Stimmen aus der Universität Hamburg – Die Weber

Seminar: Transitorische Räume im Gegenwartsdrama und -theater unter der Leitung von Felix Lempp, M.A.

Keine Gerechtigkeit den Ungerechten!

Gefühle und Gedanken des gutsituierten Hamburger Bürgertums bei Betrachtung der Zerstörung des bürgerlichen Lebens durch die Abgehängten.

Ich schaue auf die Uhr. Mist, schon so spät, ich sehe mich gezwungen, meine Füße aus dem eiskalten Fußbad zu nehmen, mich von meinem Massagesessel zu erheben und die Kirsche aus meinem Martiniglas zu fischen. Ich gehe in die Küche und drücke auf meine vollautomatisierte Kaffeemaschine, die mir sofort einen wunderbar duftenden cremigen Espresso serviert. Umziehen muss ich mich auch noch. Ziehe ich meine teure stonewashed Jeans mit den ausgefransten Löchern an? Oder sollte man ins Theater nicht doch eher das kurze schwarze Kleid tragen? Der silberne Gürtel, den ich zur Jeans getragen hätte, passt auch zum Kleid. Die Entscheidung fällt dann doch für das kurze Schwarze. Da ich jetzt wirklich in Eile bin, kippe ich meinen Espresso schnell hinunter und vergesse ganz, ihn zu genießen. Auf ins Theater. Heute: Die Weber von Gerhardt Hauptmann, inszeniert von Kornél Mundruczó. Worum ging es da noch mal? Arbeiteraufstände, Revolution, Kapitalismus, Proletariat sind Begriffe, die mir in den Kopf kommen. Irgendwas aus dem vorletzten Jahrhundert halt.

Als der Vorhang aufgeht, fühlen wir uns in die Zeit der stinkenden Industrialisierung zurückversetzt. Laute Maschinen, giftige heiße Dämpfe, hektische Geschäftigkeit auf der Bühne. Drei bis vier Generationen arbeiten offenbar gemeinsam daran, Kleidung herzustellen. Wir werden aus unserer Nostalgie gerissen, als ein junger Mann uns Zuschauern eine fertiggestellte Jeans verkaufen will. Nur 50 Euro soll sie kosten. Ich finde sie sehr schick und überlege, warum ich nicht doch meine Jeans angezogen habe. Hätte ja gepasst zum Stück. Verstohlen sehe ich mich um und wähne mich doch in guter Gesellschaft. Das kurze Schwarze passt doch besser zu der Perlenhalskette der Dame neben mir und dem schwarzen Sakko mit der Seidenkrawatte ihrer Begleitung. Zufrieden wende ich mich wieder dem Stück zu, wo ein älterer Herr mittlerweile den Marktwert der Jeans steigert, indem er ausgefranste Löcher, Farbkleckse und Säurebäder hinzufügt. Am Ende soll der Stofffetzen, den er in der Hand hält, 500 Euro kosten. Ist auch wirklich schick, denke ich mir. Gibt’s bei Amazon aber wahrscheinlich billiger. Mich beschleicht das Gefühl, nicht in die Zeit der Industrialisierung zurückversetzt worden zu sein, sondern Einblick in die moderne Billigproduktion Asiens erhalten zu haben.

Das Stück kommt langsam in Fahrt. Es geht um Ausbeutung und Elend, um Hunger und Hoffnungslosigkeit. Zumindest im Keller. Darüber im schicken Loft hat der Bourgeois seine ganz eigenen Probleme. Der Schampus perlt nicht. Alle wollen Geld von ihm, dabei hat er die ganze Nacht kein Auge zu gemacht. Und zu allem Überfluss kotzt ihm noch ein ausgehungertes Kind in seinen Laden. Sein unfähiger Unterhändler kriegt es nicht mal hin, etwas Menschenwürdiges zu essen für das Kind zu holen, so dass er gezwungen ist, die Brote seinem Hund vorzuwerfen. Dass das Kind dabei leer ausgeht, bemerkt er natürlich nicht. Aber er ist doch kein schlechter Mensch, nein, er tut doch alles in seiner Macht Stehende, seinen Arbeitern ein gutes Leben zu ermöglichen. Diese müssen währenddessen den Familienhund schlachten und verspeisen, um das erste Mal seit zwei Jahren wieder Fleisch in den Magen zu kriegen. Schade, dass dieser das dann nicht mal bei sich behalten will.

