Stimmen aus der Universität – Hamburger Hafen Kongress – Diskurs 4

Seminar: HafenSzenen unter der Leitung von Prof. Dr. Ortrud Gutjahr

Stadt und/oder Hafen

Ich kann es mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass es ein ewiges Wachstum geben kann, was den Hamburger Hafen betrifft und seine Schifffahrt. Ich habe aber in irgendeinem Film, den ich vor zwei oder drei Jahren sah, einen belehrenden Spruch gehört, dass die Wirklichkeit die tollkühnsten Phantasien noch übertreffen würde.

Der Referent Herr Prof. Dr. Grabe klärt mich als vierter und letzter Referent dieses Abends darüber auf, dass die MOL vor wenigen Tagen in Hamburg zu Gast war. Dieser Mega-Frachter mit fast 400 Meter Länge fasst ein kaum vorstellbares Volumen von 20.000 Containern, in der Fachsprache spricht man von 20.000 TEU. Ich kann es kaum fassen, wenn ich mir die Anzahl vor Augen führen, dass hier noch Menschen am Werk sind. Und tatsächlich ist der Faktor Mensch in den vergangenen Jahren nach und nach aus den einzelnen Arbeitsabläufen im und um den Hafen erheblich geschrumpft.

Ich denke darüber nach, wer für den Inhalt der 20.000 Container zuständig ist, für wen ist der Inhalt bestimmt, wer verschifft wohin weiter, wer verlädt, was bleibt im Hamburger Hafen? Mir drängt sich die Frage auf, ob es so etwas wie ein gesundes Wachstum geben kann. Gerade der Hamburger Hafen muss sich im internationalen Wettbewerb in naher Zukunft fragen, wie weit man dem globalen Wettrüsten in der Schifffahrt folgen möchte. Fakt ist, dass die Kapazität als Stadthafen erreicht ist, was die Größe der Schiffe betrifft. Die Köhlbrandbrücke ist für Kapitäne heute schon zu einem Nadelöhr geworden, um die Container sicher in den Hafen zu manövrieren.

Die Aussage zu Anfang des Vortrags von Herrn Prof. Dr. Grabe bringt es auf den Punkt: Wachstum ohne Grenzen, dieser Trend ist ohne Zweifel zu erkennen. Es gibt von ihm aber schon einen Hinweis auf sein Fazit, in dem nach gut 15 Minuten dieselben Worte, in der selben Reihenfolge auftauchen, bloß dass ich jetzt ein Fragezeichen hinter dem Wort Grenzen sehe. So bekommt ein und derselbe Wortlaut eine ganz andere Bedeutung und sollte nach dem Vortrag jeden im Publikum dazu ermuntert haben, mehr über gewisse Wachstumsprozesse nachzudenken.

Die Zukunft des Hafens hängt für mich maßgeblich davon ab, inwieweit die Stadtentwicklung mit der Hafenentwicklung kooperativ geplant und umgesetzt wird, denn ich möchte mich am Ende des Tages nicht zwischen den Fragen entscheiden müssen: A.) Braucht die Stadt den Hafen? oder B.) Braucht der Hafen die Stadt?

Hassan Elayan


Seminar: Transitorische Räume im Gegenwartsdrama und -theater unter der Leitung von Felix Lempp, M.A.

Ist der Hafen ein unterschätzter Bestandteil unseres kulturellen Umfeldes?

„Hafenkongress – Was hat das mit Theater zu tun?“

Mit Sicherheit war ich nicht die einzige unter den Studierenden, die sich im Vorfelde diese Frage gestellt hat. Ich muss zugeben, dass ich keine Luftsprünge gemacht habe, als ich erfahren habe, dass unsere Anwesenheit beim Hafenkongress unumgehbarer Bestandteil unseres Besuches des Festivals „Theater der Welt“ sein wird. Schließlich bin ich theaterinteressiert, aber über den Hafen habe ich mir bisher nicht den Kopf zerbrochen. Dennoch bemühte ich mich, diese Veranstaltung unvoreingenommen zu besuchen und mich der Thematik zu öffnen.

Vorgesehen war, dass vier Referenten den Hafen unter ganz unterschiedlichen Gesichtspunkten beleuchten. Der Vortrag von Prof. Dr. Martina Seifert zu antiken Hafenstädten musste allerdings entfallen. Das fand ich sehr schade, weil mir das Thema allein aufgrund des Titels doch recht interessant zu sein schien. So blieben noch Vorträge zur räumlichen und funktionalen Entkopplung von Stadt und Hafen von Prof. em. Dr. Dirk Schubert, zu den Docklands in Dublin von Dr. Astrid Wonneberger und zu Seehäfen für Containerschiffe zukünftiger Generationen von Prof. Dr. Jürgen Grabe. Wie schon Prof. Dr. Ortrud Gutjahr bemerkte, ergänzten sich diese drei Beiträge ideal.

