Die Vernichtende Macht des Meeres

Moby Dick

Nach Herman Melville
Regie:
Antú Romero Nunes

 Nennt sie Ismael aber auch Ahab und sogar Starbuck. Die acht Protagonisten des Stücks geben je nach Situation Seefahrer und Wahlfänger. Entsprechend bleiben sie die ganze Zeit namenlos. Irrlichter in Mitten eines tosenden Ozeans.

Die 900 Seiten der Buchvorlage werden zu 2 Stunden Tour de Force verdichtet. Moby Dick, Melvilles genreverneinender Roman, ist in weiten Strecken eine Meditation über das Meer und alle jene, die von ihm leben. Bildgewaltig und entsprechend inszeniert es auch Antú Romero Nunes und das obwohl kein wirkliches Bühnenbild zu finden ist. Vor den schwarzen Wänden der modernen Theaterbühne entsteht für das Publikum die Ferne der Weltmeere – nur vor dem geistigen Auge.

Ohne vierte Wand werden wir in das Drama hineingezogen, treiben mit und beobachten, von den Sitzreihen aus, die absurden Szenen auf dem „Oberdeck“. Wir erhalten Einblick in die Seelen von Gestrandeten, die sich außerhalb ihres Elements – dem Wasser- befinden. Getriebene, von Fanatismus und Zorn besessen und gegen ihre innere Leere ankämpfend. Sie können nicht anders als zur See fahren. Entsprechend behäbig beginnt das Schauspiel und nimmt erst fahrt auf, als es gemeinsam an Bord der Pequod geht.

Die bleierne Lethargie der Seemänner löst sich nur durch die elementarste Form der Selbsterfahrung – dem Kampf auf Leben und Tod, in welchem sich einer jeder seiner selbst bewusst wird. Es geht um den Kampf gegen die Naturgewalten, frei nach der Verheißung, sich die Erde untertan zu machen. Als Homofaber eignen sie sich ihre Umwelt über ihre Taten, ihre Eingriffe an und in Konsequenz sind Autoren ihres eigenen Leidens. Entsprechend werden die Stürme, die den Walfänger durchschütteln von den Schauspielern selbst erzeugt. Mit Wellblech entsteht Donner und der Regen kommt aus Flaschen, die wahlweise auch über den Köpfen geleert werden.

Im Geiste Herman Melvilles wird in einer Montage aus alltags Szenen auf dem Schiff ein Exkurs über die Anatomie des Pottwals gegeben. Feucht blutig gestaltet sich dann die Jagd – mit aus Tuben gedrücktem Kunstblut. In grotesken Bildern wird die Brutalität des Walfangs und Banalität der Routine auf den Walfängern geschildert. Ein ums andere Mal wird harpuniert, zerlegt, den Hai als Fressfeind abgewehrt und Schluss endlich der Tran abgekocht. Alles in langen Sequenzen, bis man es selbst schon als Zuschauer überdrüssig wird.

Der weiße Wal als Objekt der Begierde entzieht sich jedoch den Blicken. Schon sehr früh als gesichtsloses Wesen beschrieben, hält er als Phantom die Handlung zusammen. Seine Präsenz wird dumpf erst gegen Ende deutlich vernehmbar. Die finale Konfrontation bleibt dabei aber so ambigue, wie die See. Ein einziger Angriff auf das Schiff und die Pequod hat einen Wassereinbruch. Wie bei einem Blasloch, steigt eine einzige Wassersäule empor und ergießt sich auf die Walfänger. Noch bevor Schiff, Wal und ein Kapitän Ahab unter die Wasseroberfläche verschwinden könnten, fällt der Vorhang. Und uns bleibt die Frage, finden unsere Seeleute ein nasses Grab im unbarmherzigen Ozean oder treiben sie zur Rettung in seichte Gewässer?

Nach der Vorstellung gab es minutenlang stehenden Applaus und das nicht nur, weil Moby Dick nach 2013 noch einmal gezeigt wurde, sondern besonders aufgrund der Klasse und Wucht der Inszenierung und seiner Schauspieler!

 

 Fabian Theater der WeltFabian Starting:
In Süddeutschland groß geworden und für den Master an den Geburtsort zurückgekehrt. Seit der Teilnahme am Thalia Pfadfinder Programm Premieren Blogger. 25.05.2017

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