Eine Irrfahrt zwischen Tiefsinn und Wahnsinn

„Nur wenige Söhne sind wahrlich gleich ihrem Vater,
meistens sind sie schlechter und nur wenige besser.“
(Homer)

Zwei Männer tragen ihren Vater zu Grabe. Telemachos und Telegonos, Halbbrüder und Söhne des griechischen Sagenhelden Odysseus, begegnen sich zum ersten Mal an dessen Sarg. Was nun beginnt, ist der kindliche Kampf zweier Männer auf ihrer ganz eigenen emotionalen Irrfahrt.  Regisseur Antú Romero Nunes entfesselt ein wildes Kräftemessen erwachsener Jungen, die zwischen der Verehrung des Vaters, Trauer und infantiler Hysterie schwanken. Ob es das Ringen um Anerkennung im Sumo Kampf oder der wortwörtliche Schwanzvergleich ist, neben viel Slapstick und Klamauk  schwingt in jeder Szene auch die Verlorenheit und Verzweiflung des verlassenen Kindes mit. Als Kirk Douglas-Porträt ist Odysseus auf der Bühne allgegenwärtig: der abwesende und dennoch übermächtige Vater und widersprüchliche Held. Er ist Projektionsfläche und Identitätsgeber in einem. Ein Sohn verehrt ihn als Krieger und Helden, der andere sieht in ihm den schöngeistigen Wanderer.

Auf den Spuren des Vaters

Mit Hingabe verkörpern die Thalia-Schauspieler Thomas Niehaus und Paul Schröder die beiden Brüder  Telemachos und Telegonos und schlüpfen auch immer wieder in verschiedene Figuren, die dem Vater auf seiner Irrfahrt begegnen. Mal erkennt der Zuschauer die Überlistung des Zyklopen Polyphem, mal das verführende Bad der Kirke oder den Gesang der Sirenen. Dabei verschmelzen nach und nach die Geschichten eines unglaubwürdigen Erzählers mit den eigenen Erinnerungen der Söhne. Sprachlich bedienen sie sich einer Mischform aus skandinavischen Sprachen und Deutsch. Einer Art Pidgin-Sprache, die zunächst befremdlich klingt und immer wieder an die Grenzen des Verständlichen stößt, gleichzeitig jedoch eine großartige Fläche für amüsant absurden Ausdruck bietet.

Zwischen Komik und Schmerz

Antú Romero Nunes inszeniert die Odyssee auf der Bühne des Gaußstraßentheaters als einen fulminanten Taumel zwischen Tiefsinn und Wahnsinn. Zwei junge Männer auf der Suche nach der eigenen Identität im Schatten des großen Heldenvaters. Der Zuschauer folgt dem Reigen, in dem Komik und Schmerz oft nur einen Wimpernschlag voneinander entfernt liegen und kann sich -mal gespannt, mal genüsslich- den mannigfaltigen Emotionen hingeben. Niehaus und Schröder spielen lustvoll und mit viel Körperlichkeit bis hin zur völligen Ekstase. Schließlich stürmen sie als identitätslose Monster, von Lehm vollkommen entstellt den Zuschauerraum – in grotesker Splatterfilm-Ästhetik und mit kreisenden Kettensägen.

Sarah Steinberg, geboren 1986, arbeitet nach einem Studium der Literatur- und Medienwissenschaften als Lektorin und Hörbuchregisseurin in Hamburg. Heute ist sie als Redakteurin tätig und schreibt in der Hansestadt für verschiedene Kulturblogs.

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