Stimmen aus der Universität Hamburg – Ishvara

Seminar HafenSzenen unter der Leitung von Frau Prof. Dr. Ortrud Gutjahr

 

„Theater ist schöner als Krieg“ – auch Ishvara

„Theater ist schöner als Krieg“ – dieser Satz stand auf dem T-Shirt einer Besucherin. Sie saß eine Reihe vor mir, zwei Plätze schräg nach rechts versetzt. Den Satz las ich schon vor dem Stück Ishvara. Und ich war spontan gut drauf. Dass die Luft im Kampnagel K1 stand, zumindest in Reihe 25 und die Beinfreiheit gefühlt geringer als im Flieger bei Ryanair war, störte mich nun alles nicht mehr. Ich freue mich einfach nur auf Ishvara. Herzlich willkommen im „Theater der Welt“. Ishvara – Vorhang auf!

Es ging auch fantastisch los – Klänge, die unter die Haut gingen, eine spannend aufgebaute, bunte und mit für mich neuen Einflüssen gespickte Bühne mit einer famosen Sängerin – so kann man die Aufmerksamkeit des Publikums für sich gewinnen. Nach 135 Minuten musste ich aber feststellen, dass ich selten so häufig den Kopf geschüttelt, mir die Hände vors Gesicht geschlagen und mit einer Mischung aus Entsetzen, Verwunderung und peinlicher Berührtheit meine Nachbarn angesehen habe.

Ekel war auch dabei. Ein Mann, ich kann leider nicht sagen, welche Rolle er im Stück einnimmt, hängt an einem Pfahl gefesselt. Es wirkt so, als würde er von den anderen Protagonisten auseinandergeschnitten werden – das Fleisch der Arme hängt bereits hinunter: Jeder, der Das Schweigen der Lämmer gesehen hat, erinnert sich vielleicht daran, dass Hannibal Lecter auf gleich grausame Weise jemanden zurichtete. Im Stück jedoch lebt der Mann noch – zumindest bewegt er sich. Ich bekomme die Zusammenhänge nicht sinnvoll geordnet, tut mir leid. Für mich bleibt es so ein abscheulicher Akt der Perversion. Auch so ist es bei einer riesigen, nackten und weiblichen Puppe, die erst angetanzt, dann geliebt und dann geschlachtet wird. Es ist des Künstlers und des Regisseurs Freiheit, zweifelsohne. Aber verdammt harter Tobak ist es trotzdem. Ein schaurig-schönes Lied von Britney Spears rundet das Ganze ab – und gibt mir zu verstehen, dass es irgendwie doch um Liebe im Stück ging.

Aber woher eigentlich meine Missgunst und Abneigung? Willkommen im Theater – DER WELT. Ich kann bis zum 11. Juni Theaterstücke sehen, die mich anekeln, herausfordern, auch überfordern und entsetzen werden. Ishvara ist absolut nicht meins – trotzdem war ich irgendwie gerne da. Zumindest kann ich nun feststellen, dass der Horizont von Theaterinszenierungen endlos zu sein scheint. Und ist so ein Theaterfestival nicht gerade dazu da, seinen Horizont zu erweitern, sich anderen Kulturen zu öffnen und in Interaktion mit Stück und Künstlern zu gehen? Ja, verdammt, das ist es. Theater ist schöner als Krieg – auch Ishvara. Es wird ein tolles Festival.

Alexander, 24 Jahre aus Hamburg, Student

 


 

Ist das noch Kunst?

Ich habe selten erlebt, dass bei einer Inszenierung so viele Menschen aufgestanden und gegangen sind. Eigentlich noch nie in meiner relativ kurzen Pseudo- Theaterkritiker – Karriere. Aus diesem Grunde fällt es mir schwer eine Urteil über dieses Stück zu fällen. Was ich allerdings sagen kann, ist, dass ich nicht einer dieser Menschen bin, die aufstehen oder in diesem speziellen Fall vielleicht auch aufgeben? Denn mein Kredo ist: Bilde dir nur ein Urteil über das, was du wirklich bis zum bitteren Ende angesehen hast (in diesem Fall war das bittere Ende ein Britney Spears Song und kann somit auf verschiedene Art ausgelegt werden). Also bin ich sitzen geblieben. Zunächst tapfer, aber mit Voranschreiten der Inszenierung immer mehr auch aus Faszination. Denn eines war es wirklich NICHT: langweilig.

Wenn ich die Wortkombination Musikperformance und Hinduismus höre, muss ich zwangsläufig an Bollywoodkino denken. Wer dies allerdings von Tianzhuo Chens Ishvara erwartet, könnte gar nicht falscher liegen. Aber China und Indien sind bekanntlich ja auch zwei verschiedene Länder. Geboten wird vor allem eines: Provokation, Provokation und falls ich es noch nicht erwähnt habe: Provokation. So viele wackelnde primäre und sekundäre Geschlechtsorgane habe ich selten gebündelt auf der Bühne erlebt. Noch nie so viele verstörende Töne aus dem Mund eines Menschen gehört, der sich absolut ekstatisch auf der Bühne bewegt. Und, noch nie nie nie nie nie so unglaublich wenig von einer Performance verstanden.

Aus diesem Grund habe ich mir wirklich die Frage stellen müssen: Ist das eigentlich noch Kunst? Und vielleicht noch mehr: Ist das gut gewesen? Und so richtig beantworten kann ich das immer noch nicht. Was ich allerdings sagen kann, ist Folgendes: Bei vielen Episoden, der teilweise einem Horrorfilm gleichenden Inszenierung, saß ich einfach nur mit offenem Mund im Publikum und war gefesselt von den Absurditäten, die sich abgespielten. Nicht nur die Musik, die teilweise schon beinahe gesundheitsschädlich war (aus diesem Grund vermutlich auch das vorsorgliche Paar Ohrenstöpsel zu Beginn der Vorstellung), sondern auch die absolute Schamlosigkeit der Schauspieler. Die Art und Weise, wie sie in dem verrückten Kosmos ihrer Bühne existieren und jegliche Hemmung verlieren. Ich wurde immer wieder überrascht. Immer wieder dachte ich echt: Wow, also mehr geht nicht. Und als ich dann nachdem das Publikum mit Fleisch beworfen wurde (lang lebe an dieser Stelle ein Sitzplatz in Reihe 25), zu meiner Sitznachbarin sagte: So, krasser kann es jetzt wirklich nicht mehr werden, wurde ich eines Besseren belehrt und der wortwörtliche Höhepunkt detailgetreu auf der Bühne vollzogen.

Das erste Mal bin ich also in Hamburg im Theater und diese Flut an Eindrücken bricht über mich herein. Eine Flut an alptraumhaften Bildern. Eine Flut an unmöglich einzuordnenden Sounderlebnissen. Und die Frage: Was zum Teufel (oder Hindugott) mache ich eigentlich hier? Und wie gesagt ich bin kein Profi, aber ich glaube das sollte Theater und Performance hin und wieder doch mit einem machen.

