Stimmen aus der Universität Hamburg – Hamburger Hafen Kongress – Diskurs 2

Seminar: Transitorische Räume im Gegenwartsdrama und -theater unter der Leitung von Felix Lempp, M.A.

Von der Reeperbahn ins Thalia: Wie nachts um halb eins zu nachmittags halb sechs wurde

Frau Prof. Dr. Kienitz könnte wohl auch Synchronsprecherin für Hörbücher sein.

Mit einer sanften, beruhigenden aber fesselnden Stimme steht sie also da und erzählt uns etwas von Seemännern. Man mag mich kitschig nennen, doch ich denke sofort an das berühmte Foto „The Kiss“ vom Times Square 1945. Frau Kienitz redet heute aber nicht über New York, sondern über Hamburg. „Hamburg mein Heimathafen“, wie ich es schon in der Grundschule gelernt habe. Doch die Zeiten, in denen die Seemänner präsent in Hamburg waren, die sind vorbei, sagt sie. Der Hafen war damals vieles: Heimat, aber auch die Grenzüberschreitung in andere Kulturen. Durch die Modernisierung und den technischen Fortschritt wurde der Berufsstand verkleinert, er hat weniger Zuspruch in unserer Gesellschaft. Was mir bleibt, sind nostalgische Gedanken an eine Zeit, in der ich noch nicht geboren war. Schrecklich kitschig, ich hab’s doch gesagt!

Sie spricht über die damaligen Gegensätze: Heimweh und Fernweh, Treue und freie Sexualität. Ich denke schon wieder an das Times-Square-Bild. Seemänner, die nachts nicht schlafen konnten, da sie ihre Liebste vermisst haben. Es klingt endlos romantisch, war es wohl aber nicht. „Seemann lass das Träumen“, zitiert Frau Kienitz aus einem Volkslied, Lynn, lass das Träumen, denke ich. Nichtsdestotrotz sind diese Gegensätze immer noch präsent in unserer Gesellschaft. Fernweh haben viele von uns, Bindungsangst auch. So kommt mein emotionales Leben dem des Seemannes wohl doch ganz nahe. Frau Kienitz spricht von einer neu gewonnenen Freiheit, die die Seemänner in den Beruf trieb. Die einzige Chance, die Welt, neue Kulturen und sich selbst kennen zu lernen. Heute gibt es dafür das schöne Wort „Wanderlust“ – ein Wort, einzigartig in der deutschen Sprache, welches international übernommen wurde. Es hat sich wohl so viel und doch so wenig verändert. Heute reisen wir nach Asien, versuchen noch den letzten Fleck touristenfreie Authentizität irgendwo in Sri Lanka und Kambodscha zu finden.

Wir suchen dasselbe: etwas Neues, Aufregendes und irgendwie Anderes. In den Zeiten des Internets sehen und kennen wir so viel, dass es wohl schwierig ist, diese Abenteuerlust noch stillen zu können. Und so probieren wir es immer wieder, wie die Seemänner es vor uns getan haben. Der Unterschied liegt darin, dass sie noch etwas entdecken konnten. Sie konnten andere vermissen, Briefe schreiben und am Ende der Reise hatten sie vieles Unglaubliches, Schönes und Schreckliches zu erzählen. Wenn wir zurückkommen haben wir höchstwahrscheinlich einen Reiseblog geschrieben, mit unseren Liebsten täglich geskypt und alles Sehenswerte auf jeglichen sozialen Plattformen geteilt.

Aus nächtlich verfassten, voller Liebe und Sehnsucht steckenden Briefen wurden „WhatsApp“-Nachrichten und mit viel Glück ’ne Postkarte.

Vielleicht werden wir auf unsere Zeit in 100 Jahren auch nostalgisch zurückblicken. Bis es aber soweit ist, erfreue ich mich an Frau Kienitzs Vortrag. Über den Seemann, der nachts um halb eins unseren Kiez besucht hat, ob er ein Mädel hat oder auch keins. Ich denke an ihn zurück, bin dankbar für den Vortrag voller schöner und trauriger Bilder, die mir den gesellschaftlichen, ökonomischen Wandel so gut vor Augen führten.

