Stimmen aus der Universität – The Gabriels

Seminar: Transitorische Räume im Gegenwartsdrama und -theater unter der Leitung von Felix Lempp, M.A.

THE GABRIELS: ELECTION YEAR IN THE LIFE OF ONE FAMILY
RICHARD NELSON– Ein Blogeintrag von Diane Hagemann

30.05 – 19:00 – Kampnagel -Hamburg

Do you feel what you hear? Does it feel authentic? Could it be real?

A play in english

Das Theaterstück The Gabriels, eine Inszenierung von Richard Nelson, geht um die Welt. Eine Familie aus der Mittelschicht sympathisiert weder mit Hillary Clintons noch Donald Trumps politischen Vorstellungen. Während der gesamten Aufführung bereiten die Gabriels in Echtzeit ein Dinner vor. Als einzig prägnantes Thema des Abends bleibt ein immer wieder hochkommender Diskurs über politische Wahloptionen im Kopf. Auch wenn dieser insgesamt nur maximal 10 Minuten einnimmt, entziehen sich alle weiteren Themen der Erinnerung.

Das ganze Stück wird auf Englisch aufgeführt. Dadurch bekommt die Diskussion über Politik in den USA einen „ehrlichen Beigeschmack“. Wer sonst könnte besser Gefühlslagen zur politischen Führung seines Landes darstellen als Amerikaner selbst? Die Unsicherheiten und Bedenken der Familie bezüglich privater, aber auch politischer Themen werden dadurch glaubhaft vermittelt.

Der Zuschauer ist mittendrin, immersiv in der gleichen Geruchs- und Lebenswelt.“

People like you and me

Im Stück dargestellt wird eine bürgerlich kultivierte Mittelschicht. Mit der Familie, wovon fünf Mitglieder im Stück präsent sind, kann sich so gut wie jeder identifizieren. Der gemeine Zuschauer sympathisiert mit ihnen innerhalb weniger Minuten. Kleidung, Probleme, Gesprächsthemen und Tätigkeiten, wie das gemeinsame Kochen, sind dafür die Ursache. Der Ärger über die eigene Mutter, die Schnittgröße des Gemüses, das Lieblingsessen oder auch das erste Treffen sind Thematiken, welche alle auch in unserem Leben Platz einnehmen. Die Gabriels mit ihren privaten Ängsten und Hoffnungen sind eine Familie aus dem „echten Leben“! Die einfache bürgerliche Gestaltung der Kücheneinrichtung, das Dinner selbst und das mittlere Alter der Darsteller tragen dazu bei.

Choice of subject

Schlussendlich lässt die Wahl des Themas den Zuschauer mehr als nur aufmerksam werden. Die Präsidentschaftswahl Amerikas geht jeden etwas an. Die Relevanz dieses Themas im Leben der Theaterbesucher ist begründet durch Globalisierung, Wirtschaft, Kriege, Klimaschutz und nicht zuletzt auch durch die Popularität der Kandidaten. Politische Entscheidungen Amerikas haben im Leben der Deutschen eine hohe Bedeutung in Gegenwart und Zukunft.

Durch dargelegte Kriterien wird der Abstand zwischen Darstellern und Publikum sowie zwischen Fiktion und Wirklichkeit sehr gering. Das ist es, was die Nähe zu diesem Theater ausmacht. Das ist es, was einen denken lässt, man würde selbst an dem Holztisch in der Küche der Gabriels sitzen und mit ihnen Abendessen zubereiten.