Julia Beller, 23 Studentin an der Universität Hamburg

 


 

Ishvara – Faszinierend schön, verstörend langweilig

Mein Kopf weiß einfach nicht, was er dazu sagen soll. Ich fahre von der Premiere von Ishvara nach Hause und kann mich einfach nicht entscheiden, was ich von den vergangenen zwei Stunden halte. Sicher ist, dass es ein Fehler war, mir die Einleitung von Kampnagel anzuhören. Zum einen, weil ich die angedrohte Suizid-Trauma-Geschichte einfach nicht im Stück widerfinden konnte. Zum anderen, weil ich dank der Einleitung einfach nur Angst vor den Bildern hatte, die mich erwarteten.

Doch ich wurde überrascht: Ishvara hat viele wirklich ästhetische Szenen mit vielen Möglichkeiten, sich auszusuchen, welchen Teil des Bühnengeschehens man beobachten möchte. Diese Szenen sind so vieldeutig, dass man gar nicht anders kann, als intellektuell irgendwie angesprochen zu sein (obwohl ich mir nie ganz sicher war, ob ich wirklich sehen will, was ich da sehe). Ich habe wirklich lange nicht mehr im Theater vor Mitgefühl geweint. Die live performte Musik auf Clublautstärke und die Lightshow sind definitiv ein Erlebnis für sich und letztlich waren es genau diese Sachen, die dafür gesorgt haben, dass ich die vollen zwei Stunden geblieben bin.

Aber andere Szenen in Ishvara sind durchaus a) sehr plastisch b) sehr obszön c) widerlich und vor allem d) unendlich lang. Verstehen Sie mich nicht falsch, ich habe nichts gegen die Konfrontierung mit ritueller Sexualität und dem damit verbundenen Animalischen. Diese Szenen hätten durchaus sehr gut sein können, aber ihre Länge war schlicht eine Zumutung. Was mich allerdings wirklich fassungslos gemacht hat, war, dass mein Blick in genau diesen Szenen nach 5 Minuten immer wieder ins Publikum schweifte, weil mir langweilig war. Habe ich zu viel Postdramatik gesehen, wenn Nacktheit, Sex und Gewalt auf der Bühne nur noch dazu führen, dass ich die Darsteller um ihren Pool beneide? Beim Szenenapplaus war sich, glaube ich, niemand mehr ganz sicher, ob er gerade den Darstellern oder dem fallenden Vorhang zujubelt. Und dieses Gefühl der Dankbarkeit sollte das ganze Stück nicht mehr von meiner Seite weichen: Danke, Kartenverkäufer, dass du mich so weit nach hinten gesetzt hast!! Manchen Szenen konnte ich so vielleicht einen ästhetischen Reiz abgewinnen, wo die erste Reihe einfach zu viele nackte Wahrheiten vor der Nase hatte.

Als ich Kampnagel verlasse, erscheint mir die Welt im Vergleich zu Ishvara still und friedlich. Mir ist leicht übel, aber ich habe auch viele schöne Bilder im Kopf, die im Kontrast zu den wirklich widerlichen Bildern daneben irgendwie noch schöner sind. Das Programmheft redet davon, dass Künstler gewählt wurden, die die internationale Theaterszene vorantreiben. Möchte ich lieber in die Vergangenheit, wenn das die Zukunft ist? Ich weiß es wirklich nicht. Eigentlich würde ich mir die Show gerne nochmal angucken, um mir endlich eine Meinung dazu bilden zu können.

Katrin Friese Gutjahr

Katrin Friese (26): Studentin (Musikwissenschaft/Theaterwissenschaft), Eventmanagerin, Bühnenmensch

 


 

Ishvara, Kampnagel Hamburg, 26.05.2017

Rohes Fleisch wird mit Messern von an einem Kreuz befestigten Schweinehälften abgeschnitten und ins Publikum geworfen. Nackte Menschen tanzen in Ekstase zu dröhnender Elektromusik und schmiegen sich dabei heftig aneinander. Eine schräg links hinter mir sitzende Frau hält es nicht aus, einfach wahrzunehmen, was sie sieht und hört. Sie muss ihre Gedanken ihrer Begleitung mitteilen: „Boah ist das widerlich, schockt dich das nicht?“ Die Begleitung: „Doch, natürlich! Nur noch eklig so etwas!“ Sie stehen auf und gehen.

Es ist Freitagabend, der zweite Tag des Theater der Welt-Festivals in Hamburg. Ich sitze im Kampnagel K6 und bin gespannt auf einen vielversprechenden Abend mit Tianzhou Chens Ishvara. Die Ränge des Saals sind gut gefüllt, was sich jedoch schnell ändert. Schon mit Ende der zweiten Szene nach knapp 10 Minuten stehen etwa 20 Personen auf und verlassen den Saal. Nach der dritten Szene die nächsten 20 und so vergeht das insgesamt 2 Stunden 15 Minuten lange Stück nicht ohne Knarren und Quietschen der hoch gebauten Holztribünen.

Die lauten, wilden und sicher anstoßenden Szenen Ishvaras werden unterbrochen von gefühlt endlosen vor dem Vorhang gehaltenen Monologen auf Kantonesisch. Ich verstehe nichts, aber verstehe, dass Zuschauer diese Monologe als langweilig empfinden und die kurze Ruhe nutzen, um mit dem Nebenmann zu reden. Ich verstehe auch, dass Menschen der Provokation Chens nicht standhalten können und den Saal verlassen müssen. Zwei Dinge verstehe ich hingegen nicht: Warum bin ich überhaupt nicht schockiert? Und warum fasziniert mich dieses Stück so sehr? Bei mir kommt viel mehr Faszination als Provokation auf, ich erlebe dieses Stück als einen Rausch mit wahnsinnig lauter, aber auch erst dadurch so beeindruckender Live-Musik. Ich erlebe die überdimensional große Gummipuppe, die vom Protagonisten erst gewaschen, dann rot bemalt und liebkost und anschließend mit einem Messer zerstört wird, als beeindruckendes Bild seiner unglücklichen Liebe und schmunzle über diese absurde Darstellung. Und ich erlebe die Orgien der Schauspieler auf der mit einer riesigen Swastika versehenen Bühne als belustigend, gleichzeitig zwar verstörend, aber niemals schockierend. Ich nehme die Provokation Chens nicht persönlich – es ist doch nur ein Spiel, eine Performance im Rahmen eines Festivals, bei dem es immer auch zu viel, zu laut und zu extrem sein darf.

