Stimmen aus der Universität Hamburg – Ishvara

Seminar: Transitorische Räume im Gegenwartsdrama und -theater unter der Leitung von Felix Lempp, M.A.

Ishvara oder die Reise zu den tanzenden Marsmännchen

Die hölzerne Zuschauertribüne knarrt bei jedem Schritt der Besucher wie ein alter Kahn, der friedlich am Steg auf den Wellen schaukelt. Ich stelle mir vor, den Bauch dieses Schiffes zu betreten, und lasse mich – bereit zum Ablegen – weit oben in Reihe 26 Mitte in einen Stuhl sinken. Nur die Temperatur im Saal überschreitet diese Ziffer großzügig – so wird mit Eintrittskarten hektisch vorm Gesicht gewedelt, den neugierigen Blick gebannt in ein noch tiefschwarzes Nichts gerichtet, das wohl die Bühne ist. Wenig später: Saaltüren zu, Anker gelichtet – wohin wird diese Reise wohl gehen?

In die Dunkelheit mischen sich zarte, fremde Klänge einer altertümlichen Gitarre, dazu leises Wasserplätschern. Der Vorhang hebt sich, wir schauen in eine nebelig-schwüle Welt, mit religiösen Symbolen geschwängert, überladen, bunt. Zwei Figuren stehen regungslos in der Szenerie. Eine Frau inmitten verschiedenster technischer Geräte beginnt zu donnernden elektronischen Sounds zu singen, irgendwie anders, irgendwie sphärisch, irgendwie schräg. Trotz etwas Bauchansatz tanzt die erste Figur unter erstaunlich kunstvollen Verrenkungen los, bewegt sich – fast wie in einem Duett – mit einem Papierschirmchen unter rieselndem Kunstschnee. Oder Reis? So genau kann man das von hier hinten nicht erkennen. Dann Vorhang zu. Eine asiatisch ausschauende junge Dame, simpel gekleidet, setzt sich an den Bühnenrand und erzählt etwas auf Chinesisch. Ihre monotone Stimme gleicht den Ansagen aus einer Dauerwerbesendung oder Wettervorhersage. „Über Hamburg tropische Hitze, vereinzelt Schauer und Gewitter…“ Jetzt passiert es. Für einen kleinen, unbemerkten Moment ist da so etwas wie ein Einlassen, diese Stimme nimmt mich bei der Hand und zieht mich in ihren Bann…

Die Sache mit dem Schwein

Vorhang wieder auf. Die Bühne wird in hundert vibrierende Lichter getaucht. Ganz hübsch. Die zweite Figur beginnt sich zu bewegen, schlangenartig, mit verkrampften Fingern, es erinnert an indische Tempeltänze. Mit ihrem Rauschebart sieht sie in jedem Fall mystisch aus. Dazu wieder krachende Bässe, die in diesem Fall einen spannenden Kontrast bilden. Mehrmals öffnet und schließt sich der Vorhang, jedes Mal erwartet uns eine neue Szene. Unter die zwei Performer haben sich einige weitere gemischt, zum Teil mit antennenartigen Ohren, fast nackt, angemalt, krabbelnd wie Krebse, paukend, schreiend. Ich hätte eingänglich wohl nicht von „Schiff“, als vielmehr von „Raumschiff“ sprechen sollen – die Reise führt uns definitiv zu anderen Welten! Zu den kreischenden marsmenschenartigen KünstlerInnen auf der Bühne (die vielleicht so etwas wie innere, unkultivierte Anteile darstellen sollen, oder Götter oder etwas völlig anderes – schaue ich mir die ratlosen Blicke, die gerunzelten Stirnen meiner Sitznachbarn an, so beschleicht mich der Gedanke, dass es keiner so genau weiß) gesellt sich ein Mann, fixiert auf einer Holzscheibe. Auf die Bühne geschoben von Kalle und Carsten, den beiden Technikfritzen in Schwarz, liegt er auf dieser Scheibe wie Gott ihn schuf. Er ist in Ketten gelegt und dekoriert mit Schweinehälften, an denen sich die Marsmännchen unter ekstatischem Rufen direkt zu schaffen machen. Die Musik zur Szene bildet das Geräusch der Ketten. Es hat etwas Mechanisches, Bedrohliches. In jedem Fall wirkt es so roh wie das Fleisch, das zum Teil Richtung Publikum fliegt. Minuten später fällt unter entrüsteten Buhrufen der Vorhang. So etwas habe ich noch nicht erlebt!

