Stimmen aus der Universität Hamburg – An Act of Now


Seminar: HafenSzenen unter der Leitung von Prof. Dr. Ortrud Gutjahr

An Act of Now oder: Was uns zu Menschen macht

Es beginnt schon vor dem Stück etwas anders als sonst. Wir bekommen nach dem Eintreten große Kopfhörer, die einen beim Aufsetzen in eine andere Welt verfrachten. Es sind flüsternde Stimmen zu hören, die durcheinanderreden, sodass man keinen klaren Dialog wahrnehmen kann. Bei mir macht sich dabei ein mulmiges Gefühl breit. Mittlerweile stehen wir samt den Kopfhörern im Speicher, vor uns ein Nebelmeer. Die Atmosphäre ist geheimnisvoll, ja beinahe extraterrestrisch. Als das Stück dann beginnt, ist das mulmige Gefühl verflogen und ich freue mich, dass ich endlich das Element des Tanzes bewundern darf, was mir in den letzten Stücken gefehlt hatte. Wir beobachten 7 Tänzer, die sich in einem Glashaus eine ganze Stunde lang die Seele aus dem Körper tanzen und ich bin einfach nur total hingerissen. Ist es Ironie, in einer so riesigen Halle in einem Glashaus „gefangen“ zu sein? Sind sie überhaupt gefangen? Für mich porträtiert das, was sich innerhalb dieses Glashauses abspielt die Menschlichkeit, die wir alle in uns tragen. Wenn eine Gruppe zusammengewürfelt wird und sie längere Zeit an einem isolierten Ort verbringt, dann werden verschiedene Phasen beschritten. Zunächst muss man sich aneinander gewöhnen, die Tänzer tanzen zunächst nicht alle synchron, sie hocken und bewegen sich ganz am Rande des Hauses und vermeiden den Kontakt. Allmählich nähern sie sich einer Person an und tanzen in Paaren. Dabei werden verschiedene Emotionen ausgedrückt, etwa Liebe durch sehr zärtliche Bewegungen, Verfremdung durch distanzierte Tanzfiguren und so weiter. Im weiteren Verlauf werden einerseits stets neue Gruppen gebildet, andererseits wird auch das Einzelgängertum mit Hilfe einer der Frauen dargestellt, die zeitweise alleine in einer Ecke, von den anderen abgewandt steht. All diese Elemente sind Konzepte, die uns zu Menschen machen. Wir entwickeln Liebe und Hass, sind offensiv und manchmal sehr defensiv, gehen auf andere Menschen zu und sind aber auch schüchtern, verzeihen schnell und sind aber auch nachtragend, möchten in Gesellschaft leben, aber auch manchmal für uns sein, möchten Gemeinsamkeiten mit unseren Mitmenschen finden, aber uns auch selbst verwirklichen… die Liste ist endlos und was mich so fasziniert ist, dass die Tänzer in An Act of Now einen Weg gefunden haben, all dies in ihren Bewegungen auszudrücken. Es ist eine beeindruckende Art und Weise uns den Spiegel vorzuhalten und gleichzeitig zu sagen: Wir sind alle gleich, wir alle gehen durch das Leben, ohne wirklich zu wissen, was es für uns bereithält. Uns Menschen verbindet vieles, doch eines dieser Dinge ist der lebenserhaltende Atem. Der Moment, in dem die Tänzer innehalten und beginnen, gemeinsam in einem bestimmten Rhythmus zu atmen, öffnet mir erneut die Augen. Würden wir uns die Zeit nehmen, öfter mal innezuhalten und zu erkennen, dass wir alle gemeinsam atmen, würde uns der Rest der Gemeinsamkeiten vielleicht auch auffallen.

Marjam, 25 Jahre und Studentin der Uni Hamburg

 


 

Wer im Glashaus sitzt…

Ich war noch nie ein Fan von Performances. Nach Die Gabe der Kinder hatte ich aber die Hoffnung, dass sich das mit Theater der Welt vielleicht ändern würde. Dementsprechend erwartungsfroh bin ich in den Kakaospeicher gegangen, um mir An Act of Now anzusehen.
Die ersten 10 Minuten fand ich tatsächlich schon sehr beeindruckend: Ich lief in einer Menschenmasse durch einen vernebelten Speicher, vorbei an einem klagend schreienden Mann, einem blendenden Flutlicht und einem mit Nebel gefüllten Glashaus, in dem Menschen standen. Via Kopfhörer hörte ich ein Stimmengewirr von nicht angenommener Verantwortung und in unregelmäßigen Abständen donnerte es herzschlagartig von der Hallendecke. Durch Fluglotsen angewiesen nahmen wir unsere Plätze auf der Tribüne ein. Ich war sehr gespannt, ob es genauso opulent weitergehen würde. Als die Tänzer in dem Glashaus begannen, sich zu bewegen, dämmerte mir jedoch etwas, das ich nicht bedacht hatte, als ich mich im Vorfeld auf einen Tanzabend freute: Performances gehen sehr gerne mit kontemporären Tanzstilen Hand in Hand. Ich habe nichts gegen Contemporary, aber ich saß auf meinem Platz und fühlte mich wie ein Alien: Alle anderen um mich herum starrten gebannt auf die Tänzer und ich verstand einfach nicht, was ihre Körpersprache mir sagen wollte. Das Phänomen habe ich oft bei Contemporary-Tänzern. Also habe ich die Kopfhörer mal runter genommen, um mich nur auf die Körperlichkeit zu konzentrieren, aber auch das machte keinen großen Unterschied.
Ich hatte also ein wenig Zeit zum Nachdenken. Menschen springen wild über eine Bühne, schreien und schmeißen sich auf den Boden – bei Ishvara sind die meisten an dieser Stelle aufgestanden und gegangen. Woran liegt es, dass das hier nicht passiert? Daran, dass die Tänzer hier etwas mehr anhaben und nicht mit Fleisch um sich werfen? An den Kopfhörern? Das hier ist doch eine Performance und Performances wollen immer etwas transformieren: Was wird hier transformiert? Also, der Raum schon mal nicht, weil der Kakaospeicher nicht als Ort genutzt wird. Das Glashaus könnte ohne Probleme auch woanders stehen. Der Körper? Naja, zumindest werden die Tänzer morgen blaue Flecken haben, so wie die auf den Boden knallen… Aber sonst? Irgendwie finde ich die Tänzer auch nicht faszinierend. Die Körperbeherrschung der Ishvara-Tänzer war für mich beeindruckender.
Ich wäre am liebsten gegangen, aber da der Sound nur über Kopfhörer kam, war es sehr laut und störend, sich auf der Tribüne zu bewegen. Eine Möwe heiterte mich mit ihrem Lachen hin und wieder etwas auf, aber es half nicht: Am Ende waren alle total begeistert und ich fühlte mich fehl am Platz, weil ich anscheinend irgendwas nicht mitbekommen habe.

