Stimmen aus der Universität – The Gabriels: Hungry

Seminar: HafenSzenen unter der Leitung von Prof. Dr. Ortrud Gutjahr

The Gabriels Play One – eine Ode an das Essen!

Im Saal riecht es nach frischen Zwiebeln und Kräutern, die Schauspieler sind den Zuschauern zum Berühren nahe und das Bühnenbild ist umgeben von den drei kleinen Zuschauertribünen, die zur Bühne gerichtet sind. Was für eine besondere und schöne Inszenierung!

„Die Entdeckung eines Gerichtes ist wichtiger als die eines Sternes“ lautet ein Zitat, das während des Stückes fällt. Dieses Zitat stellt die wunderbare Botschaft dar, die dieses Stück mir übermittelte: Das Entwerfen und Entwickeln eines Gerichtes, das Zusammensitzen, um danach gemeinsam zu essen, bietet auf der Bühne, genauso wie auch im realen Leben, die Möglichkeit und den Raum, über alle Art von Themen zu sprechen; sei es das Thema Tod, das in diesem ersten Teil der drei Echtzeit-Ausschnitte einer Familie in der dreiteiligen Inszenierung The Gabriels den Schwerpunkt und auch den Grund des Zusammentreffens darstellt, oder seien es die Hoffnungen, die Verluste, Sorgen oder Ängste aus dem alltäglichen Leben einer jeden Person. Auch die während des Stückes anstehende Präsidentenwahl Amerikas spielt eine Rolle, aber (zum Glück) nur nebenbei. Das alles ist (auch mir) viel wichtiger und bietet den Menschen viel eher einen Raum des Zusammentreffens als die Entdeckung eines Sternes! Die grandiose Idee, während der Inszenierung ein Gericht vorzubereiten, es dann noch live zu kochen und zum Angelpunkt des Geschehens zu machen, macht das Erlebnis an diesem Abend zu einem besonders einzigartigen. Ich hatte dadurch das Gefühl, mitten im Geschehen zu sein und gerade die realitätsnahen Gespräche der Figuren, die genauso zwischen mir und meiner Familie oder Freunden hätten ablaufen können, gaben mir das Gefühl, selbst ein Teil des Stückes zu sein.

Ich stimme somit dem Regisseuren Richard Nelson zu und bestätige ihm den Erfolg seiner Intention des Stückes: „Theater ist nach meinem Verständnis keine Debatte, sondern ein Bemühen, die menschliche Komplexität, die wir dann zur selben Zeit am selben Ort mit einem echten Publikum teilen, zu erschaffen und zu zeigen: von Mensch zu Mensch.“ Er verbindet das Theater als Möglichkeit des Zusammenkommens von Menschen – seien es Darsteller auf der Bühne oder das Publikum selber – mit dem Zusammenkommen durch gemeinsames Kochen und Essen, das gerade mir persönlich so wichtig ist und an dem das Stück das Publikum teilhaben lässt… Das muss man gesehen haben!

Nicola, Studentin der Uni Hamburg, 25 Jahre alt.

 


 

The Gabriels Play One – Yes, please!

Ich sitze nach dem Stück im hinteren Teils des Foyers von Kampnagel und beobachte, wie nach und nach die Schauspieler aus The Gabriels Play One aus dem k1 kommen. Es wartet eine Gruppe Fans mit Autogrammkarten auf sie. Irgendwie war mir bis jetzt nicht klar gewesen, dass diese Schauspieler berühmt sein könnten. Aber nach schnellem Googeln fällt auch mir auf, wie viele bekannte Gesichter ich eigentlich gesehen hatte. Ich kann die Wirkung des Stückes immer noch in meinen Knochen spüren. Man wusste wegen des fehlenden Vorhangs nicht so ganz ob es schon losgegangen war, aber als es durch den Beginn des Bühnengesprächs klar wurde, dauerte es keine fünf Sekunden und mir wurde es warm ums Herz. Diese Art des gemütlichen Miteinanders in der Familie ist hierbei bloß einer der Faktoren. Was mich am meisten begeistert ist die amerikanische Art, mit der alles gewürzt ist. Es gibt wohl nicht viele Dinge, die mich so glücklich machen wie mit Amerikanern zu reden. Klingt bestimmt komisch aber dass das wahr ist, habe ich heute Abend mal wieder gemerkt. Ich kann mir diese Vernarrtheit nicht wirklich erklären aber sobald ich von dieser Energie umgeben bin – so wie eben für satte 1 und dreiviertel Stunden – erscheint mir alles besser. Vor meinem Studium habe ich ein Jahr lang in den USA gelebt und als Au Pair meinen Alltag mit einer unglaublich tollen Gastfamilie geteilt. Ich war schon bald eher die große Schwester als Angestellte und habe mit ihnen viele Reisen unternommen. Auch als ich letztes Jahr ein Praktikum an einer amerikanischen Schule gemacht habe, hatte ich wieder das Glück, von einer grandiosen Gastfamilie beherbergt zu werden. Das amerikanische Familienleben hat in meinem eigenen Leben also immer schon eine positive Rolle gespielt. Es so wie heute Abend vorgeführt zu bekommen hat meine Liebe für diese Art vom Beisammensein und amerikanischem Charme nur noch bestärkt. Wie ich mich nach Ende des Stückes fühle lässt sich schlecht in Worte fassen. Ich versuche es trotzdem: es ist eine Mischung aus Traurigkeit, darüber dass das Stück vorbei ist und ich nun mein Leben erstmal ohne amerikanisches Flair weiterleben muss, und Glückseligkeit, weil meine Seele sich während dieses tollen Stückes so wunderbar erholen konnte, in
Nostalgie schwelgen und träumen konnte. Ich denke so fühlt sich das an, wenn man „die Seele baumeln lässt“. Ich schreibe nun sofort E-Mails an meine amerikanischen Gastfamilien, um noch ein weiteres kleines Weilchen mein „American High“ aufrechtzuerhalten. Mal sehen wie es ihnen geht…

Marjam Geraky Rodriguez

 


 

Apple Crisp – frisch aus dem Ofen!

