrin stehen sieben Frauen in langen schwarzen Kleidern. Aus ihren Kehlen dringen urtümliche Laute, sie schreiten anmutig und klein in einem ganz eigenen Takt durch den riesigen Raum. Mit einer Maschine wird Nebel erzeugt, der durch die Halle wabert und in dem sich das Abendrot bricht. Die Sonne ist beinahe untergegangen. Noch wissen wir nicht genau, was wir von dieser Vorstellung halten sollen. Einige verlassen uns nach fünfzig, sechzig Minuten. Das Ganze ist super spannend, sehr gruselig und einfach auch sehr langsam. Vielleicht ist es nichts für die Sinne der normalen deutschen Gesellschaft, die an schneller, weiter, mehr gewöhnt ist. Doch vielleicht braucht der Ruf an die Urahnen und ihre Gunst länger, als wir es aus einem Blockbuster gewöhnt sind, in dem hundert Sachen in zehn Sekunden passieren.

Ich jedenfalls bin sofort gerührt von den Tänzerinnen und den hinzukommenden, zahlreichen Sängern und habe auch ein wenig Angst. Auch davor, von der Tribüne zu fallen. Ich sitze nämlich in der vorletzten Reihe auf schwindelerregender Höhe und direkt neben mir ist ein Eisengitter und dann der einige Meter tiefe Abgrund.

Auch das trägt zur Gänsehaut bei, doch ist die Darstellung der Samoanerinnen allein schon atemberaubend. Das Spiel aus den starken Lichtern, die vom Boden aus in die Halle leuchten, und den Schatten dazwischen, dem Nebel und den Silhouetten, dem Visuellen und dem Unsichtbaren hält einen die ganze Zeit auf Trab, während anscheinend die Geschichte der Entstehung des Menschen erzählt wird. So mutet die Handlung jedenfalls an. Eine sehr junge Frau, beinahe noch ein Mädchen, schreitet ebenso langsam wie alle anderen an diesem Abend nach vorn. Man erwartet, dass sie nun auch singt oder tanzt, doch stattdessen schreit sie, fuchtelt wie wild mit ihrem Speer, und bringt Laute aus ihrer Kehle hervor, die für uns unverständlich sind und doch etwas Unbekanntes auslösen. Das ist ein Kampf, den wir da sehen. Und die Besiegte ist die Frau im weißen Kleid, die sich ihr Blut jetzt ins Gesicht schmiert. Erschreckend. Schockierend. Alles andere ist schwarz-weiß, das rote Blut wirkt pur und kontrastreich und echt.

Die Leiche legt sich nieder und es schwillt ein trauriger Gesang an. Aus gefühlt fünfhundert Kehlen klingen die klarsten Töne, das tollste Vibrato und die klirrendsten Obertöne gen Himmel. Der sphärenartige Klang hebt sich empor, der Chor verteilt sich in den Nebel und die Dunkelheit hinein, sodass wir nur einzelne Gesichter ausmachen können, die schwarzen Körper jedoch verschwimmen. Es ist mittlerweile tiefe Nacht. Auf einmal erbarmt sich jemand und begießt den am Boden liegenden Körper mit Wasser. Das Blut wird vom Gesicht gewaschen, die Frau erhebt sich. Das Wasser hat ihr das Leben zurückgegeben. Die anderen schließen sich an. Große Kanister werden herbeigeholt, alles so langsam wie respektvoll und möglich. Wasser plätschert, es klingt beinahe wie im Regenwald, und alles ergießt sich auf den Boden. Das Blut wirkt dort unten auf einmal ungeheuer schwarz. Schöne Muster entstehen, die Pfützen werden größer und ihre Oberflächen pulsieren sanft im Takt der Schritte. Sie reflektieren den Nebel nun auf so seltsame Art, dass folglich alle Figuren sich wie auf einem Spiegel zu bewegen scheinen. Wie oben so unten – Einklang aus tausend Stimmen.

Plötzlich explodiert eine Bombe! Es kracht dramatisch laut, immer wieder gibt es Explosionen! Sind es Bomben? Ein Luftangriff? Der Ur-Vulkan Samoas?! Oder ist die schöne Insel nun zerstört? Erneut Leben und Tod? Ob es dieses Mal auch eine Wiedergeburt geben wird? Ist der Tod so nah wie neben mir der Abgrund?