Das Ende Ishvaras, bei dem Mann und Frau Arm in Arm am Bühnenrand liegen und Britney Spears „Everytime“ live singen, vereint ganz gut, was ich nach über zwei Stunden Vorstellung fühle: verstört und gerührt sein. Es ist der stärkste Moment des Abends. Er macht deutlich, wie sehr die vorangegangene Ekstase notwendig war, um die Gefühle des Protagonisten zum Ausdruck zu bringen. Und ein bisschen wirkt diese Szene auch als Entschuldigung an das mittlerweile auf die Hälfte geschrumpfte Publikum:

„I may have made it rain – Please, forgive me – My weakness caused you pain – And this
song’s my sorry“ (Britney Spears)

Leif, 26 Jahre, aus Hamburg. Studiert Lehramt im Master mit dem Fach Deutsch an der Uni Hamburg.

 


 

Ishvara – Zwischen Ekel und Wut

Ich wurde gewarnt: „Setz dich bloß nicht so weit nach vorne, die werfen da mit Fleisch.“ Das gab mir noch eine Freundin als gutgemeinten Ratschlag mit auf den Weg als ich mich aufmachte, Ishvara, ein Theaterstück des „neuen Querulanten der chinesischen Kunstszene Tianzhuo Chen“, zu sehen (Homepage Theater der Welt). Fleisch? Das kann ich mir nicht vorstellen! Die sind da zwar etwas experimentierfreudiger bei Kampnagel als die anderen Hamburger Theater, aber Fleisch? Wahrscheinlich sind das irgendwelche Requisiten aus Plastik! Aber nein, leider hat sie Recht. Es handelt sich weder um Nachbildungen aus Plastik, noch um bereits verarbeitete Würstchen. Tatsächlich wird ein ganzes totes Schwein auf die Bühne gezerrt, festgenagelt an einem kreuzartigen Aufbau, dazwischen in der Mitte festgezurrt: ein nackter Mann. Der Tierkadaver wird mit Dreizacken und Messern von den Darstellern unter lautem Gekreische malträtiert. Wild knurrend und zischend hacken sie große Stücke ab. Die Fleischfetzen werden angenagt, stolz als Trophäe in die Höhe gehalten oder in das Publikum geschmissen. Schlussendlich wirft sich einer der Darsteller die Hälfte des Schweinekadavers auch noch über den Rücken. Die Nase des Schweins liegt auf seinem Kopf. Mir ist übel. Mein Magen verkrampft sich und mein Kiefer beginnt von meinem angewiderten Gesichtsausdruck zu schmerzen. Ich bin schon mehr als die Hälfte meines Lebens Vegetarierin. Ich finde die Vorstellung, mir etwas Totes in den Mund zu schieben, einfach nur ekelerregend. Zu Schulzeiten habe ich einige Zeit auf dem Land gelebt und musste jeden Morgen an der Bushaltestelle die vorbeifahrenden Schweinelaster ertragen. Habt Ihr das schon mal live gesehen? Die Schweine werden auf mehreren Ebenen in diese Transporter gestopft. Die Fahrt von den Massenställen zum Schlachthof ist der einzige Moment, in dem sie Tageslicht erblicken. Sie quieken ohrenbetäubend die gesamte Fahrt über in panischer Angst. Zwischen den Stäben des Transporters kann man einzelne Ringelschwänze eingequetscht neben rausgestreckten Nasen erkennen. Es ist unglaublich, wie viele tausende von Tieren jeden einzelnen Tag mit Antibiotika vollgestopft, hochgemästet und am Fließband geschlachtet werden, um dann im Supermarkt zu vergammeln und schließlich weggeschmissen zu werden, weil wir selbst in unserer Völlerei-Gesellschaft nicht so viele Tiere essen können, wie getötet werden. Es macht mich wütend, dass dieses arme Schwein auf der Bühne dafür missbraucht wird, dass ein Theaterregisseur eine Grenze überschreiten will. Unfassbar! Es gibt Grenzen, die dürfen meines Erachtens nach einfach nicht überschritten werden, auch nicht im Theater! Respekt vor Leben und insbesondere vor Lebewesen, die sich nicht wehren können, gehört definitiv dazu! Ein Tier ist keine Requisite, das zur Schau gestellt wird und dann im Müll landet! Auch heute, einen Tag später, ist mir immer noch übel und die Bilder wollen einfach nicht aus meinem Kopf verschwinden. Habe ich die Botschaft einfach nicht verstanden und bin zu zart besaitet? Vielleicht. Das einzig Positive, was ich aus dem gestrigen Abend mitnehme, ist die leise Hoffnung, dass es auch anderen Besuchern ähnlich erging. Wenn diese widerwärtige Szene bewirkt, dass sie ihren Fleischkonsum überdenken oder gar einschränken, ist das arme Schwein vielleicht nicht völlig umsonst gestorben.

Katharina – Hamburgerin und Tierfreundin

 


 

ISHVARA – überwältigende Ekstase

Kampnagel K6: die hölzerne Tribünenkonstruktion, die zwischen Halleneingang und Bühne aufragt, ächzt und knarzt unter den Schritten der hineinströmenden Besucher. Durch das hölzerne Innere des Gerüstes kommend, werden sie zu ihren Plätzen geschleust. Reihe 25 Platz 16 – das ist meiner, ziemlich weit oben. Die Luft staut sich unter der Decke. Es ist stickig, feucht und mindestens 35 Grad heiß.

Die immer weiter ansteigende Hitze und der Schweiß, der an mir herunterläuft, werden in den kommenden 2 Stunden einen hypnotischen und dumpfen Trancezustand in mir erwecken. Ein Zustand, der sich gleichermaßen – wenn auch durchdringlicher, erregter, ekstatischer – auf der Bühne wiederspiegeln wird. Während sich zu Beginn alles noch sehr langsam entwickelte, wurde es im weiteren Verlauf immer lauter, wirrer und vor allem durchdringender. Es gibt Szenen, die bis auf das Geräusch von leise plätscherndem Wasser still eröffnet werden. Eine Stille, die zu einem lauten, verzerrenden Gelächter wächst, das wiederum zu schrillen und wütenden Schreien umschwingt, die schließlich in Wehklagen münden und in meinem Kopf hängen bleiben. Währenddessen fliegen Fleischstücke durch den Raum, werden von den Darstellern angeleckt, verschlungen oder um ihre bemalten Oberkörper gelegt. In grotesken, verzerrten Bewegungen tanzen sie um göttliche Abbilder herum, werden dabei vielleicht selbst zu welchen – von Trieb und Begierde gesteuert. Sie schieben ihre Zungen über ihre nackten Hälse, Oberkörper, Brüste und versuchen sich gegenseitig zu verspeisen. Gefangen in einem Moment der Ekstase. Ich bin angespannt und berauscht gleichermaßen.

Immer mehr und heißerer Schweiß sickert langsam meinen Oberkörper hinab. Hypnotisiert bin ich in den Welten und Fantasien, die Tianzhuo Chen erschreckend gewaltig vor mir ausgebreitet hat, versunken. Mein Körper wird jedoch zunehmend klebriger und feuchter, die Luft schnell unerträglich stickig. Am Ende fühle ich mich überfordert und erschöpft von dem Zusammentreffen der Wärme und meiner Eindrücke. So unwirklich und provokant die Inszenierung jedoch gewesen sein mag, sie hat mich berührt, berauscht und mich in sich hineingesogen. Ob ich jedoch nochmal kommen würde, kann ich nicht sagen.