(Blogeintrag zu The Gabriels: Election year in the life of one family, Play One: Hungry)

Das mag ich nicht, das kann ich gar nicht mögen, denke ich, als ich am Dienstagabend meinen Platz im Theater einnehme und das Bühnenbild zu „The Gabriels“ betrachte. Es ist eine Küche mit allem, was dazu gehört. Stühle und Holzbänke stehen dort, ein Tisch bildet das Zentrum und natürlich fehlen auch Herd und Kühlschrank nicht. Ein naturalistisches Bühnenbild, ihgitt! Ich lehne mich in meinem Stuhl zurück und erwarte beinahe trotzig den Beginn der Vorstellung. Der Anfang macht es mir leicht weiterhin in meiner Ablehnung zu verharren, denn was fehlte noch in meiner Aufzählung des Interieurs einer handelsüblichen Küche? Klar, Frauen. Sie tragen hausfrauisch Besteck und Lebensmittel herein, heben die Stühle vom Tisch und bereiten alles für das gemeinsame Kochen vor. Dennoch beschließe ich mich zusammenzureißen und dem Ganzen eine Chance zu geben, aber die Gabriels wollen es mir nicht leicht machen, so viel sei gesagt. Warum wird denn heute eigentlich so groß gekocht? Die Familie gedenkt Thomas, der vor einigen Monaten nach langer Krankheit verstorben ist. Wirklich getroffen zu haben, scheint dies allerdings nur seine Witwe Mary und seine Mutter Patricia, die anderen sitzen am Tisch, schneiden Zwiebeln und plaudern in einer Belanglosigkeit, die sprachlos macht, über alle Themen, die ihnen gerade so durch den Kopf zu fliegen scheinen. Die Frauen wuseln flink durch die Küche und wechseln sich bei der Beaufsichtigung der Kochtöpfe ab. Im Übrigen: Es wird tatsächlich gekocht und wer den Geruch geschmorter Zwiebeln mag, sollte die Vorstellung nicht mit leerem Magen besuchen. So wie ich das tat. Und so wächst meine Wut auf die Gabriels weiter, die unbeschwert brutzeln, Wein trinken und doch erahnen müssen, welche Genusssüchte sie damit in mir auslösen. Endlich darf auch George, der Bruder des Verstorbenen, seinen Beitrag in der Küche leisten, denn jetzt soll Apple Crisp, das Lieblingsdessert von Thomas, zubereitet werden. Beim Schälen stellt George sich noch ganz gut an, aber dann geht es ans Schneiden und dazu benötigt er dann doch die Anweisungen von Mary. Come on, George! Are you for real? Naja, lassen wir das.

Immer wieder verschwinden einzelne Mitglieder der Gabriels aus der Küche, um nach Mutter Patricia zu sehen, die sich hingelegt hat, oder um gute Weingläser aus dem Esszimmer zu holen. Diesen Kniff mag ich tatsächlich ganz gern. Vor allem als aus der Ferne Klavierspiel ertönt und die verbliebenen Gabriels darüber mutmaßen, wer denn nun gerade wohl spielt, eröffnet sich für den Zuschauer ein neuer Raum, der sich bloß mithilfe der Erzählungen der Gabriels und der eigenen Phantasie füllen lässt. „Das muss George sein, er hat geübt“, sagt Hannah, Georges Frau, und alle lachen. Armer George, er hat es wirklich nicht leicht an diesem Abend. Ganz zum Schluss kommt dann doch noch der große Moment, der mich vielleicht nicht mit George, aber doch mit der Inszenierung im Ganzen versöhnt. Das Essen ist zubereitet, Mutter Patricia wurde geweckt und volle Schüsseln sind ins Esszimmer getragen worden. Mary bleibt allein in der Küche  zurück, um noch das Dessert in den Ofen zu schieben und steht plötzlich verloren mit dem Apple Crisp in den Händen da. Sie blickt in den leeren Raum und sagt: „Your apple crisp!“, dann wendet sie sich entschieden um, schiebt die Schale in den Ofen und begibt sich ins Esszimmer zu den anderen. Aber diesen einen Moment mit ihrem verstorbenen Mann hat sie sich genommen und plötzlich wird ihr Schmerz so greifbar, dass man als Zuschauer beinahe gemeinsam mit ihr an dem Verlust zerbricht.

Der Applaus am Ende ist lang und die Akteur_innen strahlen ins Publikum, nun, da sie nicht mehr die oberflächlichen Gabriels sind, kann ich mich mit ihnen freuen und weiß am Ende doch auch, dass meine eigene Abneigung nur ihrer großartigen, schauspielerischen Leistung und Authentizität zu verdanken ist.

Mein Name ist Sina Scherzant, ich bin 26 Jahre alt und studiere seit Oktober 2016 Erziehungs-und Bildungswissenschaften im Master an der Universität Hamburg.

 


 

Ein Abend in gemütlicher Runde

So heimelig war es schon lange nicht mehr auf Kampnagel. Nach den bisherigen Festival Inszenierungen war The Gabriels: Election Year in the Life of one Family erfrischend einfach, ohne das in irgendeiner Art und Weise abschätzend zu meinen. Die letzten drei Stücke, denen ich beiwohnen durfte, haben mir viel Geduld und Interpretationsleistung abverlangt. Einen Abend wie heute hatte ich daher bitter nötig. Eingeladen wurden wir in die Küche einer amerikanischen Familie, ich vermute in Upstate New York oder Connecticut, die aufgrund eines Todesfalles zusammenkommt und nun gemeinsam das Abendessen vorbereitet. Das Stück und die Gefühle der Darsteller sind echt, zum Anfassen und Mitfühlen. Ich versuche mich auf die Gespräche zu konzentrieren, kann aber an nichts anderes als meine Gastfamilie in Massachusetts denken, mit denen ich etliche solcher Abende in den letzten sieben Jahren verbracht habe. Vorne beginnt jemand, Zwiebeln zu schneiden und es dauert nicht lange, bis mir der Geruch in die Nase steigt. In den zwei Stunden geht es um alles, was Familien eben so beschäftigt. Auch um Politik, spielt das Ganze doch nur einige Tage nach dem Super-Tuesday in den Staaten, an dem sich Hillary Clinton und Donald Trump als Kandidaten für das Rennen um das höchste Amt durchsetzen konnten.

Das alles kommt mir vor wie ein Déjà-vu. Die Gespräche über die anstehende Präsidentschaftswahl habe ich im letzten Oktober genau so mit meinen Gasteltern geführt. „It could all fall apart“ sagt einer der Darsteller und ich weiß nicht recht, wie ich die Ironie des Gesagten verkraften soll, ist doch tatsächlich schon alles zusammen gefallen. Das Undenkbare ist passiert, das, was niemand für möglich gehalten hat. Zumindest all diejenigen, die an das Gute im Menschen geglaubt haben. Es kommt mir vor wie gestern, als wir in unserer Kleinstadt kurz vor Boston auf dem Sofa saßen und die vorletzte Debatte im Fernsehen schauten. Something bad is about to happen. Man fühlt es, aber schiebt die bösen Gedanken beiseite. Meine Gastmutter arbeitet am Wellesley College, in dem Clinton ihren Abschluss gemacht hat. Der Satz „Still, Hillary is a woman“ hätte von ihr stammen können. Eine Frau als Präsidentin, ein Symbol für die USA. Darüber könnte man sich natürlich streiten, das zeigen uns auch die Gabriels. Einen Tag nach der Debatte sitze ich im Auto und fahre über die nicht enden wollenden Highways nach Kanada. Ich mache Halt in Burlington, Vermont, es ist ein ungewöhnlich kalter Oktobermorgen. Überall „Feel the Bern“ Plakate, auch wenn Sanders schon länger aus dem Rennen ist. Hier war er lange Bürgermeister, die Menschen lieben ihn. Im Radio läuft auf jedem Sender eine Debatte über die Debatte. Ich werde müde und mache das Radio aus. Schiebe die Gedanken wieder von mir weg. Ich werde aus meinen Gedanken gerissen, als mein Kommilitone neben mir ausversehen gegen mein Bein stößt. Ich schaue zurück auf die Bühne und frage mich, was meine Familie wohl gerade tut. Wie gerne würde ich mich vorne dazugesellen, endlich wieder Englisch sprechen, mich zu Hause fühlen. Stattdessen bleibe ich sitzen, genieße die letzten 15 Minuten und frage mich, ob ich morgen Zeit für das zweite Stück der Truppe habe…

Merle Paul ist an der Ostsee aufgewachsen und studiert seit 5 Jahren in Hamburg Deutsch und Englisch auf Lehramt.

