The Gabriels: Election Year in the Life of One Family

Die Trilogie, The Gabriels: Election Year in the Life of One Family, beginnt an den drei Aufführungsabenden stets auf die gleiche Manier. Die Schauspieler*Innen betreten den Raum mitsamt diverser Requisiten wie Kochutensilien, Bücher, Kissen, Decken, Obst und Gemüse. Die Grenze zwischen Aufbau des für die Aufführung erforderlichen Bühnenbilds und dem eigentlichen Aufführungsbeginn gerät somit verwischt. Einerseits wird durch diesen Kunstgriff die theatrale Praxis als fiktives, realitätskonstituierendes make-belief selbstbezüglich herausgestellt, andererseits zugleich die fließende Grenze zwischen Theater und Leben thematisiert. So adressiert Richard Nelsons Werk gleich zu Beginn zwei für das Theater wesentliche Fragen: wie wird Sinn, Identität und Realität im und durch das Theater gestiftet und welche Funktion erfüllt das Medium Theater in Bezug auf unsere aktuelle Gegenwart?

Liest man das Programmheft und lauscht während des Publikumsgesprächs mit dem Bühnenautor und Regisseur Richard Nelson seinen Worten, so sticht unter anderem der Begriff der „Verantwortung,“ die er dem Theater zuschreibt, hervor. Theater habe (mit) die Aufgabe, gegenwärtige Zustände und Missstände sowie die menschliche Komplexität zu reflektieren. Verisimilitude, die wirklichkeitsgetreue Darstellung, ist eines von Nelson für sein Verständnis von Theater selbst gewähltes Schlüsselwort.

Diese programmatisch formulierte Verantwortung gegenüber der (aktuellen) Wirklichkeit wird auch in der formalen und inhaltlichen Ausgestaltung von The Gabriels erkennbar. Bereits die mise-en-scène ist auf eine Art angelegt, die zur Immersion einlädt, zugleich aber durch metatextuelle Kommentare (bzgl. des Essens, der Kleidung der Figuren, etc.) permanent durchbrochen wird. Die Grenze zwischen Fiktion und Realität wird somit fortwährend problematisiert – ein erzählerisches Verfahren, das im Kontext der fake und alternative news Debatten während und im Anschluss an den US-Wahlkampf besonders relevant wirkt, da es den Kontext des Gesagten in den Vordergrund rückt und somit durch die Mittel des beständigen Hinterfragen und Einordnen von Äußerungen gegen deren leichtgläubige Rezeption und Akzeptanz angeht.

Wie in einem erweiterten (Stuhl-)Kreis um den runden Tisch, an dem sich die Familie Gabriel versammelt, sitzen wir als Publikum den Bühnenraum von drei Seiten umkreisend und belauschen die Gespräche der Familie. Themen wie Demokratieverständnis und Voyeurismus bzw. Überwachung sind somit bereits in der Szenografie angelegt. Demokratisch, weil die Bühne nicht erhöht sondern auf gleicher Ebene mit unserer Alltagsrealität auf Kampnagel liegt. Voyeuristisch, weil wir nicht zu dem intimen Gespräch im Kreis der Familie eingeladen sind und dennoch daran teilhaben (wollen). Die im Drehbuch angelegte Figur namens Karen fungiert dabei als invertiertes „alter ego“ für uns Zuschauer auf den Rängen, da sie ebenfalls nur erweitertes Mitglied der Familie ist und von Zeit zu Zeit gebeten wird, den Raum zu verlassen, wenn die Familie Vertrauliches zu bereden hat. Wir hingegen bleiben die gesamten Abende über unbekümmert sitzen und beteiligen uns auf beinahe spionagehafte Weise an der totalen Überwachung des Privaten. Der Effekt des heimlichen Observierens wird dadurch verstärkt, dass die Figuren nicht wie gewöhnlich im Theater zu uns sprechen sondern die Aufführungssituation scheinbar ignorieren und uns in ihren Gesprächen um den runden Tisch den Rücken zuwenden. (Ein darstellerisches Verfahren, das auf einer raffinierten, mikrofonunterstützten Tonübertragungstechnik basiert, wie Nelson im Gespräch erläutert.)

