Stimmen aus der Universität Hamburg – The Song of Roland: The Arabic Version

Seminar: Aktuelle Hamburger Theaterfestivals unter der Leitung von Prof. Dr. Martin Schäfer

 

Eintauchen in vergangene Zeiten

Wael Shawky entführt uns mit seiner Inszenierung The Song of Roland: The Arabic Version in den mittelalterlichen arabischen Raum. Mit geballter Stimmgewalt schaffen die SängerInnen und MusikerInnen eine Atmosphäre der südländischen Welt, die durch deren Gesang den arabischen Teil der Geschichte um die Eroberungskriege Karls des Großen präsentiert.  Die Wahrnehmung dessen erscheint rein emotional und affektiv, verändert damit kaum das traditionelle Rolandslied, sondern erweitert es um die arabische Komponente.

Durch diese musikalische Untermalung ermöglicht Wael Shawky uns einen Zugang zur Geschichte, der fernab von scheinbarem Faktenwissen auf eine lebensweltliche Erfassung setzt.

Die ungünstige Lage der fehlenden Schriftstücke, die eine arabische Sichtweise schildert, löst Wael Shawky durch den affektiven Zugang über die arabische Kultur. Große Stimmen werden begleitet durch klassische Trommeln, alte Tongefäße und einem unglaublich gut abgestimmten Klatschspiel der Musiker. Dies überzeugt nicht nur durch seine Synchronizität, sondern vor allem mit aufeinanderfolgenden und in einander übergehenden Klatschfolgen der einzelnen Künstler. Hiermit entsteht auf grandiose Weise eine mit minimalen Mitteln erzeugte Dynamik, die federführend für die gesamte Inszenierung ist.

Währenddessen kommentieren die Künstler vor allem durch stimmliche oder tänzerische Soloparts die projizierten Verse des Rolandsliedes auf eine sinnliche Art und schaffen es so, ihre arabische Version innerhalb des Traditionellen zu präsentieren.

AT

 


 

Seminar: HafenSzenen unter der Leitung von Prof. Dr. Ortrud Gutjahr

 

Alte Geschichten, viele Perspektiven

Mal wieder ist es sehr heiß und stickig auf Kampnagel. Wie an jedem der vergangenen Tage betrete ich den Zuschauerraum und beginne, noch bevor ich meinen Platz gefunden habe, zu schwitzen. Alles wird feucht und klebrig. Im Gegensatz zu den letzten Abenden passt das Hallenklima heute aber ganz gut, denn heute bin ich in Saragossa, Spanien. Aus einer arabischen Perspektive heraus wird in der kommenden Stunde von den Feldzügen Karls des Großen und seines Neffen Roland in Spanien berichtet. Textgrundlage dafür ist La Chanson de Roland, eines der ältesten Werke der französischen Literatur, das von Wael Shawky ins klassische Arabische übersetzt wurde. Auf der Bühne wird The Song of Roland – The Arabic Version von einem 19-köpfigen Fidjeri-Chor umgesetzt. Barfuß und mit überkreuzten Beinen sitzen die Musiker auf dem gelb-orangen Bühnenboden. 19 Männer mit wei- ßen Turbanen und mit Gold bestickten festlichen Gewändern. Und dann fangen sie an. Und sie sind großartig. Sie klatschen. Verschieden schnelle und komplexe Rhythmen überlagern sich dabei, treffen sich, entfernen sich wieder. Hinzu kommt ihr Gesang, mehrstimmig und manchmal so tief, dass ich ihre Töne auf dem Boden unter meinen Füßen spüren kann. Ich vergesse den englischen Untertitel, der über ihren Köpfen mitläuft – zu fesselnd sind die Rhythmen und Gesänge um mich herum. Von dem Inhalt des Rolandslieds bleibt mir schließlich nur das, was ich vor dem Beginn der Vorstellung im Programmheft schnell überflogen habe. Das macht aber nichts, denn ich habe etwas anderes gefunden. Aber zuvor nochmal einen Schritt zurück: Mit seiner Neuinszenierung des Rolandslieds eröffnet Shawky dem Zuschauer eine weitere Perspektive aus der wir auf das im Werk beschriebene Geschehen blicken können – eine arabische Perspektive. Warum er das macht – warum das möglich ist? Weil es die eine, die richtige Wahrheit nun mal nicht gibt. Das ist so. Ich habe aber noch eine andere Perspektive gefunden, denn wie gesagt, inhaltlich konnte ich nicht ganz folgen. Ich sitze also auf meinem Platz und fühle, wie ich langsam in einen Trancezustand hinabgleite, vom Klatschen und Gesang begleitet. Meine Augen wandern zwischen den Sängern langsam hin und her. Tatsächlich nehme ich sie aber kaum noch wahr. Stattdessen entstehen immer neue Bilder vor meinen Augen, angetrieben von den Rhythmen und Melodien des Chors. Orientalische Wüstenlandschaften, Karawanen, die sich langsam ihre Wege durch Dünen suchen, schattige Oasen und prächtige Paläste ziehen an mir vorbei. Und das ist meine Perspektive, so klischeebeladen sie auch wirken mag. Ich kann mich nicht dagegen wehren. Und schließlich klatsche ich so lange ich kann. Wenn auch weniger rhythmisch.