Auf einmal fliegt ein Vogel durch die Halle. Das war wohl nicht geplant, aber er fliegt gezielt quer durchs Bild und muntert uns alle wieder ein wenig auf. Ich hoffe, dass er auch wieder den Ausweg aus der Halle gefunden hat. Bestimmt.

Der Gesang verebbt, das Echo hallt nach. Die Frauen vom Beginn finden sich im Kreis zusammen und singen ein mehrstimmiges Lied. Es klingt nach Vereinigung und Harmonie und ist sehr schön. Alle Darsteller des Chors kommen hinzu, ein Rollstuhlfahrer ist auch dabei. Alle singen dieses Lied und noch ehe wir uns die vielen Fragen beantworten können, ist die Vorstellung vorüber. Es gibt mächtigen Applaus und sogar Jubelrufe. Anscheinend haben es doch einige ausgehalten und sogar einen Weg zu dieser, ich möchte mal sagen: indigenen Darstellung einer Schöpfungsgeschichte, gefunden.

Das war es jedenfalls für mich. Andere sagen, es ging um Armut und die Schwierigkeiten samoanischer Kinder. Vielleicht hat ja jede Auslegung ihre Berechtigung.

Alle Darsteller bleiben noch länger auf ihrer hier erschaffenen Bühne. Sie umarmen sich, einige weinen, viele lachen, die Stimmung ist gelöst, die Geschichte ist erzählt und lebt nun in den Herzen derer weiter, die sie tragen möchten. Ich bemerke an diesen Reaktionen der Gruppe nach ihrer Vorstellung, dass sie eine schöne Zusammenarbeit hatten, und das freut mich über die Kulturen hinweg zutiefst.

Fazit: Eine empfangsbereite, offene Stimmung braucht’s, doch dann ist diese Vorstellung äußerst berührend!

Nicola Müller

 


 

Im Spannungsfeld der Gegensätze

 Es ertönt ein betörender Bombenlärm. Die Zuschauer zucken zusammen, die Atmosphäre erscheint bedrohlich. In diesem Moment verlassen sogar einige Zuschauer den Publikumsraum. Noch kurz zuvor lagen die Darsteller des Stückes wie Leichen auf dem Boden, während der Kakaospeicher von einer bedrohlichen Stille erfüllt wurde. Diese Stille gleicht in ihrer andächtigen Atmosphäre einer Gedenkminute für Kriegsopfer.

Mit seiner Inszenierung „Children of Gods“ schafft es der samoanische Regisseur Lemi Ponifasio, ein Musiktheaterstück zu erschaffen, welches das Publikum durch die Kombination aus eindrucksvollen Bildern und Kompositionen des Kanadiers R. Murray Schafer in seinen Bann zieht. Lemi Ponifasio bedient sich dazu einer Vielzahl an Gegensätzen, die das Imposante der Inszenierung ausmachen.

Die akustische Atmosphäre

Immer wieder schrecken die Zuschauer zusammen, als plötzlich ein ohrenbetörender Lärm an die Stelle der andächtigen Stille tritt. Da ist die an eine Kriegerin erinnernde Frau, die mit ihren aggressiven Gesängen die Zuschauer zum Aufschrecken zwingt, oder der Bombeneinschlag, der in seiner unvergleichlichen Bedrohlichkeit den Höhepunkt der Inszenierung bildet.

Auf der anderen Seite stehen da die ästhetisch wertvollen Maori-Gesänge der sieben Frauen zu Beginn des Stückes, deren Ästhetik von einer schwebenden Bewegung untermauert wird und so den Zuschauerraum verzaubert. Dann gibt es da noch die Stille, die eine andächtige Spannung in dem Kakaospeicher erzeugt, als die rund 200 Darsteller wie Leichen regungslos auf dem Boden liegen.

Durch den Kontrast zwischen Chorgesängen und Stille auf der einen Seite und betörendem, beängstigendem Lärm auf der anderen Seite entsteht eine akustische Wucht des Stückes, die eine Atmosphäre schafft, die man erlebt haben muss und die zu beschreiben unmöglich zu sein scheint.