Katrin Friese GutjahrKatrin Friese (26): Studentin (Musikwissenschaft/Theaterwissenschaft), Eventmanagerin, Bühnenmensch

 

 


 

Was bedeutet es, Mensch zu sein? – „An Act of Now“

Wieder einmal finde ich mich im Kakaospeicher ein, wieder einmal gibt es eine Musikperformance zu sehen. Aber diesmal ist etwas anders. Am Eingang der Halle, in der heute An Act of Now, eine Performance der Niederländerin Anouk von Dijk in Zusammenarbeit mit der australischen Tanz-Compagnie Chunky Move, aufgeführt werden soll, bekomme ich Kopfhörer in die Hand gedrückt. Menschen in orangenen Warnwesten führen uns durch die Halle und weisen uns an, an der richtigen Stelle stehen zu bleiben. Ich kann nichts sehen, zu viele Menschen stehen vor mir und ich bin zu klein. Ich setze die Kopfhörer auf und lausche gespannt dem Flüstern, das darüber an meine Ohren dringt. Versuche etwas zu verstehen, aber es sind zu viele Stimmen. Nach einiger Zeit weist uns ein weiterer Warnwestenmensch wie ein Fluglotse an, weiterzugehen. Wir werden zu den Sitzplätzen geleitet, vorbei an einem mit Nebel gefüllten Glashaus. Schemenhaft sind darin Menschen zu erkennen.

Als der Nebel verfliegt, beginnt die eigentliche Performance. In einer Mischung aus Ballett, Kampfkunst und Stepptanz erzählen uns die Tänzer kurze Geschichten, in denen jedes Mal eine andere Facette menschlichen Zusammenlebens präsentiert wird. So handelt die Performance sowohl von Liebe und Zuneigung, als auch Zurückweisung, sowohl von regelhaftem Zusammenleben, als auch Ausschluss derjenigen, die sich nicht an die Regeln halten. Ich bekomme Gänsehaut, als einer der Tänzer von den anderen weggeschickt wird, das Glashaus verlässt und in zerstörerischer Wut ausbricht oder eine Tänzerin in einem Anfall von Klaustrophobie panisch an die Scheiben klopft. Ich beobachte sie von weitem, doch durch die Kopfhörer sind ihre Stimmen ganz nah. So nah, dass ich hin und wieder dem Reiz widerstehen muss, mich in die Richtung zu drehen, aus der sie zu kommen scheinen.

Die Botschaft der Inszenierung verdichtet sich für mich in der Frage: Was bedeutet es, Mensch zu sein? Eine Frage, auf die Anouk von Dijk mit An Act of Now eine einfache Antwort gibt: Mensch zu sein bedeutet zu fühlen.

Jana JanßenJana Janßen wurde vor 21 Jahren in einer Kleinstadt in Ostfriesland geboren. Nach dem Abitur wollte sie dort so schnell wie möglich weg und ist nach Hamburg gezogen, um das Großstadtleben kennenzulernen. Hier studiert sie Germanistik und Psychologie.

 

 


 

Eine Hommage an das Menschliche

Den Kakaospeicher betretend, ertönt ein pulsierender Herzschlag, der durch sein Innerstes vibriert. Über die Kopfhöherer begleiten mich flüsternde Stimmen. Ich werde mit den anderen Zuschauern in einem großen Pulk durch den Kakaospeicher zu unseren Plätzen gelotst. Das nebelgetränkte Innere des Glashauses, das vor der Tribüne errichtet wurde, erlaubt mir keinen Blick hinein. Gestalten in dem Glashaus tauchen scheinbar aus dem Nichts auf und entziehen sich in Slow-Motion im nächsten Moment dem Betrachter. Der verschleiernde, von Minute zu Minute poröser werdende Nebel, lässt mich die Akteure in dem Glashaus erkennen. Ihre Bewegungen beginnen zu fließen und lassen meine Gedanken und Gefühlswelt ihrer einfühlsamen Tanzperformance folgen. Die Tänzer drängen sich zur Musik dem Publikum nicht auf. Sie zeigen mir, mit welchem großartigen, aber auch unheimlichen Verstand, mit welchen Emotionen wir Menschen die theatralische Bühne des Lebens betreten und wie wir uns mit dem gegebenen Repertoire auf ihr zurecht finden. Die Tänzer stehen auf und fallen, wie einst die Götter vom Olymp. Dem Aufschrei folgt die Stille. Mit den ersten Gehversuchen folgt auf dem Fuße die Rebellion. Nichts hat Bestand unter der Sonne. Mein Titel des Blogeintrags hätte auch ohne weiteres Der extreme Mensch heißen können, denn die Tänzer spiegeln wider, dass ein Maß für den Menschen nicht zu existieren scheint. Für ihn muss alles was er tut und denkt nach kurzer Zeit ins exzessive Umschlagen.

Wie treffen wir Entscheidungen für unser eigenes und für das Leben unserer Mitmenschen? Aus dem Bauch, aus Vernunftgründen oder aus dem Nichts heraus? Was unterscheidet die Spezies Mensche von den Affen? Leben wir nicht eben so, wie die Affen, in sozialen Gruppen zusammen, die ein behutsames aufeinander Achtgeben sinnvoll erscheinen lassen, in denen wir, wie die Tänzer auf der Bühne, zusammen Feiern, Leiden, Lachen, Großes erschaffen und im Kleinen versagen? Die Tänzer machen es vor und geben wieder, was es heißt menschlich zu sein. Als einer das Glashaus verlässt und plötzlich in dem riesigen Kakaospeicher mit sich alleine zurechtkommen muss, fällt ihm nichts Besseres ein, wild um sich schreiend Gegenstände sinnlos durch den Raum zu werfen. Mit seiner Freiheit weiß er nichts Sinnvolles anzufangen. Er kehrt zurück ins Glashaus. Anouk von Dijk zeichnet in feinen Linien nach, was es heißt Mensch zu sein des 21. Jahrhunderts.