Diane Hagemann

 


 

Total normal

Echt jetzt? Eine Koch-Show? Der Gedanke liegt nahe, wenn eine Figur die Bühne betritt und mit der geradezu spiritistisch anmutenden Konzentration und Hingabe einer Hohepriesterin eine Küche, die das Zentrum der Bühne bildet, zum Gebrauch herrichtet. Andere Figuren tauchen auf und bringen verschiedene Gegenstände in routinierten Abläufen in die Küche, die Hohepriesterin nimmt sie in Empfang und arrangiert sie sorgfältig. Als sich die Darsteller dann um den Tisch gruppieren und sich ein Gespräch entwickelt, taucht der Gedanke auf: ach, Küchengespräche. Kaffee trinken, kochen, reden. Eine vertraute, eine sichere Umgebung. Total normal. Kennt man.

Hin und wieder verlässt eine Figur die Bühne, um Klavier zu spielen oder Dinge zu besorgen, die zum Kochen benötigt werden. Die Figuren reden miteinander, reden aneinander vorbei, umschiffen elegant oder sehr subtil etwaige Konflikte oder meiden für bestimmte Anwesende belastende Situationen und schnippeln vor sich hin. Es werden Witze gerissen, es wird gelacht, hin und wieder arbeitet sich eine spitze Bemerkung durch den Raum.

Das ist oft nahezu ermüdend normal.

Manchmal wird es für kurze Zeit dunkel und diese Dunkelheit wird von einem sanften Aushauchen begleitet. Das verwirrt etwas, bis klar wird: Es handelt sich um einen Zeitsprung. Die Szenen danach? Wie vorher, aber andere Inhalte. Der Gedanke an eine Sitcom auf Valium drängt sich auf. Keine wirklichen Höhepunkte, keine Tiefpunkte. Die Gespräche umfassen Ereignisse, die typisch für Familien sind. Es gibt keine Beschimpfungen, keine Streitereien. Man kennt sich eben. Echte Harmonie, Harmonie auf Konsensebene. Eine Person passt nicht ganz hinein. Das kommt in vielen Familien vor, nichts, was übermäßig auffällig wäre.

Es könnte ein normales Familientreffen sein, in dessen Verlauf alle Themen bis zur Gesichtsstarre abgearbeitet werden. Nur die gelegentlichen Verdunkelungen und das begleitende Hauchen, das nebenbei zu kurz ist, um mal eben hinaus zu gehen, um sich ein Eis oder ein Bier zu besorgen (der Kühlschrank auf der Bühne fällt aus naheliegenden Gründen aus), lässt trotz des immer gleichen Gesprächsstroms den zeitlichen Abstand zur Eingangsszene erkennen.

Wieder ein Hauch im Dunkeln: Themenänderung. Man spricht über Politik. Mit der Diskussion um Hillary Clinton und die Wahlen zum Präsidenten der Vereinigten Staaten kommt wieder eine Spur von Bewegung und Leben in die Gruppe. Die Mitglieder setzen zum Sprung an, bleiben aber am Boden kleben.

So ganz langsam stellt sich beim Zuschauen ein leichtes Unbehagen ein. Eine latente, sich anfangs manchmal in Gesten und Worten manifestierende Ratlosigkeit schleppt sich durch den gesamten Verlauf der Aufführung. Waren es anfangs eher die Worte, die den Ereignissen eine Gestalt gaben, werden zunehmend die Pausen für eine Einschätzung interessant, eben das, was nicht gesagt wird.

Es scheint nahezu gleichgültig zu sein, um welche Themen sich die Gespräche drehen. Über allem scheint eine von Unsicherheit, Ratlosigkeit, vielleicht auch Angst erfüllte Schwere zu liegen, die richtige Ausgelassenheit nicht zulässt.

Mit Ruth am Ende schließt die Aufführung. Nicht als Kreis, sondern in einer Spirale, mit dem Schluss seitlich versetzt neben dem Anfang aber ungewohnt weit davon entfernt. Das Leben geht weiter, aber wie es scheint, eindeutig nicht in normalen, gewohnten und nachvollziehbaren Bahnen.

Wenn es die Intention der Aufführung war, Menschen in unsicheren Verhältnis und Zeiten  abzubilden, so ist das ausgesprochen gut gelungen.

