Stimmen aus der Universität Hamburg – Die Gabe der Kinder

Seminar: Aktuelle Hamburger Theaterfestivals unter der Leitung von Prof. Dr. Martin Schäfer

In der Ruhe und der Kraft

Man bemerkt sie erst spät, ganz klein und ganz hinten am anderen Ende des riesigen Raumes: dort sitzen acht, ganz in schwarz gekleidete Menschen. Der komplett leere Speicher ist so lang, man kann nicht einmal erkennen ob es Männer oder Frauen sind. Der ehemalige Kakaospeicher wurde eigens für diese aus Samosa importierte Inszenierung des international gefeierten Regisseurs Lemi Ponifasio umfunktioniert; und das mit Erfolg. Eindrucksvoll breitet sich die schier endlos wirkende Halle vor einem aus und es stellt sich einem die Frage: Was wird hier geschehen; wird der Raum nicht alles klein wirken lassen, verschlucken, nichtig machen?

Die Welt in der Halle

Doch dem ist nicht so – langsam, fast Zeitlupenartig bewegen sich schließlich sieben der acht Frauen nebeneinander in Richtung Publikum, einen Gesang singend, in einer fremden Sprache, der verzaubert und dem Raum füllt. Die gesamte Inszenierung lebt von dieser Langsamkeit, jede Bewegung ist ehrwürdig und gemessen, bewusst. Die Länge des Gebäudes unterstreicht die Langsamkeit der Performerinnen, baut eine große Spannung auf. Schließlich bewegt sich auch die achte Frau gravitätischen Schrittes nach vorn, mit einer Trommel in der Hand, und beginnt einen Lamento-Gesang zu singen. All das macht großen Eindruck in dieser Räumlichkeit, doch vor allem nachdem die Kinder und schlussendlich auch die Erwachsenen die Spielfläche betreten haben, insgesamt rund 400 Performer, entfaltet der Ort seine ganze eindrucksvolle Wirkung. Der Boden voll Wasser, welches von den Kindern dort verschüttet wurde, bewegen sich nun die in der Zahl überlegenden Erwachsenen durch den Raum und trinken davon, nähren sich am Werk der jüngeren Generation. Von hinten angestrahlt werden die Menschen oft zu schwarzen Silhouetten, der mit Wasser bedeckte Boden zur spiegelglatten Projektionsfläche. Es ist ein starkes Bild welches Ponifasio hier erschaffen hat, welches besonders durch die musikalische Untermalung noch verstärkt wird.

Die Kraft von Schall und Raum

Diese erreicht ihren Höhepunkt im Credo der Monumental-Komposition „Apokalypsis“ des kanadischen Komponisten R. Murray Schafer. Ein mystisches Werk für Streicher, Synthesizer und zwölf Chöre. So langsam, erhaben und tragend diese ist, so ist sie kraft- und machtvoll und teilweise sehr laut wie durch die Halle hallt. Dies ist der zweite große Bonuspunkt an dem Raum der diesen Abend rahmt: Jeder Gesang, jedes Geräusch, jeder Schrei und jedes Musikstück wird verstärkt und episch in dem wiederkehrenden Hall des Gebäudes. Auch die Geräusche von draußen verstärken sich und verschmelzen mit dem des Stückes. So sind es Möwenschreie und akustische Hafenkulissen die dem Ganzen eine vielleicht unbeabsichtigte, aber durchaus passende Atmosphäre zusätzlich verleihen. Sogar ein Vogel hat sich in die Halle verirrt und wirkt aber mehr als passend wie er friedlich über den Darstellern herfliegt.

In Gedenken an die Kinder

So ist Die Gabe der Kinder ein Memorium, ein Mahnmal an alle Kinder, die in Kriegsregionen leben oder aus diesen flüchten und dadurch Gewalt und Unterdrückung ausgesetzt sind. Ein Erinnern an das oft so selbstverständlich genommene: Kinder sind die Zukunft. Und das kommt rüber und beeindruckt vor allem durch Bild und Akustik, durch eine riesenhaftigkeit die zur selben Zeit eine wartende, unendliche Ruhe ausstrahlt. Ein mahnendes Warten auf das Ende einer so aktuellen und traurigen Realität.

Marvin Müller

Marvin Müller, Gründungsmitglied und Autor von “kollektiv22” und “the selkie & the sea”, aktiv in Photografie, Musik, Schauspiel und Text, studiert im 4. Semester Literatur an der Universität Hamburg.

 

 


 

Die Gabe der Kinder von Lemi Ponifasio bei „Theater der Welt“

Der leere Kakaospeicher am Baakenhöft lässt die Dämmerung durch seine milchigen Fenster. Festivalbass dröhnt hindurch. Miesgeplante Störung oder ausgestellte Ignoranz unserer Gesellschaft? Schließlich geht es in diesem Musiktheaterstück um einen Trauerzug von Kindern für Kinder.