Hassan Elayan

 


An Act Of Now, Chunky Move / Anouk van Dijk
Discofox? Kenn ich, kann ich! Cha-Cha-Cha? Kenn ich, kann ich! Foxtrott? Kenn ich, kann ich! Walzer? Kenn ich, kann ich! Meine älteren Schwestern, ganz engagiert in der nachbardörflichen Tanzschule, brachten mir an etlichen Nachmittagen im Garten Tanzschritte über Tanzschritte bei. Vielleicht brauchten sie auch nur einen männlichen Part für die Tänze, aber immerhin: Ich durfte mitmachen und hatte Spaß daran, zumal diese Schritte in meinen Augen noch ganz nützlich hätten werden können. Der alljährliche Schützenball, immer Anfang Februar, war das Highlight des Jahres für alle Dörfer rund um Kollerup. Mit dreizehn dürfte ich auch endlich dabei sein, versprach mir meine Mutter, als ich schon im Alter von neun nichts sehnlicher herbeiwünschte, als endlich bei diesem Ball anwesend zu sein. Wie geil wäre es denn bitte, wenn ich dorthin käme und für jeden angebotenen Tanz der aufspielenden Top-40-Band etwas aus meinem Repertoire anzubieten hätte? Meine damalige Vorstellung: Star des Abends, die Mädchen würden mich lieben. Also: Fleißig üben mit meinen Schwestern im Garten. 1-2-chachacha, 1-2-chachacha, Wiege-chachacha – es wird! Damals hätte ich mir nicht ausmalen können, was dann mit mir passierte: Ich verlor das Interesse für den Schützenball, fürs Walzer, für Foxtrott und Discofox. Ich verbrachte meine freien Nachmittage von nun an viel lieber auf dem Skateboard, dem Fußballplatz oder mit Abhängen an der Bushaltestelle – hey, ich war jetzt Teenager! Die einzige Berührung mit „Tanz“ war einmal im Monat im JuZe bei uns um die Ecke, als Bands mit so einladenden Namen wie „Angeschissen“ oder „Verranzt“ zum Pogo einluden – Leif war dabei! Über zehn Jahre später, mittlerweile im Lehramtsstudium in Hamburg angekommen, hat sich mein Verhältnis zum Tanz wenig verändert (Pogo betreibe ich nicht mehr, gibt zu viele blaue Flecken). Selbst in meinem Zweitfach Sport habe ich es bisher geschafft, um die Tanz-Fachausbildung herumzukommen. Heute aber soll sich etwas ändern. Ich besuche mit meinem Uni-Seminar zum Theater der Welt-Festival die Tanzvorstellung An Act Of Now im Kakaospeicher. Dort, wo früher Kakao gelagert wurde, werden heute Funkkopfhörer an die Zuschauer verteilt. Ein mit acht Menschen und viel Nebel gefülltes Glashaus steht vor der Tribüne, auf der wir Platz nehmen. Was folgt, ist ein 80-minütiger Wirbel. Links, rechts, vorne, hinten, am Boden, in der Luft, an der Decke, im Keller, auf dem Dach: Die Tänzer bespielen dieses Haus von allen Seiten, in allen Winkeln. Mein anfangs von mir noch als eher schlecht empfundener Platz in der letzten Reihe ganz links oben entpuppt sich als besonders wertvoll durch die schräge Perspektive auf das Haus des Geschehens. Ich sehe Lichter, Schatten, austretenden Nebel, springende, fliegende, fallende und kriechende Tänzerinnen und Tänzer und der Begriff „Tanz“ bekommt eine so riesig andere Bedeutung für mich, dass ich berauscht und verzückt in meinem blauen Plastikschalensitz auf der Tribüne ganz oben hinten links hocke. Gäbe es solch eine Aufführung doch mal auf dem Kolleruper Schützenball – die Schützengilde samt Dorfjugend wäre außer sich.

Leif, 26 Jahre, aus Hamburg. Studiert Lehramt im Master mit dem Fach Deutsch an der Uni Hamburg.

 


 

Gegen die Konformität

Ich muss gestehen, dass ich zweifle, als die Performance beginnt. Wir werden zunächst in zwei Sektionen eingeteilt, bekommen Kopfhörer und dann warten wir. Wir sehen nichts, außer den Leuten, die vor uns stehen. Es gibt laute Schläge, die wir hören. Es lässt sich nicht ausmachen, woher diese kommen. Also warten wir weiter. Mit Stimmen im Ohr, die sich gruselig anhören. Diese sagen immer wieder: Remain calm and don’t panic. Aber das gesamte Szenario lässt mich schon ein bisschen panisch werden. Die Unwissenheit, was passieren wird und die Frage danach, welchen Sinn dieser Teil hat.

Und dann geht es endlich weiter. Nach gefühlten Stunden in dieser unangenehmen Warteposition.

Wir werden durch den Kakaospeicher gehetzt. Hier finden sich für mich starke Parallelen zum Feierabendverkehr mit der U-Bahn oder sonstigem öffentlichen Verkehrsmittel. Man bewegt sich  nicht mehr von alleine, sondern wird von der Masse getrieben. Ich verliere die Anderen. Auch das passiert mir oft bei großen Menschenansammlungen. Ich spreche dann zum Beispiel weiter, obwohl niemand mehr hinter mir steht. Auch in dieser Situation drehe ich mich um. Aber die anderen sind weg. Erst auf unseren Sitzplätzen finde ich sie wieder. Vor uns befindet sich eine Art Gartenhaus, indem sich Personen befinden. Es beginnt.

Es ist ein Stück des Gegensatzes für mich. Manchmal eskalieren die Schauspieler (oder eher Artisten) vollkommen auf der Bühne. Sie springen gegen die Scheiben, schreien, hängen von der Decke. Sie wollen ausbrechen.

Manchmal sind sie ganz ruhig, selig, bedacht und atmen gemeinsam ein und aus. Sie bewegen sich dann gemeinsam in absoluter Synchronität.

Was sie aus dem winzigen Raum machen, der Ihnen gegeben ist, ist wahnsinnig. Die Körperbeherrschung und was die Schauspieler mit ihrem Körper anstellen können. Dabei frage ich mich, wie viele blaue Flecken bei den Proben zu An Act Of Now wohl entstanden sein müssen.  