Carsten Weide

 


 

 Ein viel zu gemütlicher Abend

 „Politische Debatten und familiäres Beisammensein? Interessante Kombination!“

Das war mein erster Gedanke, als ich mir im Programmheft den Eintrag zu „The Gabriels: Play One“ durchlas. Ich freute mich auf eine spannende Inszenierung, die den Diskurs um die vergangenen Präsidentschaftswahlen in den USA auf eine Alltagssituation projiziert. Doch wie sich für mich schon nach den ersten 20 Minuten des Zusehens herausstellte, bin ich da wohl etwas zu optimistisch eingestellt gewesen.

Zu Gast bei den Gabriels
Dabei war der erste Eindruck sehr charmant. Ort des Geschehens war die Küche der Familie. Das Bühnenbild wurde mit Bedacht und viel Liebe zum Detail ausgestattet: An dem Kühlschrank hingen Fotos und Postkarten, der Boden war mit unterschiedlichen Teppichen ausgelegt und die Holzmöbel sahen so aus, als würden sie tatsächlich jeden Tag in Gebrauch sein. All diese Kleinigkeiten erzeugten gleich zu Beginn eine wohlige, warme Atmosphäre, in die ich sofort eintauchen wollte. In Kombination mit dem betörenden Geruch von Ratatouille und Pasta „in the making“ und einer ganz eigenen, natürlichen und leichten Art des Schauspiels war die Grundlage einer interessanten Inszenierung geschaffen: Die Zuschauer durften einen Abend als Gast bei einer mittelständischen amerikanischen Familie verbringen, die gemeinsam kocht und dabei dieses und jenes bespricht.

 Das Haar in der Suppe
Das Problem dabei war, dass es auf dieser Ebene geblieben ist. Im nächsten Schritt hätte ich mir gewünscht, dass gerade diese anfangs inszenierte Atmosphäre aufgebrochen wird. Und zwar durch gnadenlose politische Statements, kritisches Hinterfragen aktueller Verhältnisse und vor allem durch klugen, scharfsinnigen Humor. Doch gerade an Letzterem hat es gefehlt. Dass ein „Witz“ über den Vergleich von männlichen Geschlechtsteilen und Pasta zu der wohl am deutlichsten spürbaren Reaktion im Publikum führte, ist meiner Meinung nach… nun ja, recht bezeichnend. Die Auseinandersetzung mit den Präsidentschaftswahlen erfolgte nur sehr oberflächlich, wobei es durchaus interessante Ansätze gab. Beispielsweise hätte ich gern mehr über Hillarys Funktion als Symbol für Emanzipation gehört. Stattdessen folgten weitere vergebliche Versuche, das Geschehen mit mittelmäßigen Gags zu „würzen“. So war es nichts Ganzes und nichts Halbes… weder Fisch, noch Fleisch, um in der Metaphorik des Essens zu bleiben.
Nach nicht mal einer halben Stunde schaute ich das erste Mal auf die Uhr, was für mich der Zeitpunkt war, an dem ich im Prinzip schon ein Urteil gefällt habe. Danach wanderte mein Blick regelmäßig im Zehnminutentakt in Richtung Uhr. Mit der Zeit fühlten sich zehn Minuten wie dreißig an und mir fiel es zunehmend schwerer, aufmerksam zu bleiben und den monotonen Gesprächen zu folgen. Also schweifte mein Blick durch die Reihen der rechten und linken Tribüne, um einen Hinweis darauf zu erhaschen, ob jemand mein Leid teilt. Gelegentliches schwermütiges Aufseufzen bestätigte meinen Verdacht. Nach ein und dreiviertel Stunden atmete ich auf. Das Essen war endlich fertig und ich durfte, mittlerweile sehr hungrig, gehen.

