Stimmen aus der Universität Hamburg – Ishvara

Seminar: Aktuelle Hamburger Theaterfestivals unter der Leitung von Prof. Dr. Martin Schäfer

 

Keinen Respekt – und das ist gut so.

Chen Tianzhuo hat Zeit; und das zeigt er. Schon zu Beginn ist alles, was das Publikum zu hören bekommt, nur das Lautespiel, welches hinter der Bühne hervor tönt. Ungewohnt lange zieht sich dies hin bis sich schließlich langsam, ganz langsam der Vorhang zur Seite schiebt. Und hier erfüllt sich was man von dem chinesischen Jungstarkünstler Tianzhuo Chen (*1985) erwartet. International bekannt durch seine provozierenden Performances legt dieser nun mit Ishvara sein Theaterdebut ab und an Zeichen mangelt es auf der Bühne nicht: von der hinduistischen Swastika, einem christlichen Kreuz, über Anspielungen an die Antike ist sie symbolschwanger geladen. Man sieht zwei Personen auf der Bühne stehen, die Gesichter verdeckt, reglos, für ein paar Minuten, dann schließt sich der Vorhang wieder. Stille.

Vom ganz Lauten und ganz Leisen

 Was folgt sind gute zweieinhalb Stunden Energie, vor allem auf klanglicher Ebene. Die Schweizer DJane Aïsha Devi konstruiert meisterhafte Technolandschaften, die Bühne erinnert oft an ein Berliner-Berghain-3-Tage-Wach Bakchen, frei nach Euripides – ritisch-nackt in verzerrten Posen zucken und tanzen sich die Darsteller von einer Extase in die nächste, während sie neben ihren Klamotten auch langsam ihre Grenzen und Hemmungen zu verlieren scheinen. Bunt-ekstatisch, im Stroboskopgewitter der modernen Welt erinnern die Charaktere immer wieder an vorzeitliche, über(oder unter)menschliche Kultuswesen auf der Suche nach Macht, Identität und Trieberfüllung. Laute Musik, grellhellbunte Bilder und doch ganz fein: wenn sich Beio, ganz weiß bemalt, mit langem blonden Bart, Maske und Dreizack, neptunähnlich und verdreht über die Bühne schlängelt, ganz langsam in seinen Bewegungen, den Tanz fast nur in den verzerrten Händen, entwickelt sich ein starker und interessanter Kontrast zum schnellen lauten der Umgebung.

Von der Herausforderung des Zuschauen

 Dies fällt nicht jedem leicht. Chens offensichtlicher Provokationswille, die Nackheit, die Lautstärke, die Schreie, die Bilder, die Textlosigkeit, lösen bei manchem Zuschauer Widerwillen aus; man ist überfordert, nicht nur die heile Welt auf der Bühne zu sehen, sich nicht nur von schmeichelnden Bildern berieseln zu lassen. Es fällt schwer sich offensichtlich provozieren zu lassen, wenn man sich ein fein dramatisches Bildungstheater erhofft. So ist die Inszenierung durch den einen oder anderen Buh-Ruf gestört. Völlig zu Unrecht, denn was hier stattfindet, ist ein Fest, eine Party, ein Feiern der primitiven Gelüste und gleichzeitig feines Auseinandernehmen herrschender Macht- und Abhängigkeitsverhältnisse. So überrascht es auch nicht, dass es völlig ok ist, dass Menschen ihre Handys zücken, um Fotos und Videos zu machen. Alle, die bleiben, werden belohnt, wenn sich Chen einen letzten Streich erlaubt und China Yo mit seiner Dame im Arm auf dem Boden sitzend einen Britney Spears Song anstimmen lässt und alles endet schließlich, nicht wie gewohnt, mit dem Verbeugen der Darsteller, sondern einem letzten Rave auf der Bühne zum wohlverdienten und lautstarkem Beifall des Publikums.

Marvin MüllerMarvin Müller, Gründungsmitglied und Autor von “kollektiv22” und “the selkie & the sea”, aktiv in Photografie, Musik, Schauspiel und Text, studiert im 4. Semester Literatur an der Universität Hamburg.

 

 


 

the absurdity of the banal

Why is it important, that Ishvara by Tianzhuo Chen has been presented in European cities, such as Vienna and Hamburg? Not only because an artist with multimedia interest having graphic design and fine arts education has brought a cross boundary work offering absurdity of the banal and abstraction on stage. Not only because a very young, emerging artist of Asian origin has the possibility to present a giant (therefore costly) work in European international theatre festivals. But also, that it motivates us to raise a question about the presence and potential future of theatre as such.