 


 

Zu Gast bei den Gabriels: Hungry

Es ist wie nach Hause kommen oder erinnert an das Gefühl davon. Denn es ist ein sicherer Raum, in dem ich mich befinde und mich für etwas mehr als eineinhalb Stunden aufhalte und Mäuschen spiele: bei Gesprächen, bei Diskussionen und auch bei Trauerverarbeitung. Ich bin zu Gast bei den Gabriels, die eine Familie des Mittelstandes in den USA darstellen. Sie kochen gemeinsam, sie lesen gemeinsam, sie tauschen sich aus. Unmittelbar muss ich an Abende in meiner WG denken. Diese verbringen wir auch in der Küche. Wir trinken Wein, reden über Nichtigkeiten wie Mülltrennung, erzählen uns Geschichten aus unserem Leben und diskutieren. Manchmal über Politik. Aber auch über Ängste und Verlust. Ich muss auch an meine Familie denken. An Anlässe, die alle zusammenkommen lassen. Und dabei denke ich besonders an meine Mutter. Sie fragt mich, wann ich das nächste Mal zu Besuch komme und umarmt mich. Mehr als einmal. Ich muss mich dafür rechtfertigen, dass ich so weit weg bin. Und all das spielt sich an diesem Abend auf der Bühne ab.
Ich erkenne meine Freunde in den Personen, ich erkenne meine Mutter und ich erkenne mich, weil sie normal sind. So wie du und ich. Richard Nelsons The Gabriels lädt uns ein intim mit den Charakteren zu werden, so wir wir es sonst nur mit für uns wichtigen Menschen werden. Ich erhalte Einblicke in ihre Gedanken und Gefühle und lausche den Gesprächen, weil ich nah dran bin. Das Theater ist klein. Die Bühne an drei Seiten vom Publikum umrandet. Ich bin nicht nur emotional, sondern auch räumlich inmitten der Handlung. Die ersten Reihen wirken sogar beinahe, als wären sie Teil der Inszenierung. Das Bühnenbild ist schlicht. Und ich ertappe mich dabei zu denken, dass sich diese Art von Küche gut in einer WG machen würde. Ich möchte mitlachen über die Witze, die gemacht werden, mitreden und meine Meinung einbringen, wenn über die Präsidentschaftswahl diskutiert wird. Ich werde nachdenklich, wenn die Tochter dafür kritisiert wird, dass sie nie zuhause ist. Ich kenne dieses Szenario nämlich selber sehr gut. Ich muss lachen, wenn die Familie sich erneut fragt warum Karen eigentlich da ist. Denn wir kennen doch alle dieses eine Familienmitglied, welches irgendwie nicht reinpasst. Unerwünscht ist. Ich denke nach, wenn darüber diskutiert wird, dass die meisten Menschen nur gelernt haben, wie es nicht gemacht wird. Denn ich weiß bisher auch nur, was ich nicht will vom Leben. Ich werde traurig, wenn die Witwe davon spricht, dass der Verlust sie wütend macht. Das Gefühl des Zurückbleiben. Jeder hat bereits Menschen verloren. The Gabriels ist nachvollziehbar. Es spricht Ängste an, die jeder hat und es lässt mich auflachen, wenn ich mich selbst in einem oder mehreren der Charaktere wiederfinde. Und das tue ich. Ich bin kurz Teil ihrer Welt geworden und würde in den weiteren Teilen gerne erfahren, wie es weitergeht.

Julia Beller, 23

 


 

Soll man schlafende Hunde wecken?

Das Schauspiel, dessen Anfang zugleich das Ende war.

Anders kann ich es nicht beschreiben, was mich auf Kampnagel an diesem Abend zu keiner Zeit reizte. Vier Frauen und ein Mann unterhalten sich in einer Küche irgendwo in einem kleinen Nest auf dem Land in den USA und kochen dabei. Ich bin wenig beeindruckt von dem, was ich sehe: Spüle, Esstisch, Herd, Kühlschrank, Schreibtisch. Die Akteure haben um den Esstisch ihre Plätze eingenommen. Es wird sich pausenlos in einer monotonen Gesprächslage darüber unterhalten, wie die Frau damals ihrem Ehemann und ihren Gästen als gute Hausfrau gerecht wurde. Mal werden Geschichten aus einem Buch vorgelesen, mal aus einer Zeitung, mal wird sich darüber unterhalten, wie das große New York auf ihr kleines Provinznest herabschaut. Eingebunden in eine familiäre Atmosphäre wird sich ständig über den Unterschied am Esstisch unterhalten, der zwischen ihnen und den Reichen besteht, obwohl hier die gut situierte Mittelschicht Amerikas versammelt sitzt.

Ich bin 33 Jahre alt und männlich, vielleicht ist das genau der Knackpunkt, warum das frauenlastige Schauspiel an mir vorbeiläuft. Nach 45 Minuten ist nichts passiert, außer dass George, der Ehemann von Hanna, mal erscheint, mal verschwindet. Wie langweilig die Inszenierung von statten geht — oder sollte ich vielleicht aus Zuschaueranstand besser die Formulierung ruhig wählen? — zeigen mir zwei Zuschauer auf der Tribüne links von der Bühne im Theatersaal, die ihre Köpfe gesenkt und ihre Augen geschlossen haben — gute Nacht, kann ich dazu nur sagen. Die Aufführung ändert zu keiner Zeit den Rhythmus. Die Charakteristika dieser Aufführung sind monotone Gesprächsinszenierung, fehlende Dramatik, keine unvorhergesehenen Ereignisse. Der Schauplatz während der gesamten Dauer des Schauspiels ist die Küche, in der die Akteure sich sitzend unterhalten.

Ich habe nicht das Gefühl, heute in einem Theater Platz genommen zu haben. Als ich die zwei schlafenden Zuschauer wieder in den Blick nehme, sehe ich, dass sie kurzzeitig ihre Köpfe heben und wach zu sein scheinen, doch das Schauspiel ermuntert sie sofort wieder abzuschalten. Ich beschließe an diesem Abend meine schlafenden Hunde nicht weiter heraufzubeschwören und mache mich auf den Heimweg, denn in drei Tagen, am 2. Juni 2017, sehe ich schon das nächste Tanzschauspiel „An Act of Now“ inszeniert von Anouk van Dijk.