Sina Fischer, 25, Studentin

 


 

Das spielt keine Rolle!

Wäre das gestern ein Vorstellungsgespräch gewesen und Ishvara der Arbeitgeber, der mich auf den Prüfstand stellt, hätte ich den Job mit großer Wahrscheinlichkeit nicht bekommen. Meine Stärken? Toleranz, Mut, Teamfähigkeit, Zuverlässigkeit, das große Ganze sehen. Meine Schwächen? Ungeduld und Unbehagen bei Kontrollverlust. Ishvara hat es nicht nur geschafft, die Grenzen meiner Schwächen auszureizen, sondern auch meine Stärken zu Schwächen umzupolen und aus der Rolle zu fallen.

Um die Pointe vorwegzunehmen – ich habe nicht durchgehalten. Ich war eine von vielen, die den Schauplatz vorzeitig verlassen haben. Eine, die es nicht geschafft hat, in der Rolle zu bleiben. Die Rolle als Zuschauer – neugierig, hinsichtlich der Bedeutsamkeit der Diversität des Theaterfestivals, vor allem auch weltoffen. Die Rolle, in der man in das Theaterstück eintaucht, das Bühnenstück als Kunstwerk sieht, bei dem man mitfühlt und mitfiebert. Die Darsteller hingegen haben es geschafft in der Rolle zu bleiben, durch nichts und niemanden konnten sie sich aus der Ruhe bringen lassen, weder durch die flüchtenden Menschenmassen, die bei ihrem Abgang die Holztribüne zum knarzen und beben gebracht haben, noch durch Buhrufe und verhaltenen Applaus.

Es ist nicht so, dass das Stück keine Gefühle in mir ausgelöst hat. Im Gegenteil. Während der ersten Szenen, in der die Darsteller im Zeitlupentempo über ein hakenkreuzähnliches Symbol auf dem Fußboden tanzten, in der mir eine junge Frau einen 10-minütigen Monolog auf Chinesisch vortrug, wollte ich sie anbrüllen, wollte eine Zündschnur zünden, deren Knall die Darsteller und somit auch die Zuschauer wachgerüttelt hätte. Ich wollte, dass alles schneller wird – die langsame Musik, die schleichenden Tänzer und der sanft schweifende Lichtkegel. Der Knall kam – nicht von mir und meiner Zündschnur – von einer Darstellerin, die immer hektischer auf einen großen Gong einschlug. In jenem Moment fühlte ich mich erleichtert, meine Ungeduld sollte ein Ende haben. Doch was folgte, strapazierte meine Nerven nur noch mehr. Halbnackte Menschen, die einen lustvollen und zugleich gewaltsamen Koitus mimten, begleitet von ekstatischen Zuckungen und schrillem Gelächter. Menschen, die wild mit großen, glänzenden Beilen umherfuchtelten, das Publikum mit Fleischresten bewarfen und einer aufblasbaren Puppe die Gedärme aus der Scheide zogen – das war zu viel, ich verließ den Saal und somit meine Rolle als Zuschauerin. Geknickt, erschöpft, sauer über mich selbst, dass ich der Provokation nicht standhalten konnte. War das das Ziel der Aufführung? Sollte ich lieber aufgeben anstatt meine Selbstbeherrschung zu verlieren? Vielleicht hätte es die Auflösung am Ende gegeben. Ich weiß es nicht, aber eigentlich spielt es ja auch keine Rolle!

Marieke, Studentin der Universität Hamburg

 


 

Ishvara von Tianzhuo Chen

Vor zwei Stunden verließ ich das Theater und noch immer ist mein Körper aufgewühlt und zittrig. Noch immer verschmelzen Sound, Gesang, Tanz, Bühnenbild, Licht zu einer Einheit, um gleich wieder in ihre Einzelteile zu zerfallen oder um als einzelne, voneinander losgelöste Fetzen nebeneinander zustehen. Wie schreiben über ein Stück, in dem so viele große und machtvolle Handlungen gleichzeitig, nebeneinander oder fast ineinanderfließend stattfinden. In dem der hinduistische Tempeltanz, Butohtanz, Mevlana, zeitgenössischer Tanz und sicherlich noch andere Tanzstile, die ich nicht erkannt habe, ineinanderfließen. Dann bleibt noch die Frage offen: wie schreibe ich über ein Stück, dessen Symbole und Erzählkunst mir aufgrund meiner Sozialisation und meiner Lebenswelt nicht zugänglich sind? Meine Erzählung wird wohl oder übel lückenhaft bleiben. Aber dann denke ich auf dem Nachhauseweg „wie gut, dass dir in der Performancekunst Bilder vorgesetzt werden und du sie mit deinen eigenen Assoziationen und Emotionen verknüpfen kannst und das sogar erwünscht ist.“  Nach diesem Vorwort kommt auf mich die schwierige Frage zu: „Worum ging es eigentlich in diesem Stück?“ Strebsam wie ich bin, habe ich natürlich das Programmheft gelesen und ich muss gestehen, mit all den aufgezählten Göttern und Göttinnen und deren Geschichten kann ich auf die Schnelle wenig anfangen, also lege ich das Heft wieder zur Seite. Was bleibt, ist die Faszination der nackten Körper. Körper, die als Fantasiewesen auf die Bühne treten und dich in eine fast traumhafte Welt ziehen; Körper, die begehren, zerstören, animalische Laute von sich geben. Körper, die erniedrigen und erniedrigt werden. Körper, die in Trance fallen und nach Höhepunkten suchen; Körper, die in der Vagina und an der Brust einer Frau ihrer Einsamkeit zu entfliehen versuchen. Körper, die Lust am Quälen und an Demütigungen empfinden. Es ist die lustvolle Grausamkeit, die dem menschlichen Körper innewohnt, die mich fasziniert.

Immer wieder muss ich während der Aufführung an den Butohtanz denken, der auch als Anti-Tanz bezeichnet wird. Der das Unharmonische und Hässliche feiert und der als Antwort auf Hiroshima entstanden ist. Der versucht, das Innerste des Menschen nach außen zu kehren. Müssen wir nicht über das Grausame und Hässliche in uns Menschen sprechen, damit Hiroshima nicht noch einmal passiert?

Nach fast einer Stunde Anspannung, Faszination und Ekel erlöst mich tatsächlich Britney Spears. „Every time“ wird von zwei Performerinnen zart und liebevoll gesungen. Mein Körper entspannt sich und ein Lächeln huscht über mein Gesicht. Und so finden auch in diesem Stück „Yin und Yang“ wieder zueinander und bilden ein Ganzes.

Serfiraz Vural, Studentin der Performance Studies, Universität Hamburg

 


 

Ishvara – auf jeden Fall Geschmackssache.