Während der Performance schaue ich mich auch im Publikum um. Die Masse schaut gebannt auf das Schauspiel. Auf der rechten Seite des Kopfhörers leuchtet bei jedem ein grünes Licht. Eine riesige Masse an grünen Lichtern. Immer an der gleichen Stelle. Einmal bricht einer der Schauspieler aus dem Haus aus. Er rennt umher und wirft mit Gegenständen um sich. Zum Schluss brechen sie alle aus. Gemeinsam.

Zu Beginn fragt jemand neben mir: Müssen wir jetzt die ganze Zeit hier stehen? Wir sehen ja gar nichts. Diese Frage ist bereits Ausdruck der Performance. Wir müssen immer einen Plan haben und wissen, wie es weiter geht. Und wenn wir keinen haben, sind wir verloren oder lassen uns steuern. Und das ist das Gefühl mit dem ich auch aus dem Kakaospeicher gehe. Vielleicht werde ich mich morgen nicht von Leuten in eine Richtung drängen lassen. Mich nicht in einer großen Menschenmasse verlieren. Denn das kann hier in Hamburg besonders schnell passieren. Aber vermutlich doch.

Julia Beller, 23

 


 

Von ratloser Unsicherheit zu begeisterter Ratlosigkeit

Eine Kommilitonin und ich sitzen am Haven, die Sonne strahlt uns ins Gesicht, wir essen noch eben schnell Pommes und genießen den wunderbaren Blick auf Hamburg in der Abendsonne. Plötzlich ein dumpfes Donnern – BUM. Dann nochmal – BUM. Und nochmal –BUM. Wir schauen uns verwundert an, dann auf die Uhr und stellen entsetzt fest, dass es schon 21.00 Uhr ist. Oh nein, An Act Of Now hat schon angefangen! Schnell schieben wir uns die letzten Pommes in den Mund, raffen unsere Sachen zusammen und flitzen zum Kakaospeicher hinüber. Puh, da ist immer noch eine Schlange. Das dumpfe Donnern setzt sich fort – BUM BUM. Hat die Vorstellung doch schon angefangen? Im Speicher werden wir nach rechts geschickt, nicht zu der Tribüne. Hm, warum? Dort erwarten uns Ordner an zwei langen Tischen, die Kopfhörer verteilen. Vor uns die Rücken der Zuschauermenge. Wir setzen die Kopfhörer auf, stellen uns hinter die letzte Reihe und schauen uns ratlos an. Wir können nichts sehen. Über die Kopfhörer ein surrendes, zischendes Stimmengewirr. Die Stimmen dringen in meinen Kopf ein. Ich kann einige Sätze herausfiltern: „I can’t take responsibility. No, I don’t have the authority. No, I don’t.“. Ich werde nervös. Worum geht es hier? Schizophrenie? Um Menschen, die völlig überfordert sind und sich rechtfertigen müssen? Ich kann immer noch nichts sehen. Den anderen Zuschauern um mich herum scheint es ähnlich zu ergehen. Sie schütteln teilweise etwas genervt die Köpfe, schauen sich irritiert an. Sie recken die Hälse, stellen sich auf die Zehenspitzen, versuchen einen Blick auf den hinteren Teil des Speichers zu erhaschen – dort muss doch irgendwas zu sehen sein! Das dumpfe Donnern – BUM BUM – wird von aufblitzendem, grell weißen Licht begleitet. Verunsichert beschließen meine Kommilitonin und ich, nach hinten zu gehen. Dort steht eine Bank vor einem Container. Wir stellen uns drauf und endlich können wir über die Menschen hinwegblicken. Ein Mann kommt auf die Zuschauermenge zu, der zwei rote Leuchtstäbe in den Händen hält. Die Stimmen in den Kopfhörern werden klarer und lauter: „Remain calm and don‘t panic!“. Oh nein, wenn das schon angesagt wird, dann passiert jetzt bestimmt was Schlimmes! Nun bin ich wirklich verunsichert. Ich nehme die Kopfhörer ab, kann die Stimmen nicht mehr aushalten. Der Mann im orangen Overall agiert wie ein Flugzeuglotse. Er breitet die Arme aus, weist den Weg in den hinteren Teil der Halle und die Menschenmenge setzt sich in Bewegung. Wir hüpfen von der Bank und gehen eilig hinterher. Er lotst uns an einem großen, einem Treibhaus ähnelnden Glaskasten vorbei zur Tribüne. Der Glaskasten ist voller Rauch. Darin Menschen, die abwechselnd an die zu uns gerichtete Glaswand treten, uns anstarren, wieder im Rauch verschwinden – BUM. Unheimlich. Wie bekommen die da drinnen Luft? Ich setze die Kopfhörer wieder auf. Das anhaltende Donnern zerrt so langsam an meinen Nerven. Ich kann nun überhaupt nicht mehr einschätzen, was mich an diesem Abend erwartet und fühle mich aufgrund der Kopfhörer von meiner Außenwelt abgeschnitten. Was sich dann aber in den nächsten eineinhalb Stunden in dem ungefähr sechs Mal sechs Meter großen Glaskasten abspielt, zieht mich trotzdem in seinen Bann. Ich beobachte fasziniert, wie die sieben Tänzerinnen und Tänzer mal allein, mal in Paarformationen, mal als Gruppe kraftvoll tanzend diesen kleinen, isolierten Raum ausfüllen. Ich sehe Standbilder, Slow Motion und rasend schnelle Bewegungen. Sie drehen und (ver-)biegen sich in fließenden oder abgehackten Bewegungen. Klatschen immer wieder laut auf den Boden. Springen katzenhaft anmutig schnell an die Stangen unter der Decke. Baumeln dort wie Fledermäuse. Umschlingen sich. Bilden die skurrilsten Formationen. Hüpfen, springen und rollen übereinander, nebeneinander, hintereinander. Wellenartig. Bäumen sich auf. Pausieren atemlos in den Ecken. Liegen erschöpft nebeneinander auf dem Boden. Immer wieder werden einzelne Tänzer von der Gruppe abgesondert. Ausgestoßen. Sie müssen sich den Weg zurück in die Gruppe hart ertanzen: „You go! Go! You should go!“, schreien sie sich an. Bedrückend. Herzerwärmend. Mitleid erregend. Wütend. Freudig. Hoffnungsvoll. Meditativ. Energiegeladen. Dann plötzlich verschwinden die Tänzer im Boden. Zwei Löcher tun sich auf – wo sind die denn jetzt hergekommen? Nach und nach brechen die Tänzer aus ihrem gläsernen Gefängnis aus. Sie laufen befreit und laut juchzend durch die große Halle. Tosender Beifall. Ich nehme die Kopfhörer ab und tauche auf aus dieser auditiven Isolation – huch, ist das auf einmal laut! Wir verlassen den Speicher, strahlen uns ganz begeistert von dieser mitreißenden Tanzdarbietung an und fragen fast gleichzeitig: „Total toll! Aber kannst du mir sagen, worum es da eben ging?“