Hassan Elayan

 


 

The Gabriels: Election year in the life of one family

Ich befinde mich mitten in der Küche der Familie Gabriel, die in der Kleinstadt Rhinebeck nahe New York ein normalbürgerliches Leben führt. Man hat sich versammelt, um dem vor wenigen Monaten verstorbenen Sohn, Ehemann und Bruder Thomas zu gedenken, gemeinsam zu trauern und zu kochen. Es wird geschnippelt, gepellt, gebrutzelt und es duftet und so lausche ich den Gesprächen der Verwandtschaft. Das richtige Zubereiten des Essens ist ebenso Bestandteil der Unterhaltungen wie Kochbücher, Erinnerungen an das Leben mit Thomas und andere Familienangelegenheiten. Das alles zu immer wieder aus dem imaginären Nebenzimmer erklingender Klaviermusik. Ich frage mich, wann die Diskussion, wie im Programm angekündigt, in Richtung Politik schwenkt. Ah, da! Ganz kurz. Aber schon wieder vorbei. Jetzt wieder: Gemüse. Politik ist an diesem Abend durchaus das bestimmende Thema, bestimmend aber nicht durch lange Debatten um politische Topics oder bittere Auseinandersetzungen über den vermeintlichen Verlauf der anstehenden Präsidentschaftswahl. Dies passiert vielmehr beiläufig, manchmal in Nebensätzen, manchmal in der Frage darum, was Hillary Clinton denn als Frau wirklich ausmacht. Die eigentliche Politik kommt an diesem Abend in den scheinbar banalen Gesprächen auf den Tisch. Zwischen Zwiebeln und Paprika bringt die Familie ihre Hoffnungen und Ängste zum Vorschein. Wohnungen werden immer teurer, Jobs werden schlechter bezahlt und die Familie ist direkt betroffen. Gentrifizierung, Kampf der Verhältnisse und die Frage, wohin sich dies alles entwickelt. Der Regisseur der Inszenierung schafft es, durch Nähe, Naturalismus und lebensnahe, tagesaktuelle Themen, dass ich mich als Teil dieser Familie fühle. Als wäre ich der Hund, der unter dem Tisch Platz nimmt, keine große Beachtung findet, aber mit gespitzten Ohren den Gesprächen zuhört und insgeheim hofft, dass etwas für mich vom Tisch herabfällt. Ich bekomme den Eindruck, dass die Gabriels sich ähnlich fühlen. Wie ein Hund unter einer langen Tafel der großen Politik, der den Reden und Debatten lauscht, Hoffnungen entwickelt, doch letztendlich vom Versprochenen keine Scheibe abbekommt. Kein Wunder, dass man da nicht weiß, auf welchen Kandidaten die Wahl treffen soll, wenn doch keiner im Stande ist, auch mal den Blick unter Tisch zu werfen. Der erste Abend der Gabriels Trilogie ist für mich ein wohlbekömmliches Szenario, das mir einen kleinen, authentischen Einblick in eine amerikanische Familie, deren Sorgen und Wünsche gibt. Mehr jedoch auch nicht. Die weiteren Teile werden in den nächsten Tagen aufgeführt. Am kommenden Freitag wird sogar die gesamte Trilogie in einem Marathon hintereinander gespielt. Im Anschluss an jeden Teil gibt es etwas zu essen – das Gabriels Dinner. Das Problem mit meinem beim Brutzelduft aufkommenden Hunger wäre dadurch gelöst – vielleicht bekäme ich in Teil zwei und drei der Trilogie ja auch etwas größere Happen an politischen Debatten serviert.

Leif, 26 Jahre, aus Hamburg. Studiert Lehramt im Master mit dem Fach Deutsch an der Uni Hamburg.

 


 

The Gabriels: Hungry

Die Gabriels, das ist eine der Mittelschicht angehörige Familie, die in einem kleinen Ort, Rhinebeck, in der Nähe von New York lebt. Da ist die mittlerweile in einem Altenheim lebende Mutter, ihre Tochter, welche in London lebt, ihr Sohn mit Frau, die Frau des vor einiger Zeit verstorbenen zweiten Sohns und die Exfrau des Sohns. Versammelt haben sie sich, um die Asche des verstorbenen Sohns Thomas zu verstreuen und anlässlich dazu einen gemeinsamen Tag zu verbringen. So sitzen sie in der Küche und unterhalten sich während in Echtzeit das Abendessen vorbereitet wird. Hört man den Gesprächen zu, so wirkt es zunächst so als handelt es sich nur um oberflächliche Gespräche. Ist ein Thema unangenehm, wird direkt zum nächsten gewechselt, kein Thema ist länger als zehn Minuten im Fokus des Gesprächs. Jeder kennt noch eine gute Geschichte oder hat eine gute Weisheit auf den Lippen die er mal gehört hat und zum besten gibt. Es wirkt als wenn ich als Zuschauer, versteckt in einer Ecke der Küche und unentdeckt von der Familie, ein Familientreffen in einem New Yorker Vorort beobachten kann. Aber die Gespräche gehen doch über oberflächliche Floskeln und dem Austauschen von alten Geschichten hinaus. Immer wieder ist auch die bevorstehende Wahl im Fokus des Gesprächs. Und da schwingt Angst mit und Unwissen darüber, wer gewinnt, was für Folgen dies haben könnte. Trump oder Hillary – ein Szenario welches noch garnicht in allzu weiter Ferne liegt.
Die Bühne ist arenaartig aufgebaut, drei Tribünen gibt es zwischen denen jeweils Ausgänge sind die die Schauspieler während des Stücks nutzen. Durch die unterschiedlichen Arten des Abgangs werden Räume markiert, die man als Zuschauer nicht zu Gesicht bekommt, denn das gesamte Stück spielt sich in der wohnlich eingerichteten Küche ab. Und trotzdem entsteht ein dichtes Bild von dem Wohnhaus. Dieses Gesamtbild wird während des fortschreitenden Stücks immer deutlicher, man lernt immer mehr Räume kennen ohne sie je gesehen zu haben. Da ist zum Beispiel das Schlafzimmer der Mutter, in welches der Sohn geht um sie zum Essen zu wecken. Oder das Wohnzimmer in welche die Mutter zuvor in ihrem Lieblingssessel sitzt und ihre beide Kinder ihr am Klavier etwas vorspielen. Da ist der Flur, in welchem Obst und Gemüse gelagert wird, damit es kühl bleibt. Und da ist das Esszimmer, in welchem der Tisch gedeckt wird und in welchees das Essen gebracht wird um anschließend gemeinsam zu essen. All diese Räume sieht man zwar nicht, sie sind dennoch Parallelschauplatz zur Küche und es entsteht eine wirkliche Vorstellung von ihnen, lediglich durch Geräusche, das von den Schauspielern beschriebene oder durch die Art, wie eine Person den Raum verlässt. Als das Stück zu Ende ist habe ich das Gefühl in meinem Kopf ein genaues Bild des Hauses und der Familie zu haben. Ich würde gerne einen weiteren Abend mit der Familie Gabriels verbringen.

Luca, Studentin der Universität Hamburg.

