Stimmen aus der Universität – Fulgor

Seminar: Aktuelle Hamburger Theaterfestivals unter der Leitung von Prof. Dr. Martin Schäfer

Von der Nacht der Einwanderer, ihrer Einsamkeit und ihrem Glanz der Freude                     

Ein großer gold verschnörkelter Bilderrahmen und ein Stuhl sind alles, was zu Beginn auf der Bühne beleuchtet wird. Gefüllt wird der Rahmen nach und nach mit dem außergewöhnlichen chilenischen Theaterkollektiv, sodass ein großes Portrait entsteht, wie es während des 18. Jahrhunderts spanische Künstler malten: „Casta Paintings“ – Portraitierte Familien, in denen sich Vater und Mutter durch Abstammung und sozialen Status unterschieden und Kinder darauf aufbauende, rassistisch motivierte Namen erhielten.

Aufgelöst wird das Portrait durch einen „Beatboxtrolli“, welcher HipHop-Sounds versprüht und das Ensemble zum Tanzen auffordert. Damit beginnt das Nachtleben Chiles; allerdings das Nachtleben derer, die, in der Hoffnung auf ein besseres Leben, nach Chile (illegal) einwanderten, verfolgt, ausgebeutet und diskriminiert werden und ihr Geld mit Müllkehren, Bauchläden und Prostitution verdienen, dabei aber nie ihre Freude am Leben verlieren.

Das Licht und die Schatten

Aber jene Freude wird zuerst überschattet, durch den schweren Start in einem fremden Land, ja gar schon während der Reise in dieses. Etwa wenn sich zwei Personen in einer riesengroßen Kleidertasche verstecken und die Glieder vor Verkrampfung schmerzen oder wenn eine Frau in Folie eingeschweißt als Statue verfrachtet wird und kaum Luft bekommt. All diese stark aufgeladenen Bilder kommen fast gänzlich ohne Worte aus. Das, was diese Szenen ausmacht, ist die Reduzierung auf das Wesentliche, kein Schnickschnack. Gestützt wird das durch die großartigen Lichtspiele auf der Bühne. Es werden immer nur Teile der Bühne beleuchtet, mal links, mal rechts, mal das Publikum. Alles andere bleibt dunkel, so dunkel wie das alltägliche Nachtleben der Einwanderer – könnte man meinen.

Du bist die Sonne!

Doch wo es dunkel ist, da wird es auch wieder hell. Und so werden in Augenblicken, in denen jeder Lebensmut verloren zu sein scheint, weil sich der riesengroße Pfandflaschenberg kaum mehr bewegen lässt oder der Palmenwedel mehr Dreck als Sauberkeit hinterlässt, überschallt mit Gesang, Tanz oder der Erklärung des Sonnensystems, durch einen Mann, der die Strahlen der Sonne nur noch spürt, aber nicht mehr sieht und dennoch in jedem verloren geglaubten Nachtwanderer wärmenden Schein auflodern lassen kann.

Der goldene Glanz

Und so entsteht am Ende wieder ein Portrait, aber es ist etwas anders. Der Glanz ist zu sehen. Eine goldig glänzende Folie überstrahlt den eben noch tiefschwarzen Hintergrund. Das Portrait wird aufgebrochen, durch einen kämpfenden Tanz zweier Ensemblemitglieder. Ein Kampf für das Leben und den Glanz, der niemals verloren gehen darf.

Und so werden wir mit eindrucksvollen Bildern in den lauen Sommerabend entlassen.

Danke für die großartige Deutschlandpremiere eines glänzenden Ensembles!

Julia Pien – Studentin der Deutschen Sprache und Literatur an der Universität Hamburg

 


 

Fulgor

Das Hamburger Wetter passte am Freitagabend zu einem Ausflug in die chilenischesche Theaterwelt.

Im Theaterstück „Fulgor“ – auf deutsch „Glanz, Funkeln“ – geht es um die Erfahrungen und Eindrücke, die Einwanderer aus anderen südamerikanischen Ländern in Chile gemacht haben. Es zeigt vor allem die dunklen Seiten: unwürdige Arbeiten, Prostitution, das Leben auf der Straße, den eiskalten Kampf ums Überleben. Und trotz dieser traurigen und harten Thematik schafft es das Theaterkollektiv aus Chile, den Theaterabend in etwas Fröhliches zu verwandeln. Das Stück wird mit viel Tanz und Musik begleitet, und vor allem die Musik schafft es, die lebenslustige Lebensphilosophie der Südamerikaner in ein eher nüchternes und kritisch denkendes Deutschland zu bringen, auch dann, wenn es um ernste Themen geht. Die Schauspielerinnen und Schauspieler sind so verschieden, wie sie nur sein können. Von jungen Frauen unterschiedlicher Nationalitäten über einen älteren blinden Herrn bis zu einem kleinwüchsigen Mann mittleren Alters sind alle Typen dabei. Es zeigt:  Egal wer du bist, das Leben als Neuankömmling in Chile ist für keinen einfach. In den unterschiedlichen Szenen werden unterschiedliche Situation dargestellt, die alle zeigen, wie schwer und teilweise auch unmenschlich ein Neustart in Chile mit der Hoffnung auf ein besseres Leben dort ist. Das Publikum sieht also keinen aufeinander aufbauenden Handlungsstrang, sondern eine Auswahl einzelner kleiner szenischen Geschichte. „Fulgor“ braucht nicht viel Sprache. Es gibt so gut wie keine langen Monologe, die Gespräche sind kurz und präzise, und die Bewegungen und Handlungen der Schauspielerinnen und Schauspieler sind so eindeutig, dass sie für sich sprechen. Und immer und immer wieder ist da diese Musik. Mal laut, mal leise, mal euphorisch, mal verzweifelt. Sie trägt den Abend und bildet durch den Gesang der Schauspielerinnen und Schauspieler zu Beginn und zum Ende des Stückes den Rahmen für einen Ausflug in eine fremde Welt, mit thematischen Akzenten, die leider gar nicht so fremd erscheinen.

Zoe Olbermann

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