Vom Luftbrustküssen

Endlich wieder die vertraut zärtlichen Gitarrentöne, diesmal begleitet von leichtem Rauschen. Ob wohl eine Hüpfburg aufgeblasen wird? Gar nicht so abwegig. Doch falsch gedacht! Es handelt sich um eine riesige Luftpuppe, mit comicartigen, weiblichen Zügen. Sie wird von dem Herrn mit Bauchansatz mit roter Farbe (oder gar Blut?) besprenkelt und bemalt. Er saugt an ihren wabbeligen, luftgefüllten Plastikbrüsten, versenkt seinen Kopf in ihrem hastig skizzierten Plastikgeschlecht, um sie schließlich aufzustechen und auszuweiden. Aus der Puppe steigt dann – Überraschung – die Frau mit der monotonen Dauerwerbestimme. Sie setzt sich ans Schlagzeug und entlädt ihre Emotionen unter wildestem Trommeln am Instrument. Während die ersten Zuschauer unser Schiff bereits verlassen und verstört den sicheren Foyerhafen ansteuern, habe ich an dieser Stelle zum ersten Mal das Gefühl, die gesamte Darstellung könne sich im Kern um einen Beziehungskonflikt drehen. Um Macht und Ohnmacht, Triebe und Spiritualität, um innere Gottheiten oder so, um Mann und Frau. Nach weiteren rauschaft-ekstatischen Szenen mit viel Licht, Lärm und Lametta liegen sich zuletzt Genannte jedenfalls erschöpft in den Armen und singen auf dem einsamen Gipfel der Groteske einen schmalzigen Popsong.

Im sicheren Hafen

Wem die klassische Oper zu einfallslos ist, der ist in dieser Inszenierung gut aufgehoben. Musikalisch schlägt diese Vorstellung Querverbindungen zu diversen Genres und nutzt die Musik definitiv als weltenerschaffendes Werkzeug. Wer es bunt mag, brutal-kitschig, körperlich und laut, der wird sich während der Vorstellung pudelwohl fühlen. Für alle anderen ist es ein verstörender Abend, der irritiert und genau darin seine Stärke finden mag: Die Bilder bleiben kleben. Wie verschwommene Polaroids, die von innen gegen die knarrende Kajütentür geheftet werden, bevor man sich das nächste Mal aufmacht zu unbekannten Ufern.

Mareike Henken, 27.05.2017

 


 

Drogen, Drag, Delirium

Sprachlos. Das ist die erste, zweite, manchmal sogar dritte Reaktion der Besucher_innen von Tianzhou Chens ISHVARA auf Kampnagel. Schock, gelegentlich Ungläubigkeit, manchmal Wut über die Performance, bei der sich definitiv die Geister spalten.

Beschrieben wird  die Veranstaltung als „Musiktheater“ und Musik ist auf jeden Fall reichlich dabei, sowohl frisch vom DJ Pult direkt auf der Bühne, aber auch Life-Laute und Piano. Vor Beginn wurden vom Veranstalter sogar Ohrstöpsel angeboten, da Beats und Bass durchaus Club-Lautstärke erreichen würden, so eine Ansage. Doch zu diesem Zeitpunkt war noch nicht klar, dass dies Nebensache werden würde, sobald die optischen Reize die Bühne im wahrsten Sinne des Wortes überfluten. Da waren die Ohrenstöpsel schnell vergessen.

Hüllen- und skrupellos stellen die Schauspieler_innen eine Welt der animalischen Ekstase zu Schau, wobei Blut, Schweiß und Fleisch hautnah und unzensiert eingesetzt werden. Wer es skurril mag, dem wird in diesem Stück ein Sammelsurium an Kostbarkeiten serviert. Die „Handlung“ beginnt mit einem als Geisha gekleideten Mann, der zu Lifebeats einen nahezu klassisch anmutenden Schirmtanz aufführt; dazu Strobo. Während ein zweiter Mann, nur mit dem Nötigsten bekleidet, einen zweiten Tanz darbietet, entkleidet sich die Geisha, taucht durch die nackten Beine des Anderen – Vorhang.