Ich komme in den Raum und bin erstaunt, wie riesig der Raum ist. Im K6 vom Kampnagel war ich noch nie. Ich habe mich extra nicht informiert, wollte das Stück einfach auf mich zukommen lassen und gucken was passiert. Das Einzige was ich weiß ist, dass es sich um Musiktheater / Performance handeln soll- steht auf meiner Karte. Also kann mich quasi alles erwarten. Das denke ich zumindest und bin trotzdem mehr als verwirrt, als ich nach zwei Stunden und fünfzehn Minuten den Raum wieder verlasse. Zu Beginn versuche ich noch, irgendwas mir Bekanntes, schonmal Gesehenes zu finden – die Lichtinstalation zum Beispiel, die ist schön, die wiederholt sich! Oder doch nicht? Sobald ich meine irgendwas auch nur ansatzweise verstanden zu haben oder zumindest die Intention dahinter zu erkennen passiert schon wieder etwas Neues und ich denke mir mehr als nur einmal „nein… DAS haben die jetzt nicht wirklich gemacht!?“. Das Stück hat für mich etwas von einem Albtraum. Da sind die gruseligen Masken, die auf der Leinwand gezeigt werden, die komischen Verrenkungen der Schauspieler, da sind sexuelle Handlungen auf suspekte Weise angedeutet, Fleisch, das herumgeworfen wird, viel, viel nackte Haut, irgendetwas wie die Urtriebe des Menschen die dargestellt werden, und doch fasst das viel zu kurz. Das Stück ist verwirrend, eklig, beängstigend, pervers, widerlich,gruselig, langweilig, irreal, überladen, verstörend und auf jeden Fall Geschmacksache. Ich habe es selten erlebt dass so viele Zuschauer während des Stücks gegangen sind. Immer wieder; mal ein, zwei einzelne Leute, manchmal ganze Gruppen. Und das nicht nur innerhalb der ersten halben Stunde, sondern konsequent das ganze Stück hindurch, selbst kurz vor Ende sind Einige noch gegangen. Das fand ich wirklich spannend und ich merkte wie mein Blick sich von der Bühne weg immer wieder hin zum Zuschauerraum bewegte. War die Stelle jetzt zu krass, gehen jetzt wieder welche, und wenn ja wann gehen sie? Die Fragen was die nächste Szene mit mir und den anderen Zuschauern macht drängte sich mir immer wieder in den Kopf, das Stück ging für mich über die Bühne hinaus. Ich müsste Lügen wenn ich sagen würde, ich hätte nicht auch mit dem Gedanken gespielt das Stück zu verlassen, bei einigen Szenen, die für mich einfach zu absurd und krass waren und dem Wissen dass das Stück noch nicht einmal bei der Hälfte angelangt ist habe ich stark überlegt mich einer der rausschleichenden Gruppen anzuschließen. Dadurch, dass schon zu Beginn des Stücks einige Zuschauer rausgegangen sind, hatte ich den Eindruck, dass sich eine bestimmte Dynamik innerhalb der Zuschauerreihen gebildet hat. Wenn es zu krass ist, dann geht man- finde ich auch genau richtig. Ich bin trotzdem irgendwie froh dass ich es mir bis zum Ende angeguckt habe und würde mich trotzdem auf nichts anderes festlegen, als dass Ishvara nichts für schwache Nerven und auf jeden Fall Geschmackssache ist.

Luca, 24 studiert auf Lehramt an der Uni Hamburg.

 


 

ISHVARA

Um es mal vorsichtig zu formulieren: ich bin sauer. Gerade habe ich mit einigen meiner Kommilitoninnen das Theater verlassen. Nun stehen wir in einer lauen Sommernacht auf Kampnagel und schauen einander rat- und verständnislos an.
Begonnen hatte der Abend mit einer Einführung, die von reinkarnativer Dramaturgie sprach, uns warnte vor extremen Emotionen, Rauschhaftigkeit und exzessiver Lautstärke – eine Inszenierung, die nicht nur die Gedanken, sondern auch die Körper ihres Publikums in Schwingungen versetzen will. Und so betrete ich das Theater, neugierig und bereit, mich auf eine Reise ins Unbekannte, Ungewisse einzulassen – Ishvara, die höchste persönliche Gottheit, wie mag sie sich uns heute abend darstellen?
Empfangen werden wir von fremdartigen Klängen, musikalisch wie sprachlich: meine Unkenntnis der fremden Sprache wirft mich zurück auf Musikalität und Lautmalerei als einzig mögliche Kommunikationsform, trennt mich ab von meinen Worten, die doch sonst das probate Mittel der Erkenntnis scheinen. Ab jetzt muss ich mich auf Augen und Ohren verlassen, Sinneseindrücke ungefiltert aufnehmen: sphärischen Gesang, der körperlos über einem in tiefes Rot oder Blau getauchten Bühnenbild schwebt, wiederkehrende Klangschleifen, die mich an Steve Reichs „Music for 18 Musicians“ erinnern, meditativ und geradezu sakral. Das Geschehen auf der Bühne wandelt sich derweil von einem Zwei-Personen-Stück zur Walpurgisnacht-Szene, optisch und akustisch assoziiere ich eine Herde Paviane, das Tier im Menschen betritt die Bühne. Es ermüdet mich, tausendmal gesehene sexuelle Anspielungen ein weiteres Mal ausagiert und ausgewalzt zu sehen, auch wenn die Traumbilder in ihrer Surrealität durchaus ihren Reiz haben. Schwarz-Weiß-Bilder von verlassenen Schiffen werden im Wechsel mit Bildern zweier miteinander kämpfender Gestalten mit blutigen Genitalien eingeblendet; Begriffe wie Geisterschiff, Totenschiff, Sklavenschiff drängen sich auf. Assoziationen archaischer Mythen mischen sich mit dem orgiastischen Treiben auf der Bühne. Eine Atmosphäre von Gewalt, Bedrohung, Unterdrückung und Leid scheint greifbar, die ich wie eine geballte Faust im Magen spüren kann. Ich suche eine Geschichte, einen roten Faden, wo vielleicht gar keiner ist; versuche, zu verstehen, was vielleicht unverständlich bleiben muss und scheitere, natürlich.
Was nehme ich mit aus diesem Abend? Das grundsätzliche Gefühl von Fremdheit; den Eindruck, tausend Zitate nicht erkannt zu haben, weil ich die kulturellen Voraussetzungen dafür nicht mitbringe, nicht mitbringen kann als durchschnittliche Mitteleuropäerin. Eine Ahnung, dass unser Bedürfnis, zu verstehen, allem eine Bedeutung geben zu wollen, von Anfang an der falsche Ansatz sein könnte. Dass Hingabe an die Reise des Lebens mit all ihren Höhen und Tiefen, Rausch, Ekstase, Zerstörung, Verzweiflung, des Rätsels Lösung bringen könnte.