In der riesigen Halle ist nichts außer dem Staub der Kolonialzeit, Spuren der Umnutzungsversuche der 1960er Jahre und der aktuellen Festivalvorbereitung. Und natürlich eine Publikums-Podesterie, etwas Technik, ein paar Wasserflaschen – und viele Menschen. Um Menschen und Gefühle geht es an diesem Abend.

Das Massenspektakel auf der Bühne ist verkleinert angekündigt, statt 400 sind es heute nur knapp 200 Performer. Die einen sagen, es war nichts weiter als ein Olympia-Einzug in Slow-Motion. Jemand anderes denkt an HJ- oder Pionierästhetik. Sind wir in unser ästhetischen Wahrnehmung so eingenommen von schlechten Erinnerungen und Instrumentalisierungen, dass eine positive Bildsprache von Vielen stets überschattet ist von Kitsch-Kritik und Verweisen auf totalitäre Massendarbietungen?

Die einen sind enttäuscht von der Musik vom Band. Oder überhaupt der Überspielung der Frauengesänge durch sakrale Choreinspieler; auch wenn es die „Apokalypsis“ ist. Andere sprechen von der Passivsetzung der Performer hin zu einer sprachlosen Masse, wieder andere wollen Subtilität in der Langsamkeit der Bewegungen erkennen, wo andere von der Banalität gelangweilt sind. Es ist tatsächlich schade, dass dem Frauenchor nicht noch mehr Raum gegeben wurde. Die Lamenti des MAU-Ensembles, das Regisseur Lemi Ponifasio aus Samoa mitbringt, klingen so universal wie die Gefühle, die sie transportieren. Die Sprachlosigkeit kann jedoch ebenso mit Agambens „Zeugenparadox“ gelesen werden – nicht unabsichtlich hier der Bezug auf die Shoah, und der Verweis auf den Baakenhöft und seine Nähe zum ehemaligen Hannoverschen Bahnhof, dem fast vergessenen Deportationsbahnhof Hamburgs. Zeugen sind oft sprachlos. Nicht nur zu oft ungehört und ungesehen, sondern nah dem Tod unfähig zu sprechen. Wer für sie spricht, macht eine Übersetzung, eine Transformation des Erlebten in eine fremde Erinnerung. Zeitzeugen, wie sie die Jugendlichen im Kakaospeicher heute sind, gedenken in knapp 100 Minuten nicht nur den Kindern dieser Welt, die Opfer von Krieg und Gewalt wurden. Werden. Sind. Sondern symbolisieren sie. Im Wechselspiel von hell und dunkel, Lärm und Stille, klein und riesig, viele und einzelne, Stillstand und Bewegung.

Vielleicht brauchte die Performance gerade das Buddy-Publikum aus Eltern und Freunden der jungen Performer, um auf die Gefühlsebene zu kommen, die sich Lemi Ponifasio gewünscht hat. Große Bilder. Eindrucksvolle Bilder. Einfache Bilder. Weil alle es verstehen sollen. Und weil es nicht um Sprache geht, sondern um Gefühle. Weil Gefühle universal sind. Weil Gefühle konkret sind, sagt schon Pina Bausch.

Zeitgenössische Sehgewohnheiten wollen das Schrecken für maximal 2 Minuten am Tag, wollen das Stete in seiner Langsamkeit lieber in der Fotografie eingefangen als entfesselt in einer Halle der Aussitzenden. Dabei ist es eine Tiefe der Langsamkeit“, einer ungewohnten Aufmerksamkeitsökonomie, wenn man so will.

Schon das Programmheft verrät, aus welchen anfänglichen Schwierigkeiten in Hamburg mitten in den Schulferien über 200 Jugendliche und Sänger aufzutreiben, etwas ganz neues geformt wurde. So haben wir am Ende Performer der HipHop Academy vor uns, die ihre Körperbeherrschung in einem neuen Rhythmus fordern müssen. Die Disziplin, die sie schon bei anderen Choreographien kennen, haben sie auch hier unter Beweis gestellt. Mit Bedacht und Ruhe. Stille. Trotzdem, wer den Vorankündigungstext nicht kennt, weiß nicht, worum es geht. Versteht vielleicht nicht, warum mehr als 1 ½ Stunden Reihen an schwarzgekleideten Jugendlichen langsam in verschiedenen Formationen die Halle durchschreiten, sich jemand rote Farbe ins Gesicht schmiert. Und zwischen Bombeneinspieler und hypersakralem Synthesizer-Chor literweise Wasser ausgekippt für ästhetische Spiegelbilder sorgt, die die neu prozessierenden Erwachsenden in Betgesten zu fassen versuchen.

Aber wer die Kids kennt, sie in dieser Masse wiedererkennt, kann sich sehr gut vorstellen, dass Lemi Ponifasio vor allem den Prozess und die Erfahrung in und mit der Gruppe schätzt. Und genau dieser wird für die Jugendlichen und Erwachsenen im Gedächtnis bleiben. Das ehrliche Fühlen und Erleben als Gabe der Kinder.

mg

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