Zur Bühnenrequisite gehören zudem u.a. ein halbes totes Schwein (mit dem im ausreichenden Maße auf der Bühne agiert wird), eine monströse, aufblasbare Puppe, die, nachdem sie mit Blut beschmiert, angeleckt und gerieben wurde, schließlich mit einem Messer zerschlitzt wird, ein Pool für gruppendynamische Ausschweifungen und einen Marterpfahl. Die Kostüme der Schauspieler_innen sind fantasievoll und bunt, fallen gegen Ende jedoch in großer Zahl sowieso von den ohnehin schon leicht bekleideten Körpern ab. Monologe gibt es zwischen einzelnen Szenen, die vor dem Vorhang gesprochen werden. Wer allerdings kein Chinesisch spricht, wird hier erfolglos auf Erklärungen hoffen. Dialoge gibt es nicht. Dafür aber viel Geschrei, Gegrunze, Gestöhne, Gelächter und Geheul. Und das alles wird in der vorletzten Szene abgerundet durch ein Duett zweier Darsteller. Das Lied? Kein geringeres als Britney Spears’ Everytime, begleitet vom Piano auf der Bühne.

Man könnte natürlich nach einem Zweck fragen, Fakt ist aber, dass die Sinnsuchenden hier ihren eigenen Weg zu Antworten gehen, oder aber sich damit abfinden müssen, das man diese Frage vielleicht nicht an dieses Stück stellen sollte. Symbolgeladen ist es allemal und bietet Raum für verschiedenste Ansätze. Doch wer absolute Eindeutigkeit verlangt, wird hier enttäuscht werden. Zumindest auf der inhaltlichen Ebene. Alles andere ist unverkennbar und ganz, ganz, ganz offensichtlich dargestellt. Vor allem für die vorderen Reihen.

Bei ISHVARA spreizen sich nicht nur die Beine auf der Bühne, sondern auch die Reaktionen der Besucher_innen. Manche verlassen bereits nach 30 Minuten den Saal, andere brechen nach der Vorstellung und bereits zwischen den Szenen in tosenden Applaus aus. Seine eigene Meinung dazu muss man sich aber letztendlich selbst bilden, denn was dort auf der Bühne passiert, lässt sich schwer in Worte fassen. Und wenn, dann glaubt es einem wahrscheinlich sowieso keiner.

Annedore Schacht, 26.05.2017

 


 

Ein Pool, mitten auf der Bühne!

„Verstörend!“ war das Wort, das mir einfiel, als ich gestern Abend aus der Deutschlandpremiere von Tianzhuo Chens Ishvara auf Kampnagel nach Hause ging.

Das gesamte Zusammenspiel aus elektronischer Musik, Gekreische und Geschreie, buntesten Lichteffekten und Schauspielern, die sich alienartig und wie besessen bewegten und in ihren Kostümen auch so aussahen, trugen dazu bei.

Aber zwischen all diesen nackten, kreaturähnlichen, sich sexuell aneinander reibenden Wesen und aufwühlenden Bildern gab es ein herausstechendes Bühnenrequisit: einen Pool, mitten auf der Bühne.

Er fiel mir sogleich auf, denn jeder intensiven nervenaufreibenden Szene folgte ein Moment absoluter Stille, in dem nichts anderes zu hören war, als das beruhigende Plätschern des Wassers. Aber auch darüber hinaus schien das Wasser ein zentrales Element in Tianzhuo Chens Inszenierung zu spielen. In einer Szene, die sich vor der eigentlichen Bühne abspielte, denn die Vorhänge waren verschlossen, kommt ein blonder, unnatürlich blasser, leicht korpulenter Mann hervor, der fast völlig nackt auf der Bühne steht und sich reinwäscht, so lässt es zumindest anmuten. Von was, fragt sich der Zuschauer? Es wird nicht wirklich deutlich, aber alles ist still. Kein Getöse wie in den anderen nervenzerreißenden Szenen. Wieder ein Kontrast zu dem sonst so dominierenden aufwühlenden Gefühl der Inszenierung.