Der Hafen als kultureller Mythos

Dennoch hätte ich mir ehrlich gesagt aus freien Stücken wahrscheinlich keine Lesung zu Häfen und ihrer Entwicklung angehört. Aber manchmal muss man zu seinem „Glück“ gezwungen werden und etwas Neues ausprobieren, um seinen Horizont zu erweitern.
Überraschenderweise wurde ich gleich zu Beginn hellhörig, als es in Prof. Dr. Schuberts Vortrag unter anderem um den Hafen als „Mythos“ ging. Mit Häfen wird im Allgemeinen Fremde assoziiert; der Hafen ist ein Knotenpunkt verschiedener Nationen, Kulturen und Sprachen. Hier werden seit Anbeginn Güter aller Art getauscht und gehandelt. Der Hafen kann aber nicht nur ein geheimnisvoller, sondern auch ein überaus lebendiger Ort sein. Der Vortrag über die Docklands in Dublin verdeutlichte diesen Aspekt. Eine Vielzahl von Existenzen hingen und hängen immer noch von der Beschäftigung im Hafen ab. Angetrieben durch die Hoffnung auf Arbeit zog es viele junge Männer und ihre Familien an die Docks. So entwickelten sich mit der Zeit ganze Gemeinden mit enger Sozialstruktur und einer ganz spezifischen Identität. Ich ertappte mich während der Lesung dabei, wie ich mit den Gedanken abschweifte und mir vorstellte, wie viele Geschichten und Dramen sich an diesem aufregenden Ort wohl abgespielt hatten. Kein Wunder, dass der Hafen zur Inspirationsquelle und zum „mythischen“ Motiv in Musik, Film, Literatur und Theater wurde. Und da wurde mir bewusst, wie bedeutsam der Hafen für die Entwicklung einer Kulturstadt wie Hamburg ist. Ohne den Hafen wäre Hamburg mit seinem kulturellen Angebot und dem ganz besonderen maritimen Flair nicht das, was es jetzt ist. Manchmal müssen einem für die so offensichtlichen Dinge erst die Augen geöffnet werden.

Insofern war ich letztendlich positiv überrascht. Ich denke, dass der Hafenkongress eine hervorragende Möglichkeit bietet, um uns für die Bedeutsamkeit des Hafens für unsere kulturelle Umgebung zu sensibilisieren und somit neue Perspektiven zu eröffnen.

 Sara Sobhe



 

„Gentrifizierung Light“ in den dubliner Docklands – Hafenkongress Sektion 4

 Der Hafen als mythischer Treffpunkt vergangener Tage. Bilder stellen sich ein von einem regen Treiben, lauten Rufen in Sprachen aller Herren Länder, klangvollem Schiffshupen, Hafenarbeitern mit braun gegerbter Haut. Romantische Bilder, die sicherlich nur bedingt etwas mit der harten Realität des damaligen Arbeiterlebens am und im Hafen zu tun haben. Ein Leben geprägt von Armut und enormer körperlicher Verausgabung. Und doch: Irgendetwas an diesen romantisierten Bildern – so glaube ich – ist wahr. Der Hafen vergangener Tage: vibrierend, lebendig, mit einem ganz individuellen Pulsschlag.

Die technische Modernisierung und vielerorts die Auslagerung der Häfen an die Stadtränder hat dem modernen Seehafen diese Lebendigkeit genommen. Die Entwicklung der Häfen folgt nun neuen Paradigmen: globaler, logistischer Nutzen und eine absolut optimierte Wirtschaftlichkeit.

Der Hafen als Transitraum, der – egal wo auf der Welt – vollkommen austauschbar ist? Ohne Frage existiert diese Entwicklung hin zu wirtschaftlich ausgerichteten Hafenbetrieben, die nach und nach aus den Stadtbildern verschwinden und nicht mehr Teil des Gesichts der jeweiligen Stadt sind. Allerdings gibt es auch andere Entwicklungen. Entwicklungen, die den Paradigmen der städtischen Interessen folgen. Da geht es um Fragen von Wohn- und Arbeitsraum, um den lokalen Nutzen der Häfen und um eine allgemeine Revitalisierung der städtischen Uferzonen und des Hafengebiets.

Ein Beispiel für eine solche Revitalisierung in Form von Restrukturierung und -generierung liefert Dublin. Die Dubliner Docklands dienten von jeher als Wohnraum für die Arbeiterklasse der Stadt – insbesondere natürlich für die Hafenarbeiter selbst.