Insgesamt gab es einige lobenswerte Ideen, deren Potential allerdings nicht ausgeschöpft wurde. Vielleicht ist es meinen Erwartungen im Vorfelde geschuldet, aber ich muss zugeben, dass ich am Ende enttäuscht war. Es kann eben auch ZU gemütlich sein. Aber auch so eine Erfahrung gehört zu einem unheimlich interessanten und facettenreichen Event wie „Theater der Welt“ dazu. Und Geschmäcker sind ja bekanntermaßen unterschiedlich – und das nicht nur im kulinarischen Bereich.

Sara Sobhe

 

 


 

The Gabriels: Hungry – The Public Theater / Richard Nelson

Bei „Hungry“, dem Auftakt des US-amerikanischen Dreiteilers „The Gabriels: Election Year in the Life of One Family“, ist der Name Programm. Wer hier drinnen sitzt, verlässt den Saal hungrig. Darüber hinaus regt das Stück allerdings keine großen Emotionen an und bleibt von Anfang bis Ende eher ein lauwarmes, vor sich hin köchelndes Süppchen.

 Beginn und Ende des Stücks sind nahezu identisch; wir sehen Mary, die frischgebackene Witwe, in der hölzern-heimeligen Küche, im Hintergrund spielt Musik, die an den Film „Sweet Home Alabama“ erinnert. Der liebevoll beklebte Kühlschrank, das warme Licht und ihr bequemes Hemd wirken einladend, Bühne und Tribüne sind so ineinander verwoben, dass die Grenze zwischen Schauspielenden und Zuschauenden zu verschwinden scheint. Auch die Dynamik der trauernden Familie, die nach und nach die Küche füllt, ist wahrlich glaubhaft dargestellt. Das klingt doch nach dem Anfang eines vielversprechendes Stücks, mag sich der ein oder andere an dieser Stelle wohl denken. Ja und nein lautet die Antwort. Wer auf der Suche nach einer Rezeptidee oder aber einem dialoglastigen Stück ohne erkennbare Handlung, geschweige denn fühlbaren Spannungsbögen ist, ist hier goldrichtig. Ist dies nicht der Fall, sollte man „Hungry“ eher fernbleiben.

Natürlich muss an dieser Stelle betont werden, dass es sich um den ersten von drei Teilen – also bildlich gesprochen die Vorspeise – handelt und durchaus noch Raum für Verbesserung gegeben bzw. der Handlungshöhepunkt wahrscheinlich noch gar nicht erreicht ist. Nichtsdestotrotz fällt auch dieser Anfang schwer. Obwohl als Politdrama beschrieben, müssen sich Zuschauende in diesem ersten Teil mit einem lauen Familiendrama begnügen. Ein kurzer und abrupter Einschub – in dem Familie Gabriel über den „Super-Tuesday“ im Rahmen des amerikanischen Vorwahlkampfs des letzten Jahres diskutiert – lässt das Politherz für einen glorreichen Moment höherschlagen, aber ehe man sich’s versieht wird man wieder in den Vortex des Alltäglichen hinein gesogen.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Vorspeise des Drei-Gänge-Menüs „The Gabriels“ sich vor allem durch seine Langatmigkeit auszeichnet. Allerdings stirbt die Hoffnung – wie auch der Appetit – zuletzt, weshalb ein faires und angemessenes Urteil über diese Inszenierung meines Erachtens nach erst nach dem entsprechenden Verzehr der Hauptspeise und des Desserts gefällt werden kann.

Christelle Gebhardt

 


 

Der ganz normale Alltag…ist doch vielleicht gar nicht so schlecht

Ist man mal ganz ehrlich, muss man doch zugeben, dass man sich selbst im Alltag – in Situation, in welche die Leute ständig geraten – nicht zugucken und schon gar kein Geld fürs Zugucken bezahlen würde. Genau das aber passiert, nämlich bei der Aufführung von The Gabriels Play One: Hungry, wo das Publikum einer amerikanischen Familie bei den Dinner-Vorbereitungen zuguckt. Gut, die Figuren des Stücks kommen gerade von der Beerdigung eines Familienmitgliedes und mit von der Partie ist ausgerechnet die Ex-Frau des Verstorbenen, mit der keiner so recht umzugehen weiß; aber in dieser Lage kann sich eigentlich jede Person zu jeder Zeit befinden. Es ist also von außen betrachtet erst mal nichts Besonderes.