Pool, Wasser, Reinwaschung. Auf die Bühnenrückwand wird trübes Wasser projiziert. Das Meer vielleicht? Man kann auch ein Boot erkennen. Und dann kristallisiert sich eine weitere Assoziation für mich heraus. Eine schmächtige, ebenfalls sehr blasse Person mit einem zwirbeligen goldenen Bart und einer grotesken Maske erscheint auf der Bühne. Ihr verratendes Requisit ist der Dreizack, der darauf hinweist, dass es sich um den Meeresgott Neptun handeln könnte, in der griechischen Mythologie auch als Poseidon bekannt. Auch liegt und zuckt er in einer Szene wie ein gestrandeter Fisch am Bühnenrand. Seine Rolle scheint mächtig zu sein, denn er ist sehr präsent und einnehmend auf der Bühne. Die restlichen Kreaturen hingegen erscheinen immer zusammen als Gruppe.

Auch am Ende der Inszenierung spielt der Pool eine bedeutende Rolle. Das Wasser verschluckt die Kreaturen, die sonst so dämonisiert herumtanzen und so wirken, als wären sie durch nichts zu bändigen. Sie ziehen sich in den Pool zurück und geben ein kleines asiatisches, zerbrechlich wirkendes Mädchen frei, an die Figur, die sich vorher reingewaschen hat. Was hat das alles zu bedeuten? Ist das Wasser die Quelle dieser Kreaturen? Und gibt es ihnen auch gleichzeitig ihre Grenzen vor? Wurde das kleine Mädchen von den Kreaturen und dem Meer verschluckt und in die reingewaschenen Hände wieder freigegeben? Hat das Meer eine richtende Rolle? Viele Fragen, die sich nicht so ohne weiteres beantworten lassen und Tianzhuo Chens Intention nach sicherlich auch nicht so einfach beantworten lassen sollen.

Filiz Yagmur; 27.05.2017

 


 

Das Ende der Perversion

Leise und vorsichtig klettert man aus seinem Sitz die Treppen hinunter, um – angekommen am Ausgang – sich dem Versuch zu unterziehen, zu verstehen, welchem Spektakel man gerade zum Opfer gefallen ist. Die Grenzen zwischen Rausch und Ruhe, Ekstase und Tiefe verschwimmen in Tianzhuo Chens Inszenierung „Ishvara“ zu einem unentwirrbaren Geflecht bestehend aus grotesken Bildern und Unschuld. Am Ende sitzen zwei Gestalten in der Dunkelheit der Bühne, beleuchtet von spärlichem Licht, ein Piano-Solo im Hintergrund: fast schon absurd scheint diese laienhafte Performance von Britney Spears „Everytime“ nach all jener spirituellen Verstörung, derer man zuvor Zeuge wurde. Wird man gefragt, was genau in den letzten zweieinhalb Stunden auf der Bühne passiert ist, fehlen einem erst einmal die Worte. Es beginnt langsam, schwellend, drohend. Eine einzige akustische Gitarre erfüllt den Saal mit einem fernen Klang. Kühlblaues Licht und rote Leuchtröhren untermalen die schweren Bewegungen, dann: Das Tempo der Musik nimmt Fahrt auf, ein tiefer Bass gibt den Herzschlag vor, die Bewegungen ufern aus, Blitze schlagen ein. Es erscheint wie ein Kampf des Selbst: Der zuvor einzelne Darsteller ringt mit einem zweiten; das Verborgene tritt zu Tage – und ergreift das Zepter. Mythischer Natur scheint der Inhalt zunächst zu sein, mit dem Chen an uns herantritt. Doch dieses zunächst stimmige Bild wird schnell auseinandergezerrt; es darf keine Harmonie entstehen. Mehrere halbnackte Darsteller stürmen die Bühne, ein wilder Tanz entflammt, und das Stück macht eine Kehrtwende. Kannibalismus, Nudität, sexuelle Anspielungen und Nahaufnahmen von männlichen Genitalien auf einer großen Leinwand im Hintergrund folgen. Es ist ein zutiefst verstörendes Bild, welches sich abspielt – und reine Provokation, welche das Stück dominiert. Alle Klischees der Perversion werden bedient. Das Groteske findet schließlich seine Verherrlichung in einer riesigen, aufblasbaren Puppe eines Mädchens. Unschuldig ist ihr Gesicht; ein Lächeln, zwei blonde Zöpfe, wie die eines Schulmädchens – oder vielleicht wie die von Britney Spears in „Baby One More Time“? Doch eines steht im Widerspruch zu der Allegorie: Sie ist nackt – was an dieser Stelle des Stückes zwar nicht mehr sonderlich beeindruckend oder erstaunlich ist; aber es wirkt einfach so falsch. Sie wird mit Blut beschmiert, bespritzt – auf perverse Weise wird der weibliche Körper verherrlicht, bevor der Darsteller die riesige Puppe, die wie ein Monstrum ihn beinahe verschluckt, mit einem Messer zersticht. Sexuelle Frustration mündet in einem Massaker; aufblasbare Gedärme – oder war es ein Nabelschnur? – strömen aus dem Fetzen. Eine lebendige Frau klettert hinaus. Beinahe nichts erinnert in dem Moment des Ereignisses an die ursprüngliche These. Eindringliche Musik, tanzende Leute, die sich ausziehen, eine Menge Geschlechtsteile, Blut, mehr nackte, tanzende Leute und dann natürlich die riesige Leinwand, die keinen wirklichen Zweck hat, außer abwechselnd Bilder von nackten Männern und furchterregenden Masken zu zeigen, verschmelzen zu einem surrealen Rausch, einer Trance über die transzendentalen Tendenzen der Triebe menschlicher Natur. Perplex und zu einem gewissen Grade verstört versucht man die Teile nun Zusammenzufügen, doch ein Sinn scheint sich nicht zu ergeben. Ist es eine Hommage an einen Mythos, oder ist es eine Parodie an die Sexualität von Britney Spears? Zurück bleibt das Gesamtbild einer grotesken Vorstellung, eines morbiden Bildes, welches durch den ekstatischen Rausch der Klänge als ewig währende surreale Perversion im Gedächtnis eingebrannt ist.