Katharina – Studentin aus Hamburg

 


 

Faszination pur – An act of now

Beim Einlass bekomme ich Kopfhörer. Das Stück wird im Kakaospeicher spielen, dieser riesigen, alten Fabrikhalle, deren Charme ich schon bei Children of Gods kennengelernt habe. Diesmal geht es nicht sofort auf die Plätze, der Theaterliebhaber und Kulturfan darf erst einmal gesammelt mit allen anderen warten. Wie am Flughafen führt uns eine Frau mit Leuchtstäben über das Rollfeld des Kakaospeichers. Ich sitze mich auf meinem Platz und sehe vor mir ein riesiges Gewächshaus. Interessant im Kontrast zum riesiger Halle. Was wird hier wohl die nächsten 80 angekündigten Minuten gedeihen?
Faszination pur! Im Grunde genommen reicht dies als Antwort, aber die 7 Darstellerinnen und Darsteller verdienen es im vollsten Maße, weitaus detaillierter gelobt zu werden.
Es ist eine Demonstration von Bewegungskunst, eine perfekte Symbiose von Tanz und Gesang. In jeder Bewegung steckt der pure Enthusiasmus, sämtliche Facetten, der Anthropologie darzustellen. Freude, Trauer, Wut, Liebe, Egoismus, Sehnsucht, Verzweiflung, Angst. All das komprimiert auf ca. 50 qm Spielfläche. Das Gewächshaus ist viel zu klein für das, was die Darsteller ausdrücken wollen. Es gibt keinen Quadratzentimeter, der nicht von ihnen eingenommen wird. Sie hängen sich an die Decken, klammern sich an die Fenster, sogar unter dem Boden ist noch Platz. Es scheint so, als wollten sie ihrem eigenen Körper entfliehen. Erst zum Ende verlassen die Darsteller das Gewächshaus. Die teilweise minimalistisch anhauchende Musik lässt es in mir brodeln, die Stimmen werden abwechselnd lauter, leiser, hektischer, freundlicher. Wenn die Stimmen über das rechte Ohr kommen, erschrecke ich mich teilweise, blicke hektisch um mich, als ich von links auf einmal eine andere Stimme höre. Ich habe Gänsehaut.
Das Stück ist zu Ende und ich bin völlig begeistert. Es gibt minutenlange Standing Ovations. Auch ich stehe sofort nach Ende des Stücks auf, dass mich eine junge Frau auffordert, mich wieder hinzusetzen, ist mir vollkommen schnuppe. Noch nicht hat mich ein Tanzstück so gepackt und mitgerissen. Noch nie stieg mein Puls derartig an wie bei An act of now. Es gilt ein großes Lob an die Regie und ein mindestens so großes an die Darstellerinnen und Darsteller. Ich bin immer noch ganz hibbelig, als ich den Kakaospeicher verlasse und mir der sanfte Hafenwind um die Ohren weht. Das Stück hätte auch die ganze Nacht gehen können. Das waren verdammt kurze 80 Minuten.

Alexander, 24 Jahre, Student aus Hamburg


 

An Act Of Now – Mensch sein

„Hm, eineinhalb Stunden mit Kopfhörern? Würde das nicht auch ohne gehen?“, denke ich mir, als sie mir beim Einlass in den Kakaospeicher in die Hand gedrückt werden. Ich stelle mich, erstmal verwirrt, dass wir nicht direkt zu unseren Sitzplätzen können, nach ganz vorne und setze mir die Hörer auf. Aus den Hörern kommen intensiv flüsternde Stimmen, die mich sofort von den Menschen um mich herum abkapseln und mich aus meiner Gegenwart in eine andere Welt ziehen… und in was für eine Welt! Schon die fünf Minuten, in denen wir zu Beginn des Stückes durch Nebelschwaden, durch die Kopfhörer dem Gehör, zu unseren Plätzen geführt werden, sagen mir, dass dieser Abend etwas ganz Besonderes wird. Und tatsächlich: „An Act Of Now“ war mit Abstand die beste und ergreifendste Inszenierung, die ich während des Theaterfestivals gesehen habe.

Ich weiß gar nicht, wie ich beschreiben soll, was genau ich während der Performance sehe und was ich fühle. Ich fange einfach mal an: Zeitweise kämpfe ich gegen meine Tränen an, kann andererseits an anderen Stellen nicht aufhören zu Lächeln und werde von der reinen Körpersprache der Darsteller völlig mitgerissen in Todesangst, in Verlangen und Leidenschaft, in Scheitern und Wut. Auch soziale Phänomene wie Zusammengehörigkeit, Ausgrenzung, Dominanz und Unterwürfigkeit, Kampf und Versöhnung werden dargestellt. Sämtliche Verhaltensweisen der Gattung Mensch innerhalb eines Glashauses und in eineinhalb Stunden werden übermittelt, wobei nur zwei Worte während der gesamten Inszenierung gesprochen werden („you go“ bei einer Szene über Ausgrenzung und Diskriminierung, kurz vor Ende). Es ist absurd, den Darstellern durch die Kopfhörer so unfassbar nah zu sein; ihr Keuchen unter den Anstrengungen des Tanzens, ihre auf dem Boden aufklatschenden Körper und jede Ohrfeige so nah und intensiv wahrzunehmen. Nehme ich die Kopfhörer ab, ist es ganz leise in dieser riesigen Halle und das, was im Glashaus stattfindet, scheint plötzlich ganz fern und nur halb so ergreifend. Ohne die Kopfhörer wäre die Inszenierung nicht ansatzweise so überwältigend, wie sie mit ihnen ist!