Die Funktion der Spielstätte

Das Stück beginnt mit der Bewegung der sieben Frauen, die aus der entfernten Tiefe des Kakaospeichers dem Publikum am anderen Ende des Raumes entgegen zu schweben scheinen. Besondere Bedeutung lässt sich dabei der großen Halle des Kakaospeichers beimessen, die dafür sorgt, dass die sieben Frauen zu Beginn nahezu unsichtbar erscheinen oder maximal als entfernte schwarze Punkte zu identifizieren sind.

Erst der Kakaospeicher bietet die notwendige Akustik, aber auch die immense Größe des Raumes, die alle Darsteller wie bedeutungslose, austauschbare Punkte erscheinen lässt, die in der Masse untergehen.

Leben und Tod

Der dritte und wohl entscheidende Gegensatz innerhalb des Stückes betrifft die inhaltliche Ebene der Inszenierung und erstreckt sich zwischen den Gegensätzen von Leben und Tod.

Etwa als sich eine junge Frau in dem Stück über und über mit einem Eimer voll Kunstblut beschmiert und sich anschließend scheinbar tot auf den staubigen Boden des Kakaospeichers legt. Die rund 200 jugendlichen Darsteller tun es ihr daraufhin gleich, woraufhin eine bedrohliche Stille den Raum ausfüllt.

Kurz darauf erscheint ein Mann, der die Leiche der jungen Frau mit Wasser übergießt, woraufhin sie wieder aufersteht. Das Wasser als Elixier des Lebens scheint die Frau wieder zum Leben zu erwecken. Daraufhin greifen auch die restlichen Darsteller zu Flaschen mit Wasser und übergießen damit in einer rituell wirkenden Weise den gesamten staubigen Boden des Kakaospeichers.

Das Blut als Symbol des Todes steht damit im direkten Kontrast zu dem Wasser, das als Elixier des Lebens die Fruchtbarkeit symbolisiert.

Der Kontrast zwischen Leben und Tod wird auch durch die unterschiedlichen Lichtverhältnisse unterstrichen. Etwa als gegen Ende des Stückes ein grelles Licht das Ende der Halle beleuchtet und von einer Nebeldecke umgeben wird. Vor diesem Licht befinden sich sämtliche Darsteller in der Dunkelheit. Es wirkt, als befinde sich am Ende der Halle das Jenseits, während die Menschen noch in der Finsternis wandeln.

Viel mehr als nur Klischees

Man kann sich gut vorstellen, dass erst durch all diese Gegensätze jedes einzelne Bild der Inszenierung akustisch sowie visuell an Erstrangigkeit und Unbeschreiblichkeit gewinnt. Dabei geht es jedoch nicht nur um das reine Aufzeigen von klischeebehafteten Kontrasten. Viel eher bedient sich der Regisseur eben dieser Gegensätze und bettet sie ein in einen einzigartigen Rahmen, der ihnen einen neuen Glanz verleiht.

Lemi Ponifasio schafft es durch visuelle und akustische Kontraste, ein Thema, wie es in Zeiten von Krieg und Terror nicht aktueller sein könnte, nicht bloß inhaltlich zu thematisieren, sondern unvergleichliche Bilder und Atmosphären zu erzeugen, die zu vergessen unmöglich zu sein scheinen.

Felicitas Alexandra Schawe

 


 

Die Gabe der Kinder

Die Inszenierung bietet aufgrund des hohen Musikanteils und der überwältigenden Performance einen hohen Anteil an Interpretationsmöglichkeiten. Die fast schon banalen und extrem langsamen Bewegungsabläufe der Darsteller werden von der beeindruckenden Kulisse des alten Kakaospeichers der Hamburger Speicherstadt und der symbolischen Kraft der einzelnen Szenen eindeutig übertrumpft. Nur gedämmtes Licht scheint durch die verstaubten Fenster in die Halle; ein Vogel flattert von der einen zur anderen Seite und rings um den Platz des Bühnengeschehens stehen hunderte riesige Flaschen mit Wasser.

Was man unbedingt für diese Inszenierung braucht, sind Geduld, man sollte auch die Beschreibung des Stücks gelesen haben und wissen, dass es um die vielen Kriegskinder dieser Welt geht, und zu guter Letzt sollte man einen freien Kopf mitbringen, in dem viel Platz für Interpretationen ist.

