The Gabriels: Election year in the life of one family

Teil zwei von drei

Teppiche auf dem Boden, Holztische in der Mitte, ein Kühlschrank, der leise surrt, ein Backofen in dem das Licht brennt, Handtücher und Geschirr in der Spüle, alles in Braun- und Gelbtönen. Gemütlich.

Vier Schauspielerinnen und ein Schauspieler betreten die Bühne, um die das Publikum auf Tribünen sitzt und von allen Seiten auf die Küchenszene schaut.

Im Plauderton unterhalten sich die Darsteller, man muss sich konzentrieren, um dem lockeren, anekdotenreichen Gespräch, folgen zu können.

Es handelt sich um Familienmitglieder, alle sind ungefähr im gleichen Alter. In den fast zwei Stunden, in denen sich die Familie zum Vorbereiten des gemeinsamen Abendessens trifft und Vergangenes und Aktuelles bespricht, geschieht nichts Aufregendes. Auch die Gespräche sind nicht besonders aufregend. Man erfährt, dass Pats Mann, Thomas, gestorben ist. Seine Mutter ist ebenfalls zu Besuch, sie wohnt im Heim und kann sich die Miete nicht mehr leisten. Joyce arbeitet bei einer Event Agentur und hat eine Flasche Weißwein von der letzten Veranstaltung mitgebracht. Hannah ist misstrauisch gegenüber Karin, der Ex-Frau von Thomas, die zu Besuch ist, um dessen Notizbücher und Theaterstücke nach etwas wertvollem zu durchsuchen. George, Hannahs Ehemann, versucht, sein Klavier zu verkaufen, um ein bisschen Geld zu machen.

Banale Inhalte, allgemeine Gespräche. Trotzdem nimmt einen die Szenerie in den Bann. Richard Nelson inszeniert seine Figuren bewusst durchschnittlich an einem normalen Abend in Rhinebeck. Die genauen Beobachtungen, mit denen er die Gabriels alltägliche Handlungen ausführen lässt, erzählen mit in ihrer vielsagenden Einfachheit weitaus mehr, als die einfachen Gespräche zunächst vermuten lassen.

Noch während man zuschaut, fragt man sich, wo dieser Sog entstanden ist, der es einem unmöglich macht, sich den Szenen zu entziehen. Etwas ist gekippt, das ist kein sorgenloser Abend, an dem man sich trifft, um sich gegenseitig auf die Schulter zu klopfen. Es ist das Wahljahr in den USA, bald schon entscheidet sich, ob Hillary Clinton, die politische Musterschülerin oder Donald Trump, das Trouble Kid, das Weiße Haus übernehmen wird.

Die Gespräche der Gabriels streifen die Kandidaten eher beiläufig, gelegentlich wird die anstehende Wahl thematisiert.

Gleichzeitig ist Amerika im Wahljahr beispiellos dargestellt ohne ein typisches „Amerika-Stück“ zu sein. Es sind die kleinen Probleme, finanzielle Engpässe, die Fragen nach dem danach, die einerseits persönliche Sorgen und politische Bedenken andererseits mitschwingen lassen. „What about us?“ Manchmal ist die Richtung, in die sich das Stück dreht nur in Zwischentönen zu erahnen. In feinen Nuancen ahnt man die Tragweite dessen, was nicht gesagt wird. Immer wieder fällt der Satz „she/he does not need any help. She/he is fine“. Genau das scheint in Frage zu stehen. Die zuversichtlichen Aussagen klingen nicht sicher, genau hier entsteht die nagenden Irritation über die Zukunft.

Es findet ein sich gegenseitiges Vergewissern statt, dass alles gut wird, man schon eine Lösung finden wird. Immer wieder taucht die Frage auf, wie die Schulden bezahlt werden sollen. Hat Thomas nicht irgendetwas wertvollen hinterlassen, einen Brief mit einer bedeutenden Persönlichkeit, kann George nicht als Handwerker unterkommen, obwohl er eigentlich doch Maler ist und einen Herzschrittmacher hat? Kann die Mutter nicht aus dem Heim zurück kommen und wieder in dem Haus einziehen? Aber wo wohnt Thomas Witwe dann? Das zurückgelegte Geld für Paullies College will man als letztes angreifen.

Hannah zieht gleich große Kekse aus dem Ofen. Karin blättert in den unzähligen Notizbüchern. Pat schneidet Kartoffeln in Scheiben. Joyce wäscht sich zum wiederholten Mal die Hände.

Und immer wieder Klaviermusik, weit entfernt.

 

Maria Isabel Hagen
maria _ theaterwissenschaftlerin / theaterkritikerin / kulturjournalistin
isabel _ tanzduo (genialtotal) / performerin / moderatorin
hagen _ projektmanagerin / konzeptionerin / texterin

Weitere Beiträge von Maria Isabel Hagen gibt’s auf ihrem Blog Alltagsdramatik.

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