Nach Ende des Stückes muss ich erstmal zu mir kommen und sacken lassen, was ich gerade erlebt habe. „Das Stück war toll, aber irgendwie verstehe ich den Sinn dahinter nicht“, sagt meine Sitznachbarin. Und auch ich frage mich kurz nach dem Sinn des Stückes: Waren die Darsteller wirklich gefangen und ohne Ausweg in diesem grässlichen Glashaus, wie es zwischendurch zu sein scheint und wieso konnten sie am Ende – und auch zwischendurch – einfach rausgehen? Wenn nicht: Warum waren sie dort drinnen? Welche Rolle hatte der Darsteller, der zu Anfang in schwarz gekleidet um das Glashaus schlich und später dann Teil des Tanzensembles wurde? Und wie passt das Element Wasser, das so häufig durch Bewegungen, Tänze und Geräusche dargestellt wurde, in das Stück? Ich weiß es nicht. Und ich stelle fest, dass es mir in diesem Fall auch überhaupt nicht wichtig ist, den Sinn zu verstehen, solange mich das Spielen und Tanzen der Darsteller so sehr emotional berührt und auf eine kleine große Reise über das Menschliche mitnimmt…

Nicola, Studentin der Uni Hamburg, 25 Jahre alt.

 


 

An Act of Wow

Ein dröhnender Bass entsteigt dem Kakaospeicher in regelmäßigem Rhythmus. Ich schaue auf die Uhr. Es ist 21 Uhr. „Mist, es geht bestimmt schon los!“. Eigentlich hatten eine Kommilitonin und ich uns gemütlich ins Festivalzentrum HAVEN setzen wollen, essen und schnacken bis die Vorstellung beginnt. Anscheinend hatten wir doch nicht so viel Zeit, wie wir dachten. Nun also stopfen wir uns schnell die letzten Pommes in den Mund und eilen in Richtung der großen Halle, die heute zum zweiten Mal für uns Schauplatz einer Inszenierung des Theaters der Welt wird. Beim letzten Mal sahen wir dort Die Gabe der Kinder und das war – sicher auch auf Grund des Spielorts – sehr beeindruckend.

Ich bin gespannt, was uns diesmal erwartet. Erleichtert stellen wir fest, dass das Publikum gerade erst dabei ist, den Kakaospeicher zu betreten und wir reihen uns ein. Die freundlichen Einlasserinnen teilen uns mit, dass wir auf der rechten Seite der Halle Kopfhörer erhalten würden. Kopfhörer? Tatsächlich. Okay. Etwas ratlos halten wir sie in den Händen und folgen dem Menschenstrom auf die rechte Seite der Halle. Alle stehen, schauen nach vorne. Immer noch der rhythmische Bass. Ich kann nichts sehen, außer Lichtern und Nebel. Meiner Kommilitonin geht es ebenso. Erst mal Kopfhörer aufsetzen. Vielleicht erklärt sich dann ja alles von selbst. Tut es nicht. Flüsternde Stimmen dringen in meine Ohren. I don’t know… It’s fine for me but… So in der Art flüstern die Stimmen, wobei sich die einzelnen Sätze überlappen. Gruselig. Kopfhörer wieder ab. Schon besser. Dann aber setze ich sie wieder auf, schließlich schaue (in diesem Moment vielmehr höre) ich mir eine Theaterstück an und die Kopfhörer sind nun einmal ein Teil davon. In dem Versuch etwas sehen zu können, stellen wir uns auf eine Bank am Eingang der Halle. Und wirklich: wir können etwas erkennen. Vor den Menschen steht eine Gestalt mit Lichtsignalen in der Hand, wie ein Einweiser auf dem Flugplatz. Dann setzt sich das Publikum in Bewegung. Anscheinend hat man der ersten Reihe das Zeichen gegeben loszulaufen. Die Menschen folgen dem „Fluglotsen“. Wir auch. Menschenmassen, die stumpf gleiche Bewegungen ausführen, waren mir schon immer unheimlich. Trotzdem gehe ich mit, denn jetzt wird klar, dass der „Fluglotse“ uns zu unseren Sitzplätzen führt. Auf dem Weg dorthin passieren wir eine Art Gewächshaus, das mit Nebel gefüllt zu sein scheint. Als wir unsere Plätze gefunden haben, sehe ich, dass sich Personen in dem nebligen Glashaus befinden. Es dauert eine Weile, bis das Publikum sitzt. Dann geht es los.

Circa Eineinhalb Stunden später denke ich: „Wow! – Eine schlichtweg beeindruckende Leistung!“ Die gesamte Inszenierung, ohne Pause, haben die Tänzerinnen und Tänzer da unten im Glashaus 100 Prozent gegeben – mit so viel Ausdruck, so viel Kraft, dass es mir schwer fällt es in Worte zu fassen. Also werde ich es auch nicht weiter versuchen und hoffe einfach, dass alle, die dies lesen, vielleicht noch die Chance bekommen An Act of Now selbst zu erleben.

Ach so, Sie wollen jetzt noch wissen, worum es denn eigentlich geht? Die Handlung? Das Thema? Tja, darüber habe ich nach dem Stück mit einigen meiner Kommilitoninnen ausführlich diskutiert und bin zu dem Schluss gekommen, dass jede von uns ihre eigene Vorstellung davon hat und keine von uns ganz sicher war, ob sie es wirklich verstanden hat. Erst war ich angesichts dieser Erkenntnis ein wenig unzufrieden. Dann habe ich eine Nacht darüber geschlafen und finde jetzt, dass genau das eigentlich das Schöne ist: Die Vieldeutigkeit, die Unklarheit, das Beeindruckt sein. Ein bisschen wie das Leben.

Birte lebt und studiert sein einigen Monaten in Hamburg.

 


 

