500 Meters

Man soll im Text ja bekanntlich nicht (unbedingt) nach der Intention des Autors bzw. Regisseurs suchen, sondern sich zur eigenständigen Bedeutungsgebung und Deutungsmacht über das Werk ermächtigt fühlen. Wenn nun aber die im Programmheft abgedruckte Auslegung eines Theaterstücks so gut wie keine Übereinstimmung mit den eigenen Impressionen zum Gesehenen aufweist, stellt sich unweigerlich die Frage, wie erfolgreich die Vermittlung der vom Regisseur offenbar für zentral angesehen Themen vonstattengegangen ist. Konzeptkunst hin oder her (und wir kennen alle die Ausstellungsexponate im Museum, die nach Ansicht der begleitenden, kontextualisierenden Erläuterungen zum Werk vollkommen neue und ungeahnte Assoziationen eröffnen): der ausbleibende Wiedererkennungseffekt der im Programmheft anzitierten Themen sorgt für Verwunderung. Wieso, frage ich mich, kamen die zentralen Ideen von Tian Gebing nicht bei mir an? Vielleicht mag es mit der Übersetzung aus diversen Sprachen zu tun haben, die die kohärente Wahrnehmung der Ideen- und Gedankenstränge der Figuren und ihre Verflechtung erschwert haben. In jedem Fall wäre eine Kenntnis von Kafkas Text „Beim Bau der chinesischen Mauer“ (1917) wohl förderlich für eine nuancierte und komplexere Rezeption von 500 Meters gewesen. So bleibt als zentraler Impuls am Ende des Abends vor allem der Wunsch und Vorsatz, die diversen im Drama angelegten Intertexte in eigenständiger Lektüre in der Folgezeit auf- bzw. nachzuarbeiten.

Die Eingangs gemachte kritische Bemerkung soll aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Inszenierung über rund 85 Minuten (die letzten 35 Minuten hätten m.E. gekürzt werden dürfen) mit innovativen Bildern und Ideen bestach. Auf plakative Botschaften verzichtend, spann Regisseur Tian Gebing ein weites Assoziationsfeld auf, dass zugleich kritisch auf zeitgenössische politische, ökonomische und kulturelle Aspekte im zeitgenössischen China und – im globalen Zeitalter unausweichlich – auf die mit China im Dialog stehenden bzw. (unfreiwillig) von den gesellschaftlichen Auswirkungen im Reich der Mitte betroffenen Länder Bezug nahm. Die Interaktion von Repräsentanten unterschiedlicher Länder wurde durch die Verzahnung der SchauspielerInnenkörper paradigmatisch vorgeführt. Hybride kollektive Identitäten, sowohl die suggerierte Auslegung, sind im Zeitalter der Globalisierung der Standard. Dafür steht emblematisch auch die Zusammensetzung des Ensembles, das – entgegen meiner ursprünglichen Erwartungshaltung zu einer in Peking ansässigen Compagnie – neben chinesischen Schauspielerinnen auch Personen aus spanisch-, polnisch.- und deutschsprachigen Regionen einschließt und damit die globalisierte (Kunst-)Welt par excellence reflektiert.

Besonders erwähnenswert ist das kreative Spiel des „Paper Tiger Theater Studio“ mit Versatzstücken und Requisiten. So werden beispielsweise Militärmäntel zu multifunktionalen Bestandteilen der Szenografie, die im Stechschritt zur Schau getragen ebenso Kritik an den herrschen Machtstrukturen zu üben vermögen, wie sie übereinanderlegt abwechselnd an kafkaeske Fabelwesen oder Stiere in Auseinandersetzung mit einem Torero bzw., zu einem Knäuel kombiniert und von einem einzigen Mantel umhüllt, an ein überlebensgroßes militärisches Opfer eines Krieges, um das getrauert wird, und somit an die Präsenz des Absenten, erinnern. Hervorzuheben ist auch die Szene, in der Momente von Misskommunikation auf der Bühne verhandelt werden, die wohl einerseits dem Übersetzungsprozess selbst – Sofia Coppolas Lost in Translation lässt grüßen – geschuldet sind, aber angesichts des chinesischen Rahmens der Performance auch an Strategien des bewussten Manövrierens und Ausweichens bei politischen Verhören denken lässt. Dass diese Form der Vielstimmigkeit – bzw. Heteroglossia, um mit Bakhtin zu sprechen – hierarchisch geprägt ist und Stellvertreter einiger Sprachnationen um Redezeit im wahrsten Sinne des Wortes ringen müssen während andere sich problemlos Gehör verschaffen, wird aus der jeweils unterschiedlich inszenierten Interviewsituation der Figuren ersichtlich.

Im direkten Vergleich zum das Festival Theater der Welt auf Kampnagel eröffnenden  Werk Ishvara des – gleichfalls chinesischen – Regisseurs Tianzhuo Chen, ist 500 Meters ein sehr viel politischeres Werk, das durch originelle Einfälle besticht und dabei Kritik an den herrschenden Zuständen, Machstrukturen und Abhängigkeiten (Staat, (multi-)nationale Konzerne, Medienkonsum, etc.) übt. Einflüsse aus dem Tanztheater (und der sogenannten „Peking Oper“) sind auch in 500 Meters – u.a. an den zahlreichen Kampfkunsteinlagen – erkennbar, stehen jedoch nicht im Fokus wie im deutlich ästhetizistischer angelegten Ishvara. Wer sich mit den aktuellen Strömungen im chinesischen Gegenwartsdrama vertraut machen möchte, sollte beide Werke sehen – nicht zuletzt um die Vielfalt und Diversität, die in beiden Werken zentral und auf unterschiedlichen Ebenen verhandelt wird, der chinesischen Theaterlandschaft zu sehen bzw. kennenzulernen.

Julia Lange, 26.05.2017

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