Stimmen aus der Universität – Underground Railroad Game

Seminar: Transitorische Räume im Gegenwartsdrama und -theater unter der Leitung von Felix Lempp, M.A.

 

Der Civil War im 21. Jahrhundert

 Komisch, wortgewandt, schnell, provokativ, direkt: Das amerikanische Schauspiel „Underground Railroad Game” präsentiert dem Zuschauer einen alternativen Ansatz zur Verarbeitung der Sklaverei vor dem American Civil War. Ein harmloses Schulprojekt endet in einem bloßstellenden Höhepunkt.

Im Nebel zirpen die Insekten, eine schwarze Frau stolpert in eine Scheune, sie ist angsterfüllt; versteckt sich bei den ersten Anzeichen einer anderen Entität in der Nähe. Ein weißer Mann entdeckt sie – doch er bietet ihr Hilfe an.

Cut. Die Schulglocke lautet, die Hauptakteure nehmen die historischen Accessoires ab; sie treten an das Publikum als Lehrer der Hanover Middle School heran. Willkommen in der Projektwoche zum Thema Civil War. Der Zuschauer fühlt unter seinem Sitz – ein kleiner, brauner Briefumschlag mit einer Soldatenfigur in je verschiedenen Farben, welche bestimmen, zu welcher Front man gehört – die der USA, oder doch der CSA? Spielregeln werden erklärt: Kleine Puppen müssen vor der Sklaverei gerettet werden. Die Klasse mit den meisten Puppen gewinnt. Wird hier erneut Geschichte geschrieben, wird der Ausgang des Civil Wars neu bestimmt?

Sofort fühlt man sich in das Geschehen als Schüler involviert: Als Schüler, der nun die steigende Spannung bis hin zum Extrem zwischen seinen Lehrern beobachten wird. Es hätte doch alles so friedlich sein können: „Teacher Stuart“ und „Teacher Caroline“ verlieben sich ineinander, Frieden und Einigkeit scheinen vorzuherrschen, kleinere Rassenideale und Stereotype werden krampfhaft unterdrückt: Alle sind ja immerhin gleich, oder nicht? Doch dann – die Worte „Nigger lover“ prangen auf einer Requisite des Civil War-Rollenspiels. Mächtig und drohend dominieren sie das „Safehouse“ der kleinen Sklavenpuppen. Und: Der weiße Lehrer fühlt sich noch angegriffener als die Person, die eigentlich beleidigt wurde. Wo Einigkeit verlangt wird, entzweit sich nun das Paar.

Der Klassenraum wird auseinandergenommen, unterdrückte Emotionen gelangen zu Tage; all jene Frustration entlädt sich nun. Aber: Welche Frustration, und woher kommt sie so plötzlich? Sind es Missverständnisse oder doch im Verborgenen gebliebene Diskriminierungen? Was auch immer es ist, nun wird es freigesetzt. Das sexuelle Verlangen vom Anfang verwandelt sich in sexuelle Frustration. Wie die Fahne der CSA werden dem Lehrer die Jeans zu den Knöcheln gezogen. Man bekriegt sich mit Freiheit: Die Flagge der USA wird zur Waffe – Demokratie durch Gewalt.

Schließlich findet sich der Lehrer inmitten der Demütigung: Nackt steht er auf einem Podest vor der ganzen Klasse – dem Publikum –, während die Lehrerin ihn dazu zwingt, immer wieder das Wort „Nigger Lover“ auszusprechen, während sie ihn schlägt – bis zu dem Punkt, an dem er sich selbst schlägt, sich selbst befriedigt; nackt, aufgedeckt erscheinen nun auch seine Motive. Selbstgefällig waren die Handlungen der Vergangenheit, und so finden sie sich in der Gegenwart wieder – nur diesmal wird der tiefliegende Egoismus zugegeben.

Dem Stück liegt eine satirische Komik zu Grunde, welche sich exzellent zu den

Ereignissen des Höhepunktes zuspitzt. Die Provokationen sind gezielt und durchdacht gesetzt und regen den Zuschauer dazu an, über die Aussage des Stückes nachzudenken – und über die Schuld jedes Einzelnen. Derjenige, der Aufklärung verlangt, muss für sich selbst denken. Als ganz normaler Schüler einer ganz normalen Schule wird man Zeuge eines heftigen Konflikts – und realisiert, dass solche Konflikte vielleicht doch alltäglicher sind, als man dachte.

Viktoria Zenker

 


 

Underground Railroad Game

Regie: Taibi Magar

 Es geht um die historische Sklaverei in Amerika, das heutige Verständnis von „Schwarz“ und „Weiß“ und Genderfragen. Man könnte sagen, schon oft behandelte Themen. Wie könnte man diese also am besten noch einmal aufgreifen, ohne alle zu langweilen und sich zu wiederholen?