Viktoria Zenker, 27.05.2017

 


 

Auf kreischenden Zügen

Es ist der Morgen danach. Der Morgen nach der Ishvara Performance des Chinesen Tianzhuo Chen auf Kampnagel. Und noch immer lassen mich die Bilder und Eindrücke nicht los. Dabei hatte ich mir, direkt anschließend an die Performance, mit zwei doppelten Moskau Mule zu helfen versucht. Erfolglos.

Es ist, als seien die Bilder in mich hineingekrochen und wühlten sich durch die Bereiche in mir, die sich nach Verstehen oder nach schlichter Verarbeitung sehnen, ohne dieses auch nur annähernd zu erreichen. So wühle ich mich den Eindrücken in meinem Kopf hinterher und ziehe sie auf dieses Papier.

Wohin der Blick auch schweift

Da ist ein Fetzen. Ein Fetzen aus Fleisch, der von einer mutmaßlichen Schweinerippe geschnitten und ins Publikum geworfen wurde – unter wild kreischenden und sich drehenden, gottähnlichen Figuren. Am Rand liegen halb nackte Gestalten sich windend am Boden. Masturbieren die? Trägt der Mann dort eine Schweinehälfte als Kostüm? Wohin gehen die vielen Zuschauer? Im Hintergrund Bilder an die Wand projiziert. Ein Penis. Kopulierende Tiere. Entstellte Gesichter. Laute, sphärische Musik. Ist das eigentlich ein Hakenkreuz in der Mitte der Bühne? Ach ne, eine Swastika. Ach so.

Und weg ist dieser Fetzen. Ich versuche ihn wieder zu finden, erfolglos. Und springe auf den nächsten Zug auf, der sich durch meine Erinnerung windet und auf kreischenden Schienen seine Arbeit tut.

Aus Überresten geboren

Stille. Dann eine riesige, nackte, aufgeblasene Puppe. Mit klein und spitz emporragenden Brüsten. Ihre Zunge hängt weit heraus und der Künstler malt mit einem Pinsel in Rot Striche, Herzen und schlussendlich eine Vagina auf die Puppe. Verzweifelt mutet es an, als er versucht, sich in die eben erschaffene Vagina zu stürzen und sich dann, vom Misserfolg entmutigt, mit dem Lecken und Saugen der spitzen, kleinen Plastikbrüste begnügt. Plötzlich ein Bruch. Er zieht ein Messer und schlitzt die eben noch liebkoste Puppe auf. Wie im Rausch zerstückelt und zerstört er sie. Er windet sich die herausfallenden Plastikgedärme um den halbnackten Leib und schreitet von dannen.

