Stimmen aus der Universität Hamburg – Hamburger Hafen Kongress – Diskurs 5

Seminar: Transitorische Räume im Gegenwartsdrama und -theater unter der Leitung von Felix Lempp, M.A.

 

Wer wohnt da eigentlich, in der HafenCity?

Hafenkongress/ SEKTION 5

Als Hamburgerin habe ich mich schon oft gefragt: Wer wohnt da eigentlich, in der HafenCity? So ganz konnte ich mich nicht mit ihr anfreunden, auch wenn sie ein immer präsenteres Thema wurde. Sie blieb irgendwie eine dieser neumodischen Erfindungen, gekrönt durch das Elbphilharmonie-Desaster, mit denen ich nicht wirklich was anzufangen wusste. Da gehen nur die Touristen hin, habe ich mir gedacht, bis mich am Mittwochabend Frau Prof. Dr. Breckner mit Ihrem Vortrag „Wie aus Hafen Stadt wird“ eines Besseren belehrte.

„Es war einmal Hafen statt Stadt“, beginnt sie und erzählt, wie innerhalb des HafenCity-Projektes das erste Mal Pläne geschmiedet wurden, Stadt im Hafen zu verankern. Dies ist kein leichtes Unterfangen, die Fläche ist Konfliktfeld zwischen Hafen und Stadt. Hinzu kommen Hochwasserschutzlinien, die den Bau von Wohnungen nicht gerade erleichtern. Und dann kriegt die HafenCity plötzlich ein Gesicht. Wir sehen Luftaufnahmen von oben, die zeigen, wie gut sich die HafenCity in das Stadtbild integriert hat, wir sehen Zahlen, die zeigen, dass sich um Diversität in der HafenCity bemüht wurde: ein Drittel Sozialbauten, ein Drittel geförderter Wohnraum und ein Drittel frei auf dem Wohnungsmarkt erwerbbare Wohnungen. Frau Prof. Dr. Breckner erzählt uns vom ersten Kiosk in der HafenCity, den es schon gab, als noch kein Supermarkt weit und breit zu sehen war. Ein wichtiger Kommunikationspunkt für die HafenCity-Bewohner, die sich auch online mit Hilfe von fünf Plattformen vernetzen. Alles ist ja noch so neu. In Interviews erzählen die Bewohner, dass sie sich fühlen wie Pioniere, und sie scheinen sich ihrer Sache sicher zu sein: Fluktuation gibt es kaum im Wohnraum HafenCity. Wer hier hinzieht, der entscheidet sich bewusst dazu. Interessant ist auch, dass es viele Familien mit Kindern in die HafenCity verschlagen hat. Unerwarteter Weise, denn Raum zum Spielen gibt es zunächst kaum. Und weil Kinder eben Kinder sind, spielen diese dann erstmal mit Steinen auf einem Parkplatz, bis dieser kurzerhand in einen Spielplatz umgewandelt wird.

Auf einmal ist sie dann doch nicht mehr so fremd, die HafenCity. Ein diversifiziertes neues Stadtgebiet mit Bewohnern, die sich füreinander interessieren, sich vernetzen, kommunizieren und einsetzen. Meine norddeutsche Reserviertheit ist ein Stück gewichen. „Hafenstadt neu ausgelotet“ ist ja auch das Motto des Hafenkongresses und so sollten wir offen sein für neue Denk- und Entwicklungsrichtungen. Wir stehen nun einmal vor dem Problem, dass eine Konkurrenz von Flächen in Hamburg vorherrscht, dass wir uns damit auseinandersetzen müssen, wie wir neue Flächen beschaffen können. Die Wohnungsknappheit in Hamburg, die kennt ja jeder. Die Lösung kann nur eine Synergie zwischen Stadt- und Hafenentwicklung sein.

Filiz Yagmur

 


 

Der menschenlose Hafen der Zukunft

Hafenkongress 5, Referent: Prof. Dr.-Ing. Carlos Jahn

Die ersten 10 Wörter, die mir bei dem Begriff „Hamburger Hafen“ einfallen: Wasser, Schiffe, Kräne, Fähre, Touristen, Container, Schiffsarbeiter, Musicals, Elbphilharmonie und Fischmarkt.

Ganz schön oberflächlich, wenn man mal bedenkt, wie wichtig unser Hafen aus ökonomischer, stadtplanerischer und vielen weiterern Perspektiven ist. Er ist nicht nur der größte deutsche Seehafen, sondern nach den Häfen in Rotterdam und Antwerpen der drittgrößte in Europa.