Schauen wir einmal in die Trickkiste…Witz, das kann man immer gebrauchen. Jeder lacht schließlich gerne. Ein bisschen Liebe und Sex ist sicherlich auch nie verkehrt. Was könnte den Zuschauern denn noch Spaß machen? – SPIELE! Und da haben wir „Underground Railroad Game“. Ich habe mich gefühlt wie in einer Sketchcomedy-Show. Wir Zuschauer waren eine große Klasse, der ein Teil der Geschichte der Sklaverei spielerisch beigebracht wird. Das Konzept ist sehr entertainend. Jeder von uns hat also entweder einen blauen oder grauen Soldaten unter dem Stuhl und wird je nach Farbe aufgeteilt in Nord- oder Südstaatler, also Sklavenhelfer oder -fänger. Soviel zum „Game“.

Die Darsteller, die als unsere Lehrer kleine dramatische Theaterstücke für uns Schüler liefern, sind jedoch gleichzeitig in einer konfliktreichen Liaison verwickelt. Die Konflikte der beiden aufgeklärten Pädagogen entstehen dabei vor allem aus rassistischen und antifeministischen Bemerkungen, die jedoch nie zu ernst genommen werden. Genau das ist es, was die Auseinandersetzung mit dem Thema so leicht zugänglich macht.

Tatsächlich habe ich mich, auch wenn ich asiatischer Herkunft bin, manchmal wiederfinden können. Selbst kleine auf den ersten Blick unwichtige Aussagen – wie etwa „Ich war noch nie mit einer Schwarzen auf einem Date!“ – bekommen im Kontext eine größere Bedeutung. Obwohl beide vor ihrer Klasse bemüht sind, ihre liberalen Ansichten zu lehren, ist es trotz allem im Alltag immer wieder eine schwierige Aufgabe, einen Konsens zu finden. Es sind die oberflächlichen rassistischen Witze und Aussagen, die die Unterschiede zwischen den Hautfarben und Herkünften immer wieder unterstreichen und bekräftigen. Natürlich wird immer mitgelacht und nichts persönlich genommen. Aber tut es denn überhaupt Not? Ist der beste Icebreaker auf einer Party oder einem Date immer die Frage nach der Herkunft oder die Unterscheidung von „ihr“ und „wir“? Ist es eigentlich wirklich witzig, alle Asiaten LingLing zu nennen, nur weil es vielleicht das Stereotyp ist?

Es ist auch jetzt noch ein subtiles Spiel zwischen den verschiedenen Abstammungen, das jeder von uns mitspielt. Vor allem in Zeiten der Globalisierung und des immer stärker werdenden Rechtspopulismus. Veränderung heißt nicht nur, aus der Geschichte zu lernen. Veränderung muss, wenn auch langwieriger und schwieriger, in den Köpfen anfangen. Wir sollten Klischees über Bord werfen und uns auf die Person an sich konzentrieren. Über echtes kulturelles Interesse freuen auch wir Migranten uns. Aber bitte schert uns nicht wegen unseres Aussehens alle über einen Kamm. Und bei diesem Game sollte es nicht einmal das „ihr“ geben, sondern nur ein „wir“.

Linda Pham

 


 

Man glaubt ihnen alles, was sie verkörpern, aufs Wort!

Ars Nova / Taibi Magar UNDERGROUND RAILROAD GAME

USA // Schauspiel

Wir befinden uns einige Jahrhunderte zurückversetzt in einen besonders dunklen Teil der amerikanischen Vergangenheit, den Bürgerkrieg. Stuart will Caroline helfen aus der Sklaverei zu entfliehen; er gibt ihr Freiheit, sie ihm einen Lebenssinn und plötzlich: Cut. Das Licht geht an und wir finden uns in einem Klassenzimmer wieder. Stuart und Caroline sind Lehrer einer Elementary School, die Zuschauer stellen die Schüler dar. Das alles geht nur, weil der Zuschauerraum klein und begrenzt ist. Man fühlt sich, als wäre man tatsächlich in einem Klassenzimmer, die Atmosphäre ist intim. Alles also eine Inszenierung, um den Schülern die amerikanische Geschichte näherzubringen? Es geht noch weiter. Unter jedem Zuschauersitz klebt eine blaue oder graue Soldatenfigur, welche die Gruppenzugehörigkeit markiert. Ein Wettstreit beginnt: Die Gruppe, die es schafft, die meisten afro-amerikanischen Puppen in die „Savehouse“-Truhe ihres Klassenzimmers zu bringen, gewinnt. Dies ist das Underground Railroad Game. Irgendwie absurd das Ganze. Vage werden Erinnerungen an „Die Welle“ geweckt – Ist dies ein Schülerexperiment, das zu weit gehen wird?

Ehe man sich zu sehr den Kopf darüber zerbrechen kann, wird man mitgerissen in die sich frisch entwickelnde, voller Witz und Sinn fürs Detail steckende Liebesgeschichte der beiden. Sie werfen sich auf kokettierende Art und Weise Klischees an den Kopf – es geht um Rasse, um Gender, um Sex – und man spürt förmlich das Feuer zwischen beiden auflodern, aber nie überzogen.

