Inoah (New Creation)

Ein Licht erstreckt sich wie durch einen Türspalt leuchtend auf der Bühne, an den Seiten sieht man im Dunkeln ein paar Männer sitzen. In langen Gewändern schreiten zwei von ihnen in die Mitte der Bühne. Es ist still. Die beiden Männer fangen an, sich hektisch, fast krampfartig zu bewegen. Langsam wird ein dunkles Dröhnen laut, das die Tänzer in ihren Bewegungen begleitet. Nur ihr schweres Atmen und die klatschenden Bewegungen sind lauter.

Inoah (New Creation) ist eine passende Bezeichnung dieser Tanz-Performance. Sie ist außergewöhnlich,  spannend modern und für mich die erste ihrer Art. Was anfangs wirkt wie zuckende, unkontrollierte Bewegungen, die ich sonst aus modernen Ballettstücken kenne, wird zu einem beeindruckend kraftvollen Tanz, der jedem, der sich darauf einlässt, imponieren wird.

Mal einzeln, mal in Formationen und teils synchron führen uns die insgesamt zehn Männer mit ernsten Gesichtern eine Stunde lang durch eine komplexe, zeitweise jedoch repetitive, Choreographie: Von zackiger Körpersprache, über organisch wirkende, algenartige Regungen bis zu einer langen kampfähnlichen Szene, die mit wenigen Berührungen starke Spannungen erzeugt. Spinnenähnlich, Breakdance-artig, wie fliegend und manchmal fast brutal sind die Bewegungen. Ob miteinander, gegeneinander oder mit sich selbst gekämpft wird, bleibt für mich ungewiss.

Die Choreographie wird die meiste Zeit durch das dumpfe Dröhnen unterstützt, zwischendurch wird die Soundkulisse etwas ruhiger, fast schon melodisch, mal dröhnt es von links, mal von rechts. Das Atmen und Klatschen der Tänzer wird dabei zum Teil der Soundkulisse und kurzzeitig auch ihre scharf geflüsterten Worte. Kleine Schweinwerfer leuchten von den Seiten auf die Bühne, die meiste Zeit ist es sehr dunkel. Ab und zu werden die Tänzer von einem Lichtpegel beleuchtet, manchmal sehen sie aus wie Schatten. Um die Bühne zeigen dünne Leinwände den Ausschnitt einer Szenerie, auf der Höhe von den Spitzen eines Elektromastes und einer Baumkrone. Dazwischen Himmel und in der Ferne ein Leuchtturm. Während des Verlaufs der Performance vergeht auf der Leinwand ein Tag: Während es anfangs noch hell ist, ziehen später Wolken auf, es wird dunkel bis Sterne am Himmel zu sehen sind. Nachdem plötzlich die Bühne hell erleuchtet wird, wird es auch auf der Leinwand wieder Tag.

Mit einem letzten Sprung wird der Saal dunkel. In meiner Faszination habe ich beinahe vergessen, dass dort Menschen vor mir tanzen und freue mich, als die jungen Tänzer sich lachend auf der Bühne verbeugen. Das Publikum scheint genauso begeistert wie ich. Vielleicht haben auch sie durch die intensive, neue Kreation zum ersten Mal Gefallen an modernem Tanz gefunden.

Melis GünayMelis Günay, geboren und aufgewachsen in Hamburg, beendet dieses Jahr ihr Studium in „Kultur der Metropole“

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