An Act of Now – Wenn der Körper Unsagbares ausdrücken kann

An Act of Now beginnt spannend. Jeder Besucher erhält einen Kopfhörer, den man die Vorstellung über anlassen soll. Als ich mir diesen über die Ohren stülpe, erschrecke ich. Leises Flüstern von gleich mehreren Stimmen, die immer wieder das Gleiche sagen. Lautes, schweres Einatmen. „Sorry, I can’t take responsibility for that“, „Did you talk to…“, „I am not in the position to…“. Mehr als einmal drehe ich mich ruckartig zur Seite, weil ich denke, dass mich diesmal wirklich jemand angesprochen hat. Das gesamte Publikum steht noch im Eingangsbereich, wartet darauf, dass es losgeht. Ich fühle mich unwohl, stelle mich hinter meine Freundinnen. Wir stehen ganz vorne, haben freie Sicht auf den Speicher. Zumindest auf das, was vor uns liegt. Nachdem wir von einer Person eingewiesen wurden, als seien wir ein Passagierflugzeug, staune ich nicht schlecht: Vor der Zuschauerbühne steht eine Art Gewächshaus, in ihm mehrere Personen, eingehüllt in Nebel, isoliert. Ich setze mich hin, die Stimmen kommen wieder. „Don’t panic, stay calm“, brüllt mir eine Stimme ernergisch ins Ohr. Klappt ja prima. Auf das was dann kommt, bin ich nicht vorbereitet. Eine Stunde Tanzperformance. Und was für eine. Vorweg sollte ich vielleicht sagen, dass ich mit Tanz genau so viel anfangen kann wie mit Chemie, nämlich leider gar nichts. Ich sitze also quasi jungfräulich auf meinem Platz und erlebe 60 Minuten voller Energie und einem Ausdruck, den ich so noch nie erlebt habe. Ich kann nicht erklären, was da passiert ist. Kann man ein Gefühl weitergeben? Dafür bräuchte ich Worte und die habe ich ausnahmsweise mal nicht. Die Tänzer kämpfen, befreien sich (von was frage ich mich?), fallen hin und stehen immer wieder auf. Sie durchleben förmlich alles, was man sich vorstellen kann und das auf eine Art und Weise, die unbeschreiblich ist. Sie ziehen mich in ihren Bann, obwohl ich nicht verstehe, was sie mir sagen wollen. Wie eine fremde Sprache, die sich bekannt anfühlt, ich aber nicht entziffern kann. Ich versuche mich davon zu befreien, den Sinn dahinter zu finden und konzentriere mich stattdessen darauf, mich auf mein Gefühl zu verlassen. Das ist sich aber auch nicht ganz sicher, was es fühlen soll. Extase, Angst, Glück, Ehrfurcht? Alles zusammen? Auch einen Tag nach diesem fesselnden Erlebnis bin ich mir nicht sicher. Und suche wieder den Sinn. Und lasse los. Stehe auf. Liege doch wieder unwissend auf dem Boden. Wie die Tänzer, nur weniger elegant. Manche Dinge lassen sich nicht in Worte packen, manche Dinge muss man fühlen. An Act of Now ist eines dieser Dinge: Man muss es selber erleben, es aufsaugen, sehen, aber in erster Linie muss man es fühlen.

Merle Paul ist an der Ostsee aufgewachsen und studiert seit 5 Jahren in Hamburg Deutsch und Englisch auf Lehramt.

 


 

JUST GO!

Stimmen aus jeglichen Richtungen, leise und laute, hohe und tiefe, beruhigende und hektische. Never put empty pots on the hotplate! NEVER! Sie geben mir Ratschläge, machen mir Vorwürfe; flüstern, schreien, schnaufen und schnüffeln. Die Stimmen kommen aus den Kopfhörern, die uns beim Eintritt in den Kakaospeicher für die Vorstellung An Act of Now ausgehändigt werden. Ich stehe zwischen hunderten von Menschen und schaue mich nervös um. Eine junge Frau in Warnweste holt uns ab, mit den zwei Leuchtstäben in ihrer Hand weist sie uns den Weg quer durch die Halle und zurück zur Tribüne. Die anderen Zuschauer und ich folgen ihr, fast schon willenlos. Ein Mann mit einem dunklen Umhang steht starr auf einem der blauen Hanjin-Container. Seine Augen schimmern im Licht, das durch die Milchglasfenster der Location einfällt. Er verfolgt uns mit seinem Blick bis zur Tribüne, auf der wir Platz nehmen. Auf der Bühne steht ein Gewächshaus, in ihm eingesperrt sieben junge Männer und Frauen. Sie tanzen und drücken dabei so viele Emotionen aus – Wut, Angst, Missgunst, Reue, Freude, Hass, Liebe. Gefühlszustände, denen wir alle ausgesetzt sind. Gedanken, mit denen wir alleine sind. Die in uns schlummern, versuchen rauszukommen. Manchmal können sie es nicht, manchmal dürfen sie es nicht. Das Licht innerhalb des Gewächshauses wirft einen Schatten auf die hohen Stahlwände des Kakaospeichers. Die Umrisse wirbeln umher, springen, tanzen und scheinen mir hierbei eine ganz andere Geschichte als die, die auf der Bühne selbst zu erkennen ist, zu erzählen: die Umrisse der Stahlträger des Gewächshauses bilden die Reling eines großen Schiffes, die Menschen tanzen auf dem Deck, federleicht und frei. Ganz nah am Abgrund und immer mit der Gefahr zu fallen. Angst und Zweifel der Tänzer sind jedoch kaum erkennbar. Wie im echten Leben, gibt es hier zwei Perspektiven. Wir können nicht in unsere Mitmenschen reingucken, sehen was sie grade zerreißt, verstört oder beglückt. Jeder ist mit seinen Gedanken und Gefühlen allein, in seinem ganz eigenen Gewächshaus. Was wir sehen, ist die Fassade, der Schein.

Der Mann mit dem schwarzen Umhang versucht in das Gewächshaus zu gelangen – er greift durch die Freiräume zwischen Wand und Dach, versucht die Tänzerinnen und Tänzer zu erreichen. Repräsentiert der Mann unsere Angst? Die Angst vor dem Sprung, etwas zu wagen, verletzt zu werden? Unseren Willen und unsere Sehnsüchte, die an uns zerren? Oder gar unsere Optionen und Möglichkeiten, von denen wir in der heutigen Zeit viel zu viele haben? You go! NO, YOU GO! Menschliche Stimmen schreien wieder hektisch durcheinander. Im Gewächshaus nimmt ein junger Mann seinen Mut zusammen. Er bricht aus, wagt den Sprung ins Ungewisse. Sein rasanter Schatten fliegt wie ein großes Tuch durch die Halle. Ein Stuhl wird lautstark zerbrochen.

Nach und nach entkommen alle Darsteller ihrem Käfig. Das Licht geht aus. Die Wand des Gewächshauses reflektiert nun das Publikum – schwarze Umrisse, das grüne Leuchten unserer Kopfhörer. Nun sitzen wir im Gewächshaus. Wir alle sind Gefangene unser Selbst.