In einer Szene kommen Caroline und Stuart gerade aus den „Movies“, die typisch amerikanischen riesen Cola-Becher noch in den Händen. Sie stellen dar, wie sie zusammen die Straße runterschlendern, während sie eigentlich synchron Schritte auf der Stelle machen. Sie reden über alltägliche Dinge; er findet Sandra Bullock hübsch, ihre Miene verfinstert sich, so wie es bei vielen Frauen der Fall ist, wenn der Mann des Begehrens von einer Hollywood-Schönheit schwärmt. Sie fragen sich, ob es ein Date ist zwischen Ihnen. Man findet sie süß die beiden, einfach sympathisch. Diese ganz besondere Atmosphäre entsteht, weil man beiden so nah ist. Man erkennt jede Mimik und Gestik, das Funkeln in den Augen und man glaubt ihnen alles, was sie verkörpern, aufs Wort. Es fühlt sich echt an.

Dies gilt für alle Emotionen, die im Stück aktiviert werden – auch die negativen. Jemand hat „Niggerlover“ auf ein Plakat geschrieben und Stuart und Caroline sind außer sich. Es kommt zur absoluten Eskalation, die darin mündet, dass Stuart völlig nackt und bloßgestellt auf einer Truhe mitten auf der Bühne steht. Man sieht alles. Man spürt das Unbehagen im Raum und man erkennt jeden Schweißtropfen. Der Zuschauerraum ist zu klein, um Anonymität zu bieten. „Wisst ihr, wie sich das anfühlt?“, hat er eben noch die Schüler angeklagt und jetzt steht er selber da. Aber weiß er es denn eigentlich selber so recht, fragt man sich und macht sich so seine Gedanken.

Underground Railroad Game ist mein persönlicher Favorit beim „Theater der Welt“-Festival. Das Zweipersonenstück vereint Witz, talentierte Schauspieler, reißt einen hochgradig mit und gibt Denkanstöße zu gesellschaftlichen Themen, die noch lange nicht erschöpft sind. Absolut sehenswert!

Filiz Yagmur

 


 

Täterä, Glory Hallelujah und fertig ist das respektvolle Neben- und Miteinander von Schwarz und Weiß.

Verdammt! Da will der gute, sklavenbefreiende Weiße dem unterdrückten Schwarzen was Gutes tun und dann das! Nichts klappt. Fragt die schwarze Sklavin den weißen Quäker: „Warum helfen Sie mir?“ Antwort: „Wegen meiner Religion.“ Autsch! Gab es da nicht noch andere, möglicherweise triftigere Gründe zum humanitären Beistand? Na ja, besser als nichts. Oder?

Ein weißer Mann und eine schwarze Frau ringen darum, sich irgendwie ehrlich einander anzunähern. Mal tanzend, dann händchenhaltend nebeneinanderher schlendernd, Gemeinsamkeiten suchend und bemüht, die Vorzüge und Reize des jeweils anderen zu betonen; die unwiderstehliche Anziehung des jeweils Fremden.

Obszönitäten, gerne gespeist von Vorurteilen (hungriger weißer Mann fährt auf sinnliche, vor Sexualität platzende schwarze Frau ab), ziehen sich lustvoll umgesetzt durch die ganze Geschichte.

Sie, als in Zwangsarbeit gefangene Sklavin, gurrt zufrieden, als sie ihn fragt, was ihm am besten an ihr gefällt, und er ihre Stimme nennt.

Die Diskriminierung „nigger lover“ durch Schüler wird von beiden wacker der Schulklasse um die Ohren gehauen, bis sie sich selbst wegen unterschiedlicher Missverständnisse und Vorurteilen fetzen. Die Betriebstemperatur zwischen den beiden nimmt zu.

Das ganze Hin und Her von Annäherung und Abstoßung führt anscheinend zu nichts. Was hilft, wenn die inneren Widerstände dem guten Willen zu einer intimen Beziehung im Weg stehen?

Genau! Sadomasochismus! Die Instrumentalisierung von Sexualität als intimste, unmittelbarste Annäherung zweier Menschen, die irgendwie nicht miteinander klarkommen. Regeln von Dominanz und Unterwerfung, wo sanfte Annäherung auf einer gemeinsamen Ebene versagt.

Sie, nun als Domina in der Sklavenhalterrolle, fährt in nun harsch an, als sie ihn fragt, was ihm am besten an ihr gefällt, und er ihre Stimme nennt.

Beide scheinen Vergnügen darin zu finden, bis zuletzt auch dieses Mittel versagt und beide mit einer derben Katerstimmung zu kämpfen haben.

Erotik, sexuelle Attraktivität als Mittel der Annäherung, wo es auf anderer Ebene schwierig ist – hey, das ist normal! Funktioniert doch immer! Blonde Frau, dunkelhaariger Typ oder umgekehrt.

Wären da nicht die erschütternden Erkenntnisse leidgeplagter Therapeuten, die belegen, dass es genau die anziehenden Eigenschaften von Menschen sind, die den anderen irgendwann auf den Keks gehen und zur Trennung führen.

Warum sollte das, was in intimen Beziehungen schon nicht wirklich funktioniert, nicht auch auf gesellschaftlicher oder politischer Ebene nicht funktionieren? Dieses Stück gibt die Antwort darauf, phänomenal gemacht, richtig gut!

Carsten Weide, 55 Jahre alt, Student der Germanistik

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