Stimmen aus der Universität Hamburg – Hamburger Hafen Kongress – Diskurs 1

Seminar: Transitorische Räume im Gegenwartsdrama und -theater unter der Leitung von Felix Lempp, M.A.

Hafenkongress, die Erste

Der Hafen mit seinen großen Dampfern, seinen Containertürmen, seinen Geschichten und Erinnerungen gehört zu Hamburg wie Matjes ins Brötchen, und so darf man beim ersten Hafenkongress des Theater der Welt-Festivals gespannt sein, was es darüber so alles zu berichten gibt. Wer hätte beispielsweise gewusst, dass auf der Reeperbahn, dieser bunten Amüsiermeile, ursprünglich tatsächlich Reepen gedreht wurden? Oder dass sich um 850 nach Christus bereits der erste kleine Hafen in Hamburg, damals noch Hammaburg, bildete? Ehrlich gesagt: Noch nie so genau drüber nachgedacht…

Vier geladene Gäste sorgen für Horizonterweiterung der besonderen Art, indem sie aus ihren persönlichen Forschungsnähkästchen plaudern. Da geht es zunächst um Literatur und Film und die Verbindung beider Künste zum Wasser. Der Hafen vereint Interkulturalität und ständiges Kommen und Gehen. So eignet er sich besonders gut für Filme, in denen es um das Zusammentreffen verschiedener Kulturen oder auch das Erwachsenwerden geht. Und natürlich für Gaunerkomödien. Der Hafen ist jedoch nicht nur ein Ort für Inszenierungen, sondern auch ein Ort, der sich selbst stets neu in Szene setzt. Die aufgrund des Zeitmangels hektisch durchgezappten, an die Wand geworfenen Bilder lassen ihn in immer anderer Pose erahnen, der Betrachter nimmt vom Elbstrand, von den Landungsbrücken oder den Alsterterrassen entsprechende Zuschauerpositionen ein. Der Hafen sei eine Bühne, so wird es von Frau Prof. Dr. Gutjahr vorgetragen. Ergänzen ließe sich vielleicht, dass er auch gleichzeitig Akteur ist.

Ein Denkmal für ein Denkmal

Und wie die behaarten, sonnengebräunten Arme eines alten Seemanns durch verwaschene Tattoos von seinen Abenteuern auf den Weltmeeren zeugen, so erinnert auch der Hafen an verschiedenen Stellen an längst vergangene Tage. Wer Lust hat, kann sich zum Beispiel gezielt auf die Suche nach Gedenktafeln begeben, die von verheerenden Flutkatastrophen oder Schiffsunglücken erzählen. Es gebe sogar ein Denkmal für ein Denkmal, so der Naturanthropologe mit dem passenden Namen Prof. Dr. Fischer. Dieses musste her, weil eine alte Gedenktafel mit den Fluten mitgerissen wurde. Auch damit muss man also rechnen: Ein wütendes Meer scheint sich gänzlich wenig für Erinnerungsstätten zu interessieren.

Von Cholera bis Latte

Dass jedoch nicht nur das Element Wasser dem Hafen zu schaffen machen kann, davon weiß Herr Prof. Dr. Canavas mit leichtem Akzent und feinem Humor zu berichten. So gab es in der Speicherstadt schon mehrere Brände, die vor allem den gusseisernen Stützen der alten Speicher zu gefährlich wurden. Weiter spricht Herr Prof. Dr. Canavas ein wenig über technische Standards von anno dazumal und erklärt mit Hingabe, wo auf den projektierten Schwarzweißfotos an der Wand Osten und Westen seien. Am Ende seines Vortrages erschüttert mich vor allem die Tatsache, dass Hammerbrook mit seinen wunderschönen Fachwerkhäusern schlicht plattgemacht wurde, um ab 1884 der Speicherstadt zu weichen. Seine Bewohner mussten in teurere Gegenden ziehen oder waren gezwungen, sich in den engen und überfüllten Gängevierteln eine günstige Wohnung zu suchen. Dort wurden sie dann von der Cholera heimgesucht. Hauptgewinn. Der Redner spricht hier zu recht von den „Dunkelseiten“ des Hamburger Hafens, freut sich aber auch, dass wir heutzutage die Möglichkeit haben, mit Blick auf die Elbphilharmonie Latte Macchiato zu schlürfen. Einen Kaffeeausschank hatte es in den zum Teil abgerissenen, weil niedergebrannten Kaffeeröstereien nämlich nicht gegeben.

Der Hamburger Hafen ist ein auf verschiedensten Ebenen besonderer Ort. Das wird mit diesem ersten Hafenkongress deutlich. Zwar öffnet der letzte Redner eine recht kritische Haltung gegenüber einer Prise zu viel Lokalpatriotismus. Es ist schließlich nicht alles Gold was glänzt und blumige Prognosen von 1991 über zunehmende Arbeitnehmerzahlen im Hafen können inzwischen in der Tat als veraltet gelten. Aber am Ende ist da bei allen eine fast fürsorgliche Liebe zu spüren. Hamburg, meine Perle. Hafen, meine Schatzkiste – zeig, was du noch so Spannendes für uns parat hältst!

