Feeling Dubbing

Monira Al Qadiris Feeling Dubbing ist eine angenehm erfrischende Performance. Im Gegensatz zu der aktuell häufig anzutreffenden Tendenz, Theateraufführungen um jeden Preis abendfüllend zu gestalten und somit auf zwei Stunden zu strecken (auch wenn es das Material letztlich nicht hergibt), weiß Qadiri die Länge des Stückes an die von ihr verhandelten Themen und deren Inszenierungsstrategien anzupassen. Die fünfundvierzig Minuten vergehen wie im Flug und man wünscht sich – nicht zuletzt angesichts der Klangschönheit der arabischen Sprache – dass die Performance doch ein wenig länger andauern würde.

Um die Schönheit menschlicher Sprache und deren Klangfarben geht es denn auch, wie der Untertitel „A Theater of Voice“ suggeriert, primär in Feeling Dubbing. Vergleichbar mit der Faszination, den die Stimmen der libanesischen Dubbing-Sprecher, mit denen japanische Cartoons im kuwaitischen Fernsehen der 80er Jahre synchronisiert wurden, auf Qadiri in ihren Jugendjahren ausübten, verfallen wir als Zuschauer ebenfalls dem Zauber einer Stimme, nämlich der arabisch sprechenden unsichtbaren Erzählstimme aus dem Off.  Anders gesagt vollziehen wir den gleichen Schritt wie die Figur Qadiris auf metatextueller Ebene nach und werden dabei gleichsam zu ihren Doppelgängern. Spiegelungen mit latenten Abweichungen bzw. die Spur der Differenz, die sich durch die performative Konstruktion von Identitäten und Sprache (s. die Dopplungen von Konsonanten („ee“/„bb“) und Suffixen (2x -„ing“) im Titel) zieht, ist ein weiterer Faden, der sich durch das Werk windet. Inwieweit können wir – redensartlich – mit uns Selbst eins sein? Oder schwingt unweigerlich eine Spur des „Anderen“ – im Sinn einer Projektionsfläche bzw. Spiegelung unseres Unterbewusstseins – bei der sozialen und sprachlichen Konstruktion unserer Identitäten mit, die das Theater als gleichzeitiges Ver- und Entzauberungsmedium (Stichwort: „Entfamiliarisierung“) offenzulegen vermag? Qadiri spielt in „Feeling Dubbing“ mit dieser Dialektik des Sichtbarmachens und Verhüllens, wobei sie das Element des Hörbarmachens ergänzt und somit den Affektschauplatz um einen weiteren Sinn ergänzt.

Während der Vorstellung agiert Qadiri überwiegend als Einzelkünstlerin, wobei ihre Präsenz auf unheimliche Weise von einer Puppe gespiegelt wird, die hinter den Kulissen von Strippenziehern, einem Puppentheater gleich, bewegt wird. Fragen von agency, also der Handlungsfähigkeit der Subjekts, drängen sich angesichts der unübersehbaren Ähnlichkeit der Puppe zu Qadiri auf: Inwieweit ist ihr Handeln selbstbestimmt und inwieweit von unsichtbaren (Macht-)Strukturen geprägt? Basiert Qadiris Entscheidung, für 10 Jahre nach Japan auszuwandern, um anschließend enttäuscht festzustellen, dass ihre Liebe weniger den japanischen Comics als den libanesischen Dubbing-Stimmen galt, auf einem ähnlichen Trugschluss wie wir ihm als Zuschauer ausgesetzt sind, wenn das Visuelle (d.h. Qadiris bis beinahe ganz zum Ende schweigende Bühnenpräsenz) nicht mit den akustischen Signalen, also dem Ton, den wir empfangen, identisch ist, d.h. wenn das Auditive von einer Stimme aus dem Off stammt, die wir nicht zu lokalisieren wissen und somit die Situation Qadiris bei der Rezeption japanischer Comics mit einer ebenfalls unsichtbaren Dubbing-Stimme selbstreflexiv thematisiert? Anders und zugespitzt gefragt: Ist das Fernsehen als Medium des Massenkonsums eine große, irreleitende Betrugsmasche der Kulturindustrie (Adorno)? Und welche Rolle nehmen Übersetzungsprozesse ein, wenn sie den kulturellen Transfer aus der einen in die andere Sprache nicht als solchen kennzeichnen? Mit anderen Worten: Wirken Übersetzungen verschleiernd oder erhellend? Und, vermutlich entscheidender, wie lässt sich mit den Konsequenzen der Verblendung (hier: 10 Jahre in einem Land, für das Qadiri offenbar keine besondere Zuneigung empfand) umgehen und weiterleben?

Das Stück endet ironischerweise in einem kulturellen Stereotyp, das von der Präsentation an einen Werbesong erinnert und damit das Motiv der Wirkmacht von Massenmedien aufgreift: asiatische Nudeln – überlebensgroß als Requisite ins Bühnenbild gerückt – werden als Kraftspender in (offenbar) kräftezehrenden Zeiten angepriesen. Qadiri erlangt – nach langem Schweigen auf der Bühne, das von dem Redefluss der Off-Stimme überlagert wird – ihre eigene Stimmgewalt wieder. Aber was wir zu hören (und zu sehen) bekommen, ist nicht das bildungsromanhafte finale Bild einer durchlebten Emanzipation, das im (female) empowerment endet, sondern der Rückfall aus dem (Selbst-)Zweifel in eine sonderbare Form von Mündigkeit, die von äußeren Strukturen, und hier konkret der klischeebeladenen Massenwerbung, durchdrungen ist. Subjekte, so wohl eine der möglichen Lesarten, werden von unsichtbaren Strukturen und (Staats- bzw. Popkultur-) Apparaten interpelliert. Wer die Strippenzieher sein mögen, wird im Schlussakkord, bei dem sich diverse Personen, die während der Vorstellung hinter den Kulissen wirkten, auf der Bühne präsentieren, zwar angedeutet. Sicher wissen aber tun wir es nicht. Ein passender Schluss für ein Werk, dass erkenntnistheoretische Fragen aufwirft und die Antwort darauf in der stark emotionsgeleiteten (ergo: biologistischen) Subjektivität von zugleich sozial beeinflussten (ergo: sozial-konstruktivistischen) Wahrnehmungsprozessen zu verorten sucht. Gefühlte Synchronisation eben. Aber eben auch nicht exakt Feeling Dubbing.

Julia Lange

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