Herr Prof. Dr.-Ing. Jahn hat uns Zuhörern die Bedeutung, Entwicklung, Herausforderung und Perspektiven in seinem Vortrag verständlich und gut strukturiert nahegebracht. Vor allem die Zukunftsaussichten haben mich nicht nur überrascht, sondern auch erschreckt. Durch die wachsende Bevölkerungszahl, gekoppelt mit dem freudigen Konsum der oberen Schichten, stellen sich die Herausforderungen von wachsenden Ladungsmengen, zunehmenden Spitzenbelastungen der Container, begrenzten Flächen und Anpassungen der Infrastruktur und einer weltweit stärkeren Umweltsensibilisierung. Das bedeutet kurz gefasst: Wie kann man die Umweltverträglichkeit und die geforderte gesteigerte Leistungsfähigkeit auf einen Nenner bringen?

Ansätze und Entwicklungen wurden vor allem in den Themenbereichen Automatisierung, Elektrifizierung und Digitalisierung vorgestellt. Schon jetzt benutzt die Hamburger Hafen und Logistik AG (HHLA) automatisierte batteriebetriebene Fahrzeuge, die ihre Reserven aus der Windenergie ziehen. Die vorprogrammierten Wagen fahren dabei ohne Fahrer ihre Ladung von Ort zu Ort. Zudem beschäftigt sich die Fraunhofer-Gesellschaft, für die Prof. Dr.-Ing. Jahn unter anderem tätig ist, mit Schiffankunftsprognosen, die das Wetter, die Strömung, die Verkehrsdichte usw. von Schiffen analysieren und in Echtzeit berechnen, sodass man sogar 72 Stunden im Voraus die Ankunft berechnen kann und es zu reibungsloseren Abläufen kommt.

Ähnliches gilt auch für LKW-Fahrzeuge, bei denen Wartezeitprognosen an logistischen Knoten erstellt werden, dadurch die Wartezeit reduziert und die Einsatzplanung und Effizienz optimiert wird.

Erschreckend sind jedoch für mich immer noch die „unbemannten Schiffe“, die durch einen Navigationsalgorithmus gesteuert werden und schon Jahre vorher in den Medien für Aufruhr gesorgt haben. Entwicklungen in diese Richtung erfährt man in letzter Zeit sowieso schon vermehrt durch die sich selbst steuernden batteriebetriebenen Autos, welche jeden Verkehrsteilnehmer im Alltag unmittelbar in die Zukunftsentwicklung mit einbindet. Auch, wenn der Fortschritt des Umwelt- und Klimaschutzes freudig ist – die schon vorhersehbare Automatisierung in solch weitgehenden Dimensionen bedeutet für mich aber gleichzeitig das Gefühl von immer mehr Kontrollverlust.

Regierungen und große Unternehmen haben schon jetzt Probleme, sich vor Hacker-Angriffen ausreichend zu schützen. Was passiert also, wenn immer mehr Menschen von Programmen und Maschinen abgelöst werden? Das Gefahrenpotenzial von Fremdeinwirkungen Einzelner erhöht sich auf einem noch immer unsicheren Gebiet in einem unbekannten Ausmaß.

Ich hoffe, dass die Forscher und Unternehmen die Risiken der ständigen Optimierung und Verbesserung der Effizienz nicht aus den Augen verlieren und vermehrt ins öffentliche

Gespräch mit der Gesellschaft kommen.

Linda Pham

 


 

„Kennen Sie den? Unterhalten sich ein Ingenieur und ein Geisteswissenschaftler …“

Manchmal ist es schwer, nicht in lieb gewordenen Vorurteilen steckenzubleiben. Wenn naturwissenschaftlich geschulte Menschen auf geisteswissenschaftlich geschulte Menschen treffen, muss das nicht immer schiefgehen. Da es aber noch keine Simultanübersetzer Geisteswissenschaftler – Ingenieur/ Ingenieur – Geisteswissenschaftler gibt, wird es auf jeden Fall immer irgendwie putzig.

Dann braucht es noch jemanden, der das Ganze ins Normalsterbliche übersetzt, also Menschen berücksichtigt, die weder der einen noch der anderen Gruppe angehören. Gibt es auch noch nicht. Und schon schrumpft der gewaltige Mythos des babylonischen Sprachendurcheinanders im Gegensatz zu solchen Vorträgen zu einer müden Randnotiz der Geschichte zusammen.

Man nehme eine überladene Powerpoint-Präsentation, einen begleitenden Vortrag mit unbekannten, weil nicht näher erläuterten Fachbegriffen, und lasse das Ganze mit der Wucht eines verheerenden Tsunamis und der Geschwindigkeit eines im Anflug befindlichen Kampfjets auf das Auditorium prallen. Das Ergebnis lässt sich an ausdruckslosen Augen, verwirrtem Kopfschütteln und  emotionslosen Blicken auf die Mobiltelefone unmissverständlich ablesen.

Das ist ausgesprochen schade, denn die Vorträge waren durchgehend interessant, auch wenn sie auf inhaltlicher Ebene zu Widerspruch reizten, zumindest wenn man aus der aufprallenden Wasserwand überhaupt den einen oder anderen Schluck geschlossener Argumentation zu sich nehmen konnte.