Sina Fischer, 25, Studentin

 


 

Seminar: HafenSzenen unter der Leitung von Prof. Dr. Ortrud Gutjahr

Seele, öffne dich!

„Das Rolandslied, das vom Krieg Karl des Großen und seines Neffen Roland gegen die Sarazenen im heutigen Spanien erzählt [..]“ Schon die Beschreibung klingt traurig und ich erwarte von dem Stück, dass mir die Parallelen zur heutigen Zeit aufgezeigt und mich bedrücken werden. Das Licht geht aus, die Bühne erhellt. Auf ihr sitzen circa 20 Männer in schönen Gewändern aus seidenem, glänzendem Stoff mit aufwendigen Stickereien. Der erste Sänger setzt zum Gesang an, die anderen stimmen mit ein. Der Text ist, so glaube ich, auf altfranzösisch. Ob irgendjemand im Publikum ist, der das versteht? Über der Bühne hängt eine Tafel, die den englischen Text wiedergibt. Um diesem zu folgen, müsste ich allerdings auf das Schauspiel verzichten. Anlässlich des lebendigen Bühnenbildes wäre das eine ziemliche dämliche Entscheidung. Dass ich also nichts verstehe, ist gar nicht schlimm. Musik ist ja schließlich eine eigene Sprache. Ich beobachte die einzelnen Fidjeri-Sänger und muss automatisch schmunzeln. Obwohl das Lied eine traurige Geschichte erzählt, transportieren die Sänger unheimlich viel gute Laune. Sie grinsen und klatschen, scheinen vergnügt zu sein. In der hinteren Reihe verliert ein Mann seinen Turban, sein Nachbar kann es sich grad noch so verkneifen, nicht laut loszuprusten. Ein anderer hat eher wenig Rhythmusgefühl und klatscht immer dann, wenn er es genau nicht soll. Der vorne rechts fungiert als eine Art „Anheizer“, immer wieder steht er auf, wackelt mit seinen Schultern so schnell er kann, bevor er sich lachend und erschöpft auf den Boden wirft.

Ich sehe mich um – die Menschen im Publikum scheinen zufrieden, viele wippen mit den Beinen und Köpfen, eine Frau hat die Augen geschlossen und schwingt von links nach rechts. Mein Blick trifft den ihres Begleiters, er grinst und mimt seine Frau nach.

Diese ganze Atmosphäre erinnert mich an Urlaub – die Musik, die glücklichen Menschen, die bunten Farben. Die zusätzliche Hitze im Saal, die durch das Hin- und Herwippen nicht grad weniger wird. Nachdem die letzten Töne des Liedes erklingen, setzt das Publikum zum Applaus an. Einige Zuschauer jubeln und trampeln wie wild auf den Boden. Die Darsteller strahlen, beim Abgang winken sie wild mit den Armen und beim Rausgehen sehe ich, dass sie durch den kleinen Spalt des Vorhanges linsen, der den Zuschauerraum von der Bühne trennt. Dabei kichern sie wie kleine Kinder.

Nicht die Vorstellung selbst, sondern die geringe Distanz zwischen Zuschauer und Darsteller, dieses fröhliche Miteinander, dieses Menschliche, hat mich an diesem Abend glücklich gemacht.

Marieke Hoeft

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