Since the blasphemy of the Viennese Actionism, the cut-in-half animals and decorated skulls by Damien Hirst or the displayed and challenged body of Marina Abramovic and Ulay (among other rebel artists shaking up and shaping the arts of the last 50-60 years), it is pretty hard to imagine what could shock even more audiences. Pop culture, hence the banality of the everyday has inspired artists even before Andy Warhol. And if we think about brutal apocalyptic utopias, not only earlier science fiction writers but the Hollywood film industry still generates its largest income thanks to this genre. All of which seemed to have its way to the young Chen living in the 21st century Beijing and Shanghai, as if all references were chopped into pieces, stirred up and topped with some provoking LMBT activism. Resulting a seemingly chaotic complex, or a “We are ready to kill” state of mind, as Chen posted 10 minutes before the performance on his facebook site. Is it then just the loud electronic music which made a huge part of the audience to leave already after the first 15 minutes? It would be untrue to guess so. Neither a question of taste, that no one should argue (De gustibus non est disputandum as in Latin). Simply, we don’t like to see ugly and disturbing things. Even less in the “temple” of our culture. Absurdly exists a distinguish between digesting high or low culture. Which seems to be an artificial discrimination as during the birth of theatre – which value both audiences might refer to in their negligence towards the other – didn’t contain such a difference. Neither the audiences of Rossini claimed he was playing the pop of his age or Shakespeare if he replanted discussions of the pubs. It’s the nature of performing arts, that it has been per se inspired and transformed by the trends and common fears influencing the everyday.

Even though the expectations mirror the idea, art being a relief from the everyday and the eternal bastion of the mankind’s culture, „Pandora’s box“ has had already been opened. And the demons coming out are not called as party culture or drugs but the manner of mankind, who just couldn’t care less for the other. Or for certain races, for different societies, or for the rights of other living organs. It seems there is no other way, than going through such disturbing and overflowing experiences until the tendencies calmed. And only after would it be reasonable finding “the hope in the box” of Pandora. The question is, if and how audiences could recognize and accept, that the concept of art as an ivory tower frozen in time would mean the end of its raison d’être (“reason to be”)? Ishvara could be an experience towards it.

Kotka Gudmon

 


 

Ishvara

Es fiel mir schwer, etwas anderes als eine Folge dessen aufzuschreiben, was diese wunderschönen Bilder auf der Bühne mir evoziert haben.

Man gerät durch Tanz einer Chinesin auf Electromusik in eine göttliche, dämonische Welt. Hinter dem Yin-Yang Schirm erscheint ein Geist dieser jenseitigen Welt, das Böse, der Dämon. Hinter gemischte Traditionen und Religionen erscheint der Teufel. Man sieht auf der Bühne verschiedene Arten, verschiedene Götter zu predigen, zu feiern. Doch die religiösen Bilder werden zerstört; es ist eine Rebellion gegen das Bild der Religion. Das sieht man zum Beispiel an der Feier des islamischen Gottes durch Tanz, daneben wird auf dem Gong und einer Gitarre unrhythmisch, störend gespielt.  Dann wird eine Repräsentation von Jesus als Futter für Tiere, um das sie sich zu essen streiten, gegeben. Die Farben rot, blau, violett evozieren die Idee des Teufels, des Bösen, Burlesken. Menschen werden als Tiere geschildert oder als von Dämonen besessene Menschen, sie lachen diabolisch, kitzeln sich, streiten sich. Es hat eine machiavellistische, sexuelle Dimension und hat mich an der Walpurgisnacht erinnert – am Ende des Dramas Faust I von Johann Wolfgang von Goethe. Die Zuschauer werden Zeugen einer Welt, die ihnen unbekannt ist, sie stört, weil sie allen Prinzipien des menschlichen Zusammenlebens zuwiderläuft. Die Szene, in der zwei Menschen in der Mitte tanzen, ist die einzige, in der Menschen von „unserer Welt“ auf der Bühne stehen. Vielleicht verkörpern sie das Publikum. Sie sind am Anfang nicht im Tempo der Musik, tanzen langsam aber scheinen von Dämonen umgeben zu sein und langsam in deren Welt zu geraten. Dies wird durch die Musik gesteigert, weil sie nicht im gleichen Rhythmus ist, und langsam raten Tänzer und Musik in der gleichen Geschwindigkeit. Ich mochte, dass man alles sah, was stört. Dass viele Zuschauer am Anfang gegangen sind, fand ich humorvoll, weil genau das der Punkt des Stückes war: schockieren, irritieren, stören. Das Stück repräsentiert auf berührend audiovisuelle Art alles, was anti-bürgerlich war, grotesk – und nicht nur das aus Sicht der Gesellschaft Verbotene, sondern sogar das Unvernünftige selbst. Es sind die göttlichen inneren Triebe, der Glaube aber auch das Zurück zum Ursprünglichen. Es ist die Repräsentation von abscheulichen Elementen mit sinnlich schönen Elementen. Hinter dem Glauben an Gott und die Dämonen unseres Gehirns.

Pauline Lagarde

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s