Nun ist es vielen Fachrichtungen gegeben, sich gegenseitig und die Zuhörer mit überfrachteten Vorträgen ins Koma zu bringen. Es ist ja auch nicht einfach, die Begeisterung für das eigene Fach auf ein allgemein verständliches Maß zurechtzustutzen, wo es doch so unglaublich viele wichtige Details gibt, die für ein tieferes Verständnis unabdinglich sind.

Okay. Aber nicht in vier Vorträgen innerhalb von ein oder zwei Stunden!

Ein Vortragender gab sich anfangs redlich Mühe, den komplexen Inhalt seiner Tätigkeit im Allgemeinen so wiederzugeben, dass eine problemlose Aufnahme zumindest möglich erschien.

Bei aktuellen Forschungsvorhaben endete dann der gute Vorsatz.

Es gab dann von der Moderation den einen oder anderen freundlich vorgetragenen Seitenhieb und den gar nicht mal so schlechten Versuch, die Funktion des Dolmetschers für Normalsterbliche zu übernehmen. Allein, es war zu spät. Das Leben im Raum wandte sich schon anderen Dingen zu und der Wunsch zu diskutieren war nicht mehr nachweisbar.

Ach ja: Die Mitnahme eines Opernglases oder eines erprobten Fernglases für Beruf und Freizeit sei wärmstens empfohlen, gerne auch mit Restlichtverstärker. Und wer erschlagen im Stuhl hängt, hat ja immer noch die Möglichkeit, die vorgestellten Bücher zu lesen.

Liebe Vortragende: Seid doch bitte so gut und geht in Wort und Schrift auf das heterogene Publikum ein. Es ist wirklich jammerschade, wenn all die dargebotenen Informationen, weil unverstanden, ungehört im Raum verdunsten.

Carsten Weide, 55 Jahre alt, Student der Germanistik

 


 

HafenKongress – 5. Sektion [31.05.2017]

„Es ist hip am Hafen zu wohnen“

Können Stadt und Hafen noch angesichts des immensen Wachstums und des stetigen

Verlangens nach immer besseren technologischen Errungenschaften harmonieren?

Die vorletzte Zusammenkunft des Hamburger HafenKongresses widmete sich den

aktuellen Trends und Entwicklungen; immer mehr Leute wollen am Hafen wohnen,

aber immer mehr beschweren sich auch über seine Omnipräsenz und ihre Folgen.

Der Hafen ist Dreh- und Angelpunkt der Stadt: der ökonomische und logistische

Knotenpunkt, der nicht mehr wegzudenken ist. Ständig wird nach Optimierungs- und

Erweiterungsoptionen geforscht, welche den Hafen noch automatisierter, noch

effizienter und einfach noch besser machen. Das Ziel ist es, die „umweltverträgliche

Leistungsfähigkeit zu steigern durch Automatisierung, Elektrifizierung und

Digitalisierung.“, so Prof. Dr.-Ing. Carlos Jahn, Leiter des Fraunhofer-Centers für Maritime Logistik und Dienstleitungen.

Doch der Hafen trifft nicht nur auf optimistische Stimmen; kritisiert werden die

Belästigungen, Gefährdungen und Risiken, die vom Hafen ausgesehen. Zwar ist die

Verbreitung von Krankheiten kein solch aktuelles Thema wie zu früheren Zeiten

mehr; Schadstoffemissionen und immense Lärmpegel beschäftigen jedoch Bürger bis

heute. Damals nahmen Hafenarbeiter die Risiken hin; war doch der Lohn wichtig. Doch die fortschreitende Technologie des Hafens fordert nicht mehr ihre Tribute – sie

verdrängt das menschliche Wirken an weitaus weniger gefährliche Orte.

Und weiter: „Ohne den Hafen verliert der Lebensraum Hamburg an Qualität.“, so Prof. Dr.-Ing. Heike Flämig. Die Gefahren der Vergangenheit scheinen vergessen, der Hafen ist kein Arbeitergebiet mehr, sondern Trend. Dies beweist auch das Projekt der HafenCity: die geplante Stadt. Über 90 % der Fläche wurden in städtischen Besitz gebracht um eine optimale Planung zu ermöglichen, welche einer ausgiebigen Durchmischung verschiedener sozialer Milieus eine Heimat bieten soll.

Der Hafen ist ein Ort, welcher durchzogen von Kontroversen ist. Doch eines ist

Unbestreitbar: Ohne ihn wäre Hamburgs Ökonomie praktisch nicht existent. Auf kleiner Fläche ist ein großartiger Ort entstanden, welcher sich den veränderten Bedürfnissen der Zeit angepasst hat. Hamburg wurde immer als Hafenstadt gedacht, und auch weiterhin bleibt die Interaktion mit dem Hafen als omnipräsentes Merkmal der Gesellschaft bestehen.

Viktoria Zenker

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s