Mareike Henken

 


 

Der Hamburger Hafen – Schwellenort zwischen den Elementen

Auf dem ersten Hafenkongress, dem dezentralen Forschungsorten von Theater der Welt, boten vier Professor_inn_en (Prof. Dr. Ortrud Gutjahr, Prof. Dr. Norbert Fischer, Prof. Dr.-Ing. Constantin Canavas, Prof. em. Dr. Dieter Läpple) vier verschiedene Perspektiven an, sich mit dem Hamburger Hafen auseinanderzusetzen.

 Was ist überhaupt ein Hafen? Und was ist überhaupt, insbesondere, der Hamburger Hafen? Er ist geschichtsträchtig, sicher. Er ist Handelsort, heute auch Wohn- und Lebensort. Er ist Arbeitsort und -geber. Aber vor allem ist er das Tor zur Welt für die Hamburger, die steife Brise, die vom Meer her weht und uns das Gefühl der Freiheit so nahe bringt, wie es keine andere Stadt in Deutschland vermag. Nicht ohne Grund war Hamburg Zentrum der Aufklärung in Deutschland. Prof. Dr. Gutjahr stellt fest, dass wir Hamburger uns durch den Hafen nicht nur mit anderen Städten Deutschlands verbunden fühlen können, sondern auch schon immer die Möglichkeit hatten, uns mit anderen Hafenstädten, egal wo auf dieser Welt, rege auszutauschen, zu vergleichen und einander zu bereichern. Dementsprechend ist Hamburg von Natur aus international und interkulturell. Das Tor zur Welt eben.

Doch ein Hafen ist auch immer das, was wir daraus machen. Nicht nur technisch und architektonisch, wie es von Prof. Dr. Canavas dargestellt wurde, sondern auch dramaturgisch, literarisch und filmisch. Laut Gutjahr war die Literatur schon immer mit der See verbunden und so wurde die Schifffahrtsmetapher oft zum Sinnbild des Menschenlebens, wie schon in der Odyssee.

Der Hafen ist also auch eine Identitätskonstruktion. Hamburg projiziert seine Identität auf den Hafen und dieser ist wiederum identitätsstiftend für Hamburg.

In genau diesem Punkt sieht Prof. Dr. Läpple das Problem Hamburgs und zitiert Klaus von Dohnanyi (1989): „Die großen Erfolge unserer Stadt als Hafenstadt und als hafengebundene Industriestadt in der Geschichte sind zugleich die Wurzeln der heutigen Probleme Hamburgs. Erfolge und Sorgen liegen also offensichtlich gleichermaßen in der Vergangenheit der Stadt. Es ist wichtig, sich immer wieder zu erinnern.“

Dabei ist Läpple absolut kein Hafengegner. Er spricht sich lediglich gegen die Mythologisierung der Ökonomisierung des Hafens aus. Allzu oft würde in der Politik das Argument angebracht werden, der Hamburger Hafen sei der Wachstumsmotor der Stadt und biete rund 156.000 Arbeitsplätze. Dies ist laut Läpple keine zeitgemäße Einschätzung mehr und führe dazu, dass der Hafen sich damit nicht weiterentwickeln und seine Potentiale, wo sie auch liegen, voll ausschöpfen könne. Es werde weiter an der Vergangenheit festgehalten und die Leistung geschönt, da die Stadt sich die Realität nicht eingestehen könne und wolle.

Wirklich ernsthafte Sorgen macht sich Läpple um Hamburg allerdings nicht. Es sieht wohl so aus, als müssten wir einfach weiter die Nase in die Gischt recken und einen neuen Kurs einschlagen, der den Potentialen der Stadt gerecht wird.

Annedore Schacht

 


 

Was der Hafen für die Hamburger ist

Hafenkongress/ SEKTION 1

„Der Hafen wird erst zum Hafen durch die Bedeutungen, die ihm gegeben worden sind und die wir ihm geben“ – dies waren Frau Prof. Dr. Gutjahrs Worte bei der ersten SEKTION des Hafenkongresses am Freitagabend.

Diese Worte sind treffend, denn gerade für die Hamburger steckt ein großer Teil ihrer Identität im semantisierten, d.h. mit Bedeutung gefüllten, Ort des Hafens. Der Hafen als Tor zur Welt, als Ausgangspunkt für neue Identitätsbildungen und als Heimats- und Sehnsuchtsort. Vor allem letzteres zeigt, dass Hamburg ansonsten unvereinbare Gegensätze auf einzigartige Weise vereinen kann. Dies ist der transitorischen Eigenschaft des Hafens und all seinen dazugehörigen Assoziationen geschuldet.

Frau Prof. Dr. Gutjahrs Redebeitrag zum Thema „Hafenstadt Hamburg: Interkultureller Topos in Literatur und Film“ macht deutlich, wie viele verschiedenste Filme den Hafen aus genau diesen Gründen als Drehort gesucht und gefunden haben: „Ich Chef, Du Turnschuh“, „Sibel und Max“ und „Kurz und Schmerzlos“ sind nur drei von zahlreichen Filme, die den Hafen als zentrales Element aufgreifen. Besonders Filme, welche die Adoleszenz thematisieren und die Lösung vom Elternhaus darstellen, finden mit dem sich aufmachenden und in die weite Welt hinausfahrenden Schiff eine geeignete Metapher. Attraktiv ist der Drehort Hafen aber auch durch die Schifffahrt allgemein, als bedeutendste Metapher für das Leben schlechthin.