 


 

Ein Abend zu Gast bei den Gabriels

„The Gabriels: Hungry“ von Richard Nelson ist das Stück bei Theater der Welt, auf das ich mich im Vorfeld am meisten gefreut habe. Das Programmheft verrät mir, dass es der erste Teil einer Trilogie ist, die eine amerikanische Familie durch das Election Year 2016 begleitet. Für mich war dies die erste US-Wahl, die ich aufmerksam verfolgt habe, unter anderem weil ich selbst nicht wusste, welchen der beiden Kandidaten ich hätte wählen sollen.

Als ich die Aufführungshalle betrete, fällt mir gleich die ungewöhnliche Anordnung der Tribünen auf. Drei Stück gibt es, im Zentrum die Spielfläche, die eine offensichtlich Küche darstellen soll. Seltsam kahl wirkt sie, nichts befindet sich auf den Schränken, die Stühle des Küchentischs sind hochgestellt. Als die Schauspieler die Bühne betreten, wird sie endlich belebt. Aber nicht nur durch die Anwesenheit der Schauspieler ­– mit Betreten der Bühne vervollständigen sie die Küche durch allerhand Küchenutensilien, persönliche Gegenstände und Fotos, die an den Kühlschrank angepinnt werden. Eine starke Gemütlichkeit geht nun von ihr aus.

Durch das Gespräch am Küchentisch erfahre ich nach und nach mehr über die einzelnen Charaktere und schließe sie in mein Herz. Die Familie erinnert mich durch das authentische Spiel der Schauspieler sofort an meine eigene, wenn sie nach dem Tod eines Familienmitglieds zusammenkam. Es war jedes Mal eine ganz besondere Situation, in der wir uns so nah waren, wie selten zuvor und selten danach. Ich habe nicht mehr das Gefühl Zuschauer in einem Theater zu sein, sondern stiller Teil dieser Familie.

Dabei ist das Stück nicht durchgehend spannend, an einigen Stellen langweile ich mich sogar ein wenig. Aber auch das kenne ich von Familienzusammenkünften. Im nächsten Moment erzählt jemand eine witzige Story und wir lachen wieder gemeinsam.

Als die Gabriels kurz auf die US-Wahl zu sprechen kommen, habe ich schon längst vergessen, warum ich das Stück im Vorfeld interessant fand. Trotzdem bin ich nicht enttäuscht. Vielmehr möchte ich auf einen weiteren Abend bei den Gabriels vorbeischauen und sehen, wie es ihnen bei der Wahl ergeht.

Jana Janßen wurde vor 21 Jahren in einer Kleinstadt in Ostfriesland geboren. Jana JanßenNach dem Abitur wollte sie dort so schnell wie möglich weg und ist nach Hamburg gezogen, um das Großstadtleben kennenzulernen. Hier studiert sie Germanistik und Psychologie und hofft, damit später auch mal einen Job zufinden.

 

 


 

Hungry Gabriels And The Even Hungrier Me

Es ist Dienstagabend und ich versuche noch ganz schnell, einen Apfel zu essen, bevor Richard Nelsons The Gabriels: Hungry losgeht. Ja, ich weiß, im Saal darf nicht gegessen werden, aber ich bin den ganzen Tag nicht dazu gekommen. Entschuldige bitte Kampnagel, werde ich nie wieder machen – versprochen!

Auf der Bühne ist eine Küche aufgebaut. Alles vorhanden: Herd, Spüle, Kühlschrank und ein großer Holztisch in der Mitte mit einer Bank und Stühlen darum herum. Eine typische, gemütliche Familienküche eben. Und ebenso familientypisch sind die Gespräche, die sich in dieser Küche in den nächsten knappen zwei Stunden zwischen den sechs Mitgliedern der amerikanischen Familie Gabriel abspielen. Es wird über die Arbeit geredet. Über Bücher. Daraus vorgelesen. Es wird über abwesende Familienmitglieder gelästert. Ängste und Verletzungen werden mal direkt, mal indirekt angesprochen. Es wird gelacht und auch ein wenig gestritten. Es geht um Politik – wird Hilary gewinnen? Die SchauspielerInnen sind so verdammt gut und die Dialoge so realistisch, dass ich bald vergesse, dass ich mich in einem Theaterstück befinde und die Menschen auf der Bühne ihre Rollen bloß spielen. Sie plaudern so unbedarft miteinander, ihre Handlungen sind so logisch und ihre Bewegungen so natürlich, dass ich das Gefühl bekomme, durch ein Fenster zu schauen und eine Familie bei ihren alltäglichen Gesprächen zu belauschen. Beinahe voyeuristisch. Jeder könnte das da unten sein – ich, Du, meine Freunde, einfach jeder. Was bestimmt auch zu diesem Gefühl beiträgt, sind die Gerüche. Auf der Bühne wird in Echtzeit das gemeinsame Abendessen vorbereitet. Die Zutaten für ein Ratatouille werden geschnibbelt – mmh, frisch aufgeschnittene Paprika steigt mir in die Nase. Mein Magen regt sich, der Apfel hat einfach nicht gereicht. Ein Salatkopf wird geschleudert, das Dressing in einem Glas geschüttelt – witzig, das mache ich auch immer so. Was das wohl für ein Dressing ist? Mein Magen wird lauter. Während das Ratatouille auf dem Herd vor sich hin köchelt – mmh, der Duft von lecker gedünstetem Gemüse wabert zu mir hoch – wird dann auch noch ein Apfelkuchen vorbereitet. Das Wasser läuft mir im Mund zusammen. Oh nein, warum bringen sie das Essen denn nun raus? Halt! Hierher bitte! Mein Magen rastet nun völlig aus und protestiert lautstark dagegen, dass er nichts abbekommen soll. Notiz an mich: Gehe niemals auf leeren Magen in ein Theaterstück, das die Bezeichnung „Hungry“ im Untertitel trägt!

Neben diesen sinnlichen Eindrücken und fabelhaft umgesetzten familiären Alltäglichkeiten gibt es auch viele nachdenkliche Momente. Ich muss schwer schlucken, als Mary den Lieblingskuchen ihres verstorbenen Mannes in den Ofen schiebt, sich dabei mit den Worten „Your apple crisp“ gedankenverloren an ihn richtet, danach zärtlich seine Ledertasche auf den Tisch legt und langsam mit den Fingern darüber streicht. Wer kennt es nicht?! Dieses Verlangen, sich geliebten Menschen nahe fühlen zu wollen, das immer wieder sehr realistisch und gefühlvoll dargestellt während des gesamten Stückes anklingt – ich glaube, bei Mary fließen echte Tränen. Man berührt hinterlassene Gegenstände, geht an Orte, an denen man gemeinsam war, bereitet ihre Lieblingsspeisen zu oder spricht in stillen Momenten zu ihnen, obwohl man weiß, dass man keine Antwort mehr bekommen kann. In Gedanken versunken und mit immer noch lautstark knurrendem Magen verlasse ich das Theater und überlege, wo ich um diese Uhrzeit noch Zutaten für den Lieblingskuchen meiner Oma herbekomme: zuckersüßen Frankfurter Kranz.