Neben den Themen der – angesichts der in Deutschland stattfindenden Aufführung grenzüberschreitenden – Spionage und Überwachung von (US-)Bürgern, sind im Stück so ziemlich alle Themen, die derzeit die US-Gesellschaft bewegen, anzutreffen: die zunehmende Schere zwischen Arm und Reich, prekäre Beschäftigungsverhältnisse, Arbeitslosigkeit, die „Gentrifizierung“ ganzer Dörfer durch wohlhabende Städter, die Fallen der Altersvorsorge in den USA, enorme College-Gebühren, die von der Mittelklasse nicht mehr zu stemmen sind und somit zur Aufnahme von Darlehen und Hypotheken führen, die ihrerseits Probleme wie den Verlust des eigenen Immobilie nach sich ziehen, sowie die Folgen des Wahlkampfs 2016 auf den politischen und (im Privaten geführten) öffentlichen Diskurs in den Vereinigten Staaten.

Das Stück ist aber mehr als eine Akkumulation von im informellen, familiären Rahmen anzitierten hot topics, die die US-Gesellschaft derzeit umtreiben. Und dies nicht zuletzt, weil es auch universelle Themen wie Tod und Trauer behandelt und dabei geschickt Bezüge zu literarischen Vorläufern – insbesondere zu Chekhovs Dramen (man denke an die Parallelen zwischen der Zwangsenteignung des Hauses in The Gabriels und dem Verlust des Grundstücks in Chekhovs „Der Kirschgarten“) – herstellt. Vielmehr ist es ein Gegenwartsporträt – und damit zugleich eine Entromantisierung des von uns bislang gehegten Bildes – der aktuellen amerikanischen, gebildeten, linksliberalen Mittelklasse, die sich einstmals einen gewissen Lebensstandard erarbeitet hat, der nunmehr (und beinahe unmerklich und gleichsam urplötzlich) nicht länger existiert. Nelsons Stück ist somit eine ins Theatermilieu verlagerte Antwort auf die uramerikanische Suche nach der Great American Novel, d.h. eines Romans, der die Komplexität Amerikas – und damit die unablässige (Sinn-)Suche der Nation nach sich selbst – in ihrer Gesamtheit erfassen würde. (Man denke in diesem Kontext z.B. an Jonathan Franzens Romane The Corrections bzw. Freedom, die ebenfalls als Familensagen angelegt sind und von der Kritik des Öfteren als Antwort auf die Suche nach der Great American Novel verhandelt wurden.)

Zugleich ist The Gabriels aber auch ein Stück über das Theater selbst, das die tradierten Traditionen in den Fokus rückt, übernimmt, aber stellenweise auch mit neuen Elementen anreichert und mit Konventionen bricht. Die Geschichte der Gabriels ist damit auch eine über die historische Entwicklung der Theaterkunst (und ihre Aneignung und Fortentwicklung im US-amerikanischen Kunst) selbst. (Und dies nicht zuletzt, weil der Skriptautor seine eigene Instanz – Rembrandt gleich – in Form des verstorbenen Bühnenautors und  Regisseurs namens Thomas in die Trilogie von The Gabriels einschreibt.)

Die Tatsache, dass The Gabriels den US-Wahlkampf thematisiert, mag im Vorfeld und am Abend der Wahl 2016 (an dem der letzte Teil der Trilogie aufgeführt wurde, womit die Grenze zwischen Literatur und Leben ein weiteres Mal, auf einer zusätzlichen Ebene, verwischt wurde) verkaufsfördernd gewirkt haben. Letztlich ist der Wahlkampf aber weder Haupt- noch Nebenschauplatz, sondern unauflösbar verquickt mit den in The Gabriels erzählten Anekdoten, Geschichten und Narrativen, die in ihrer komplexen Verflechtung von Vergangenem und Gegenwärtigen ein (gleichsam tiefenpsychologisches) Panorama der Vereinigten Staaten aufzeigen. Komplexität und teilnahmevolle Empathie als Antwort auf „America First“ – das ist es wohl, wofür The Gabriels im post-Wahljahr 2017 einsteht.

Julia Lange

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