Was sich bis hierhin wahrscheinlich anhört wie das langweiligste Theaterstück der Welt, ist mir trotzdem gut und vor allem in seinen Einzelheiten in Erinnerung geblieben. Doch woran liegt das? So langweilig kann es dann doch nicht gewesen sein.

Der Alltag ist die Basis des Besonderen

Ich komme nur zu einem Ergebnis: Es liegt an diesem hundertprozentigen Realismus. Es gibt keine Übertreibungen, die man aus dem Theater häufig kennt und mit denen bestimmte Aspekte für das Publikum besonders deutlich gemacht werden sollen, sondern nur besagte Familie Gabriel, die sich unterhält (über den Verstorbenen, andere Familienmitglieder, die politische Situation etc.) und dabei Essen macht. Auch das Publikum wird in keiner Weise einbezogen oder angesprochen, obwohl die K1-Bühne auf kampnagel an drei Seiten durch eben dieses Publikum begrenzt ist und zur vierten Seite hin mit der Küchenzeile – im echten Leben gibt es schließlich auch kein Publikum, das einen rund um die Uhr (hier natürlich nur über die Zeitspanne des Stückes) beobachtet, nicht einmal Promis haben so etwas. Ich als Teil des Publikums war zwischendurch von einer Sache überzeugt: Wenn kein Publikum anwesend wäre, würde dieses Familientreffen trotzdem stattfinden. Der Realismus (oder auch: die Nachahmung des echten Lebens) hat also überzeugt.

Als Zuschauer fragt man sich da natürlich: Wieso bin ich eigentlich hier? Ich könnte doch genauso gut bei mir Zuhause mit der Familie sitzen und diese Situation selbst herstellen – und das Ganze dann wahrscheinlich spannender finden. Aber vielleicht liegt genau in dieser Aussage ja der Kern des Stückes: Was macht den Alltag für uns interessant?

Als außenstehende bzw. -sitzende Zuschauerin war es mir völlig selbst überlassen, was ich aus dieser Frage mache und auf welche Dinge ich mich konzentriere, was ich persönlich sehr gut finde, weil mir so mein eigener Anteil an der Aufführung nicht verloren geht.

In meinem Fall lag die Konzentration hauptsächlich auf dem Umgang mit der Ex-Frau des Verstorbenen. Durch minimale Kleinigkeiten – wie gewisse einander zugeworfene Blicke oder den ein winziges bisschen zu höflichen Umgang, das nervöse Kneten von Händen und gegenseitiges Unterbrechen – entsteht eine Atmosphäre, welche sich am besten mit dem Wort angespannt zusammenfassen lässt, obwohl das Wort fast schon zu stark ist. Nur sind diese Blicke und die übertriebene Höflichkeit fast wie nebenbei vorgekommen, man möchte gar nicht glauben, dass sie einstudiert sind.

Das Stück arbeitet sehr viel mit „nebensächlichen“ Bemerkungen, Betonungen und Bewegungen, die im Nachhinein betrachtet doch gar nicht so „nebensächlich“ sind. Schließlich sind es all die Dinge, die im eigenen Alltag erst zu Spannung führen, egal ob positive oder negative.