Katharina – Hamburgerin und Studentin

 


 

Erfrischend unspektakulär

Heute war mein vierter Tag bei Theater der Welt. Für mich ist also Halbzeit. Ich will nicht jammern, aber wenn man drei Tage lang bildgewaltige Stücke sieht, mit Bildern bombardiert wird, die man nicht unbedingt sehen möchte, nur mit Themen konfrontiert wird, die emotional nicht gerade leichte Kost sind, und andauernd angeschrien oder laut beschallt wird, ist man am vierten Tag nervlich nicht mehr ganz frisch. Wenn man dann nachts noch Berichte zu den gesehenen Stücken schreibt, morgens in die Uni geht und möglichst intelligente Dinge von sich geben möchte, ist man an Tag vier zudem müde. Bitte nicht falsch verstehen, ich genieße es, so viele Stücke sehen zu können und so viel zu erleben. Ich mag es auch, darüber zu schreiben. Aber ich muss zugeben, dass ich heute Mittag auch gerne noch ein Stündchen hätte schlafen können, statt mich auf den Weg zu The Gabriels: Hungry zu machen. Heute war ich so neben der Spur, dass ich tatsächlich überrascht davon war, dass das amerikanische Kollektiv auf Englisch spielt (nur um Ihnen einen Eindruck davon zu geben, wie gut mein Gehirn an solchen Tagen arbeitet). Für solche Tage ist The Gabriels: Hungry das perfekte Stück. Es ist ein netter Abend mit netten Menschen beim Kochen in der Küche. Und das ist wirklich auch schon alles. Als Publikum sitzt man von drei Seiten um die Küche herum, während die Gabriels kochen und sich dabei über alles Mögliche unterhalten. Von Haushaltstipps bis Trauer um Angehörige, über die schwierige Oma und Politik ist alles dabei. Und das Beste ist: Alles läuft auf Zimmerlautstärke. Am Anfang hat mich das ein wenig geärgert, weil ich irgendwie das Gefühl hatte, alles verstehen zu müssen – ist ja schließlich Theater. Aber letztlich ist dieses ganze Stück sehr naturgetreu einem Küchengespräch nachempfunden. Angefangen dabei, dass echt gekocht wird und man das brutzelnde Ratatouille riechen kann, darüber, dass ein Klavier unter dem Gradin steht, sodass die Darsteller tatsächlich Klavier spielen gehen, wenn es ihre Rolle verlangt, bis eben dazu, dass man bei Küchengesprächen einfach jederzeit wieder einsteigen kann und nicht die ganze Zeit zuhören braucht. Hier ein kleiner Gruß an die Abteilung für Gesprächslinguistik der Universität Hamburg – ja, ich hab in der Vorlesung heute Morgen aufgepasst. Spätestens, als der Topf mit Nudeln und dem Ratatouille von der Bühne getragen wurde, war mir dann auch klar, warum ich schon den ganzen Tag diese entsetzlichen Kopfschmerzen habe: Ich hab Hunger!! Aber jetzt bin ich ja auch schon vor der Tür und werde gleich etwas essen gehen. Alles in allem würde ich The Gabiels zwar nicht als weltbewegendes Theater bezeichnen, aber wissen Sie, ich wurde heute nicht angeschrien, nicht überfordert und hatte keine einzige Sekunde lang Angst. Und das war wirklich nett.

Katrin Friese GutjahrKatrin Friese (26): Studentin (Musikwissenschaft/Theaterwissenschaft), Eventmanagerin, Bühnenmensch

 

 


 

Für mehr ist kein Platz. Mehr will man nicht.
Rezept:
3 Zwiebeln
2 Grüne Paprika
Viele Tomaten
Eine Schürze voller Pilze
2 Auberginen
Bei den Gabriels gibt es heute Abend Ratatouille mit Salat und Pasta, Apfelkuchen zum Nachtisch. Gemeinsam sitzen sie um den hölzernen Tisch in der Küche – Gemüse wird geschnitten, Salat gewaschen, Äpfel werden geschält. Zwiebelduft verteilt sich im Zuschauerraum. Die Gabriels sind heute zusammengekommen, um den Abend nach Thomas Beisetzung gemeinsam in ihrer Küche auf Kampnagel zu verbringen. Thomas – Sohn, Bruder, Schwager und zweifacher Ehemann der Anwesenden. Bei einem Glas Wein wird sich unterhalten. Hin und wieder fällt im Gespräche auch der Name des Verstorbenen. Zumeist im Zusammenhang mit Anekdoten von früher. Nichtigkeiten. Für mehr ist kein Platz. Mehr will man nicht. Erst recht nicht über die eigene Trauer sprechen. Und natürlich noch weniger über die Gefühle der anderen. Und wenn Mary, Thomas dritte und letzte Ehefrau, es doch einmal versucht, werden schnell andere und wichtigere Themen gefunden. Themen wie die gewünschte Größe der Apfelstückchen für den Kuchen oder Anna Eleanor Roosevelts Lieblingskekse. Ob sie diese nun selber gebacken hat oder nicht. Überhaupt wird an diesem Abend häufig über Eleanor, wie sie freundschaftlich genannt wird, gesprochen. Nicht geht es dabei aber etwa um Politik oder ihren Einsatz für Menschrechte. Nein, es geht um sie, weil sie eine Frau ist – ein zentrales Thema heute Abend. Und warum? Weil an dem Tisch vor mir 4 Frauen sitzen, die immer wieder verzweifelt nach Gesprächsthemen ringen. Themen sollen es sein, die keine ernstzunehmenden Diskussionen auslösen oder das Sprechen über private Empfindlichkeiten erfordern. Das will man nicht. Und da sie nun mal alle (bis auf George) Frauen sind, bietet sich das Thema Frau geradezu an – da sind sie alle auf einer Seite, das ist die Gemeinsamkeit die sie eint, nach der sie gesucht haben, über die sie sprechen können. Ich beeindruckt. Sehr sogar. Zu bekannt kommen mir diese Gespräche vor. Auf Beerdigungen, Familientreffen, Geburtstagen – überall sind sie. Man klettert von einer Belanglosigkeit zu nächsten, aufs höchste konzentriert nicht zu viel von sich vor den anderen auszubreiten. Peinlich berührt wenn jemand anders es tut. Und die Gabriels, die bringen diesen Seiltanz erschreckend wirklich vor mir auf den Punkt. Großartig. Immer wieder. Ehrlich. Jetzt eine Zwiebelpizza.