Ich bin selbst überrascht, wie viel ich über das Gesagte nachdenke. In der Bahn nach Hause komme ich an den Landungsbrücken vorbei und muss mich selbst zwingen dem Wasser nicht zu winken: Tschüss alter Hafen, hallo neues Hamburg, ich bin mir sicher, du bringst noch weitere schöne, tragische, lustige Geschehnisse hervor.

Lynn F.

 


 

Hafenkongress Sektion 2

 Es ist Samstagnachmittag, es ist heiß, es ist schwül, es liegt mit 103 Stufen direkt unterm Dach und dennoch haben sich viele Besucher zum zweiten Teil des Hafenkongress zusammengefunden und das Nachtasyl des Thalia Theaters ist voll!

Mit dem schönen Satz: „Der Hafen gewinnt an Bedeutung durch das Narrative – also die Erzählungen über ihn“, leitet Frau Prof. Dr. Ortrud Gutjahr den Kongress ein und Prof. Dr. Kerstin Lesny beginnt über die Herausforderungen der Ingenieurskunst, an der Waterkant zu bauen. Der Kongress soll sich noch um den Nutzen und den Schutz am Wasser drehen. Wir lernen etwas über Deiche und dass für den Hochwasserschutz selbst kleinste Änderungen im Fall der Deichseite ausschlaggebend sind und so ein Deich auf 100 Jahre konstruiert wird, da man etwa ein Mal in hundert Jahren mit einer gewaltigen Sturmflut rechnen kann. Dennoch bleibt der Wasserstand stets ein ungewisser Faktor, was die Arbeit mit ihm sehr schwierig macht. Nach einem Entlanghangeln an den 49km Kailänge, die Hamburg zu bieten hat und die auch noch in der späteren Diskussion ihren Raum einnehmen werden, wird sich nun über Offshore-Windenergie unterhalten. Wie die Baltic I in der Ostsee werden Windkraftanlagen zurzeit vermehrt in die Gewässer der Ost- und Nordsee verlegt, anstatt auf dem Land gebaut zu werden. Dazu bedarf es jedoch großer Pfähle, die in die Erde unter dem Meer getrieben werden. Als Schutz vor dem Baulärm unter Wasser werden Blasenschleier angelegt, die den Lärm der Baustelle brechen sollen. Das könne man sich vorstellen wie ein Fahrradschlauch mit Luftlöchern unter Wasser, so Frau Professorin Lesny. Doch auch dieser Punkt kommt auf die kritisch zu betrachtende Liste der Nebenwirkungen und Schwierigkeiten im Bau am Wasser, da er niemals alles an Lärm abhalten kann und es notwendig ist, die heimischen Schweinswale in ihrem bevorzugten Habitat zu halten.

Prof. Dr. Sabine Kienitz erhellt uns mit heiteren Ansichten über den Beruf des Seemanns und seine kulturelle Inszenierung und vergleicht geschickt den damaligen oftmals tätowierten Seemann mit dem heutigen ebenfalls häufig tätowierten Profifußballer. Das Publikum lacht, es werden sich an der Bar Drinks geholt, ein laues Lüftchen weht durch die offenen Fenster, die Stimmung scheint gelassen.

Über Mini-Tauchroboter und die Unterwassertechnik eines „Smart-Ports“ erzählt Prof. Dr. Bernd-Christian Renner, stets bemüht, die Umwelt zu ihrem Schutz am besten rund um die Uhr autonom zu überwachen. Er weckt in uns die Ahnung, dass der Hafen mehr Verwendungen findet, als die rein wirtschaftliche. Es wird die Vermehrung von Algen und Ölfilmen vermerkt und der Hobby-Mathematiker hat sicher Freude an den Rechenformeln, die für so einen Roboter und dessen Arbeit nötig sind.