In großem Kontrast hingegen steht der Redebeitrag von Herrn Prof. em. Dr. Läpple, der kritischen Input zum Thema „Der Hafen – noch ein Ort der Arbeit oder schon automatisierte Containerschleuse?“ gibt. Er spricht von einer Mythologisierung des Hafens und dass wissenschaftliche Zahlen schon lange keine Unterstützung mehr bieten für die Deutung des Hafens als „Wachstumsmotor“. Aktuelle Tendenzen zeigen, dass der Welthandel schwächelt und der Containerverkehr nur noch begrenztes Wachstumspotenzial bietet. Informationen, die man ungerne hört als Hamburgerin. Und damit stehe ich nicht alleine da: „Unerschütterlich steht die Stadt zu ihrem Glaubensbekenntnis“, so Herr Prof. em. Dr. Läpple.

Wir Hamburger sind stur, wenn es um unsere Identität geht, und zu dieser gehört der Hafen einfach unweigerlich dazu. Eben aufgrund all dieser Bedeutungen, die wir dem Hafen gegeben haben und der Bedeutung, die er uns auch zurückgibt. Wir stehen aber vor einer Kontroverse, der wir uns stellen müssen: Neue Entwicklungsrichtungen wollen angedacht und gegangen werden. Mit „Hafenstadt neu ausgelotet“ ist das Motto der Hafenkongresse somit treffend formuliert.

Filiz Yagmur

 


 

Der Hamburger Hafen – Katalysator für kultur- und technikgeschichtliche Inspirationen angesichts seines praktischen Bedeutungsverlusts

Kampnagel am 26.05.2017. Der Hafenkongress hat gerade begonnen. Unter vielen Zuhörern befinden wir uns im Vorlesungssaal des Kulturzentrums Kampnagel. Von vier hochkarätigen Professoren versprechen wir uns einen Einblick in die Ursachen und Lösungen im Zusammenhang mit der Existenzkrise unseres geliebten Hamburger Hafens.

Schon der erste Beitrag löst bei den Zuhörern kognitive Überraschungen aus. Frau Prof. Dr. Gutjahr preist den Hafen als eine Bühne. Er inszeniere Hafenblicke, gestalte Aussichtpunkte, die dramatische Sicht auf ihn zuließen. Überhaupt lägen Hafenstädte an den schönsten Orten der Welt.

Unsere Hamburger Identität wird gestreichelt. Ich fühle mich stolz. Aber es kommt noch besser: Die große Weltliteratur sei schon immer aufs Meer bezogen gewesen. Vor meinem inneren Auge sehe ich Odysseus am Heck seines Seglers auf seiner zehnjährigen Irrfahrt durch mannigfaltige Abenteuer. „Robinson Crusoe“, „Der alte Mann und das Meer“, „Moby Dick“ – ich begleite Captain Ahab auf seinem Rachefeldzug gegen den weißen Wal. Nun zwinge ich mich wieder zuzuhören… Auch Filme seien immer (!) auf das Meer ausgerichtet. Eindrucksvolle Szenenausschnitte aus bekannten Filmen erscheinen mit einer gewissen zeitlichen Verzögerung auf der Beamerleinwand – was die Spannung natürlich dramatisch steigert. Ich lerne am Schluss des Vortrags: Schifffahrt sei die bedeutendste Metapher für das Leben schlechthin – mir schießt es durch den Kopf: Vielleicht sollte ich doch mein Studium aufgeben und Schiffsküchengehilfin werden. Ach wäre ich doch als Moment der Metapher involviert…

Der zweite Vortrag von Prof Dr. Fischer stellt uns maritime Gedächtnislandschaften und Denkmäler vor, die wie in jeder Hafenstadt so auch in Hamburg an zentralen Schauplätzen positioniert seien.

Das Meer verschlucke nicht nur die Seemänner, sondern auch die Erinnerung an sie. Die gezielt inszenierten Artefakte ermöglichten daher kollektives Gedenken. Mir fällt der Besuch mit meinen vier- bis sechsjährigen Kindergartenkindern auf der Rickmer Rickmers ein, die uns direkt im Hamburger Hafen als Museum das Leben auf dem Schiff näher bringt. Staunende Kinderaugen angesichts der Enge und der hygienischen Bedingungen bleiben mir in Erinnerung.

Der dritte Vortrag von Prof. Dr. Ing. Constantin Canavas strapaziert mein Aufmerksamkeitsvermögen. Irgendwie ging es um die hydraulische und elektrische Versorgung der Lastenaufzüge – der Hafen als technischer Impulsgeber.

Der letzte Vortrag von Prof. Dr. Dieter Läpple hebt wieder die Stimmung. Provozierend fragt er, ob der Hafen noch ein Ort der Arbeit oder längst Containerschleuse sei. Er setzt sich mit stereotypen Deutungen der Politik und Wirtschaft auseinander, zum Beispiel, der Hafen sei der (!!) Wachstumsmotor der Stadt, wichtigster Arbeitgeber und Wirtschaftsfaktor – 156 000 Arbeitsplätze… Diese Sätze konfrontiert er mit Statistiken, die für ihn belegen, dass wir es mit einer dramatischen „Demaritimisierung“ aller Hafenstädte zu tun haben. So führt er zum Beispiel an, die Zahl der Hafenarbeiter sei von 1979 bis 1999 von 12 000 auf 5000 gefallen. Heute verschweige man genaue Zahlen. Er schätze, es seien heute noch etwa 2500 Hafenarbeiter übrig geblieben.

