Die Odyssee

Als ich die Tribüne des Thalia Theaters in der Gaußstraße betrat und mir einen Platz weit vorne in der zweiten Reihe suchte, wusste ich noch nicht, dass ich es ganz zum Schluss bereuen würde, so weit vorn gesessen zu haben. Ich wusste zu diesem Zeitpunkt auch noch nicht, dass ich Die Odyssee – eine Irrfahrt nach Homer von Antú Romero nach den knapp zwei Stunden als die absurdeste, meist verstörende und zugleich als tiefsinnig, bewegende Inszenierung einstufen würde.

Am Anfang stand der Sarg. Auf der Beerdigung von Odysseus treffen zwei modern gekleidete junge Männer aufeinander. Sie kennen einander nicht. Beide erzählen davon, dass sie gekommen seien, um ihren Vater zu beerdigen. Sie stellen schnell fest: Sie haben den gleichen Vater, aber verschiedene Mütter. Sie müssen folglich Halbbrüder sein.

Die zwei fremden Verwandten versuchen nach und nach sich einander anzutasten. Dabei fühlen sie sich jeweils besonders selbstbewusst, wenn sie dem anderen mit ihren Fähigkeiten imponieren können. Der eine mit Zaubertricks, der andere mit Rap.

Schon nach den ersten zehn Minuten bin ich mit all meiner Aufmerksamkeit bei den zwei Brüdern. Sie bewerfen sich, sie veräppeln und spielen wie kleine Kinder miteinander. Je infantiler die beiden Männer agieren, desto mehr lache ich.

Ich und auch die beiden Söhne Odysseus vergessen, dass sie sich eigentlich auf der Beerdigung ihres Vaters befinden. Das Setting vergeht so in Vergessenheit, dass der Sarg auf einmal als Tisch fungiert, an dem eine „Kräuterzigarette“ geraucht wird.

Das Beeindrucken des Anderen und das Buhlen artet irgendwann so aus, dass die Inszenierung – typisch für Nunes – einen blutigen und spritzigen Charakter annimmt. Die absurden, wahnsinnigen Momente werden von unerwartetem, scharfsinnigen Witz glattgebügelt. Das Verrückte an dieser Inszenierung ist, dass bis zum Schluss in einer Fantasiesprache gesprochen wird, die, wenn überhaupt, einer Mischung aus Plattdeutsch, Isländisch und Dänisch gleicht.

Die Inszenierung von Romero Nunes und die schauspielerische Darbietung von Thomas Niehaus und Paul Schröder sind wegen Ihrer einzigartigen Verrücktheit schon zu loben. Hinzu kommt, dass die Inszenierung ein ubiquitäres Problem thematisiert: Die Tötung des inneren Kindes. Nunes geht sogar noch weiter und zeigt auf, was mit Individuen unserer Gesellschaft passiert, wenn sie sich von ihrer spielerischen  und kindlichen Ader verabschieden. Nämlich der Wahn und die Absurdität, die ethischen Totalschaden in der Gesellschaft verursachen.

Ich wurde von zwei Stunden griechischer Mythologie im genialen Performance-Format so sehr wachgerüttelt, dass ich mit weit aufgerissenen Augen das Theater verließ und ich sowohl grinsen musste, weil es mir so sehr gefiel, als auch gleichzeitig in Schrecken versetzt war, dass wohl auch ich wie eine Wahnwitzige ausgesehen haben muss.

Absolut sehenswert.

Mona Li

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