Im Zuge der Modernisierung kam es in den 80iger-Jahren zu einer massenhaften Arbeitslosigkeit der Hafenarbeiter und einer extremen Verarmung dieser ohnehin schon armen Stadtviertel.

Nach einem ersten gescheiterten Versuch der Aufwertung des Hafengebiets durch den Bau eines internationalen Finanzzentrums Ende der 80iger-Jahre wurde 1997 ein zweiter Versuch unternommen. Durch das Nicht-Einbinden der Bewohner der Docklands in den ersten Umstrukturierungsprozess kam es zu einer konsequenten Separierung der Bezirke der alteingesessenen Arbeiterbevölkerung und den „aufgewerteten“ Bezirken. Auf Grund von wachsender Kriminalität wurden Gated Areas errichtet, die Zivilbevölkerung lebte entweder abgeschottet in ihren gentrifizierten Wohlstand-Ghettos oder aber, auf der anderen Seite der „Mauern“, nach wie vor in großer Armut.

In den späten 90iger- und frühen 2000er-Jahren wollte man einer solchen Separierung unbedingt Einhalt gebieten, Ziel der zweiten Restrukturierung sollte die Aufwertung des gesamten bewohnten Hafengebiets sein. Durch konsequenten Einbezug der Bevölkerung in Entscheidungsprozesse, soziale Bildungsangebote, Arbeitslosenprogramme, die Ausstattung von Gemeindezentren etc. schien die Regenerierung der Hafenviertel diesmal tatsächlich sozial und anwohnerfreundlich zu verlaufen. 20 % der neu errichteten Wohnungen sind Sozialwohnungen, die bevorzugt an dortige Docklander vergeben wurden.

Trotz einiger kritischer Stimmen aus der Anwohnerschaft scheint das Dubliner Konzept der Restrukturierung und Regenerierung tatsächlich communityfreundlich, nachhaltig und sozial zu sein. Eine Art „Gentrifizierung light“.

Judith Achner

 


 

 Hamburg – was wenn nicht Hafenstadt…? Die Magie entzaubert?

Prof. em. Dr. Dirk Schubert fragt: Was hat die Stadt als solche überhaupt noch mit dem Hafen zu tun? Und: Braucht der Hafen die Stadt eigentlich noch?

Schon immer brachten Hafenstädte einen gewissen Zauber mit sich, eine gewisse Magie, die durch die belebten Wasserkanten unmittelbar Einfluss auf den Ort ausübten. Geschichten von Handel und Schwarzhandel, spannenden Reisenden mit abenteuerlichen Erlebnissen im Gepäck, Arbeitern mit Seemannsliedern auf den Lippen, fremden Sprachen, exotischen Gütern und noch viel mehr führen bis heute zu einer Romantisierung der Häfen dieser Welt. Doch es glitzerte nicht überall die Sonne auf den Wellen, in denen die Holzschiffe schaukelten, während lachende Kinder spielend durch die Szenerie rennen und hübsche Damen spazieren gehen, während muskulöse Männer Fracht verladen. Die Realität sah oft ganz anders aus.

In vielen Häfen dieser Welt war der Zugang für Zivilisten verboten. Auch in Hamburg war der Hafen Sperrgebiet, das nur für die Arbeiter und Befugte begehbar war. Die Städter konnten praktisch gar nicht ans Wasser ran. Vor dem Bau der HafenCity gab es keine schicken Promenaden zum Flanieren oder Cafés am Wasserrand, wo man die Seeluft genießen konnte. Und obwohl in Hamburg die HafenCity vom Hafen an die Stadt freigegeben wurde, ist es für den ‚normalen Menschen‘ nach wie vor verboten, den eigentlichen Hafen zu betreten.

Dabei ist Hamburg eine der wenigen Städte, in denen der Hafen tatsächlich noch unmittelbar in der Metropole liegt. Zwischen anderen Hafenstädten, wie zum Beispiel London, und ihren Containerterminals liegen heutzutage mehrere, manchmal sogar hunderte Kilometer. Daher die These Schuberts, dass der Hafen und seine Stadt sich langsam aber sicher entflechten und, nicht nur örtlich, voneinander weg driften. Gerade in Hamburg stellt sich die Frage, wie lange der Schiffsverkehr noch so weit über die Elbe ins Inland wird gelangen können. Daran ist laut Prof. Dr. Jürgen Grabe vor allem das Wachstum der Containerschiffe Schuld, die bald locker viermal so lang sind, wie der Michel hoch ist. Es war schon die Möglichkeit im Gespräch, den Hamburger Hafen an die Elbmündung zu verlegen, um die An- und Abfahrt der riesen Pötte zu vereinfachen. Doch was wären wir noch, wenn der Hafen uns nicht mehr braucht und wegzieht?