Aus der anschließenden Diskussion ist mir in Erinnerung geblieben, dass Prof. Fischer feststellt, je mehr sich der Hafen praktisch in Richtung Bedeutungsverlust entwickle, umso mehr werde er – ich sage es mal mit meinen Worten – kulturpolitisch, literaturgeschichtlich, industriehistorisch und erinnerungstaktisch aufgewertet. Schön, genau daran teilgenommen zu haben.

Irgendwie fällt mir ein Stein von der Seele, bestätigt dies doch die Notwendigkeit etlicher weiterer solcher Veranstaltungen. Auch das Resümee der drei Professoren ergibt nun auf einmal Sinn. Statt die Gelder in vergeblicher Liebesmüh in den Hafen zu stecken, solle man doch in Kultur und Bildung investieren: Der Hafen als Inspirationsquelle vielfältigen wissenschaftlichen Schaffens.

Yara Ulloa-Ruprecht

 


 

Der Hafen ist eine Bühne

Bis weit in die Stadt hinein kann man den Hafen sehen – wenn man nur den dafür richtigen Ort gefunden hat. Und dieser richtige Ort ist gar nicht schwer zu finden. Denn unser Hafen inszeniert sich selbst und so sieht man ihn von vielen Orten aus. Er ist groß und weitläufig, so dass der geneigte Hamburger sein Schauspiel eigentlich gar nicht verpassen kann. Man kann den Hafen nicht nicht wahrnehmen, inszeniert er sich doch dramatisch und bietet sich als Bühne für eine Fülle an Eindrücken. Und immer schenkt er uns dabei Gefühle. Fernweh, Traurigkeit, Freude, Euphorie, Romantik, Aufbruchsstimmung und so vieles mehr.

Zwischen Traurigkeit und Lachen

Die Auftaktveranstaltung des Hamburger Hafenkongresses 2017 hätte eine etwas steife (als Hamburger sind wir ja bekannt dafür) und trockene Geschichte werden können. War sie aber nicht. Die Redner haben auf wundervolle Art verstanden, die Gäste abzuholen sowie Bilder zu zeigen und zu erschaffen, die greifbar wurden.

Ich erinnere, wie überrascht ich gewesen bin, wie viele Denkmäler wir Hamburger für die ‚Auf See Gebliebenen’ haben. Natürlich, wir sind ja eine Hafenstadt. Als solche haben wir eine Identität, die eben auch ein kollektives Erinnern braucht. Auch wenn manchmal Jahrzehnte zwischen dem ‚Auf-See-Bleiben’ und dem Aufstellen eines Denkmals liegen. Aber immerhin, wir vergessen das „Nicht- Vergessen“ nicht.

Der Hafen ist ein Flaschenhals

Zumindest war er das mal. Früher nämlich, als wir noch echte Hafenarbeiter hatten. Menschen mit Sackkarre und Hafenslang. Da sagte man Meen Deern und trank Lütt un Lütt. Und wir waren stolz darauf. Ganz früher mal, da versorgte der Hafen 156.000 Mitarbeiter. Die mussten flexibel sein. Denn Bananen sind nicht gleich Kaffee und man musste überlegen, wie man damit umgeht. Das erklärt übrigens das Bild mit dem Flaschenhals.

Und dann, naja, dann kamen Container und Technik und heute wird von Maschinen ausgeladen. Die Hafenarbeiter verschwinden, keiner trinkt mehr Lütt un Lütt. Der moderne Hafenarbeiter von heute sitzt an einem Pult mit Joystick in der Hand und schlürft Cappuccino.

Und doch täuscht das nicht darüber hinweg, dass nicht nur die Menschen weniger geworden sind, sondern auch die Umsätze. Sie schwinden dahin. Aber da wir so stolz auf unseren Hafen sind und unsere Identität, die einer florierenden Hafenstadt nämlich, davon abhängt… schauen wir nicht hin.

Hatte ich euch schon erzählt, dass Hamburg einen Rekord im Einlagern von Erzen erzielt hat? Großartig sind wir!

Und dann sitzen wir in der Hafencity, trinken Cappuccino, dort wo früher einmal Kaffeeröstereien gestanden haben, die übrigens keine Ausschankerlaubnis hatten, und fragen uns, wie wir all diese Seiten miteinander vereinbaren sollen. Der Hafen der sich selbst inszeniert. Der Hafen der Menschen für sich behält und nicht wieder hergibt und der Hafen, der langsam schwindet. Ich für mich persönlich nippe an meinem Cappuccino und denke „Raue See. Ebbe und Flut. Gezeiten eben.“ Und finde es ganz schön gut, Hamburgerin zu sein. Und, wo wir grad dabei sind, hatte ich eigentlich das mit den Erzen schon erwähnt?

Yasmin Brinkmann

 


 

„Auf dem Meer gibt es keine Grabsteine“

Dort, wo sich die verschiedenfarbigen, mobilen Lagerplätze gen Himmel stapeln, dort, wo tagtäglich immense Mengen von Ware umgeschlagen werden; dort findet die Öffentlichkeit keinen Zutritt. Und dennoch bleiben Containerumschlagplätze ein omnipräsentes Element der Landschaft Hamburgs.