Kontrastreiche Darstellung

Ob der Kakaospeicher im Halbdunkeln liegt oder von strahlendem weißem Licht erscheint und von Rauchmaschinen vernebelt wird, klar ist, dass Ponifasio viel mit Kontrasten arbeitet. So wirken die Maorigesänge zu Anfang des Stückes sowie die klassischen Töne vom Streichorchester genauso überwältigend, wie die plötzlichen Kampfjet- und Bombengeräusche, die ertönen, und mit Wändewackeln und einer Gänsehaut am ganzen Körper einhergehen. Auch die vielen Menschen in Straßenkleidung stehen im Kontrast zu den schwarz und einheitlich gekleideten Maorifrauen mit Dutt.

Die Kraft der Symbolik

Die symbolische Kraft der Szenen lässt sich nur schwer in Worte fassen: Langsam schreitende Menschen, rund 200 an der Zahl und unter ihnen viele Kinder, bewegen sich durch den ca. 9000 Quadratmeter großen Speicher. Eine Frau ganz vorn beschmiert mit ihren Händen ihr Gesicht mit Theaterblut und legt sich dann hin als wäre sie tot; alle anderen Darsteller folgen ihrem Beispiel und legen sich reglos für Minuten auf die Erde der kalt wirkenden Halle. Ein Zeichen für die vielen toten Menschen und Kinder in der Welt ohne Gesicht? Ein Massengrab?

Später beschüttet sich die Frau von Kopf bis Fuß mit Wasser und spült so das Blut ab. Alle anderen schreiten langsam zu den am Rand aufgebauten Flaschen, heben sie hoch und verschütten sie nacheinander auf den gesamten Boden: Das minutenlange Geräusch von plätscherndem Wasser dominiert die Geräuschkulisse der ganzen Halle und am Ende bleibt ein nasser Boden, auf dem sich durch das kalte gleißende Licht, das am hinteren Ende der Bühne erstrahlt, alles spiegelt: Verschwendung von Wasser hier als Metapher für die vielen verschwendeten viel zu kurzen Kinderleben? Oder unser verschwenderischer, gleichgültiger Umgang mit der kostbaren Ressource Wasser als Metapher für uns Menschen der Erste-Welt-Länder, die oft scheinbar nur gleichgültig zusehen, was im Rest der Welt um sie herum passiert? Oder geht es hier eher um die Bewässerung der Erde und damit um die Möglichkeit einer neuen Fruchtbarkeit der Länder in Kriegsgebieten?

Man erkennt: Der Vielfalt an Interpretationsmöglichkeiten sind keine Grenzen gesetzt und es bleibt ein beeindruckendes Erlebnis zurück!

Rosa Gavillet

 


 

Children Of Gods

Regisseur: Lemi Ponifasio

Ich weiß noch genau, wie ich mich nach dem Besuch des Theaterstückes gefühlt habe. Überwältigt, ausgelaugt und noch nicht in der Lage, das Gesehene und Gehörte in Worte zu fassen. Es waren die starken Bilder und die durch die Sounds verstärkten Gefühle, die einen teilweise übermannt und erschlagen haben. Ich weiß auch noch genau, wie ich in den Kakaospeicher gegangen bin, der von außen eher an einen großen Container erinnert und sich von innen als eine weitflächige, graue und rohe Industriehalle zeigt, aufgewärmt von den letzten Sonnenstrahlen des Abends.

Der Gedanke an ein typisches Theaterstück schwindet. Wir warten. Eine Ansage… und das Spektakel geht los. Sieben Mädchen, gekleidet in schwarzen langen Gewändern, gehen wie eine Wand auf das Publikum mit bedachten langsamen Schritten zu. Gleichzeitig fangen sie an zu singen. Obwohl ich ihre Sprache nicht kenne, verbreitet ihre Melodie Unbehagen in mir. Ihre jungen Stimmen erfüllen den ganzen Raum und ziehen mich sofort in den Bann. Es kommt eine weitere Frau hinzu, die den Gesang der Mädchen ablöst, sich selbst begleitend mit dem gleichmäßigen Rhythmus ihrer kleinen Rahmentrommel. Neben Vogelgezwitscher aus den Lautsprechern bahnt sich, wie der in den Raum ziehende Rauch, ein immer lauter und bedrückend werdendes Grollen seinen Weg, gefolgt von den eintretenden schwarzbekleideten Jugendlichen.