Eins ist klar: Die klassische, romantisierte und mystifizierte, magische Vorstellung des Hafens und vor allem der Hafenstädte gibt es so in der Realität nicht mehr. Der Hafen und die Stadt entfernen sich immer weiter voneinander, auch wenn sie sich nach wie vor gegenseitig positiv unterstützen. Die Frage, die Schubert stellt, ist hier jedoch: Wie lange noch? Und wenn Hamburg keine Hafenstadt mehr ist, was ist sie dann?

Annedore Schacht

 


 

Zu den beliebtesten Streitpunkten in Hamburg gehört die Zukunft des Hamburger Hafens. Wären die Hamburger Engländer, gäbe es Wetten zuhauf, wie das Thema wohl ausgehen würde, und der Spaßfaktor wäre deutlich höher. Die Auseinandersetzungen darüber werden zuweilen mit geradezu religiöser Inbrunst geführt und die Lage wird zunehmend unübersichtlicher, weil keiner so richtig weiß, was jetzt in den Bereich der Fakten fällt und was in den Bereich interessengelenkter Manipulationen derselben.

Wie angenehm ist es dann doch, wenn ein paar Fachleute zu Wort kommen und die Hoffnung besteht, ein wenig Licht in das Dickicht zu bringen.

Diese Möglichkeit ergab sich mithilfe der Vorträge am 30.05. Mit den Vortragenden aus Wohnen und Stadteilentwicklung, Ethnologie und Geotechnik trafen Experten zusammen, um das Thema „Stadt und Hafen“ zu beleuchten und damit die Möglichkeit, das nahezu Undenkbare auszusprechen, zu nutzen:

Braucht Hamburg eine weitere Fahrrinnenvertiefung, eine Hafenerweiterung und Modernisierung, kurz – braucht Hamburg weiteres Hafen-Wachstum? Dass Wachstum nicht unendlich sein kann, ist im Grunde ein alter Hut, nur hat sich das bei den Regierenden der Stadt Hamburg noch nicht ganz herumgesprochen. Die Anwesenden waren zumindest der Ansicht, ein weiteres Wachstum mit der Möglichkeit, noch größere Pötte nach Hamburg zu locken, wäre auf Dauer keine Alternative. Die bessere Ausnutzung der bestehenden Kapazitäten schon. Dabei war der Einwand, die Elbvertiefung sei eigentlich nicht das Problem, weil nicht überall nötig, schon recht hilfreich, weil dieses Argument immer ein Knackpunkt bei den Diskussionen war. Ebenso hilfreich war die Feststellung, dass der „Mythos Hafen“, also Fernweh, Romantik, ferne Länder eher an die moderne Schifffahrt geknüpft ist und weniger „an die gute, alte Zeit“, die durch harte, lebensgefährliche Arbeit gekennzeichnet war.

Es kam dann – wenig überraschend – die Frage auf, was die Alternative zum Hafen sein könnte. Die Antwort fiel erwartungsgemäß etwas spärlich aus. Wie kann sich eine Stadt positionieren, die sich so stark auf ihren Stadthafen fixiert? Deswegen stelle ich hier ein paar provokante Thesen zum Wesen der Stadt Hamburg vor:

Hamburg hat Seeschiffe und Seeleute, ist aber keine Seefahrerstadt!

Hamburg hat eine Uni, ist aber keine Universitätsstadt!

Hamburg hat eine Elbphilharmonie, ist aber keine Kulturstadt!

Hamburg hat einen Hafen, ist aber keine Hafenstadt!

Hamburg hat Medien, ist aber keine Medienstadt!

Hamburg ist, was es immer war: Eine Stadt der Kaufleute!

Möglicherweise kann man damit arbeiten und sei es nur, um sich klar zu machen, wie die Hamburger Politik so tickt. Alle Punkte dieser Liste würde Hamburg gerne positiv auf dem Konto der Standortvorteile verbuchen. Nur dafür braucht es jeweils ein passendes Lebensgefühl und das will gewollt und gefördert werden. Und bisher gibt es nur das übermächtige Hafenlebensgefühl in einem übermächtigen Hafen. Das will naturgemäß kein Hamburger missen. Aber wie in der Diskussion angerissen wurde, wird Hamburg sich bewegen müssen. Vergleiche mit anderen Städten wie Dublin und deren Plänen zur Stadtentwicklung und Hafennutzung waren interessant und anregend. Aber in Hamburg, auch das wurde deutlich, ist der Hafen im Gegensatz zu anderen Hafenstädten im Zentrum der Stadt lokalisiert, die Stadt ist ein Stadtstaat und unterliegt damit einer anders gelagerten, möglicherweise spannungsreicheren Ausgangssituation. Es bleibt spannend: Wird Hamburg auch zukünftig mehr auf das Wachstum des Hafens setzen und den Wünschen der (See-)Wirtschaft folgen oder sich ernsthaft um Alternativen bemühen? Warten wir es ab. Es werden noch Wetten angenommen.