Der Hafen ist nicht nur ein Charakteristikum Hamburgs – Hamburg definiert sich durch den Hafen. Er ist geschichtsträchtig; 1321 tritt die Hammaburg der Hanse bei und der Hafen wird zum zentralen Element des Handels erkoren.

Doch es steht mehr als nur der ökomische Aspekt hinter ihm: Er ist das Epitom der Grenzüberschreitung zu fernen Horizonten; er ist der Schwellenort zwischen den Elementen; er ist „ein Ort, der durch Literatur semantisiert ist, das heißt, dass er mit Bedeutung aufgeladen ist.“ Mit diesen Worten eröffnet Prof. Dr. Gutjahr den Hamburger Hafenkongress am 26.05.2017, welcher im Rahmen der Leitideen des Festivals Theater der Welt stattfindet. Denn der Hafen ist eine Bühne: Er ist inszeniert. Das Hafenmotiv vereinigt sich in einer jahrtausendlangen Literaturtradition, welches immer wieder hervortritt in Epen wie der Odyssee oder der Ilias; der Hafen steht für Ende und Anfang – von der Geburt, bis hin über schwierige Über- und Heimfahrten, welche schließlich das Abenteuer in einem Ende auf See münden lassen.

Der Hafen ist ein Transit-Raum. Er unterliegt ständigem Wandel. Er passt sich an das an, was gefördert wird – und dabei wird diese veränderte Raumkonzeption zu seinem Markenzeichen. Heutzutage prangen die moderne Hafencity und die Elbphilharmonie als repräsentative Bestandteile über der Instanz „Hafen“. Doch diese Entwicklung hat auch Schattenseiten; maritime Wunschvorstellungen und Expeditionen forderten ihre Tribute. Eine Gedächtniskultur geht mit der Veränderung einher, um an die zu erinnern, die vom Wandel zurückgelassen wurden. Denkmale zieren die Stätten, um an all jene zu erinnern, die auf See geblieben sind. Robert Harrison sagte dazu, dass es „auf dem Meer keine Grabstätten gibt“. Die Körper jener, die ihre Seelen in den Fluten verloren, bleiben oft an dem Ort, an dem sie die jetzige Realität verließen, ihre verstorbenen Überbleibsel unentdeckt. „Umso wichtiger ist die Erinnerung dieser an Land.“, so Prof. Dr. Norbert Fischer, welcher einer der Referenten an diesem Abend war.

Doch den Rückgang menschlichen Einflusses bei den Hafenaktivitäten belegt nicht nur das Gedenken an die Verschollenen, verirrt auf See und nie wieder heimgekehrt, sondern auch die stetige Verdrängung menschlicher Präsenz durch den Vormarsch automatisierter Maschinen. Vollautomatisierung der Transport- und Lagerungsprozesse lassen selbst den Transit-Ort weiter verschwimmen, und alles, was am Ende bleibt, ist die Prägung der Containerumschlagsorte in die Landschaft der Hafenstadt; ein Relikt für einen Ort, der einst geprägt war durch menschlichen Einfluss, aber so entglitt, dass die Menschen in ihren selbst erbauten Orten nun unerwünscht sind.

Viktoria Zenker

 


 

Der Hamburger Hafen als Bühne

Der Hafenkongress 2017 – Hafenstadt neu ausgelotet wurde von Prof. Dr. Ortrud Gutjahr eröffnet und geleitet. Auf einer relativ dunklen Bühne, die mit vier Sesseln und einem Pult ausgestattet war, führte sie uns zunächst in die Geschichte des Hamburger Hafens ein. Als Hafenstadt ist Hamburg ein transitorischer Ort, interkulturell und international ausgerichtet, unvergleichbar und weist zudem den größten Seehafens Deutschlands auf. Dieser Hafen ist der größte Arbeitgeber Hamburgs und hat der Hansestadt viele Reichtümer beschert. Die Hamburger Speicherstadt, welche als Weltkulturerbe ausgezeichnet wurde, mag eines davon sein. Der Hamburger Hafen scheint der Mittelpunkt der Stadt zu sein und wird von Aussichtspunkten an den verschiedensten Stellen, bei Tag oder auch mit einem dramatischen Blick bei Nacht, fotografiert und in Szene gesetzt. Ein sehr eindrucksvolles Zitat von Prof. Dr. Ortrud Gutjahr dazu: „Der Hafen ist eine Bühne, denn er inszeniert sich selbst.“

Tod, Trauer und Verlust

Unter diesen Gesichtspunkten wurde der Hafen im nächsten Vortrag von Prof. Dr. Norbert Fischer thematisiert und eine Inszenierung des Hafens als maritime Gedächtnislandschaft folgte. Zu den unterschiedlichsten Memorials erhielt das Publikum entsprechende Narrationen, darunter beispielsweise die „Madonna der Seefahrt“ am Fischmarkt sowie die drei symbolischen Wellen, welche an die Sturmflut 1962 in Wilhelmsburg erinnern. Ein neues Bühnenbild eröffnet sich: Der Hafen hat uns nicht nur bereichert, sondern uns ebenfalls viele Leben genommen. Doch auch aus diesen Ereignissen erschaffen wir uns wieder Reichtümer in Form von entsprechenden Denkmälern und teilweise sogar Denkmälern für Denkmäler.