Ja, die Kinder, sie werden wütend, und als dann noch der hocharrogante Reisende kommt und die Preise drücken will, lassen sie ihrer Wut freien Lauf. Nach und nach werden die verhassten Institutionen der Unterdrückung zum Ziele ihrer Wut, untermauert von mitreißendem Trommelgetöse, welches einen zum Aufstehen und Mitmachen animiert. Die Wut und Trauer der Kinder wird meine eigene und ich fühle mich versucht, die Faust in die Luft zu recken und mit zu brüllen gegen die Ungerechtigkeit in der Welt.

Aber halt, jetzt schlachten sie den Pfarrer, seine Frau wird vergewaltigt. Das geht wohl auch mir zu weit. Und was ist los in der oberen Etage? Während die junge Schönheit, welche der Geschäftsmann seine Frau rufen darf, sich noch die Nutella von ihrem Hund von ihren Schenkeln schlecken lässt, hat er die Brisanz der Lage längst erkannt und beginnt, die Goldbarren in der Unterhose seiner Frau zu verstecken. Als diese endlich kapiert, was vor sich geht, fängt sie an, ihre Diamanten aufzufressen, und schiebt diese in den Arsch von sich und ihrem Mann. Was wir nicht haben können, soll niemand haben! Kurz vor ihrer Flucht gewähren sie noch schnell der Frau des Geistlichen Zuflucht in ihrem Haus, welches dann mit wahnsinnigen Bühneneffekten zerlegt wird, bis letztlich der gesamte Boden entzogen wird und all die Überreste des dekadenten Lebens in den Keller der Arbeiter krachen.

Der alte Mann arbeitet in aller Seelenruhe weiter. Er habe sein Leben lang gearbeitet, sagt er. Er wolle ja nur ein würdiges Leben, sagt er. Er bleibe hier sitzen und arbeite weiter, sagt er. Er sitze, wo sein Herrgott ihn hingesetzt hatte, sagt er.

Ich werde mir der Gegenwart wieder gewahr. Einige schütteln den Kopf, einzelne Buhrufe, als der Regisseur die Bühne betritt. Andere klatschen brav Beifall. Wir alle verlassen den Theatersaal mit mulmigem Gefühl, also ich zumindest. War das nicht ein Angriff auf uns? War das nicht hochaktuell? Ist es nicht genau so, dass die Abgehängten der globalen Welt langsam begreifen, was los ist, und anfangen, ihren Stück vom Kuchen einzufordern? Sind es nicht gerade die Kinder, die nächsten Generationen, auf deren Rücken wir gerade schamlos die letzten Güter der Welt auffressen? Sind wir in Gefahr?

Ich glaube, einige um mich herum fühlen diese Gefahr und reagieren mit Ablehnung und Buhrufen. Sie fühlen sich angegriffen. Ich glaube, der Regisseur hat den Kern getroffen. Die Frage bleibt, wie sollen wir reagieren? Ist es sinnvoll, sich abzuschotten, sich zu schützen? Kann das klappen? Oder ist nicht der einzige Weg, die Ungerechtigkeit zu erkennen, zu benennen und zu beenden?

Wie dem auch sei, ich fahre jetzt nach Hause und setze mich auf die Terasse. Ich hatte da doch noch einen Campari im Kühlschrank, der ist jetzt genau das Richtige nach diesem Stress. Prost!

Yara Ulloa-Ruprecht

 



Auf Emotionen komm’ raus: Ich weiß nicht ob ich weinen oder schreien soll.