Und wenn es Intention des Theaters ist, unmittelbare Emotionen im Betrachter zu wecken, so ist das auf jeden Fall gelungen. Dieser Abend wird noch Anlass mancher Diskussion sein.

Anja ReuerAnja Reuer, Studentin Universität Hamburg

 

 


 

ISHVARA – oder „wo bin ich hier nur gelandet?“

Ein schwarzer Vorhang, gerahmt von leuchtenden chinesischen Schriftzeichen. Im Hintergrund ertönt eine Laute, dazu plätscherndes Wasser. Die Spannung darüber, was mich in den nächsten etwas mehr als zwei Stunden erwarten wird, steigt. Ich habe mich im Vorfeld nicht allzu viel über das Stück informiert, will es einfach auf mich zukommen lassen.

„Ich verstehe nichts“, sagt eine Kommilitonin neben mir. Ich stimme ihr zu. Das Problem ist nicht die Lautstärke und auch nicht die Sprache. Wir befinden uns in Ishvara, einer Performance-Aufführung des Chinesen Tianzhuo Chen und was wir sehen, können wir überhaupt nicht einordnen. Allein das Bühnenbild: ein abgetrennter Kopf, der am Schopf gepackt wird und die Zunge herausstreckt, eine riesige Swastika am Boden, im Hintergrund, auf einem hohen Podest, ein rot leuchtendes Kreuz. Ich weiß gar nicht, wo ich zuerst hinschauen soll. Dazu die Tänzer, die mal ekstatisch zu elektronischer Musik tanzen, mal wie Wilde auf der Bühne herumspringen und -schreien. So muss sich ein LSD-Rausch anfühlen.

Als ein nackter Mann, an eine gekachelte Wand gekettet und von Tierkadavern umringt, hereingeschoben wird, ist für mich der Höhepunkt erreicht. Ich frage mich, was das alles soll und bin wahrscheinlich nicht die einzige, denn nach und nach leeren die Ränge sich. Doch ich bleibe. Und erlebe, wie das zuvor Gesehene immer wieder von etwas noch Krasserem übertroffen wird. Irgendetwas an den zunehmend nackter werdenden Gestalten, die sich immer obszöner bewegen, fasziniert mich im gleichen Maße, wie es mich abschreckt. Die Musik reißt mich mit und schwirrt mir immer noch im Kopf herum.

Ich habe noch nie etwas Vergleichbares gesehen und bin mir sicher, dass so schnell auch nichts hinterherkommen wird. ISHVARA hat bei mir definitiv einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Auch in diesem Moment versuche ich immer noch, zu verarbeiten, was da gestern passiert ist. Verstehen werde ich es wohl nach wie vor nicht. Aber die Frage, die sich mir jetzt aufdrängt, ist: Muss man das überhaupt?

 

Jana Janßen

Jana Janßen: wurde vor 21 Jahren im ostfriesischen Aurich geboren. Nach dem Abitur wollte sie dort so schnell wie möglich weg und ist nach Hamburg gezogen, um das Großstadtleben kennenzulernen. Hier studiert sie Germanistik und Psychologie und hofft, damit später auch mal einen Job zu finden.

 


 

Am Ende weiß ich nicht wohin mit der Performance!

Endlich beginnt das Theater der Welt 2017 in Hamburg und ich war gleich einen Tag nach der Deutschlandpremiere von Ishvara bei der zweiten Aufführung am Start. Ich hatte so gut wie keine Vorerfahrungen mit dieser Art von Musiktheater, noch kannte ich den Regisseur Tianzhuo Chen. Am Eingang in die Theaterhalle Kampnagel K6 bot man mir Ohrenstöpsel an, denn die Performance würde an einigen Stellen ziemlich laut werden. Und wie laut, davon konnte ich mich innerhalb der nächsten zwei Stunden selber überzeugen. Obwohl der Begriff überwältigen statt überzeugen meiner Ansicht nach der treffender wäre. Die Halle war randvoll. Es kam mir vor, als würde die Luft in dem Raum stehen, es war sehr stickig. Die Musik setzte ein und der schwere, schwarze Vorhang fiel. Die Inszenierung beginnt ruhig und ohne dramatische Effekte. Doch plötzlich schlägt die Musik richtig ein und die elektronischen Bässe lassen mir keine Zeit zum Atem holen. Zwei Hauptakteure führen in die Performance ein. Es wird nicht gesprochen, kein Text ist zu hören. Die Kommunikation mit den Zuschauern verläuft über tänzerische Ausdrucksmittel. Mit zunehmender Zeit der Performance kommen auch mehr Akteure hinzu, die Kleidung verliert immer mehr ihren ästhetischen Wert. In der zweiten Stunde bewegen sich die Tänzer auf der Bühne fast ausschließlich nackt und feiern ein riesiges orgastisches Fest. Ich kann zwischenzeitlich nicht mehr unterscheiden, ob ich Voyeur einer über-dimensionalen Swinger-Party oder noch Zuschauer eines Theaters bin. Dass diese Art von Inszenierung nicht für jeden sofort zugänglich ist, wird mir ziemlich schnell bewusst. Das andere Indiz für die fehlgeschlagene Verständlichkeit zeigen die Zuschauer auf ihre Weise, die es offenbar nicht erwarten können wieder nach Hause zu kommen, obwohl die Performance erst eine halbe Stunde lang läuft. Am Ende haben gut ein Drittel das Theater vorzeitig verlassen.

Tianzhuo Chen weiß, wie man sein Publikum musikalisch, tänzerisch, mit projizierten Filmfetzen auffordert, ständig mit dabei zu sein und der Inszenierung zu folgen. Ich bekam an diesem Abend alles geboten, es war schnell, langsam, laut, leise, mitreißend, extrovertiert, obszön und auch pervers. Ich kann nicht behaupten, dass mich die Performance dazu einlud, morgen gleich wieder ein derartiges Schauspiel zu besuchen. Was am Ende bleibt ist die Bilderflut in meinem Kopf und die an vielen Stellen verstörende Inszenierung auf der Bühne, die mich am Ende ratlos zurücklässt.