Als vierter und letzter Kandidat diskutiert Prof. Dr. Stefan Krüger mit uns die Vor- und Nachteile, einen Hafen direkt in der Stadt zu haben. Es geht um das Stadtbild der Hansestadt, die Identifizierung mit Hamburg und Hamburgs Identifizierung mit dem Hafen. Ein Problem hat immer mehrere Betrachtungsweisen und so wendet sich das Thema bald auch dem Umweltschutz und dem Schiffsbau zu, der anscheinend dazu gezwungen wird, bald leistungsschwächere Motoren zu bauen, obwohl die starken Motoren für die raue See benötigt werden. Es geht dabei um die Senkung des CO2-Haushaltes, doch man könne, und damit hat Herr Professor Krüger gar nicht mal so Unrecht, doch auch anderswo einsparen. Es folgt eine Reihe von Punkten an Möglichkeiten des CO2-Einsparens, über die sich jeder mal Gedanken machen könnte und die teilweise in der breiten Öffentlichkeit überhaupt nicht thematisiert werden! Wer hätte schon gedacht, dass alle Schiffe der Welt weniger CO2-Emissionen aufbringen, als das Internet?!

Die anschließende, von Frau Professorin Gutjahr sehr freundlich geleitete Diskussion bietet die Möglichkeit, Fragen direkt an die Akademiker zu stellen, und es wird noch lang über das Spannungsfeld von Nutzen und Schutz gesprochen. Prof. Dr. Stefan Krüger schließt auch hier mit den Worten, nachhaltige Entwicklung sei nur gegeben, wenn im Sinne von Sicherheit, Umweltschutz und Wirtschaft rational entschieden würde.

Nicola Müller

 


 

Seminar: HafenSzenen unter der Leitung von Prof. Dr. Ortrud Gutjahr

Der Seemann. Alles nur Theater?

Bei der zweiten Sektion des Hamburger Hafenkongresses am 27. Mai 2017 im Nachtasyl des Thalia Theaters wurden mir erneut vier Themen von Professoren vorgestellt, die jeweils 15 Minuten Zeit hatten, mich mit ihrem jeweiligen Inhalt über den Hafen zu überzeugen.

Die zahlreichen Zuhörer bei dieser Veranstaltung gaben mir zu verstehen, dass ein reges Interesse am Hamburger Hafen mit seinen zahlreichen Geschichten vorhanden ist. Ich freute mich als Studierender der Geisteswissenschaften an der Universität Hamburg im Vorfeld besonders auf den Vortrag von Frau Prof. Dr. Kienitz und ich wurde nicht enttäuscht. Im Gegensatz dazu, der Aspekt der Nostalgie des Hafens, den Herrn Prof. Dr. Stefan Krüger in seinem Programmpunkt aufführte, für mich während seines Vortrags nicht ersichtlich wurde. Aber nun zurück zu dem mit Vorfreude erwarteten Beitrag, mit dem Titel: „Der Seemann. Ein Berufsstand und seine kulturelle Inszenierung.“

Die Inszenierung ist für das Theater der Welt 2017 in Hamburg ein wunderbares Stichwort. Geschichten, die den Betrachter verzaubern, ihm eine Welt präsentieren wollen, aber mit der Realität meist wenig zu tun haben. Es sind sentimentale, emotional aufgeladene und romantisch anmutende Aussagen, wie etwa Seemann, deine Heimat ist die See oder wann kommst du zurück in den heimatlichen Hafen deines Herzens. Der Alltag im 19. und 20. Jahrhundert war für den Seemann alles andere als eine romantische Ausfahrt. Monate bis Jahre unterwegs sein, der rauen See Tag und Nacht trotzend, den Krankheiten unterwegs widersetzend, der Arbeit an Deck gehorchend. Das derartige Darstellungen in damaligen öffentlichkeitswirksamen Medien über den Seemann und die Seefahrt weniger vorkamen, ist für mich nur zu verständlich. Man wollte schließlich neue Seemänner anheuern und die eigene Identität einer Gemeinschaft ausbilden und stärken. Schaue ich mir heute das Image des Seemanns einmal genauer an, in unserer popularisierten Kultur, dann bemerke ich schnell, dass auch wir noch einiges aufzudecken und aufzuarbeiten haben. Hans Albers, die Ikone der filmischen Seemänner, der nie auf hoher See gewesen sein soll. Maritime Folklore, bei der man ins Schwelgen kommt und am liebsten sofort auf einem Schiff anheuern möchte, nur ist das heutzutage nicht mehr ohne Weiteres möglich. Der Seemann wurde nämlich in unserer moderneren Welt zum Schiffsmechaniker umgetauft. Wenn wir heute einen Seemann zu Gesicht bekommen wollen, müssen wir entweder einen Karneval besuchen oder ihn als ein Ausstellungsobjekt in unserer hanseatischen musealen Landschaft besichtigen.