Carsten Weide

 


 

Hamburger HafenKongress 2017 – Sektion 4

Frau Prof. Dr. Ortrud Gutjahrs Hamburger HafenKongress geht in seine vierte Runde und auch diese ist geprägt von spannenden Vorträgen und einer lebhaften Diskussion.

 Stadt, Land, Hafen

Nachdem der Ausfall von Prof. Dr. Martina Seiferts Vortrag aus familiären Gründen entschuldigt wurde, tritt Prof. em. Dr. Dirk Schubert ans Rednerpult, um sein Wissen über das Zusammenspiel von Städten und Häfen mit dem auch heute zahlreich erschienenen Publikum zu teilen. Die Stadt brauche den Hafen, nicht aber umgekehrt, lautet Schuberts umstrittene These. In seinem Vortrag beschreibt Schubert den Hafen als Ort des sozialen und ökonomischen Geschehens. Trotz der Angleichung internationaler Häfen im Zuge der sogenannten Containerisierung sei jeder Seehafen einzigartig. Besonders in Hamburg, wo der Hafen im Gegensatz zu anderen Metropolen in die Stadt eingebettet ist, trägt dieses zu einem spürbar maritimen Flair bei. Besonders diese Aussage stößt beim Hamburger Publikum auf Resonanz.

Fremde Ufer

Im nächsten Vortrag entführt uns die Ethnologin PD Dr. Astrid Wonneberger auf eine Reise in die Dubliner Docklands. Wonneberger verbrachte rund 20 Monate in den Docklands, ein Wohn- und nun auch Handelsgebiet am Dubliner Hafen, das in den letzten 25 Jahren eine extensive Regenerierung durchlaufen hat. Mitte des letzten Jahrhunderts war dieses Gebiet noch eng mit der Hafenarbeit verknüpft, da es Wohnort vieler Arbeiter war. Dies änderte sich allerdings schlagartig mit der Containerisierung, die besonders manuelle Arbeit überflüssig machte. Was folgte waren ein rasanter Anstieg der Arbeitslosenquote und demnach auch der Verarmung sowie eine erhöhte Kriminalitätsrate. Um dem entgegenzuwirken, begann die Stadt in den 90er-Jahren mit der ersten Regenerierungsphase. Nach anfänglichen Schwierigkeiten entwickelte sich das Gebiet in enger Kooperation zwischen Stadt und Bewohnern zu einer wohlhabende Region.

Groß, größer, Containerschiffe

Der letzte Vortrag dieser vierten Sektion beschäftigt sich mit der Frage des Wachstums. Durch die rasant ansteigenden Dimensionen internationaler Containerschiffe sind Häfen gezwungen, passende Beschaffenheit zu kreieren, um eine sichere Durchfahrt zu gewährleisten. Dabei stellt sich die Frage, ob ein Ende des Wachstums in Sicht ist und ob Quantität wirklich wichtiger als Qualität ist. Das Megacontainerschiff MOL TRIUMPH, welches vor kurzem im Hamburger Hafen verweilte, würde aufgestellt mit einer Länge von 400 Metern den Pariser Eifelturm überragen. Wie also umgehen mit diesen Giganten der See? Mit viel Elan und sichtbarer Leidenschaft geht Prof. Dr. Jürgen Grabe diesem Dilemma nach und zieht das Publikum damit in seinen Bann.

Auch heute konnten die Vorträge des HafenKongresses einige Horizonte erweitern und die Grundlage für eine hitzige Debatte liefern! Wir bleiben gespannt, was die letzten zwei Sektionen zu bieten haben!

Christelle Gebhardt

 


 

What the harbour needs now is people

Wer am 30.05.2017 bei Sektion 4 des Hafenkongresses war, wird sich vermutlich am deutlichsten an die einprägsame These von Prof. Dirk Schubert erinnern: Die Stadt braucht den Hafen, aber der moderne Hafen benötigt keine Stadt mehr. So skizziert Schubert jedenfalls die Zukunft des Hafens und der Hafenstädte – mit Verweis auf diejenigen Städte, welche den Hafen bereits aus der Stadt herausgeholt haben. Nun ist eine Behauptung, die zusätzlich so formuliert ist, dass sie keine Zweifel zulässt, entsprechend angreifbar, was auch in der abschließenden Diskussion prompt passierte. Da hieß es, ein beträchtlicher Teil (30%) der Waren, die am Hamburger Hafen eintreffen, seien für Hamburg selber. Ob das stimmt, kann ich nicht sagen, weil ich kein Experte auf dem Gebiet bin und mir das auch nicht anmaßen möchte.

