Stimmen aus der Universität Hamburg – In 80 Tagen um die Welt

Seminar: HafenSzenen unter der Leitung von Prof. Dr. Ortrud Gutjahr

In drei Stunden um die Welt, ins All und wieder zurück

Ein Zelt mit harten Holzbänken, Manege und Orchester – heute Abend finde ich mich im Zirkus wieder. Passepartout und Phileas Fogg betreten das Rund, Manege frei! und ab geht die wilde Fahrt: in 80 Tagen um die Welt, in drei Stunden durch ein buntes Spektakel voller Witz, Ironie und Klamauk, begleitet von einer Band, deren Sound vom ersten Ton an in die Beine geht. Sieben SchauspielerInnen nehmen mich mit auf einen wahnwitzigen Trip durch exotische Länder und halluzinierte Opiumrausch-Landschaften, wir reisen ins All und zurück. Die Protagonisten singen und tanzen sich mit überbordender Spielfreude und Fabulierlust durch Jule Vernes Abenteuerroman, dessen Personal allerdings angewachsen ist: die beiden Herren werden begleitet von Molly, einer von Fogg entwickelten Maschine in Frauengestalt – überhaupt ist Fogg ein begnadeter Erfinder, dem wir allerhand Annehmlichkeiten unseres modernen Lebens verdanken, wir haben es bloß bis heute nicht gewusst… Molly ist von Anfang an in ihren Schöpfer verliebt und wird ihm im Laufe des Abends mehrfach das Leben retten. Verfolgt werden die drei von einem Saboteur, der immer wieder listenreich versucht, Fogg daran zu hindern, seine Wette zu gewinnen.
Wie erwartet nimmt die Reise ihren Anfang in England, führt dann über Frankreich, Deutschland, den Balkan über die Wüste unter anderem nach China. Es würde zu weit führen, alle Stationen des Quartetts anführen zu wollen, fest steht allerdings: kein Klischee wird ausgelassen, jede der besuchten Nationen bekommt ihr Fett weg und wird aufs amüsanteste vorgeführt, auch das deutsche Beamtentum, dessen Vertreter die Reisenden ohne Wartenummer gar nicht erst vorlassen will – ganz so, wie es sich in jedem ordentlichen Behördenwartesaal gehört, heißt es immer wieder: „Ziehen Sie eine Nummer!“
Zwischendurch wird die ein oder andere leise Kritik an der Menschheit, diesem hybriden Pack, mit eingeflochten; ganz so zuckersüß ist der uns präsentierte Cocktail dann auch wieder nicht. Und doch überwiegt bei weitem der Spaß an diesem Abend: bereitwillig lasse ich mich in ferne Welten entführen, bange, hoffe und lache mit den waghalsigen Weltreisenden, lasse mich begeistern für ferne Welten, die das farbenprächtige Bühnenbild mir vorgaukelt.

Egal, welche Nummer dieser Revue man zieht: man erwischt auf jeden Fall einen Hauptgewinn! Ein großes Spektakel für Augen, Ohren und Lachmuskeln; ich habe mich köstlich amüsiert, habe Tränen gelacht und verlasse das Zelt mit einem Ohrwurm als Dreingabe –

DANKE für diesen großartigen Abend!

 

Anja Reuer


Anja, vor zwei Jahren in die Großstadt zurückgekehrt, seit einem Jahr wieder Studentin.

 

 


 

In drei Stunden ins All und zurück

Ich war noch nie alleine im Theater. Aber jetzt ist es soweit. Ich habe immer gedacht, dass ins Theater gehen eher so ein Sache ist, die man in der Gruppe macht oder zu zweit. Ich fahre also alleine hin, stelle mich in die Schlange, meine Karte wird eingerissen und ich werde zu meinem Platz gelotst. Alles wie immer, aber irgendwie auch doch nicht. Ich nehme viel eher Gespräche um mich herum wahr. Ich bin gespannt auf das Stück. Die Leute um mich herum auch. Einer sagt: Ich habe gehört es wurde total verrissen. Das macht es noch aufregender für mich und ich bekomme auch ein bisschen Angst. Drei Stunden ein schlechtes Stück, ohne eine bekanntes Gesicht, stelle ich mir anstrengend vor.

Und dann beginnt die wilde und rasante Fahrt. Eine Fahrt, die ich so nicht erwartet hätte:

Wer bei Peter Jordans und Leonhard Koppelmanns In 80 Tagen um die Welt an die Geschichte von Jules Verne denkt, liegt falsch. Geliefert wird ist ein bunter Mix aus Musical, Slapstick, popkulturellen und literaturwissenschaftlichen Anspielungen und Schauspielern, die wirklich ALLES auf der Bühne geben. Ich bin Zuschauer einer wahnwitzigen Zirkusvorstellungen, die immer wieder übertreibt. Zu Beginn weiß ich nicht, was ich davon halten soll und als es zur Pause geht, habe ich mir immer noch nicht wirklich eine Meinung bilden können.

Um mich herum diskutieren ein paar Leute darüber, ob sie in der Pause gehen können. Ich nehme wirklich viel mehr um mich herum auf. Kurz wünsche ich mir auch jemanden, den ich kenne, um mich austauschen zu können und zu fragen, was Der – oder Diejenige von dem Ganzen hält. Aber es alleine zu reflektieren und mich nicht von anderen Meinungen beeinflussen zu lassen, ist eine interessante Erfahrung.