In jenem Moment wird ein Mädchen geboren. Aus den Überresten der geliebten, zerstörten Puppe kriecht sie langsam hervor. In weißen Kniestrümpfen.

Und ich springe ab. Der Zug kreischt zu laut und das Gefühl der Verstörung lässt nicht nach. Das Kreischen hört nicht auf.

Nachlesbar ist, dass die Presse von einem „visuell-akustischen Rausch“ gesprochen hat. Sie vergaßen, das Kreischen zu erwähnen. Das Kreischen, das auch nach zwei Cocktails, einer Nacht und zwei Kaffee nicht verblasst.

Yasmin Brinkmann

 


 

Ishvara von Tianzhuo Chen

Schwarzer Hintergrund, weißer Schnee und ein leuchtend rotes Hakenkreuz – was ist da los?

Was nach einer weiteren Aufarbeitung der deutschen Geschichte auf einer Bühne klingt, entpuppt sich als geniale Reise durch die Abgründe der menschlichen Seele – und als Faden durch die spirituelle Verknüpfung von Gut und Böse in der Welt.

Der Vorhang geht auf, es ertönen ruhige fernöstliche Klänge und das erste, was einem ins Auge springt, ist ein aufgeklappter Sonnenschirm mit dem YinYang-Symbol darauf. Langsam fängt dieser an sich zu drehen, und mehr und mehr beginnt die etwas korpulentere chinesische Dame – die sich später als von einem Mann gespielt entpuppt – einen ruhigen Tanz aufzuführen. Ja, entspannt lehne ich mich zurück und freue mich auf die Tanzperformance Ishvara, die Tianzhou Chen, ein junger chinesischer Künstler, hier auf die Bühne gebracht hat. Nach kurzer Zeit jedoch wird die Musik wilder, ein DJ tritt mit auf die Bühne und der Sound wird düsterer. Der Antagonist zur korpulenten Frau, ein spargeldürrer, kleiner, bärtiger Mann mit Dreizack in der Hand – er erinnert jetzt an einen spirituellen Guru –, betritt langsam die Bühne und gewinnt mehr und mehr Raum. Die beiden Gegensätze beginnen ein Spiel aus Bewegung, und schon hier liegt eine gewisse Aggression in der Luft, treibt sich weiter hinauf und endet mit einer mittlerweile fast nackten auf dem Boden hockenden Frau, die hier nur noch als Thron für den bärtigen Mann dient. Was will uns dies sagen? Und warum leuchtet auf dem Bode ein riesiges Hakenkreuz, warum fällt Schnee und was hat es mit den leuchtend gelben Streifen, die sonnenstrahlartig die Tanzfläche einrahmen, auf sich?

Nach einem kurzen Moment des Überlegens wird klar: Nein, es handelt sich hier keinesfalls um eine Anspielung auf Nazideutschland, im Gegenteil, dieses Symbol hatte ich doch schon mal irgendwo anders gesehen. Richtig, nämlich auf dem Rüssel des hinduistischen Gottes Ganesha – es handelt sich um das fernöstliche Glückssymbol Suastika. Nach kurzem Googeln dieses Begriffs wird klar, es gibt verschiedene Arten dieses darzustellen, und eben jenes mit vier großen Punkten ist die tibetanische Version. Sofort machen auch die gelben Strahlen drum herum Sinn. Klar, sie erinnern an die tibetanische Flagge. Könnte man diese Szene als unterschwellige Kritik an Chinas Umgang mit der Provinz Tibet lesen?

Die zweite Szene beginnt. Im Vordergrund tanzt ein sehr modernes, westliches Paar einen sehr modernen, westlichen Tanz, während im Hintergrund auf martialische Art und Weise eine Trommel gespielt und in Zeitlupenmanier einem Gott gehuldigt wird.