„Theater darf experimentell sein. Das Thalia Theater ist experimentell, beruhig dich, es ist das Thalia!“, denke ich mir während der Vorstellung. Aber dann kommt der Hund ins Spiel und ich fange an zu weinen. Ich weine nie, erst recht nicht im Theater. Vielleicht wurde hier also etwas richtig gemacht. Bei der Vorstellung von „die Weber“ wurde ein echter Hund auf die Bühne gebracht, gebracht ist untertrieben, es sah eher gezwungen aus.
Von da an war ich raus, künstlerische Freiheit hin oder her – es tat mir in der Seele weh.

Das Originalstück handelt von Webern, die am Existenzminimum leben, bedingt durch zu viel Arbeit und zu geringen Lohn. Darauf folgt ein Aufstand der Arbeiter. Das wurde im Theater auch rübergebracht. Es war schockierend und das ist auch sinnvoll, gerade weil das Thema der fairen Klamottenproduktion (gerade heutzutage in den Dritte-Welt-Ländern) immer noch präsent ist. Die Umsetzung war vulgär angehaucht und auch das verstehe ich, man will schockieren, doch der Hund geht mir nicht mehr aus dem Kopf.

Ich wollte aufstehen und gehen, aber es ist wie bei vielen schrecklichen Dingen: Man will wegschauen – doch es geht nicht. Der Hund wurde mit lauter Musik beschallt, überall wurde geschrien und getrommelt und dann musste er Nutella vom Innenschenkel einer Frau ablecken. Das war’s. Das war der Tropfen der das Fass zum Überlaufen gebracht hat.

Schauspieler entscheiden sich bewusst dafür, beim Theater mitzuspielen, der Hund hat sicher keinen Vertrag unterschrieben. Er war nicht mal essentiell für das Stück, er hatte keine maßgebliche Rolle. Im Original wurde auch ein Hund gebraten, aber wo bei den Neuaufführungen doch immer etwas geändert wird, hätte man dies doch rauslassen können.

Ich bin wütend und gleichzeitig fasziniert. Das Thalia Theater hat es geschafft, es hat Emotionen und Gespräche bewirkt. Ich habe das Theater nach der Vorstellung zwar verlassen, doch das Stück meinen Kopf nicht. Es ist da und es bleibt da und ich weiß nicht, ob ich es lieber nicht gesehen hätte, das Geld für etwas Anderes ausgegeben hätte, oder es gut so ist.

In der heutigen Zeit braucht man wohl etwas mehr als nur den Blick auf den nackten Knöchel einer Frau, um zu schockieren. Das verstehe ich, das unterstütze ich, doch dann bitte auch mit einer Message dahinter. Die habe ich in Bezug auf den Hund gesucht und nicht gefunden.

Wenn man den Hund außer Betracht lässt, war das Stück doch recht aufregend. Gerade die musikalische Untermalung und das Bühnenbild haben mich mitgerissen.

Es war beeindruckend und sehr gut gemacht, mit viel Liebe zum Detail. Es war eine gute Interpretation des Stückes, das finde ich wirklich. Allerdings fällt es mir unglaublich schwer, etwas Gutes zu schreiben über ein Stück, welches mich so tief getroffen hat.

Man mag glauben, ich übertreibe, allerdings denke ich doch, dass manche Grenzen, wie etwa die sexuelle Ausbeutung von Tieren, nicht überschritten werden sollten. Es war mir zu viel und irgendwo bin ich auf froh darüber. Ich bin nicht abgestumpft, es hat Emotionen in mir ausgelöst die weder im Kino noch zuhause vor dem Laptop aufgekommen wären. Es war so nah, real und greifbar, dadurch wurde die bekannte „vierte Wand“ zwischen Zuschauer und Bühne durchbrochen, ohne das Publikum einzubeziehen.

Nichts desto trotz bin ich wütend– und das bleibt wohl auch so.

Lynn F.

 


 

Die Weber

Es hat sich zwar ein Vorhang gehoben und jegliches Geflüster ist den Zuschauern definitiv vergangen, doch als kompakte Vorstellung lässt sich die Inszenierung von Kornél Mundruczó nicht fassen. Schon bevor sich der Vorhang hebt, sind zwei Werkbänke zu sehen, ein Tontechniker geht nach vorn und dreht etwas am Sound. Keiner weiß, ob das bereits zum Stück gehört oder als Vorbereitung von Haus aus notwendig war, doch ist die gesamte Inszenierung noch vom Bruch der Dimensionen geprägt.