Hassan Elayan

 


 

Ishvara – Living Nightmare

Eigentlich muss man ja schlafen um Alpträume zu erleben, aber einen lebendigen Alptraum habe ich bis gestern Abend noch nicht erlebt. Woraus sind Alpträume gemacht? Sie zeigen einem in erster Linie eigene Ängste auf. In Ishvara haben viele Dinge meine Ängste repräsentiert. Dazu gehören beispielsweise leichenartige nackte Körper mit monsterähnlichen Masken, die seltsame Geräusche von sich geben oder Sexszenen, die in eine Art Vergewaltigung übergehen. Diese Ängste gehen fließend über in ein intensives Ekelgefühl, das seinen Höhepunkt beim Rumwerfen – und vor allem beim Ins-PublikumWerfen – von rohem Fleisch erreicht. Beide Komponenten – der Ekel und die Angst – versuchen sich während des Stückes gegenseitig zu übertrumpfen. Sie vermischen sich jedoch auch irgendwann. Ihr Wechselspiel verursacht ein immer größer werdendes physisches Unwohlsein bei mir, es ist als würden mir die Knochen einfrieren – dabei ist die Hitze im Theatersaal unerträglich. Sich körperlich nicht wohl zu fühlen – das kennt man ja auch aus Alpträumen. Was außerdem ja immer gesagt wird ist, dass in Träumen die Abgründe der eigenen Persönlichkeit zum Vorschein treten können. Sind diese Abgründe davon geprägt, dass man die Dinge, vor denen man sich fürchtet und ekelt auf eine sonderbare Art und Weise auch anziehend findet? Wie geht die Psyche mit Tabus um? Die ekstatische Performance der Darsteller in Ishvara gleicht einem Sommerfest im Kindergarten. Es wird gekichert, herumgetollt und gerauft und das ohne Klamotten und ohne Hemmungen. Vielleicht gibt es ja etwas im Menschen, das sich ein solches Zusammentreffen wünscht.

Es gibt noch eine andere Szene, die mich sehr an Alpträume erinnert hat. Es ist die Szene, die vier parallele Geschehnisse in sich vereint. Eine alte, seltsame Kreatur, die sich am vorderen Rand der Bühne räkelt, ein tanzendes Paar, das in seinen Bewegungen von Slow Motion zu rapidem Rock’n’Roll übergeht, der das Stück mit seiner Musik umrahmende Gitarrenspieler und die sektenhafte Gruppe mit dem Gong, die am hinteren Rand auf einer Erhöhung tanzt. Während sich diese Szene entfaltet, fühle ich mich immer unwohler und merke, wie mich die Inkompatibilität der Bühnenakteure und ihrer Tätigkeiten unruhig macht. In einem schönen Traum passt meistens alles zusammen. Da würden die Tänzer zu Rock’n’Roll Musik tanzen, die der Zuschauer auch hören kann. Oder der Gitarrenspieler würde etwas spielen, was zu ihren Bewegungen passt. Das präsentierte Chaos fühlt sich sehr unbefriedigend an und trägt zu meinem sich sowieso aufbauenden Unwohlsein bei. Das, was für die meisten Menschen Alpträume furchtbar machen ist die Ausweglosigkeit, die man erlebt. Ich habe mich während Ishvara auch sehr gefangen gefühlt, bis mir aufgefallen ist, dass der Weg nach draußen gar nicht weit ist

Marjam Geraky Rodriguez

 


 

Ishvara – Zwischen Faszination und Ekel

Noch nie habe ich ein Theaterstück während der laufenden Vorstellung verlassen. Ich liebe neue und fremde Stücke, vor allem wenn sie aus anderen Ländern stammen und dann noch Deutschlandpremiere feiern. Als Theaterliebhaberin habe ich auch schon einige davon gesehen. Heute konnte ich nicht anders und musste die Vorstellung frühzeitig verlassen…

Das Stück, um das es sich handelt: Ishvara. Der Herr des Universums. Der Anfang des Theaterstückes packte mich zunächst; man hörte durch den noch geschlossenen Vorhang jemanden eine wunderschöne Melodie auf einem orientalischen Saiteninstrument spielen und als sich der Vorhang langsam öffnete und das in lila und pink getränkte grandiose Bühnenbild zum Vorschein kam, klappte mir die Kinnlade runter. So eine prächtige und einzigartige Kulisse hatte ich selten gesehen! Dann ging das Stück richtig los… In der ersten Szene freute ich mich und wunderte mich zugleich ein wenig, den Schauspieler und Tänzer auf eine rare und so unbekannte Art tanzen zu sehen. Die Bewegungen erinnerten mich an einen Tanz, den ich während meiner Reise durch Tansania erlebte, als Bewohner eines Dorfes sich wie paralysiert zu einer nicht dazu passenden Musik bewegten. Die Bewegungen waren mir fremd und ich war Hin- und Hergerissen zwischen Faszination und Schreck. Sie bewegten sich zuckend und mit ungewöhnlichen Bewegungen, wie in Trance. Vielleicht, dachte ich mir während des Theaterstückes, liegt es einfach an den extrem verschiedenen Kulturen und Bräuchen, an meinem fehlenden Wissen der chinesischen Kultur und Geschichte, dass mir dieser Tanz und die Entwicklung des Stückes so fremd und seltsam vorkamen und dass ich mich unwohl fühlte. Doch jede weitere Szene des Stückes wurde bizarrer, es wurde immer mehr nackte Haut, immer mehr Blut gezeigt und weiß geschminkte, leichenähnliche Körper wanden sich auf der Bühne. Geschlechtsorgane wurden zum Zentrum des Geschehens: Sex, Perversion und Gewalt nahmen die Überhand des Stückes. Ich ekelte mich immer mehr, da die Szenen und vor allem die auftretenden Figuren auf der Bühne immer irrealer und unmenschlicher wurden. Mein Wille, das Stück zu verstehen, meinen Ekel zu überwinden und die Performance zu durchdringen ließ immer weiter nach. In dem Augenblick, als die sich halbnackt räkelnden, stöhnenden und schreienden Figuren auf der Bühne begannen, rohe Fleischstückchen ins Publikum zu werfen, zog ich einen Schlussstrich und verließ den Raum.

Der Versuch, Tabuthemen der Gesellschaft überdimensional darzustellen und auszuleben ging meiner Meinung nach total in die Hose. Das Stück ist definitiv zu weit gegangen.

Nicola, Studentin der Uni Hamburg, 25 Jahre alt.

 


 