Daher möchte ich nur gedanklich durchspielen, was mir als Laie an Konsequenzen einfällt, sollte der Hamburger Hafen mit einem Mal nicht mehr in Hamburg liegen, sondern weiter außerhalb.

Wo bleibt der Mensch?

Mir fallen zunächst die Menschen ein, die im Hafen arbeiten, welche der Hafen braucht, wie sogar ich es mir denken kann: Wie kommen die denn morgens zur Arbeit? Meist gibt es ja zu den Stoßzeiten in die Stadt hinein bessere öffentliche Verbindungen als aus der Stadt heraus und es hat sicherlich nicht jeder der Angestellten des Hafens ein Auto zur Verfügung. Und selbst wenn, werden dann die Benzinkosten erstattet?

Ganz abgesehen von der Anfahrtszeit: Ich nehme an, der Großteil der Angestellten am Hamburger Hafen kommt auch tatsächlich aus Hamburg. Deren Anfahrt würde doch nur länger dauern und ob die das auf Dauer mitmachen; sie wären vielleicht auch gerne mit der Familie oder Freunden zusammen, anstatt ihre Zeit in der Bahn oder im Auto zu verbringen. Sollten sie sich andere Arbeitsstellen suchen, bringt das dem Hafen doch eigentlich gar nichts, im Gegenteil, er verliert an Arbeitskraft.

Jetzt kann man natürlich dagegen argumentieren, Hamburg sei ja sowieso überfüllt, die Wohnungssuche extrem schwer und teuer und es wäre dementsprechend doch angenehm für die Angestellten des Hafens, in suburbanen oder ländlichen Gegenden zu wohnen. Ich kann mir allerdings nicht vorstellen, dass der Hafen sich so sehr von anderen Unternehmen unterscheidet. Die wollen doch bestimmt auch junge, dynamische, kreative Mitarbeiter; also Leute, die eigentlich lieber in der Innenstadt wohnen, den Trubel genießen und Leben um sich haben (an dieser Stelle maße ich es mir gerne an, darüber Bescheid zu wissen, da ich ursprünglich aus einer Kleinstadt komme). Solche Menschen tun es sich aus all den bereits genannten Gründen nur ungerne an, außerhalb der Stadt zu arbeiten.

Hinzu kommt: Junge Leute fangen auch irgendwann mit der Familienplanung an, und dann? Die Kinder müssen irgendwann in den Kindergarten, in die Schule, zu Nachmittagsaktivitäten etc., wovon es – und da kann man sich suburbane und ländliche Gegenden so schönreden, wie man will, in der Stadt doch wesentlich mehr Auswahl gibt. Ganz zu schweigen davon, dass besagte Kinder ab einem gewissen Alter keine Lust darauf haben, außerhalb der (Groß-)Stadt zu leben (das darf man mir auch gerne wieder glauben, ich war ein solches Kind und kenne viele weitere). Da werden sich die Eltern auch denken: „Läge mein Arbeitsplatz im Hafen doch bloß innerhalb der Stadt, dann hätte ich in der Familie doch einiges weniger an Spannung.“ Warum sollte man es den Menschen so schwer machen?

„Der moderne Hafen benötigt keine Stadt“… Aber er benötigt Menschen – jedenfalls solange wir noch nicht komplett von Maschinen ersetzt werden – und diese Menschen brauchen nach meinem Verständnis die Stadt. Man sieht es ja auch an Bremerhaven: ursprünglich ein von Bremen zur Auslagerung des Hafens gekauftes Gebiet, heute eine Stadt mit Infrastruktur, zwar keine große, aber eine Stadt. Ein Zufall wird das wohl nicht sein. Letztendlich ist mir die These von Prof. Schubert zu gewagt, weil sie keine sozialen Faktoren mit einzubeziehen scheint. Aber immerhin bot sie einiges an Gesprächsstoff in der Diskussion des Hafenkongresses.

Brit Schwerin (21), Studentin der Uni Hamburg (Germanistik)

 


 

DEUTSCHLAND (HH) vs. IRLAND (DUBLIN)-Ein Vergleich von Hafenvierteln

Der Rahmen

Im Rahmen des aufregenden und wunderbaren Festivals „Theater der Welt“ findet direkt in der Hamburger HafenCity ein Kongress mit informativen und Diskussionsstoff liefernden Vorträgen von erfahrenen Professoren aus den Bereichen Ethnologie, Geotechnik und Stadtteilentwicklung statt. Am frühen Abend, unmittelbar vor der Theateraufführung „The Gabriels – Election year in the life of one family“, stellen die Wissenschaftler aus diesen unterschiedlichen Disziplinen, moderiert von Frau Prof. Gutjahr, ihre Forschungen zu verschieden Hafenthematiken kurzgefasst vor. Referiert wird über Stadtentwicklung, die HafenCity und die Technik von Containerschiffen und Kränen.