Die Räume der Bühne

Der Vorhang hebt sich und gibt dennoch nur den unteren Teil der Bühne preis: Etwa zwei Drittel darüber werden von einer weißen Leinwand verdeckt, auf der Titel und Namen erscheinen. Die teilweise schwer verständlichen, auch schlesischen Sätze werden ebenfalls eingeblendet. Unten zu sehen ist ein bunter Haufen aus Kindern, Frauen und Männern, die in einem langen Raum sitzen, der zugleich Arbeitsraum, Waschkeller, Wohnzimmer, Küche und weiteres zu sein scheint und wie ein niedriges, schmutziges Kellergewölbe anmutet. Klassische Raumaufteilung sucht man hier vergebens. Der Geräuschpegel ist enorm, alles tönt durcheinander und doch scheint jeder dabei zu arbeiten: Schreie, Klopfen, Pochen. Es dröhnen zwei laute Fernsehgeräte, die abwechselnd Kinderserien und Clips von Pop-Songs spielen, daneben Nähmaschinen, dann wiederum werden die Werkbänke bedient, Wäsche wird in Bottichen gewaschen, umständlich gewrungen und ausgeklopft und Kinder spielen, Kinder schlafen, Kinder nähen, Kinder rennen, Kinder werken, Kinder arbeiten.

Alles ist ein großes Durcheinander, ein anscheinend wichtiges Telefonklingeln geht beinahe unter und schließlich steht ein Weber mit einer Hose auf der Bühne und bietet sie dem Publikum für 50 Euro an: wieder ein Durchbrechen des Bühnenraumes, gefolgt von einem tragischen Video an der großen Leinwand darüber. Es zeigt einen kleinen Jungen, der in einem Schmuckgeschäft vor Hunger kollabiert, während die Erwachsenen hilflos und unwissend danebenstehen und lieber über die Preise der Ware diskutieren. Dieses Video endet mit einem Durchbruch der sogenannten Vierten Wand, indem einer der Erwachsenen wütend direkt in die Kamera schimpft. Einige Zeit später stutzt der Zuschauer schon wieder, da sich die Leinwand hebt und sich der obere Teil der Bühne als ebenjenes Juweliergeschäft entpuppt, das einem vom Video nun seltsam vertraut ist. Dennoch kann sich der Zuschauer einem Gefühl leichten Verrates nicht unbedingt erwehren, da einem bisher vorenthalten wurde, dass die gesamte vorherige Handlung unterhalb dieses Geschäftes stattfand. Damit wird die gesellschaftliche Diskrepanz zwischen Arm und Reich noch deutlicher und das Publikum lernt, hier keiner scheinbar ruhenden Wirklichkeit zu vertrauen – am Ende fällt die Welt noch gänzlich in sich zusammen.

Der Ekel

Mundruczó spielt bewusst mit den Grenzen des Zumutbaren in unserer heutigen Gesellschaft. Er zeigt nackte Haut, abnormale Sexualität und immer wieder große Wut und Verzweiflung. Mit Ästhetik darf hier kein Zuschauer rechnen, auch muss sich schleunigst eine dicke Haut zugelegt werden, denn in dieser Inszenierung werden Kinder angeschrien, Kuscheltiere zerrissen, Menschen umgebracht, es wird gespuckt, gekotzt, gefoltert, immer wieder gebrüllt, und der treue Hund des kollabierten Jungen geschlachtet sowie die gesamte Familie dazu gezwungen, das Tier zu essen, da es nichts anderes gibt. Alles, was nur im Entferntesten lieb oder schön sein könnte, wird zerstört. Im Zuschauerraum werden Rufe des Erstaunens laut, Emotionen werden verbalisiert. Auf allem liegt ein klebriger Film des Ekels, insbesondere in der Szene, in der eine Frau sich mit vermeintlichem Nutella die Oberschenkel und Genitalien einschmiert, damit ein weiterer Hund sie ableckt und dadurch zur sexuellen Befriedigung missbraucht wird. Auch den schauspielenden Hunden dürfte diese Inszenierung durch Geräuschpegel, Anschreien, Hektik, Krieg und solche Praktiken einiges abverlangen, was mit größter Vorsicht zu genießen ist.