Sina Fischer, 25

 


 

Einfach schön –  The Gabriels: Election year in the life of on family

Es ist meine vierte Theateraufführung, die ich im Rahmen von Theater der Welt besuche. Ishvara war schockierend, Die Weber einfach famos, Die Gabe der Kinder so lala. Das heutige Stück von Regisseur Richard Nelson hat jedoch sehr gute Kritiken erhalten. Und so freue ich mich, das zweite Mal nach vergangenem Freitag den Kampnagel zu betreten. Die Freude ist so groß, dass ich mir ein Alsterwasser vor der Aufführung an dem wieder mal angenehmen Abend gönne.
Ich bin angenehm angetan, als ich den Aufführungssaal betrete und meinen Platz einnehme. Es herrscht eine ganz intime, gemütliche Atmosphäre. Der Saal ist klein, auch nicht komplett gefüllt. Die Bühne der Schauspielerinnen und Schauspieler ist inmitten des Publikums platziert. Im Grunde genommen besteht die Bühne nur aus einer Küche, in der sich das Schauspiel auch abspielen wird. Die Tische und Stühle sind braun und aus Holz, am Kühlschrank hängen Magnete, der Herd ist einfach ein Herd. Der Charme der Bühne reicht bis in die letzte Reihe, in der ich sitze. Ich gehöre zum Stück dazu.
Die Schauspielerinnen und Schauspieler diskutieren über die damals noch anstehenden Wahlen in den USA zwischen Clinton und Trump. Kaum ein Thema wird in bildungsbürgerlichen, amerikanischen Haushalten mehr zur Sprache gekommen sein als dieses. Aber sie lachen auch viel, sprechen über die älter werdende Mutter und ihre und ihre Sorgen. Dies tun sie beim Gemüse schnibbeln, und Apfel schälen. Sie kochen. Sie kochen tatsächlich. Ratatouille. Der Geruch schleicht sich still und heimlich in meine Nase, dabei hat mich das Alsterwasser ohnehin schon etwas hungrig gemacht. Bestimmt suchen sie gleich jemand aus dem Publikum heraus und laden ihn zum Essen ein.
Ich fühl mich wie zu Hause. Politik ist auch immer ein Thema bei uns. Aber meine Großeltern werden auch nicht jünger. Manchmal weint meine Mutter deshalb. Ich muss dann auch weinen. Wir haben dann Angst, uns wird die Endlichkeit bewusst.
Das Stück ist zu Ende, das Licht geht an. Mitgegessen hat keiner. Macht nichts. Manchmal klatsche ich nur aus Höflichkeit, manchmal, weil ich froh bin, dass das Stück zu Ende ist. Ich würde gerade am liebsten jeden einzelnen Protagnisten in den Arm nehmen. Die Mama zuerst. Auch, wenn sie alt ist, ist sie noch da. Und auch, wenn sie Sorgen bereitet, möchte jeder, dass sie solange wie möglich noch weiterlebt.
Ich verlasse die gutriechende und gemütliche Stube, die ich anfangs noch „Aufführungssaal“ nannte. Ein schöner Abend war das. Sehr schön J.

  Alexander, 24 Jahre, Student aus Hamburg

 


 

Wildewoman

She’s a wildewoman. She’s gonna find another way back home. It’s written in her blood, oh, it’s written in her bones, yeah, she’ll only be bound by the things she chooses.

Das Lied Wildewoman von Lucius dringt aus dem kleinen Küchenradio, das mit vielen weiteren Details ein liebevolles und vor allem authentisches Bühnenbild schafft. Eine Frau steht allein in der Küche, räumt Sachen aus dem Kühlschrank, deckt den Tisch. Sie sieht erschöpft aus, nicht unbedingt wie eine Wildewoman.

Der Saal, in dem die Inszenierung stattfindet, ist kleiner als die Räumlichkeiten, die ich im Laufe des Theaterfestivals der letzten Tage besucht habe. Die erste Reihe der Zuschauerplätze ist ebenerdig, die Darsteller also auf Augenhöhe. Es fühlt sich an, als wären wir Teil der Inszenierung.

Nach und nach findet sich die ganze Familie zusammen. Sie sitzen um einen Tisch herum, kochen und essen gemeinsam, reden über die Dinge, die passiert sind, Dinge, die noch passieren werden. Nicht zuletzt über die Emanzipation der Frau und anstehenden Wahlen in den USA mit Clinton und Trump als einzige Optionen.

Eine Szene, wie sie sich wahrscheinlich im vergangenen Jahr vielfach in Familien abgespielt hat. Die Besonderheit in dieser Szene liegt jedoch darin, dass die Familie nicht grundlos zusammengekommen ist. Mary, die Protagonistin der Inszenierung The Gabriels, hat vor kurzem ihren Mann verloren. Es ist der Tag der Trauerfeier, nach welcher sich noch einmal die gesamte Familie, inklusive Exfrau, des verstorbenen Mannes zusammenfindet. Die Gäste lachen, reden über nichtige Dinge wie die eigenartigen Formulierungen in Kochbüchern. Wenn Mary ansetzt, um eine Geschichte von ihrem verstorbenen Mann zu erzählen, wird das Gespräch schnell umgelenkt, noch schlimmer, Exfrau Karin will immer alles genauso erlebt und gefühlt haben. Aber Mary funktioniert – sie kocht Kaffee, schnippelt Gemüse, dirigiert die Anweisungen der Kochvorgänge.

Als Kind wurde ich vor all dem Bösen geschützt, ich musste mir kaum Gedanken über den Tod, Krieg, Krankheiten oder Schmerz machen. Mittlerweile bin ich erwachsen, habe die ein oder andere Trauerfeier miterlebt. Sie laufen nach genau diesem Schema ab – nachdem der erste Aperitif getrunken ist, fangen die Gäste an zu lachen, zu erzählen, den Schmerz zu vergessen. Die nächsten Angehörigen des Verstorbenen sind nun für das Wohl der Gäste verantwortlich, anstatt den Verlust und die zusätzlich noch emotional kräfteraubende Trauerfeier zu verarbeiten.

Mary ist stark, bleibt höflich und unterhaltsam. Irgendwann hat auch dieser Tag ein Ende, die Familie verlässt die Küche, Mary bleibt allein zurück, sie räumt die Küche auf. Sie gedenkt, ihrem Zuhause den Rücken zu kehren. She’ll only be bound by the things she chooses. Vielleicht ist Mary doch die Wildewoman.

Marieke, Hoeft

 