Marieke Hoeft

 


 

Das Experiment Mensch hinter Glas
I don’t know | unfortunately | decision | that’s your responsibility | contact | not allowed | think of | that’s
just the way it is | oh, okay | don’t touch anything | did you consult | I’m sorry | get back to your seat |

Es dauert einen Moment bis ich einzelne Sätze in dem geflüsterten Stimmengedränge erkenne. Über Kopfhörer höre ich sie, gebetsartig werden sie vorgetragen. Anweisungen und Erklärungen, Rechtfertigungen und Entschuldigungen. Mechanische Floskeln, wie sie vielerorts gefunden werden können. Anouk van Dijk hat sie für den Auftakt zu ihrer Tanzperformance An Act of Now zu einem diffusen, wirren Klang zusammengetragen. Von den Stimmen begleitet, werden wir durch den Kakaospeicher im Hamburger Hafen geführt. Wirre Anweisungen hier, konforme Bewegungen dort. Wir werden eine anonyme Masse, die auf die Theaterplätze getrieben wird. Auf der Bühne in einem gläsernen Gewächshaus wird in einigen Augenblicken das Experiment Mensch beginnen. Das Gewächshaus – ein Versuchslabor, ein Treibhaus. Vor äußeren Einflüssen verschlossen und abgeschirmt, herrschen im Inneren der Konstruktion andere, optimierte Bedingungen. Bedingungen, die reguliert und gesteuert werden können, um das Kommende bestmöglich zu kontrollieren und zu erforschen – um das Menschsein durch eine Glasscheibe hindurch sezieren zu können. Es beginnt. Im Inneren ist es neblig, Umrisse tauchen auf und verschwinden wieder, verharren oder schlagen lautlos an die Scheiben, unfähig aus ihrem gläsernen Raum auszubrechen. Gemeinsam erheben sich die sieben Tänzer, fallen, erheben sich wieder und fallen erneut. Gleichförmige, synchrone Bewegungen, bei denen man sich nicht sicher sein kann, ob sie von außen initiiert oder aus dem Inneren der Bewohner heraus motiviert werden. Gemeinsam durchtanzen sie Gefühle, Momente, die mal an Alltagssituationen erinnern, mal aber auch an große Politik. Wut, Zorn, Trauer, Verachtung, Freude, Liebe oder Mitleid – zuweilen schleichend in ihren Übergangen. So wird aus einem Aneinanderhängen ein Aufhängen, aus zärtlichen Umarmungen ein menschlicher Galgen. Die meiste Zeit bewegen sich die Tanzenden in einem gemeinsamen Rhythmus, haben die gleiche Atmung. Hin und wieder werden jedoch von Einzelnen Versuche unternommen zu entkommen, sich aufzurichten, zu rebellieren. Doch wer den Strom verlässt, kehrt auch wieder in ihn zurück oder zieht die anderen mit sich in eine neue Bewegung hinein. Für etwas anderes ist kein Platz, der Raum zu eng. Mindestens bis zum Schluss. Da verlassen die Tänzer ihr gläsernes Heim – das Experiment ist abgeschlossen. Ein Neues kann beginnen.

Sina Fischer, 25, Studentin

 


 

An Act Of Now – Tänzerische Höchstleistung

Ich freue mich schon sehr auf den Abend. Allein schon der Fakt, dass das Stück erneut im Kakaospeicher spielt lässt bei mir die Vorfreude steigen. Als wir den Kakaospeicher betreten schaue ich zunächst auf welchen Platz ich mich gleich begeben muss – Reihe 17 Platz 27, alles klar –  doch es läuft anders ab als erwartet. Direkt am Eingang bekommen wir Kopfhörer, die wir auch direkt aufsetzen sollen. Kaum sitzen die Kopfhörer auf meinen Ohren, umgibt mich ein leicht panisches Flüstern und ich drehe mich erschrocken um ob da nicht doch jemand hinter mir steht und mir über die Schulter etwas zuflüstert. Ich bin ganz erleichtert als ich feststellen kann dass die Geräusche tatsächlich nur aus den Kopfhören kommen. Ganz schön real! Unterbrochen wird das Flüstern nur durch ein mich an einen Herzschlag erinnerndes Geräusch, welches mit dem Aufblitzen von Lichtstrahlen am Ende der Halle untermalt wird. Was passiert hier? Eng zusammengedrängt stehen wir hier nun und ich lasse meinen Blick durch die Menge gleiten. Einige haben ihre Augen geschlossen und scheinen sich intensiv auf die Geräusche aus den Kopfhörern einzulassen, andere haben ihre Kopfhörer abgenommen und flüstern leise mit ihrer Begleitung. Ebenso gibt es Leute, die Fotos machen und andere tun es mir gleich und schauen sich in der Menge um. Ich fühle mich fast wie auf einer Touristenführung: „Und hier sehen  sie nun den Kakaospeicher! Zu ihrer rechten..“ So in etwa. Da ist gar keine wirkliche Theaterstimmung in mir. Dann geht es los. Leicht aggressiv werden wir nun von einer als Fluglotsin verkleideten Frau angehalten ihr zu folgen – wo gehen wir bloß hin? Außerhalb unseres ersten Blickfeldes sehe ich dann doch eine Tribüne mit Sitzplätzen und ich bin ein wenig erleichtert, hatte ich doch ein bisschen die Befürchtung für die nächsten  1 1/2 Stunden stehen zu müssen und nicht wirklich gut sehen zu können. Kaum haben sich alle Zuschauer gesetzt beginnt auch schon das “richtige Stück“. In einem gewächshausähnlichen Glaskasten befinden sich die Tänzer, welche in einem atemberaubenden Tempo unterschiedlichste Emotionen tänzerisch darstellen. Ich bin beeindruckt von den gelenkigen und vielfältigen Bewegungen der Tänzer. Und dem ständigen sich Fallen lassen. Das muss doch wehtun! Hinzu kommt, dass gefühlt kein Winkel des Gewächshauses unbespielt bleibt. Da wird sich in Ecken gedrängt, auf dem Boden gewälzt und an die Decke geklettert. Teilweise weiß ich gar nicht, wo ich hingucken soll. Und auch wenn ich teilweise wirklich Schwierigkeiten habe zu sagen was genau denn da überhaupt dargestellt wird und warum, so ist das gesamte Stück auf jeden Fall vom Anfang bis zum Ende Emotional aufgeladen. Der Applaus des Publikums spricht dafür, dass dem Großteil der Leute das Stück wirklich gut gefallen hat, einige stehen sogar auf. Und auch mich hat das Stück irgendwie berührt, auch wenn ich garnicht genau sagen kann, was der Grund dafür ist. Vor allem lag es wohl an der tänzerischen Höchstleistung, die ich so noch nie gesehen habe.

Luca, Studentin der Uni Hamburg

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