Die Unsicherheit

So wie 1892 die Uraufführung verboten wurde und das Stück Empörung hervorrief, so kann auch heutzutage damit gerechnet werden, dass negative Stimmen gegen diese Inszenierung laut werden.

Jemand, der sich überlegt, das Stück anzusehen, sollte sich auf einiges gefasst machen und vielleicht versuchen, den ständigen Aufbruch der Ebenen, das laute Geschrei und die Zerstörung alles Lieben in Bezug auf die dramatischen Lebensumstände der Weber in der damaligen Zeit zu setzen, in der es auch keine Sicherheit gab. Eventuell sollte sich ebenfalls darauf vorbereitet werden, dass auch der Zuschauerraum ständig gestört wird, da immer wieder Gäste die Vorstellung vorzeitig verlassen.

Nicola Müller

 


 

Ich wünschte, ich wäre nicht da gewesen

Dunkelheit. Klopfen, Brummen und ein monotones Surren. Das Licht geht an und man sieht eine Fabrik. Mehrere Weber sitzen an ihren Tischen und arbeiten. In der Ecke sitzt ein kleiner Junge und spielt mit seinem Ball. Niemand spricht. Ab und zu ein lauter Befehl.
Wer sind diese Menschen, die in dieser dunklen, alten, dreckigen Fabrik arbeiten?
In dieser Szene sind sie einfach nur Weber. Austauschbar. Ohne erkennbare Identität oder Hintergrund. Doch das soll sich im Verlauf des Stückes ändern.
Ich war gespannt darauf, wie diesen anfänglich austauschbaren Menschen während des Stückes wohl Identität und Charakter zugeschrieben werden würde. Auf meine ursprüngliche Spannung folgte jedoch sehr schnell Enttäuschung und auch Entsetzen.

Zunächst wurde (zumindest mir) nicht vollkommen klar, in welchem Verhältnis die Personen zueinander stehen. Teilweise handelt es sich um eine Familie, aber einige Personen gehören wohl auch nicht dazu (oder doch?). Die Charakterisierung einiger Personen waren sehr extrem, teilweise vulgär. Dass ein Vater den Hund seines Sohnes tötet, um Fleisch für seine hungernde Familie auf den Tisch zu bringen, ist ja vielleicht noch verständlich. Allerdings wurde das Tier im Kühlschrank eingesperrt und anschließend ertränkt. Die Kinder im Stück waren teilweise verängstigt und fürchteten sich vor ihrem Vater und dann wiederum waren sie aufsässige Geschäftsführer eines ‚Concept Stores’.
Die Zusammenhänge des Stückes und der Personen sind zum Teil auf der Strecke geblieben und es war sehr schwierig, dem Verlauf zu folgen.

Für mich war die Frage, wie den Personen Identität zugewiesen werden soll, in dem Stück sehr enttäuschend gelöst, da für mich nicht klar wurde, welche Person was verkörpert bzw. welche Charakterzüge welche Person überhaupt hat und darstellt, da es generell schwierig war, dem Stück zu folgen.

Vielleicht liegt es auch an mir, dass mir ein gewisses Gefühl oder Verständnis für das moderne Theater fehlt, aber mir wurde einfach nicht klar, warum einem Mann Diamanten anal eingeführt werden, eine nackte Frau sich ihren Intimbereich mit Schnaps wäscht und ein armer, verängstigter Hund auf der Bühne hin- und herläuft und man ihm ansieht, dass er dasselbe denkt wie ich: „Ich wünschte, ich wäre nicht hier.“

Jennifer Harms

 


 

Die Weber

Man hört sie, die Maschinen. Laute Industriegeräusche ziehen die Aufmerksamkeit auf die Bühne. Der halbe Oberrang steht bereits, um zu sehen was dort weit unten passiert.