In der Pause setze ich mich an den Tisch mit ein paar Leuten und lausche ihren Gesprächen. Sie diskutieren heftig über das Stück und das kann ich verstehen. Das Tempo sei zu rasant, die Anspielungen auf Terror und Kriege nicht witzig und viel zu viel Klamauk. Aber genau darum geht es doch gerade. Eine Auszeit von den schlimmen Zuständen da draußen zu haben und eine andere Welt in diesem Zelt zu erschaffen. Politisch inkorrekter Slapstick eben.

Ich lache viel. Auch über Witze, die wirklich nicht flacher sein könnten. Manchmal langweile ich mich auch, aber zu keinem Zeitpunkt habe ich das Bedürfnis zu gehen. Denn egal wie lächerlich manche Szenen sind, unterhaltsam ist das Stück schon irgendwie. Denn es überrascht mich immer wieder. Und als es in der zweiten Hälfte ins All geht und Passepartout mit einem Alien anbändelt, habe ich mich längst von der Idee eines konventionellen Stückes verabschiedet und genieße die Verrücktheiten so gut ich eben kann.

Ich denke in nächster Zeit werde ich öfter alleine ins Theater gehen, denn die Erfahrung war spannend und hat mich Theater mal ganz anders wahrnehmen lassen. Das nächste Stück muss nicht unbedingt drei Stunden gehen und versuchen sämtliche Stereotypen der Welt in sich aufzunehmen, aber ich bin optimistisch, dass ich Etwas finden werde. Und zum ersten Mal habe ich das Gefühl mir wirklich ein absolut unvoreingenommenes und reflektiertes Bild über ein Stück gemacht zu haben.

Julia Beller

 


 

In 80 Tagen um die Welt – In 80 Minuten aus dem Zelt!

Als ich das Thaliazelt betrat und die tolle Kulisse mit der fast durchsichtigen Leinwand sah, durch die man ein wenig das Bühnenbild mit der Musikband links erkennen konnte, freute ich mich. Ich war total gespannt darauf, endlich mal ein Theaterstück über diesen großartigen und spannenden Roman zu sehen! Aber leider versackte diese Freude schon nach den ersten paar Minuten… was war das denn für ein Fauxpas!?! Selten habe ich mich so sehr über eine Inszenierung geärgert, wie heute – ich freute mich noch mehr, als nach 80 Minuten endlich die Pause kam. Es gibt kaum etwas an diesem Stück, was nicht zu bemängeln ist: Von der Story über die Lieder bis hin zu den Darstellern – die gesamte Inszenierung war sehr, sehr flach.

Schade, dass das Theaterstück die ursprüngliche wunderbare Geschichte kaum bedient hat. Am Anfang wurde die Wette, in 80 Tagen um die Welt zu reisen, aus einem unverständlichen Gespräch hinaus abgemacht. Die Hauptfiguren, Phileas Fogg und Jean Passepartout, waren irgendwelche Menschen, dessen Identitäten und Verhältnis zueinander nicht einmal klar wurden, und die für das Stück geschriebenen Lieder waren aus welchem Grund auch immer auf Englisch. Vor allem aber frage ich mich: Warum wurde die originale Reiseroute so sehr verändert? Die in dieser Inszenierung – zumindest in der ersten Hälfte – wahllos angereisten Städte standen in keinem Zusammenhang miteinander und es kam mir vor, als seien jene Städte ausgewählt worden, die sich am besten für Klischees eigneten. Mir fallen so viele andere spannende Dinge ein, mit denen man die Länder hätte darstellen können. Zumindest etwas interessanteres und eher kindgerechtes als Paris mit „Moulin Rouge“ und Ägypten mit „witzig“ arabisch sprechenden Arabern und Wasserpfeife! Was mich aber am meisten ärgerte: Wieso wurde die Rolle der Frau so unfassbar erniedrigend dargestellt? Da im Roman keine starke Frauenfigur vorkommt, wurde in dieser Inszenierung eine „moderne“ KI (Künstliche Intelligenz) erfunden, eine Dame in Gold mit knallroten Lippen, Netzstrumpfhosen und kurzen, engen Lackkleidchen. Sie war wahnsinnig in Phileas verliebt, obwohl er sie nie wiedererkannte und ständig schlecht behandelte. Das Stück haute einen flachen Witz nach dem anderen raus, beinhaltete Vorurteile bis zum Abwinken und thematisierte auf diese niveaulose und schlechte Art politische und gesellschaftlichen Problematiken, die teilweise nicht einmal verständlich gemacht wurden (bspw. Geflüchtete/ Asyl in Deutschland, Konflikt zwischen Sunniten und Schiiten usw.). „In 80 Tagen um die Welt“ wurde als „Unterhaltungsabend für die ganze Familie“ gepriesen und gerade deshalb sollte es doch die Gelegenheit nutzen, solche Dinge auf einem angemessenen Niveau für Erwachsene aber vor allem für Kindern zu erklären…

Mir schien, als wäre kein Schritt in diesem Stück richtig zu Ende gedacht gewesen und als wäre der Sinn und Hintergrund des Romans von Jules Vernes nicht wirklich bei den Machern angekommen. Für mich war diese Inszenierung wie ein schlechtgemachtes Musical, das ich versucht habe, die ersten 80 Minuten zu durchdringen. Dann reichte es mir.

Nicola, Studentin an der Uni Hamburg, 25 Jahre alt.

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