Die Hungrigen
Als ich den Theatersaal verlasse, bin ich ziemlich hungrig, außerdem kurz ein wenig ratlos, aber es fühlt sich nicht negativ an. Es ist eher eine gute Ratlosigkeit, wenn es denn so etwas gibt. Denn ich bin nicht etwa verwirrt oder verstört, nein, vielmehr angenehm überrascht. „The Gabriels: Hungry“ erscheint mir so entspannt unaufgeregt, so alltäglich und vielleicht gerade deshalb so besonders. Die Vorstellung war teilweise geradezu einschläfernd (eine Frau in der ersten Reihe schlief tatsächlich) und trotzdem irgendwie auch aufwühlend. „Aber worum ging es eigentlich?“, frage ich mich, in dem Versuch meine Gedanken in eine Reihenfolge zu bringen. „The Gabriels: Election year in the life of one family. Play One: Hungry“ – so heißt die Inszenierung im Ganzen. Bei „Hungry“ handelt es sich um den ersten Teil der Trilogie über Familie Gabriel, einer US-amerikanischen, bildungsbürgerlichen Familie aus der Mittelschicht. Und wie der Gesamttitel erkennen lässt: Wir befinden uns im Wahljahr, das, so sehe ich es zumindest, in einer Katastrophe mit lächerlicher Frisur endete und ich glaube fast Familie Gabriel würde mir in diesem Punkt zustimmen. Zu diesem Zeitpunkt wissen sie allerdings noch nichts über den Ausgang der Wahlen. Wir befinden uns Monate vor dem Ereignis in der Gabrielschen Küche. Und wer sind nun diese Gabriels? Familie Gabriel, das sind die alte Mutter Patricia (wir erfahren von Anfang an allerhand über sie, bekommen sie aber erst ganz am Ende der Aufführung zu Gesicht), ihre Tochter Joyce, ihr Sohn George, dessen Frau Hannah und Schwiegertochter Mary, die dritte Frau von Thomas, der ebenfalls Patricias Sohn ist… Oder sollte man sagen war? Hört man mit dem Tod auf etwas für jemanden zu sein? Nun, auf jeden Fall erfährt man bald, dass Thomas vor kurzem verstorben ist, worin auch der Grund für die Zusammenkunft der Familie liegt. Karin, Thomas‘ erste Ehefrau, ist ebenfalls anwesend an diesem Abend, obwohl keiner der anderen sicher ist, wer sie eigentlich eingeladen hat zu diesem Gedenktag an den Sohn, Bruder, Schwager und Ehemann. Aber sie war eben auch einmal mit ihm verheiratet und hat ebenso ein Recht und, so denken alle, scheinbar ein Bedürfnis zu trauern. Das ist es auch, was die Gabriels an diesem Abend tun: sie gedenken Thomas, erinnern sich an ihn, vermissen ihn. Trotzdem muss das Leben weitergehen. Und so sprechen sie über dieses und jenes während sie das Abendessen zubereiten. Teilweise fühlen sich ihre Gespräche so vertraut an, als hätte ich sie so oder so ähnlich mit meiner eigenen Familie geführt. Irgendwann steigt mir dann ein angenehmer Essensduft in die Nase und mir wird klar: Da unten auf der Bühne wird tatsächlich gekocht. Das passt hervorragend zu dieser ehrlichen Gemütlichkeit, die die Schauspielenden auf wundersame Weise erzeugen, obwohl keinesfalls alles beschaulich und heimelig ist. Mit ihren Worten, ihren leisen Bewegungen, Andeutungen, Schwächen, den witzigen Anekdoten, der Trauer und den Anflügen von Verzweiflung kreieren sie ein Bild in meinem Kopf, dass mich zeitweise vergessen lässt, dass sie nicht wirklich in einer behaglichen Küche sitzen, dass sie nicht wirklich eine Familie sind, die Angst hat vor den Veränderungen, die das eigene Leben bedrohen – sei es im engeren, privaten Umfeld, oder eben auf politischer und gesellschaftlicher Ebene. Und vielleicht bin ich deshalb am Ende irgendwie ein
bisschen ratlos, irgendwie nicht ganz sicher, wie ich diese Inszenierung einordnen soll, weil alles so echt erscheint, so vertraut, obwohl andererseits natürlich ganz klar ist, dass dem nicht so ist. Eines kann ich mir allerdings eindeutig erklären und zwar den Grund, warum ich so hungrig bin.

Birte lebt und studiert seit einigen Monaten in Hamburg.

 


 

THE GABRIELS PLAY ONE: HUNGRY

Heute also Kampnagel, K1. Hungry, was mag das werden, um welche Sorte Hunger geht es hier heute Abend? Bewusst uninformiert betrete ich den Saal, möchte meine Wahrnehmung nicht schon im Vorfeld durch angelesenes Wissen kanalisieren lassen.
Nach allem, was wir bis jetzt gesehen haben, finde ich das Bühnenbild erfrischend unprätentiös und entspannend schlicht in seiner Alltäglichkeit: ich sehe zwei Holztische, umgeben von charmant zusammengewürfelten Stühlen, eine Spüle, einen Kühlschrank, einen Herd. Ein typisch amerikanischer Herd. In Verbindung mit der eingespielten Musik, vermute ich: wir befinden uns in einer amerikanischen Küche. Meine Vermutung bestätigt sich, als die ersten Schauspielerinnen die Bühne betreten: gesprochen wird amerikanisches Englisch, die deutschen Übersetzungen werden auf Monitoren eingeblendet. Aus den Gesprächen der Darsteller wird schnell klar, dass wir teilhaben am Abend nach der Trauerfeier für Thomas: Ehemann, Bruder, Ex-Ehemann, Schwager und Sohn der Beteiligten, Schriftsteller seines Zeichens. Wir werden Zeugen unaufgeregter Gespräche zwischen Menschen, die sich seit langen Jahren kennen und einander mal mehr, mal weniger liebevoll zugetan sind. Erinnerungen an den Verstorbenen werden ausgetauscht, während die einen gemeinsam das Abendessen zubereiten und die anderen sich um die alte Mutter im Nebenraum kümmern. Während das Essen auf dem Herd schmort, ziehen verführerische Düfte durch den Raum, sie lassen mir das Wasser im Munde zusammenlaufen. Die Gesprächsthemen ranken sich derweil vom nachmittäglichen Ausflug ins Roosevelt-Haus über die Krankheit des Verstorbenen, die Gebrechlichkeit der Mutter, das ewige Ringen der Kinder um Anerkennung bis hin zu Clintons Lewinsky-Affäre, um schließlich die grundsätzliche Unsicherheit – wie es in diesem Land weitergehen wird – zu thematisieren. Das soziale Klima hat sich verändert innerhalb der letzten zwanzig Jahre, was sicher schien, ist es nun nicht mehr. Die Geiz-ist-geil-Mentalität greift um sich, jeder ist sich selbst der Nächste. Thematisch erleben wir einen Rundumschlag. Wie im richtigen Leben kommen die Menschen, denen wir da zusehen und zuhören dürfen, in ihren Gesprächen vom Hundertsten ins Tausendste; Gespräche eben, wie sie sich gerne mal am Küchentisch um eine gute Flasche Rotwein in vertrauter Runde entspinnen. Man sorgt sich um und achtet auf einander, auch wenn im Verlauf des Abends die eine oder andere kleine Spitze ausgeteilt wird.

Der Autor verführt uns, seinen liebevollen Blick auf die Gabriels zu teilen, die in ihrer Normalität so überzeugend sind. Wir sind unmittelbare Zeugen teils sehr emotionaler, ja intimer Gespräche am Küchentisch, Gespräche, wie sie an tausenden solcher Küchentische allabendlich stattfinden könnten. Die Gabriels gewähren uns Einblicke, die weit intimer sind, als es all die in anderen Inszenierungen bisher gesehenen Szenen zur Schau gestellter Nacktheit je sein können. Eine von Thomas Maximen, das Schreiben betreffend, war: “Don’t write words, just try and write people.”

Congratulations, mission accomplished.

Anja Reuer

 

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