Dabei wirkt das gar nicht so spannend, sondern mehr oder weniger wie der Alltag in einer Produktionswerkstatt. Was auffällt, ist: Diese Weber sind gar keine Weber. Gewebt wird nämlich nicht, sondern teure Jeans genäht. 50 € – nein, 100 € versucht der Weber für seine frische Jeans dem Publikum in der ersten Reihe abzuknöpfen.

Die kleine beengte, dreckige Werkstatt dient nicht nur als Arbeitsplatz, sondern auch als Lebensmittelpunkt der Arbeiter. Dadurch hat der Regisseur hier geschickt die Arbeits- und Lebenswelt der unteren Schicht dargestellt, die im Dreck und Chaos verschwindet. Der sonst so offene Bühnenraum wird hier durch eine niedrige Decke verkleinert. Einerseits eine gute Möglichkeit zu zeigen, wie den Webern die Decke auf den Kopf fällt. Andererseits ist es natürlich eine Umsetzung, die es manchen Sitzplätzen unmöglich macht, alles zu sehen.

Ständig passiert etwas Neues in der Werkstatt. Ob nun laut auf Trommeln gespielt wird, oder der Hund dort geschlachtet, wo eben noch die Mutter gebadet wurde, alles passiert an einem Ort. Wo auch sonst sollten sie hin. Sie sind gefangen in dieser Welt der Armut und Ausbeutung.

Ohne Champagner geht bei mir gar nichts

Eben noch die Decke der Weber – nun der Boden des Fabrikanten. Marmorsäulen, ein großes Designsofa und ausgewählte Mode. Dieses Bühnenbild schreit förmlich nach dem dekadenten Leben, Reichtum und Überfluss. Es ist aufgebaut wie ein teures Geschäft am Neuen Wall. Im Hintergrund ist sogar das Hamburger Rathaus zu sehen.
Von allem reichlich. Noch mehr Champagner. Schweizer Pralinen. Kein Wunder das die Weber dort etwas fehl am Platz sind. Doch lange hält dieser Schein nicht. Immer wieder wird diese heile und teure Kulisse zerstört. Diese Weber sind wirklich aufständisch.

Der Super-GAU erfolgt im vierten Akt. Die schönen Möbel werden herumgeschlagen, die Kissen zerstört und als ob sie nicht genug von allem kriegen könnten, fangen die Reichen an, Diamanten zu essen. Mit dieser fürchterlichen Übertreibung wird noch einmal der Kontrast, der Boden, der auf der Bühne zwischen arm und reich liegt, hervorgehoben – bevor alles in einem einziges Chaos zusammenschmilzt.

Fast erschrocken zucken viele zusammen als plötzlich die schönen Marmorsäulen umkippen. Nein, dies ist kein loses Bühnenteil gewesen. Das teure Geschäft, das Zuhause der Reichen, fängt an, sich von alleine aufzulösen. Die Regale kippen um, die Fenster zerspringen, der Boden verschwindet und plötzlich kracht das Sofa auf eine der Nähmaschinen. Diese eindrucksvolle Szene wird durch einen einzigen Gedanken gestört: Welcher arme Bühnenarbeiter wird dies wohl saubermachen dürfen?
Die Bühne ist somit ein Trümmerhaufen und die Welt der Weber zerstört. Kein Wunder, dass das Stück nun zu Ende ist.

Anschließend trifft man auf viele verschiedene Gesichter. Viele Fragen sind offengeblieben. Vieles wirkte doch überdreht. Alles verstanden hat wohl keiner. Aber alle sind sich einig, dieses Stück zieht auf jeden Fall Aufmerksamkeit auf sich. Langweilig war es tatsächlich in keiner Sekunde.

Lea Pillen

 


Seminar HafenSzenen unter der Leitung von Prof. Dr. Ortrud Gutjahr

 

Die Weber nach Gerhard Hauptmann. Aufführung vom 27.05.2017 im Thalia

Die Weber sind Schneider – aber was ist nun?