Kaffee mit Blick auf die Elbphilharmonie

Im Anschluss sahen wir das Stück zu den Glanz- und Dunkelseiten der Technik im Hamburger Freihafen, präsentiert von Prof. Dr. Ing. Constantin Canavas. Ganz im Gegensatz zu den heutigen Zeiten der Elbphilharmonie wurden Bauprozesse früher in Eile umgesetzt, wie beispielsweise die konventionelle Bautechnik von Eichenpfählen im Wasser. Und dort, wo wir heute, mit Blick auf eben diese Elbphilharmonie, unseren Latte Macchiato, Cappuccino oder einfachen Kaffee trinken, standen früher die Kaffeeröstereien. Ein bizarres und früher unvorstellbares Bild, da früher kein Ausschank von Heißgetränken stattfand.

Der Tunnelblick auf den Hamburger Hafen

Als letzter Redner zeigte uns Prof. em. Dr. Dieter Läpple eine ganz andere Inszenierung des Hamburger Hafens. Sehr eindrucksvoll vermittelte er dem Publikum, dass der Hafen als wichtigster Arbeitgeber und Wirtschaftsfaktor längst nicht mehr zu betiteln ist. Während der Hafen früher ein Ort war, an dem die Hafenarbeiter sehr flexibel sein und entsprechend auf den heterogenen Strom von Waren reagieren mussten, ist er heute ein Ort des automatisierten Transports und einer automatisierten Lagerung. Ein Automatisierungsschub, welcher zu einem Arbeitsplatzverlust führt und den Hafen an Funktionen verlieren lässt. Wendige Roboter, die 48 Stunden ohne Unterbrechung arbeiten können, anstelle von menschlichen Hafenmitarbeitern. Und trotzdem sprechen die Medien vom Hamburger Hafen als auch zukünftig größtem Arbeitgeber Hamburgs – sie halten an dem eigenen Glaubensbekenntnis fest und streuen sich Sand ins Auge. Hier wird die Vorstellung einer perfekten Inszenierung des Hamburger Hafens scheinbar der Realität und dem Blick auf die tatsächliche Bühne vorgezogen. Das wachsame Auge der Zuschauer und eine kritische Prüfung dieser realen Bühne, sind allerdings nicht zu unterschätzen. Umso schöner, dass jede Inszenierung einen Spielraum für die eigene Interpretation lässt, und somit vom „Tunnelblick“ bis hin zur kritischen Auseinandersetzung reichen kann.

Elisabete Vieira da Silva

 


 

Seminar: HafenSzenen unter der Leitung von Prof. Dr. Ortrud Gutjahr

 

Der Hafen – ist das denn noch ein Ort der Arbeit? 

Ich sitze am Hafen, am Park Fiction. Der kleine Hügel mit den Palmen aus Plastik ist im Sommer einer meiner Lieblingsplätze, der Blick ist wahnsinnig schön. „Komm, wir gehen noch zum Elbstrand“, schlägt eine meiner Freundinnen vor. Es ist schon spät und der Elbstrand liegt wie verlassen vor uns, kein Mensch mehr da. Wäre es jetzt warm und kein Tag unter der Woche, würden sich vermutlich noch zahlreiche Menschen hier befinden –  zum Bier trinken und Lagerfeuer machen. Aber jetzt sind es nur wir drei und wir gehen schweigend nebeneinander den Elbstrand entlang, jede in ihre eigenen Gedanken vertieft. Am Wasser kann man immer besonders gut nachdenken, finde ich. Aber hier ist es nicht die Stille des Wassers, die einen umgibt, nein, es sind die Geräusche der Hafenarbeit. Tagsüber fallen sie einem gar nicht so auf, aber nachts, wenn hier kaum noch Menschen sind, dann sind sie plötzlich doch lauter als man denkt. Gruselige, eintönige Geräusche, fast wie aus einem Science-Fiktion Film. Woher kommen die Geräusche? Das habe ich mich schon so häufig gefragt. Na klar, von irgendwelchen Maschinen. Aber sind da auch noch Menschen? Die die ganze Nacht diese unheimliche Nicht-Stille umgibt? Kaum noch, wie ich nach dem Vortrag von Herrn Läpple weiß. Die große Heterogenität des Hafens ist einer Homogenisierung der Waren gewichen, die im Zusammenspiel von Containern und Computern – ganz wie von Geisterhand – verschifft werden. Die sogenannten AGV´s (Automated Guided Vehicles) sind jetzt dort, wo früher Menschen arbeiteten, diese dürfen bestimmte Bereiche nicht einmal mehr betreten – Maus und Joystick statt Sackkarre. Da stellt man sich schon die Frage, ob der Hafen wirklich der wirtschaftliche Motor der Stadt ist. Betrachtet man die riesigen Containerschiffe, dann sieht man, dass es einen enorm großen Umschlag gibt. Aber dieser wird mittlerweile von einer immer kleineren Menge an Menschen bewältigt. 2005 waren es noch 4000 Personen, für den jetzigen Stand werden keine Zahlen mehr rausgegeben. Und auch der Containerumschlag stagniert, unser Hafen ist für die neuesten Riesencontainerschiffe einfach nicht ausgelegt. Das gibt mir schon zu denken. Denn darüber habe ich mir – bis auf die daraus resultierenden geisterhaften Geräusche –  gar keine Gedanken gemacht. Und damit scheine ich nicht die Einzige zu sein. Konsens in Hamburg ist: Der Hafen ist DER Wachstumsmotor der Stadt. Punkt. Wer sich nicht zu diesem „Glaubensbekenntnis“ bekennt, der gehört nicht dazu. Eine kritische Einschätzung zu den Krisen der Reederei und den idealistischen Anstrengungen,  den Hafen noch größer und rekordträchtiger zu machen, fehlt. Die Ökonomie des Hafens wird mythologisiert. Hamburg muss anfangen, auch über Probleme des Hafens zu reden, es muss eine neue Symbiose gefunden werden, die nicht nur in vergangenen Erfolgen verankert ist. Der Hafen ist viel komplexer als dass er nur ein Ort des Großcontainerumschlags ist, Kultur, Wissenschaft und Hafen müssen enger verflochten werden , so wie es in Rotterdamm passiert. Es geht um weiter greifende Kriterien und eine Politik, die auch Schwächen des Hafens benennt. Nach diesem Vortrag werden sich die Geräusche bei meinem nächsten nächtlichen Elbspaziergang wohl noch gespenstiger anhören.