Die Kälte der HafenCity

Ein Gefühl von Leere, Einsamkeit und Sterilität mach sich breit, wenn man durch das neu entstandene Wohngebiet Hamburgs, die HafenCity läuft. Wo sind Menschen wie ich? Wo ist hier das Leben? Was ist von dem alten Hafengebiet geblieben? Diese persönlichen Eindrücke werden auf dem Kongress bestärkt.

Schnell wird klar: Der 2008 gegründete, 2.4 km² kleine Stadtteil, ist verlassen. Verlassen von Menschen wie DIR und MIR. Hauptsächlich bevölkert von den überdurchschnittlich verdienenden, oberen Schichten Hamburgs oder Investoren und Mietern aus aller Welt, die es sich leisten können. Festzuhalten ist: Es ist nicht mehr möglich für die breite Bevölkerung oder UNSERE Gemeinde, dort zu leben. Des Weiteren lassen sich dort kein belebter Spielplatz, trinkende Besucher in einem Pub oder „tratschende Weiber“ auf der Straße finden. Also besteht auch kein Grund, seine Freizeit dort zu verbringen. Man lebt wohl lieber für sich…

Das Leben in den Docklands (Dublin)

Hier kommt leben ins Spiel. PD Dr. Astrid Wonneberger (Institut für Ethnologie, Universität Hamburg und Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg) referiert lebhaft über eine ganz andere Art der Hafenviertelregenerierung, nämlich in Dublin, Irland. Die sogenannten „Docklands“ sind traditionell ein benachteiligtes Gebiet. Armut, Kriminalität und zu „Bestzeiten“ eine Arbeitslosenquote von 40% kennzeichnen diesen Lebensraum. Bei der Neugestaltung des Viertels waren ähnliche Pläne wie bei der HafenCity angesetzt, doch Dublins Skyline ist und bleibt „überschaubar“. In den Docklands befinden sich Leben, zahlreiche Pubs, Menschen auf der Straße und große Gemeinden.

„Aber warum diese Unterschiede?“

Es kommt einem vor wie Realität und Fiktion. Die Docklands und die HafenCity.

Das Hafengebiet in Dublin war schon lange vor seiner Neugestaltung bewohnt. Anders als in Hamburg hat man dort die Gemeinden in eine Regenerierung mit einbeziehen müssen. Kulturelle Unterschiede und Aktivisten sorgten für eine starke Gemeinde, die sich für Grün, Leben und bezahlbare Wohnungen einsetzte. Bei Hamburgs neuem Hafenviertel musste niemand mit einbezogen werden, keiner lebte vorher dort. So ist nun eine kunstvolle Welt entstanden, die sich sicher viele Leute als Touristenattraktion anschauen und bestaunen werden, aber ein Leben mit all seinen Facetten ist dort nur sehr beschränkt möglich.

Diane Hagemann

 


 

Von Containerschiffen, Dublin und keinen antiken Städten

Am 30. Mai ist es soweit, der Hafenkongress geht in die 4. Runde. Bereits drei Mal tagte dieser Kongress nun in wechselnden Locations, um mit spannenden Vorträgen zu verschiedensten Themen zu begeistern. Nur eines haben sie alle gemeinsam: den Hafen. Und auch an diesem Dienstag wird es wieder interessant. Auf der Probebühne des Kampnagel lädt Frau Prof. Dr. Gutjahr ein, um Hafengeschichten zu lauschen.

Beginnen tut es mit einer traurigen Nachricht: Prof. Dr. Martina Seifert kann auf familiären Gründen leider nicht erscheinen, ihr Vortrag über die antiken Hafenstädte und Hamburger Forschungen im Mittelmeerraum muss deswegen leider ausfallen. Doch es bleibt nicht viel Zeit traurig zu sein – denn schon ist Prof. em. Dr. Dirk Schubert zur Stelle, um das Publikum über räumliche und funktionale Entkopplungen zu informieren.