Vielleicht gab es ja auch Zuschauer, die sich an diesem Abend einfach nur fürchterlich gelangweilt haben, aber vom Stück aus wird auf jeden Fall die Möglichkeit gegeben, ja fast schon eine Tür geöffnet, um die ganz, ganz kleinen Dinge im Alltag zu sehen, wahrzunehmen und wertzuschätzen, wodurch die Langeweile entweder gar nicht erst aufkommt oder schnell wieder verfliegt. Gerade deswegen bin ich definitiv dankbar für den Abend und das Stück, von dem ich hoffe, dass es mich für den zukünftigen Alltag etwas mehr sensibilisiert hat und dass ich sowie alle anderen Zuschauer die Kleinigkeiten des Alltags besser sehen können.

Brit Schwerin (21), Studentin der Universität Hamburg (Germanistik)

 


 

Mit den Gabriels am Küchentisch – Wohnzimmertheater mit Heimatsgefühl

Man möchte am liebsten seine Schuhe ausziehen, eine Schürze umlegen, sich mit der Familie Gabriel an den Küchentisch setzen, beim Kochen helfen und Teil des Stücks werden.

Thomas, eines der drei Gabriel-Kinder ist an Parkinson verstorben und die Familie trifft sich zum Verstreuen der Asche im alten Heimatort und verbringt den Nachmittag im Elternhaus auf dem Land, in dem nun nur noch Mary, die dritte Ehefrau und nun auch Witwe von Thomas, lebt. Seine Geschwister Joyce und George sind gekommen, so wie Georges Ehefrau Hannah. Zu jedermanns Leidwesen ist auch Thomas’ erste Ehefrau Karin zu Besuch und scheint nicht vorzuhaben, allzu bald nach New York zurückzukehren. Mary hingegen ist in die Familie aufgenommen worden und sehr gut integriert. Sie kümmert sich regelmäßig um ihre pflegebedürftige Schwiegermutter.

Während die Familie gemeinsam kocht und das Abendessen vorbereitet, reden sie über Gott und die Welt, das Leben und den Tod, auch über die bevorstehende Präsidentschaftswahl.

Die Inszenierung findet in der Mitte des Raumes statt, auf drei Seiten von Sitzreihen umgeben. Im Zentrum steht der Küchentisch, an der hinteren „Wand“ eine Küchenzeile. Das Publikum schaut in die Küche, auf den Tisch, in den Kühlschrank und den Ofen der Familie, ja in ihr Leben hinein. Die Atmosphäre ist sehr vertraut, heimelig und intim, sodass es sich nicht selbstverständlich anfühlt, in diese Situation „hineingelassen“ zu werden. Einige Zuschauer bemängeln, das Stück habe nicht genug „Action“ zu bieten und sei damit „zu langweilig“. Doch „The Gabriels“ hat es nicht nötig, mit Rauchbomben zu schmeißen. Auf die Zuschauer wartet eine unglaubliche Emotionsgewalt, die die Dialoge und Mimik bis in die letzten Reihen strömen lassen. Es ist erstaunlich, wie sehr kleine Worte und kurze Momente einen so großen Einfluss auf die Stimmung im gesamten Saal nehmen können. Vielleicht, weil es uns selber so vertraut ist? Vielleicht, weil wir alle diese Situationen am Küchentisch kennen und die Charaktere auf die eine oder andere Weise in unseren eigenen Familien wiedererkennen können? Oder weil auch wir uns seit dem 08.11.2016 schon selbst die Frage gestellt haben: Warum ER und nicht sie?

Es ist anrührend, süß und so wunderbar authentisch. „The Gabriels“, ein Stück mit drei Teilen, das in seiner unaufgeregten Art ganz, ganz viel bewegt.

Annedore Schacht

 


 

Dichtes Spannungsspiel in Kammerbühnenatmosphäre

The Gabriels: Election Year in the Life of one Family – Play One: Hungry

 Ich nehme Platz auf einer der Zuschauertribünen, die an drei Seiten des kleinen ebenerdigen Bühnenraums aufgestellt sind. Auf der Bühne sieht man eine Kücheneinrichtung. Einfache Holztische und Hocker, Spüle, Herd, Kühlschrank. Wenig heimelig ist dieses Szenario. Und doch vermittelt die Anordnung des Publikums eine gewisse Nähe, eine Art Zusammengehörigkeitsgefühl.