Luca Staschewski

 


 

Hafenkongress 1: Wie viel weißt du eigentlich über deine Stadt?

Hafenstädte orientieren sich aneinander und bilden so eine Ingroup. Das wusste ich schon. Ich höre Frau Gutjahr zu und muss an die Stadtwappen von Köln und Hamburg denken: Rot und Weiß. Ich musste erst eine Stadtführung in Bremen (auch Rot-Weiß) machen, bis mir endlich mal jemand erklärt hat, dass Rot und Weiß die Farben der Hanse und genau deswegen in den Wappen dieser Städte zu finden sind. Meine bisherige Idee von einem farblichen Zeichen Gottes (so a la „Zieh da mal hin, die sind auch Rot-Weiß“) war also grober Unfug. Frau Gutjahr meint, dass es so etwas wie eine Kultur von Hansestädten gibt und ich beginne mich zu wundern, ob es wirklich Zufall war, dass ich aus meiner Heimat Köln ausgerechnet nach Hamburg gezogen bin. Nach München hat mich beispielsweise nie etwas gezogen – in Bremen fühle ich mich dagegen genauso zu Hause wie in Kölle und HH. Da könnte also etwas dran sein. Es folgt ein kurzer Abriss Hamburger Geschichte: Hamburg war eine wichtige Stadt für die Aufklärung. Aha. Wusste ich nicht. Die Einwanderungswelle aus Amerika und das Kolonialinstitut hatten etwas damit zu tun, dass später die Uni Hamburg gegründet wurde. Das hätte ich nach dem Projektseminar zur Universitätsgeschichte letztes Jahr wissen müssen. Eigentlich weiß ich das ja auch, aber irgendwie ist mir die Verbindung zwischen Uni und Hafen nur selten präsent – wenn man mal von dem Blick auf die Hafenkräne aus dem 13. Stock im Philosophenturm absieht. Die Bilder vom zerstörten Hafen nach dem zweiten Weltkrieg in Frau Gutjahrs Powerpoint-Präsentation treffen mich: Ein Wahrzeichen völlig zertrümmert. Köln hatte so ein verdammtes Glück, dass der Dom nahezu unbeschadet davongekommen ist! Wenn man bedenkt, wie viel Hoffnung es den Kölnern gegeben hat, dass die ganze Stadt in Trümmern lag, aber der Dom noch stand… So ein zertrümmerter Hafen muss ganz schön hart für Hamburg gewesen sein! Aber immerhin, heute gehört die Hamburger Speicherstadt genauso zum Weltkulturerbe wie der Kölner Dom. Schon wieder eine Gemeinsamkeit! Als ich K1 verlasse bin ich nachdenklich. Kölns Geschichte kenne ich in und auswendig. Die Geschichte vom Dombaumeister Gerhard und viele andere bekommt man als Kölner Kind in vielen Sagen immer wieder erzählt. Von Hamburg weiß ich so gut wie nichts, wie mir dieser 15-Minuten-Vortrag gerade eindrucksvoll bewiesen hat. Dabei wohne ich jetzt schon fast sechs Jahre lang hier…! Ich setze mich mit einem Cappuccino in die Sonne: „Siri, welche Sagen gibt es, die in Hamburg spielen?“

Katrin Friese GutjahrKatrin Friese (26): Studentin (Musikwissenschaft/Theaterwissenschaft), Eventmanagerin, Bühnenmensch

 


Maritime Memorials

Bei der Einführung zu dem Hafenkongress in Hamburg 2017 von Frau Prof. Dr. Gutjahr, wurde dargestellt in welchen vielfältigen Arten und Weisen und Bereichen der Hamburger Hafen semantisiert wird. Der Hafen dient somit als interkulturelles Topos in Literatur und Film. Für mich waren die verschiedenen Vorträge an diesem ersten Tag des Hafenkongresses eine bereichernde Erfahrung. Besonders als Herr Prof. Dr. Fischer an der Reihe war und mir in seinem 15-minütigen Vortrag etwas über die maritime Gedächtnislandschaft präsentierte. Ich hatte mir bis zu diesem Zeitpunkt noch nie wirklich Gedanken darüber gemacht, was mit Verstorbenen auf hoher See eigentlich passiert. Wie beerdigt man einen Leichnam, den das Meer verschluckt hat? Allein schon diese Umschreibung lässt die schwammige Dimension derartiger Unglücksfälle erahnen.