Das Sonnenlicht wird abgelöst von dem kalten, weißen Scheinwerferlicht. Die Schallwellen, die durch die 9000qm große Halle schwingen und jeden einzelnen von uns umgeben, umhüllen und verschlingen, verstärken zunächst den Eindruck des Ortes und bilden später eine klare Landschaft in diesem doch so kahlen Raum. Ich höre ein Flugzeug über meinem Kopf vorbeifliegen, die Explosionen herabfallender Bomben, und bekomme das Gefühl, als würde sich eine schwere bleierne Decke über den Raum legen. Dadurch wird das Publikum unfreiwillig in diese Kriegssituation gezerrt, ähnlich wie es den Kriegskindern ergeht. Wir als Zuschauer bekommen das Gefühl, dabei zu sein und zu einem Bruchteil ihr Leid zu teilen.

Dialoge gibt es keine und braucht es auch nicht. Es ist eher die symbolische Bildsprache und Gestik der Kinder, die mächtige Geräuschkulisse und die teilweise epischen sakralen Gesänge, die mit viel Energie und Kraft so viele Assoziationen erzeugen und Gedanken in meinem Kopf verdichten, die mich teilweise sehr rühren. Dass die Musik von R. Murray Schafer geschrieben wurde, wundert dabei nicht. Er ist die Person, die unteranderem den Begriff des „soundscape“, die Verbindung von „sound“

und „landscape“, etabliert hat. Die hochwertige Ausarbeitung dieser Kompositionen lassen einen direkt in das Geschehene mit eintauchen, wie es das rein Visuelle oft nicht schafft. In Form einer Verschmelzung können sie jedoch einen doch so gewaltigen und realen Raum erschaffen.

Genau diese Realitätsnähe war dem einen oder anderen Zuschauer zu viel, sodass Einzelne die Vorstellung verließen. Krieg ist eben nicht nur für Kinder schwierig. Ob ich mich ein zweites Mal in diesen emotionalen Raum setzen möchte, weiß ich nicht. Ich würde es jedoch allen wärmstens empfehlen.

Linda Pham

 


 

Children of Gods:

Es fängt langsam an, ich sitze da in dieser riesigen Halle und verstehe nicht ganz, was passiert.

Die Frauen auf der Bühne bewegen sich im Takt und singen, auf einer Sprache, die ich nicht verstehe. Es ist merkwürdig und faszinierend zugleich. Die Geräusche und Bewegungen scheinen aufeinander abgestimmt.

Es kommt mir wie ein Traum vor.

Das Theaterstück „Children of Gods“ war mein erstes Theaterstück vollkommen ohne deutsche Sprache. Umso gespannter war ich, ob ich überhaupt etwas verstehen und analysieren kann. Ich gebe zu, es ist schwierig; je länger ich über das Passierte nachdenke, desto unsicherer werde ich, ob ich überhaupt etwas verstanden habe.

Aber vielleicht ist das auch gar nicht schlimm. Es ist aber auch so viel aufzunehmen: Die Halle, die Menschen, Wasserflaschen und Licht und Nebel – es ist minimal gehalten und wirkt trotzdem so groß.

Licht, Gesang und Bewegung sorgen dafür, dass einen das Stück in den Bann zieht. Man versucht und versucht zu verstehen, aber es bleibt surreal. Ein junges Mädchen tritt hervor, stimmt eine Art Kampfgesang an, ein anderes Mädchen beschmiert sich mit roter Farbe. Ist das ein Opferritual? Ich kann immer nur vermuten. Moderne Kleidung vermischt mit traditioneller Sprache und Bewegung und so viele Menschen. Wo kommen plötzlich all diese Menschen her? Es werden immer mehr. Irgendwann höre ich auf, verstehen zu wollen.

Ich lehne mich zurück, achte auf das helle Licht am Ende der Halle. Ein kirchlich klingender Gesang wird angestimmt. Er passt hervorragend zu dem hellen Licht. Vielleicht muss ich nichts verstehen, denke ich. Ich versuche einfach, meine Sinne zu schärfen. Die Menschen passen sich wundervoll der riesigen Halle an, sie formen eine Art Gemeinschaft, passen alle zusammen trotz ihrer vielen Unterschiede. Eine schöne Message finde ich, auch wenn vielleicht nur ich sie sehe. Ein Vogel fliegt durch die Halle, bestimmt nicht gewollt, aber irgendwie auch passend, ich muss grinsen.

So wird es dann doch noch schön, faszinierend und irgendwie magisch.

Von Lynn F.

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