Wir Kinder Gottes

Die Gabe der Kinder
Lemi Ponifasio
(Samoa/Neuseeland)

Es ist Vatertag 2017 und zur Eröffnung des Festivals „Theater der Welt“ hat „Die Gabe der Kinder“ seine Weltpremiere. Wo sonst traditionell Bier aus dem Bollerwagen fließt, ist es dieses Mal Blut und sehr viel Wasser, das an und von Kindern vergossen wird. Vor Wochen firmierte Lemi Ponifasios Stück noch unter dem Titel „Children of Gods“. Zu großer organisatorischer Aufwand machte dann daraus ein „Transformationsritual“ – so der Künstler in seinem Manifest – welches die Zuschauer wie etwa der 1. Bürgermeister Olaf Scholz an diesem Christi Himmelfahrt zu sehen bekamen: Archaische Stammesgesänge Polynesiens trafen auf christliche Symbole von Tot und Erweckung – Blut und Wasser.

Die dritte Eröffnung an diesem Tag findet an der dritten Spielstätte – dem „Haven“ – statt. Das Festivalzentrum steht am alten Afrika-Terminal am Baakenhöft in Hamburgs HafenCity. Die Lagerhalle des ehemaligen Kakaospeichers ist mit rudimentärster Ausstattung die wohl größte Bühne des Festivals. Auf Tausenden von Quadratmetern wartet eine einsame Tribüne auf ein paar hundert Besucher, verloren in der Weite des Raumes. Auf den Zuschauerrängen hingegen sitzt man dicht gedrängt. In den raumgreifenden Massenszenen mit fast hundert Kindern und noch mal so vielen Erwachsen kommt die Industriehalle erst richtig zur Geltung. Sie ist der eigentliche Star des Stücks. Für mehr als eine Stunde dient sie als Tanzboden und Resonanzraum. Die Spuren der kommerziell industriellen Vergangenheit geben dem Spiel eine Rohheit und Unmittelbarkeit. Ohne Bühne und gespielt mit der Stoßrichtung der sich frei türmenden Tribüne kommt das Stück einer Konfrontation gleich. Auch akustisch brausen dem Zuschauer Unwetter, Donner und Kanonenschläge entgegen. Dort, wo die schwindende Abendsonne durch die milchigen Fenster des Lagerhauses immer längere Schatten wirft, treten immer wieder die schwarzgekleideten Schauspieler, Sängerinnen und die unzähligen Kinder wie Phantome hervor, um den Raum zu bevölkern. Dabei vollzieht sich alles in einer bedächtigen und andächtigen Langsamkeit. Was sich vor den Augen abspielt, ist dem kollektiven Unterbewussten entlehnt. Unvermeidlich sind dabei die Bezüge zu den Bildern aus Manchester, Aleppo und Aylan Kurdi am Strand von Bodrum.

Kinder als stumme Zeugen der Gewalt der Älteren, hineingesetzt in eine weite und kalte Umwelt. Die finale Massenszene, unterlegt mit sphärischen Klängen, war für den Geschmack einiger Zuschauer zu pathetisch. Aber gerade den Pathos kauft man sich über die religiös aufgeladenen Bilder ein, will man der Millionen von kindlichen Opfern gedenken. Selbst wenn einem die Bilder zu grob und direkt erscheinen, so lohnt sich schon allein die Erfahrung, den Kakaospeicher als lebenden und bebenden Raum zu erfahren. Ob es dabei „Die Gabe der Kinder“ sein soll, steht dabei jedem frei.

 

 Fabian Theater der WeltFabian Starting:
In Süddeutschland groß geworden und für den Master an den Geburtsort zurückgekehrt. Seit der Teilnahme am Thalia Pfadfinder Programm Premieren Blogger. 25.05.2017

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