Hassan Elayan

 


 

Hafenkongress Teil 2

Coming – of – Age. Adoleszenz. Erwachsenwerden.

Diese Worte kommen mir in den Sinn, wenn ich an den Hafen denke, denn sie sind unweigerlich miteinander verbunden. Hafen ist immer Aufbruch. Aufbruch bedeutet immer Veränderung und die Loslösung von Allbekanntem. Dieses Bild habe ich aus Romanen und Filmen, die sich mit dieser Thematik auseinandersetzen. Dabei fallen mir Geschichten wie Große Freiheit Nr. 7 oder Absolute Giganten ein. Sie erzählen die Geschichte des Hafens, die mit dem Schicksal eines jungen Menschen verknüpft ist, der sich selbst findet.

Prof. Dr. Sabine Kienitz erzählt auch die Geschichte des Erwachsenwerdens. Der Seemann ist Thema ihres Vortrages. Ein Mann, der sich aufmacht die Welt zu erforschen, neue Orte zu sehen, ein Leben fernab der Alltäglichkeit und Gewohnheit. Ein mutiges Leben, gespickt mit Abenteuern, die auf ihn warten. Wenn er zurückkehrt ist er zum Mann geworden.

Auch für mich ist dies so. Ich werde zwar nicht zum Mann, aber finde Parallelen zu meinem eigenen Leben in der Geschichte des Seemanns, die jeder kennt:

Ich komme nach Hamburg, um noch einmal neu anzufangen und mich zu verändern. Vielleicht finde ich mich selbst. Denn es ist Zeit erwachsen zu werden. Ob ich das schaffen werden, weiß ich noch nicht, aber ein bisschen Zeit bleibt mir noch, um es herauszufinden. Ich muss mich noch an die neuen Ufer, die sich Hamburger nennen gewöhnen und vor allem an das Klima und den Wind. Aber ich sehe Neues und erlebe es.

Auf diese Weise wird aus dem Bild des Hafens ein Persönliches. Meine eigene Reise sozusagen.

Ich bin ich hier in Hamburg selbst Seemann. Ich begebe mich auf die Reise und werde versuchen jede neue Erfahrung aufzunehmen und zu genießen. Ich will Neues erleben. Meine eigenen Geschichten schreiben und meine eigenen Abenteuer erleben. Deswegen habe ich mich für einen Umzug entschieden. Für den Ausbruch aus Gewohnheit und aus Sicherheit.

Das Bild des Seemannes wird nie vollkommen ausgedient haben. Zumindest nicht auf der metaphorischen Ebene. Denn die Geschichten von der Seefahrt werden immer dieses Gefühl transportieren. Natürlich gibt es den Seemann, den Frau Kienitz in ihrem Vortrag beschreibt nicht mehr. Aber in der Mentalität, dem Ausdruck der Seefahrt und der Geschichte des Hafens wird er immer eine Rolle spielen.

Erwachsenwerden ist für mich nämlich Folgendes: Möglichst jede Erfahrung mitnehmen, ob schlecht oder gut spielt dabei keine Rolle, versuchen daraus zu lernen und aufgrund dessen bereits gemachte Fehler in der Zukunft am besten vermeiden. Vielleicht werde ich Erfolg haben, vielleicht werde ich scheitern, aber eines werde ich auf jeden Fall: daran wachsen.

Julia Beller

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