Die maritime Gedächtnislandschaft in Hamburg stemmt sich gegen eben dieses schwammige Vergessen und setzt mit den Memorials an Land ein Zeichen. Ein Erinnern und besonders ein Nachdenken über Erinnerung, wie zum Beispiel bei den stadtbekannten Stolpersteinen, wird somit in einer Hafenstadt wie Hamburg ermöglicht und für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht.

Ich habe bis heute noch keine Memorials bewusst wahrgenommen, wenn ich am Hafen spazieren gegangen bin, aber das wird sich demnächst ändern. In dem Vortrag wurde als erstes die „Madonna der Seefahrt“ vorgestellt. Sie gedenkt der verschollenen Seefahrer und Seefahrerinnen aller Nationen, die von der See nie mehr zurückkehren. Es steht am Hamburger Fischmarkt auf St. Pauli und zeigt eine kauernde Frau, die ihren suchenden Blick seewärts gerichtet hält. Ich stelle mir das Meer als riesiges Massengrab vor, Millionen von Menschen und mit Sicherheit auch unendlich viele Tiere, die ihre letzte Ruhe im Wasser gefunden haben. Es sind die grabsteinlosen Gräber, um es mit den Worten von Herrn Prof. Dr. Fischer zu sagen: „Auf dem Meer gibt es keine Grabsteine.“ Es ist ein grenzenloses Grab. Ich lerne wieder etwas Neues und erfahre, dass es für auf der See Verschollene namenlose Friedhöfe an Land gibt.

Ich kann es kaum fassen, was man innerhalb von 15 Minuten für Denkanstöße bekommen kann, denn als der Vortrag endet, merke ich welche wichtigen Funktionen Memorials in unserer Gesellschaft erfüllen. Menschen und Mentalitäten werden in Hamburg durch die maritime Stadtkultur geprägt, wissentlich oder unwissentlich.

Hassan Elayan

 


 

Hafenkongress Teil 1

Kultur – Hafen – Wissenschaft. Diese drei Worte bleiben mir in Erinnerung, wenn ich an den Vortrag von Herrn Prof. Dr. Läpple zurückdenke. Der Hafen als treibende Kraft Hamburgs. Das Aushängeschild der Stadt. Und so habe ich das auch immer empfunden. Die Hamburger definieren sich über ihren Hafen. Sie lieben ihn. Sie zelebrieren ihn. Und dabei vernachlässigen sie vielleicht andere Dinge?

Was mir persönlich gar nicht bewusst war, ist wie technisch der Hafen ist und wie wenig noch so abläuft, wie in meiner Phantasie. Und dies ist für mich spannend. Denn ich komme aus der Literaturwissenschaft. Ich beschäftige mich mit der Semantisierung des Hafens, aufgrund von Romanen. Ich untersuche inwiefern er ein romantischer Ort sein kann. Er mag dies nicht immer sein. Er hat auch Abgründe, aber auch diese haben eine eigenen ästhetischen Wert für mich. Und mit diesem Wert sind Technologie oder Container schwer zu verbinden. Natürlich haben auch diese eine Geschichte. Sie können Geschichten von Geflüchteten erzählen oder Geschichten von Waren, die unzählige Kilometer hinter sich gelassen haben. Aber ich muss mich wirklich stark fragen: Welchen Wert haben diese Geschichten, wenn sie nicht von Menschenhänden gebaut sind?

Denn ich liebe die Bedeutung des Hafens. Immer wenn ich an Hafenarbeiter denke, habe ich das Bild eines griesgrämigen und bärtigen Mannes mit Matrosenkappe im Kopf, der in seiner Lieblingskneipe ein Bier zischt und den Menschen Geschichten aus seinem Leben erzählt. Natürlich handelt es sich dabei um einen Stereotyp, aber Stereotypen sind nun mal in unseren Köpfen präsent.

Herr Läpple spricht davon, dass die damaligen Hafenarbeiter sich immer wieder auf neue heterogene Ware einstellen müssen. Kein Tag gleicht dem anderen und die Menschen werden durch ihren Hafen immer wieder vor neue Herausforderungen gestellt. Natürlich werden sie das auch heute noch. Im Containerzeitalter. Containerisierungsgrad: 98,5 Prozent am Hamburger Hafen. Wettbewerb ist die neue Seefahrt. Maschinen sind die neuen Hafenarbeiter.

Ich komme zurück auf das Bild des bärtigen Mannes in der Kneipe. Denn wenn ich ehrlich bin, dann lässt sich eine Maschine schwer an seine Stelle setzen. Sie kennt keine Geschichten, sondern nur Zahlenfolgen und Algorithmen. Und aus diesem Grund möchte ich mich stark für die Mystifizierung des Hafens machen. Dabei muss ich allerdings betonen, dass ich nicht glaube, der Hamburger Hafen sei heute noch durch einfache Menschenhände und Schweiß zu stemmen, aber hin und wieder einen Schritt zurückzugehen und sich bewusst zu machen, in was für einem Zeitalter wir leben, schadet nicht. Denn ich finde es traurig, wenn der Spiegel schreibt, dass am Hafen die Dinge unter sich sind. Er sollte viel mehr ein Ort sein an dem Menschen unter sich sein können.

Julia Beller, 23

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