Auf der Suche
Minutenlang erfüllen asiatisch anmutende Gitarrenklänge den Theatersaal K6 im Kampnagel. Sonst geschieht nichts. Doch, da ist noch etwas, was wie das Plätschern von Wasser klingt, aber der Vorhang bleibt geschlossen. Nach gefühlten 10 Minuten (das Publikum wird langsam unruhig) gleitet der schwere Stoff endlich auseinander. Eine Art Standbild ist zu sehen: In der Mitte der Bühne ein Wasserbecken, an dem zwei Gestalten hocken, davor ist das indische Sonnenrad auf den Boden gezeichnet, hinter dem Becken ein Podest, darauf eine weitere Gestalt, links daneben das riesige Bild eines blauen, abgetrennten Kopfes, der von einer Hand mit pink lackierten Nägeln gehalten wird. Weitere Minuten vergehen. Der Vorhang schließt sich wieder. „Ishvara – Das kürzeste Stück der Welt. Herzlichen Glückwunsch, dafür haben Sie jetzt 9 Euro bezahlt“, flüstert meine Freundin, die neben mir sitzt und sich Luft zufächelt, denn es ist ziemlich warm und stickig. Aber dann bewegt sich der Vorhang erneut. Er öffnet sich nur einen Spalt breit. Eine schlanke Schauspielerin in einem weißen Hemdchen (ich glaube es ist die, die vorher oben auf dem Podest stand) schiebt sich durch die Lücke und setzt sich an den Bühnenrand, die Beine angewinkelt und mit den Armen umschlungen. Das sieht sehr hilflos, klein und verloren aus. Sie beginnt zu sprechen. Ich verstehe kein Wort und suche vergeblich nach einem Untertitel. Da das Stück aus China stammt, nehme ich einfach mal an, dass sie Mandarin spricht und denke darüber nach, wie wenig ich über asiatische Sprachen weiß. „Vielleicht geht es eher um das Gefühl, was transportiert werden soll“, raunt meine Freundin mir zu, in dem Versuch dem Ganzen einen Sinn zu geben. Eine Stunde später hat sich das mit der Sinnsuche entscheidend verkompliziert. Mittlerweile wurde bereits ekstatisch zu Goa-artiger Musik getanzt, wir haben einem weiteren Monolog der schlanken Schauspielerin gelauscht, es gab so etwas wie eine „Evolution of Dance“ in Slow-motion und vor allem viel nackte Haut, viel Gestöhne, hysterisches Lachen und das Aneinanderreiben von Körpern in diversen Konstellationen. Die halbnackten Schauspielenden tragen merkwürdige Bemalungen auf der Haut und noch merkwürdigere Hörner auf den Köpfen. Ich empfinde alles als höchst verwirrend und verstörend und scheine damit definitiv nicht allein zu sein. Davon zeugen die Kommentare der Menschen um mich herum und die Zahl derer, die bereits das Theater verlassen haben. Dann wird ein nackter Mensch, der auf einem Brett befestigt ist, auf die Bühne gerollt. Er sieht so ein bisschen aus wie Jesus am Kreuz, allerdings hat er – nennen wir es – Flügel, aus Fleisch, vermutlich Schweinerippen. Außerdem liegt ein totes, halbes Schwein über seinem Unterkörper – und ja, das ist definitiv echtes Fleisch. Während die anderen Anwesenden auf der Bühne unter Stöhnen und Kreischen beginnen das Fleisch abzuschneiden, werden auf einer Leinwand im Hintergrund auf dem Wasser schaukelnde Boote gezeigt. Das ist im Gegensatz zu dem, was davor geschieht sehr beruhigend, wird sich im weiteren Verlauf jedoch auch noch ändern. Insgesamt kann ich all das, was dort auf der Bühne geschieht, nicht einordnen und mit einer Botschaft versehen, denn „Verstören“ allein, ist mir als Aussage einfach zu wenig. Dann schmeißen die Darstellenden plötzlich Fleischstücke ins Publikum. Ich bin froh, dass wir so weit entfernt von der Bühne sitzen und hoffe, dass weiter vorn niemand das rohe Fleisch ins Gesicht bekommt, schon gar nicht VegetarierInnen oder VeganerInnen, für die so etwas wahrscheinlich noch einmal doppelt so verstörend wäre. Mir fällt auf, wie oft ich hier das Wort „verstörend“ verwende, aber für mich beschreibt es die Inszenierung einfach am Treffendsten. Sicherlich, Kunst darf vieles, aber trotzdem finde ich, dass Kunst auch immer etwas vermitteln, etwas bewirken sollte. Und ich weiß nicht, ob verstören und Ekel erzeugen genug ist. Aber ich hoffe auch einfach, dass irgendjemand diesem Stück mehr entnehmen kann… und es mir vielleicht sogar erklärt.

Birte lebt und studiert seit einigen Monaten in Hamburg.

 


 

Tianzhuo Chen: ISHVARA.

In der Einführung werden wir vorgewarnt: verstörende, schockierende Bilder, auch sehr lautstark, aber wir mögen doch bitte durchhalten, es lohne sich. „ISHVARA  ist kein Stück zum Verstehen. Es muss durchlebt werden.“ So gibt es gleich am Anfang einen an  uns, das Publikum, gerichteten Monolog auf Kantonesisch, der nicht übersetzt wird, sehr fremd (eben fernöstlich) sowie wunderbar melodiös und melancholisch klingt. „Dong dong dong“, ganz weich, erinnere ich – und ich kann nicht umhin, doch verstehen zu wollen und meine ein       ni hao“ („Hallo“, „Guten Tag“) zu erkennen. Bachgemurmel im Hintergrund. Beruhigende Oud-Klänge lullen mich ein in eine trügerische Harmonie des Fernen Ostens.

Das soll sich bald ändern. Das Bild einer abgehackten geschlossenen Faust, die mich an den kommunistischen Gruß erinnert, baumelt wie erhängt von der Decke.

Das Bühnenbild ist zunächst noch in mystischem Nebel getaucht. Ein unheimlicher Tänzer (faszinierender Mix aus Butoh und hinduistischem Tempeltanz), gewinnt die Oberhand über einen anderen, positioniert sich heroisch mit einem Bein auf dem Unterlegenen, ein goldener Neptun-Dreizack zeptermäßig in den Boden gerammt. Gewalt und Unterdrückung. Ekliges Vogelgezwitscher.

Elektronische Musik dreht auf, bringt das Nervenkostüm unter der Haut zum Zittern, laut ja, aber noch lauter sind die Bilder, die sich auf der Bühne ekstatisch entwickeln: Die Performance bleibt bei Macht und Ohnmacht, Gewalt und Opfer,  egal, ob die Bilder sexuell (ein ganz starkes Element in diesem Stück), rauschhaft, gelangweilt, animalisch, kannibalisch, mörderisch und / oder religiös aufgeladen sind. Wasser, ob im riesigen Ausmaß auf der Leinwand zu sehen oder in einem Becken auf der Bühne, wird in widersprüchlichen Facetten eingesetzt: ruhig und bedrohend bis tödlich, reinigend und surreal blutbesudelnd …

Letztlich bricht eine überdimensionale, aufgeblasene Gummipuppe mit Pippi-Langstrumpf-Sex-Appeal den Verlauf der vielen gewaltvollen Überrollungen. Ein wenig befreiende Komik kann ich jetzt gut gebrauchen; meine Mitmenschen in den Reihen um mich herum offenbar auch. Obwohl – auch diese Gummipuppenszene ist seltsam verstörend …

Der  Schluss berührt sehr, zeigt einen empathischen Moment, endlich. Ach nein, kein Aufatmen, es ist eine Vor-Schlussszene: Mit dem Anfangsbild  startet der Kreislauf erneut.

Erschreckend empfand ich, dass die barbarischen Szenerien irgendwie genussvoll und  wie selbstverständlich vermittelt wurden. Ich habe das Stück zwar durchlebt; aber dass ich das haben musste, kann ich nicht bestätigen. Vielleicht habe ich es ja auch nur überstanden? Ich bin ziemlich zerrüttet nach Hause gekommen.

Die schauspielerische und tänzerische Leistung war allerdings großartig! Dafür meinen Applaus!

Ursula, Hamburgerin, Kontaktstudentin AWW, Uni Hamburg

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