Die warmen Stimmen der Band Lucius erklingen: „Her eyes are light and clear. And her hair is never quite in place. And she´s no beauty queen, but you love her anyway. She is a wildewoman.” Begleitet von den Indie-Rock-Klängen betreten die Darsteller die Bühne und beginnen ihre Küche einzurichten. Die Zitronen in der Holzschüssel auf dem Küchentisch, das persönliche Notizbuch auf dem kleinen Schreibtisch, die Babyfotos und Postkarten am Kühlschrank. Alles hat hier seinen Platz. Das warme Licht, die ungezwungene Natürlichkeit der Schauspieler, die Nähe zum Bühnengeschehen, all das vermittelt plötzlich den Eindruck, man säße mit der Familie Gabriel in ihrer gemütlichen Küche ihres Landhauses in Rhinebeck, einem kleinen Ort 100 Meilen nördlich von New York City. Es ist Freitag, der 4. März 2016, drei Tage nach dem Super Tuesday, an dem sich Clinton und Trump als die Favoriten des US-Wahlkampfs herauskristallisierten. Die Gabriels sind in Rhinebeck zusammengekommen, um die Asche ihres verstorbenen Mannes, Sohnes und Bruders Thomas dem Hudson River zu übergeben.

 Im Angesicht der Endlichkeit des Lebens rückt die Familie zusammen, räumlich und menschlich. Es wird gekocht und geredet, ja, auch über Politik – das Schlamassel, dass man sich mit keinem der zwei Kandidaten identifizieren kann. Nicht mit dem durchgeknallten orangen Egozentriker, aber auch nicht mit dieser selbstgerechten, machtgeilen Frau, die etwas Unechtes und Unnahbares ausstrahlt und deren Verbindungen zur Wallstreet und den herablassenden, superreichen New Yorkern etwas höchst Bedrohliches haben.

„Wir springen von einer hohen Klippe.“, meint Hannah und trocken erwidert Joyce „Springen wir wirklich oder werden wir gestoßen?“ Dieses Gefühl von Machtlosigkeit und einer tiefen Melancholie – bezüglich einer ungewissen Zukunft – liegt über dem Abend. Und doch schaffen die sechs Schauspielerinnen und Schauspieler mit ihrem einfühlsamen, puren und natürlichen Spiel eine wundersame Atmosphäre von Leichtigkeit, Nähe und Vertrautheit, in der subtil alle Facetten der menschlichen Komplexität aufgezeigt werden. Die ist manchmal anmutig schön und dann wieder – in den unausgesprochenen Vorwürfen und der Nervosität ob dem, was da kommt – bedrückend und verletzend.

Die großartige schauspielerische Leistung, das stimmige Bühnenkonzept, ein intelligentes Script und eine Regie, die nicht den moralischen Zeigefinger erhebt, lassen diesen Theaterabend zu einem reinen Vergnügen werden.

Nach knapp zwei Stunden – das Essen ist fertig gekocht – verlässt die Familie Gabriel die Bühne, zurück bleibt Mary, die Ehefrau des verstorbenen Thomas. Leise setzen die Stimmen der Band Lucius wieder ein: „And she´ll say whatever´s on her mind. There are unspeakable things and she will speak them in vain. She is a wildewoman.” Ein Freigeist, der unumwunden ausspricht, was er denkt –- nicht ein abstraktes Ideal; jemand, mit dessen Ehrlichkeit sich die Gabriels identifizieren können, sollte die zukünftige Präsidentin oder der zukünftige Präsident der vereinigten Staaten von Amerika werden. Doch das – und da sind sich die Gabriels bereits am 4. März 2016 einig – wird leider nicht passieren.

Judith Achner

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