In meiner Erinnerung verschwimmen die Szenen. Das Paar dreht sich schneller und schneller und schneller – und fällt um. Die Huldigenden erwachen auf einmal zum Leben, treten hinab auf die Erde und beginnen eine beinahe schon psychotisch-wahnhafte Gewaltperfomance mit schrillem Lachen und höllischem Schreien. Ein schwarzer Mann, dem die angehängten Rinderhälften einen engelhaften Ausdruck verleihen, wird hängend an einem Holzbrett hineingeschoben. Sogleich vergehen sich die mehr und mehr nackten Figuren an ihm, reißen Fleischstücke von ihm ab und verleiben sich diese ein, befreien ihn vom Holz, um ihn gleich darauf an Ketten zu demütigen und auf der Bühne hin- und herzuscheuchen.

Nächste Szene. Ein Mann wäscht sich. Eine riesige Puppe, praktisch nur aus aberwitzig riesigen weiblichen Geschlechtsteilen bestehend, erscheint, wird auch gewaschen, um sie sogleich mit Blut zu beschmieren, ihr eine blutige Vagina aufzumalen, sie nach und nach aufzuschlitzen und ihre Gedärme zu entreißen, bis am Ende das junge unschuldige Mädchen aus der Vagina hinaussteigt, um am Schlagzeug ihrem Hass Luft zu machen. In meiner Erinnerung sehe ich Szenen einer Vergewaltigung von eben jenem Mädchen in Schuluniform, welches einem Fruchtbarkeitsbaum, bestehend aus Blumen und Früchten, entnommen und in einem Teich mit plätscherndem Wasser von Männern wie Frauen missbraucht wird. Gleichzeitig stellen eine schwarze Frau und ein schwarzer Mann, nachdem sie mit illusionistischer Kleidung einen Tanz aufführten, während dem sie wieder ihre Hüllen fallen ließen, vor eben jenem Fruchtbarkeitssymbol erotische Stellung mit einer nicht von der Hand zu weisenden Ästhetik dar.

Ich sehe einen Mann, welcher in schaurig trauriger Manier gemeinsam mit dem erschlafften Mädchen in seinem Arm ein Liebeslied singt.

Artaud, der Schaffer des Theaters der Grausamkeit, wäre beeindruckt, mit welch einer Präzision hier jegliche Tabus des Theaters gebrochen werden. Nacktheit, pure Gewalt, Vergewaltigung, rohes Fleisch, Sex, aber auch Erotik, Liebe, Trauer – alles war auf der Bühne präsent. Und immer wieder wurde zu feinster Technomusik, wie sie in den angesagtesten Clubs der Welt auch gut laufen würde, in hedonistischer Art und Weise getanzt, was die Gewaltexzesse drum herum nur noch grausamer und absurder erscheinen lässt.

Wir erfahren eine Reihe von Gegensätzen: Tradition und Moderne, Schuld und Unschuld, Liebe und Hass, Spiritualität und rohe Gewalt, Vergewaltigung und Erotik, eingerahmt vom Symbol des Yin und Yang, welches als letzte Szene noch einmal in Erinnerung gerufen wird.

Ja, es gibt zu jeder hellen eine dunkle Seite, Gut und Böse wechseln sich ab und bedingen einander. In Ishvara ist eine deutliche Fokussierung auf das Böse zu sehen, welches jedoch hochästhetisch dargestellt wird. Und ja, die menschliche Seele hat Abgründe, die sich kaum einer eingestehen will. Und ja, der Weise akzeptiert das Leben in all seinen Schrecken, in all seinem Guten, in all seinem Schlechten. Der Weise weiß, dass das erfüllte Leben im Leben an sich die Schönheit erkennt.

Für manche Zuschauer ist es zu viel. Kopfschüttelnd, angeekelt verlassen sie den Zuschauerraum, vereinzelte Buhrufe sind beim Zwischenapplaus zu hören.

Mich empört weniger die Perversität auf der Bühne als das geschäftige Gewusel um mich herum, wenn bei besonders deutlichen Nacktszenen gierig die Handyzoomfunktion aktiviert wird.

Wie sie doch das sexualisierte Menschenbild, welches uns auf der Bühne als gnadenloser Spiegel vorgehalten wird, schamlos bestätigen.