Gefolgt wird dieser Vortrag von PD Dr. Astrid Wonneberger, die sich auf einen ganz anderen Hafen konzentriert: Dublin. Dieser wurde vor Jahren nach außen verlagert und das ehemalige Hafengebiet zur Wohnfläche umfunktioniert. Schon damals wohnten dort die Hafenarbeiter und das Viertel war so gefährlich, dass sich nicht einmal die Polizei hinein traute. Doch nach vielen Umwegen und Maßnahmen sowie Versuchen, die alten Bewohner zu integrieren, ist schließlich ein vorbildliches, allerdings noch immer nicht vollendetes Wohnquartier entstanden.

Als letztes betritt Prof. Dr. Jürgen Grabe die Manege und begeistert mit seinen Erzählungen darüber, wie massiv groß diese Containerschiffe, die jeden Tag, das ganze Jahr, auf unserer Elbe auf und ab fahren, eigentlich werden können. Erst neulich lief einer dieser Riesen in Hamburg ein. Er klärt auch auf, dass es gar nicht so sehr um die Tiefe der Fahrrinne in der Elbe geht, sondern vielmehr um ihre Breite. Auch darüber wie Kaimauern gebaut werden, über die Hafenkräne und alles, was mit der Hafentechnik zu tun hat, wird man aufgeklärt.

Alles in allem war es wieder ein sehr spannender Abend und auch der Nächste ist somit freudig zu erwarten.

Marvin Müller

 


 

Heute findet der Hafenkongress, moderiert und ins Leben gerufen von Prof. Dr. Ortrud Gutjahr von der Universität Hamburg, im Raum K1 auf Kampnagel statt. Normalerweise sprechen vier Experten zum Publikum, heute sind es nur drei, denn ein Gast ließ sich entschuldigen. So bleibt den Einzelnen mehr Zeit für ihre Anliegen. Vermutlich hätte der Kongress zu viert Überlänge gehabt, wenn man bedenkt, dass Frau Gutjahr am Ende der Vorträge immer noch zu einer kleinen Diskussionsrunde, in die auch das Publikum involviert wird, überleitet.

Das erste große Thema heute wird von Dirk Schubert (HafenCity Universität) vorgestellt: Es geht um die Entflechtung von Stadt und Hafen. Er wirft die These in den Raum, die Stadt Hamburg brauche den Hafen, der Hafen sie aber nicht mehr. Herr Schubert zieht hier einen Vergleich zu anderen Hafenmetropolen wie London oder Chicago, die den Hafen bereits ins Umland ausgelagert haben. Das sei eine inzwischen vielerorts beobachtbare Entwicklung und hätte seine Vor- und Nachteile. Die meisten Hamburger wären damit wohl aber ganz bestimmt nicht glücklich, denn am Hamburger Hafen haftet sein Mythos, er stiftet Identität.

Es geht weiter mit Astrid Wonneberger, die längere Zeit in Dublin zu den dortigen Docklands geforscht hat. Die Docklands sind ehemaliges Hafengelände, aber erfüllen heute keine derartige Funktion mehr. Sie waren lange Dublins Problembezirk Nummer eins. Herr Schubert hatte uns zuvor bereits erzählt, dass sich Häfen vom Ort harter körperlicher Arbeit Vieler (!) zu Orten automatisierter Prozesse entwickelt haben. Das traf in den Achtzigerjahren auch die Bewohner der Docklands, die sich als Folge des schrumpfenden Personalbedarfs mit hoher Arbeitslosigkeit und daraus resultierender Kriminalität herumschlagen mussten. In den Neunzigern entschied man sich dann dafür, das Viertel umzuwandeln. Dies allerdings ohne sich der Dockland-Gemeinde anzunehmen. Es wurden riesige, jedoch abgeschottete Gebäude gebaut. Die Gemeinde fühlte sich außen vor gelassen und protestierte mit dem Ergebnis, dass eine zweite Phase der (sozialen) Regenerierung eingeleitet wurde und das gesamte Gebiet ein neues Antlitz inklusive Bildungsangeboten bekam.

Wenn ich mir vorstelle, auf Hamburgs Hafengelände zu wohnen, dann würde ich das ziemlich einzigartig finden, da die Kulisse und die Lage des Hafens sehr malerisch sind. Vielleicht sieht so Hamburgs Zukunft aus, dass der Hafen zum Wohnen umstrukturiert wird.

Möglicherweise sehen wir in der Zukunft aber auch einfach nur immer riesiger werdende Containerschiffe. Laut Jürgen Grabe (TUHH Geotechnik) stehen die technischen Schwierigkeiten dem auf jeden Fall nicht grundsätzlich im Wege. Die Gesellschaft sei aber dennoch aufgefordert, dem Schiffswachstum ein Ende zu setzen. Das größte Containerschiff, das bisher im Hamburger Hafen angelegt hat, maß 400 m Länge und 59 m Breite – und das ist doch wirklich genug, oder nicht?

CL

 

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