Ziemlich ernüchtert frage ich mich: „Was will mir das jetzt sagen?“ Nein, ich habe keinesfalls gerade Das Wort zum Sonntag im Ersten gesehen, ich war im Thalia: Die Weber. Der Effekt war aber ziemlich ähnlich. Ich kann mit dieser Inszenierung nicht so recht was anfangen.

Nachdem ich meine Verärgerung über den 4. Akt überwunden habe, will ich das brandaktuelle Thema dieses Sozialdramas noch einmal aufgreifen. Die Ausbeutung der arbeitenden Bevölkerung ist auch 170 Jahre nach dem Weber-Aufstand nicht beendet, vielmehr nur in Billiglohnländer outgesourced worden, jedenfalls soweit sie die industrielle Fertigung – egal ob die der Textilien, Lederwaren, Fahrzeugteile, Plastikwaren, Spielzeuge etc. – betrifft. Grob gesagt: Sie wurde von der nördlichen Halbkugel auf die südliche verlagert. Inzwischen in Deutschland standardisierte (und kostenintensive) Arbeitsschutzvorschriften entfallen dort. Die Verantwortung für menschenwürdige Arbeitsbedingungen wird von den reichen Investoren und Handelspartnern aus dem Norden an die Dritte Welt oder an Schwellenländer abgeschoben.

Dies wird vielversprechend im Prolog angegangen. Die Weber sind keine Weber mehr, sondern Schneider in Heimarbeit mit Fernseher, der Preis der Jeans wird in Direktvermarktung mit dem Publikum ausgehandelt: Pro Shabby-Chic-Anteil wird eine finanziell nicht uninteressante „Wertverbesserung“ geltend gemacht. Welche Perversion!  Mengenrabatte? Durch unser Kaufverhalten (viel und billig) tragen auch wir als Konsumenten Schuld. Ein toller Spiegel wird uns vorgehalten!

Nun geht die Aufführung aber in einem wilden Mix  zwischen dem historischem  Weberaufstand  (anno 1844)  und der Gegenwart weiter, ohne die tatsächlichen heutigen geänderten und noch komplexer gewordenen Strukturen  aufzugreifen. Stattdessen werden moderne Oberflächlichkeiten eingestreut, die weder dem Ernst des geschichtlichen Ereignisses noch den tatsächlichen heutigen Verhältnissen zwischen abhängig Beschäftigten und unsichtbaren aber allgegenwärtigen Unternehmenseignern  gerecht werden. Das passt nicht so recht. Da das Stück weiterhin in Deutschland situiert ist, wären Anspielungen auf die familien- und/oder beziehungsfeindlichen Arbeitszeiten z. B. im Einzelhandel denkbar, und auch darauf, was Armut in Deutschland heute bedeutet. Die Dekadenz der Kapitaleigner kann sicher mit adäquateren Mitteln als mit einer primitiven Sodomie-Show aufgezeigt werden! Ebenfalls muss das Vermögen nicht mehr gefahrvoll mit einverleibten Diamanten und Goldbarren am Körper in Sicherheit gebracht werden. Kapitalflucht sieht heute anders aus. Panama lässt grüßen.

Zusammengefasst: Wir leben in einer Umbruchzeit; da vermisse ich bei diesem Thema Denkanstöße in Richtung unserer Zukunft. Was können immer größere Rechnergeschwindigkeiten mit uns machen? Wie wird Arbeit 4.0 unsere Welt von morgen verändern? Welche Ängste müssen wir ggf. überwinden und welche Chancen können wir wahrnehmen, um positive gesellschaftliche Entwicklungen voranzutreiben? Zündstoff zu weiteren Fragen, zur Diskussion bitte!

Es gab allerdings auch berührende Momente (die „Altenpflege“ z.B.). Und das Bühnenbild war ungewohnt fulminant! Kompliment!

Auch wenn ich diesmal nicht ganz so zufrieden das Thalia verlassen habe: Ich bleibe diesem Hause treu. Schließlich habe ich hier schon viele inspirierende Abende verbracht. So wird es auch in Zukunft sein. Sicher? Sicher!

Ursula, Hamburgerin, Kontaktstudentin AWW, Uni Hamburg

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