Yara Ulloa-Ruprecht

 


 

Ishvara – eine Achterbahnfahrt der Emotionen

 Ein großes Fragezeichen, Entsetzen und Verwirrung ist das, was nach dem Besuch der Ishvara-Vorstellung geblieben ist. Verstörende Bilder, schrilles Gekreische, bunte Lichter und laute Musik haben sich in meinem Gedächtnis eingebrannt. Die Versuche, diese Eindrücke zu sortieren und in einen sinnvollen Zusammenhang zu bringen, scheitern. Reichen meine Gehirnzellen nicht dazu aus, die Geschichte hinter diesem Stück zu verstehen? Vermittelt Ishvara überhaupt eine Geschichte und vielleicht sogar eine Botschaft? Erreicht hat es jedenfalls, dass meine Gedanken sich ständig darum drehen – warum inszeniert man eine solche Performance? Also ein weiterer Versuch, die Bilder und Eindrücke zu verarbeiten…

Noch vor Beginn des Stücks gibt es die Ansage, dass man während der Vorstellung den Saal nicht verlassen möge und es keine Pause geben werde. Erste kurze Verwunderung bei mir – selbstverständlich steht man während einer laufenden Vorstellung nicht auf. Doch schon bald sollte ich eines Besseren belehrt werden. Ob es die drückende Hitze im Raum, das ständige Wassergeplätscher im Hintergrund oder die, höchstwahrscheinlich, chinesische Sprache war, die die Zuschauer dazu bewegten, mitten im Stück zu gehen, bleibt ungeklärt.

Verärgerung, Gänsehaut und Ekel

Eine dunkle Bühne, zugezogene Vorhänge und Scheinwerfer auf die Schauspielerin gerichtet, die alleine auf dem Bühnenrand sitzt und einen chinesischen Monolog hält. Erzählt sie uns gerade ihre Geschichte? Ist der Inhalt für das Verstehen des weiteren Stücks von Bedeutung? Wieso hält sie den Monolog nicht auf Deutsch oder Englisch? Verärgerung steigt in mir auf, denn ich verstehe einfach nichts. Diesen Eindruck noch nicht vollständig verarbeitet, traue ich im nächsten Bühnenbild meinen Augen nicht: Tanzen die Schauspieler auf der Bühne gerade auf einem Hakenkreuz? Mein Gemütszustand beruhigt sich erst, nachdem Google dazu befragt wurde und aufklärt, dass es sich im Buddhismus um eine Swastika, einen Glücksbringer, handelt. Kaum hatte ich mich wieder auf das Geschehen auf der Bühne konzentrieren können, überrollten mich die nächsten Emotionen. Sich paarende Tiere auf einer Leinwand im Hintergrund, ihrem Sexualtrieb folgende Darsteller/innen und ein totes Schwein, getragen auf dem Rücken eines dieser Schauspieler, lösten Ekel und Gänsehaut aus. Verstärkt wurden diese Gefühle durch eine Szene, in der eine riesengroße, aufgeblasene Puppe als Lustobjekt benutzt und anschließend mit einem Messer zerstochen wurde. Als zum Ende des Stücks dann auch noch die Vergewaltigung einer Frau, und das von mehreren Personen, dargestellt wurde, empfand ich dieses Stück regelrecht als eine Zumutung.

 „Warum tun sie das?“

Diese Frage kreiste während des Stücks dauerhaft in meinem Kopf herum und auch jetzt beschäftigt sie mich noch. Ist das Stück gesellschaftskritisch zu verstehen? Ähnelt das Verhalten von Menschen immer mehr dem von Tieren? Folgen wir ausschließlich unseren Trieben und nehmen dabei keine Rücksicht auf Gefühle, Persönlichkeiten und Individualität? Sind wir Menschen in der heutigen Gesellschaft zu bedeutungslosen, austauschbaren Wesen geworden? Oder ging es vielleicht doch ausschließlich um die Vermittlung von Ansichten und Vorstellungen zu Göttlichkeiten des Buddhismus? Fragen über Fragen, aber leider keine passende Antwort und somit ein prägender Abend, der eine bleibende Ungewissheit hinterlässt.

Elisabete Viera da Silva

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