Stimmen aus der Universtität Hamburg – Sanctuary

Seminar: Aktuelle Hamburger Theaterfestivals unter der Leitung von Prof. Dr. Martin Schäfer

 

Sanctuary

Bitte Warten! Verboten! Keine der beiden Aufforderungen fühlt sich wie eine Bitte an – es sind Befehle, die die kleinen Zuschauergruppen in der Installation „Sanctuary“ begrüßen. Messer verboten, Handys verboten, trinken verboten, Burka verboten, Twitter verboten sagt das Schild am Eingang des Labyrinths aus fest aufgestellten Gittern und Zäunen, hoch oben versehen mit NATO-Draht, durch dessen neun Räume wir gelotst werden. Immer wartend auf das grüne Licht, das uns erlaubt, weiterzugehen. Anfangs noch irritiert, bemüht, das System zu verstehen, sich richtig zu verhalten. Irgendwann werden das Warten und das Gehorchen auf ein Lichtsignal zur Gewohnheit.

Eine EU-Flagge ziert den Eingang zum Labyrinth, in dessen Räumen wir mit der Situation verschiedenster Geflüchteter konfrontiert werden – auf eine bedrückende Art, aber ohne das Publikum so unangenehm zu behandeln, dass es das Bedürfnis hat, abzubrechen. Stattdessen bleibt die Spannung, welche Facette nach dem nächsten grünen Licht im Halbdunkeln auf uns wartet. Da ist der Mann mit dem Babybündel im Arm, inmitten von Müll, in einem kleinen Verschlag, so wie man schon manchen auf Fotos in den Nachrichten erblickt hat. Da ist die junge Frau, entführt, verkauft, vergewaltigt, weiterverkauft – in ihren Lumpen in ein Schaufenster für Bekleidung gesetzt. Der junge Mann im Flüchtlingslager, zwischen sterilen Betten, der Geld nach Hause schicken muss – und das sicher täte, hätte er welches. Da sind wir, die von einem Securitymann einander gegenüber auf Bänke gesetzt werden, um uns anzuschauen, getrennt durch einen der Maschendrahtzäune – im Hintergrund die EU-Vereinbarungen zum Tierschutz. Makaber, aber wirkungsvoll. Da ist der Arbeiter, der zwischen Merkel-Plakaten, zusammengekehrten Schwimmwesten und einer beschmierten Moschee steht und versucht, das alles zu verstehen – mit dem Schluss, dass all diese einzelnen jungen Männer das Problem sind. Und sie alle blicken uns an. Intensiv, jeden einzelnen. Mal vorwurfsvoll, mal fragend, mal verletzt.

Die Installation kommt durch die Blicke ohne viele Worte aus, einzelne Geschichten sind aufgeschrieben, doch die inszenierten Bilder mit jeweils einem Darstellenden sprechen für sich. Durch alle Bilder zieht sich buchstäblich ein roter Faden, der sie alle miteinander verbindet: Die projizierten schönen Landschaftsfotos aus dem heilen Europa im ersten Warteraum mit den Geflüchteten in ihren eigenen ausweglos scheinenden Situationen und mit den besorgten Bürgern, die in ihrer kleinen Welt die große da draußen nicht mehr verstehen. Und sie alle warten.

Nele Zydziak, Seminar: Aktuelle Hamburger Theaterfestivals

 


 

Blogeintrag zu Sanctuary 06.06.17

Es ist dunkel am Eingang der performativen Installation „Sanctuary“ von Brett Bailey. Hohe Zäune mit Stacheldraht, Scheinwerfer und Schilder, die auf Verbote hinweisen, sind direkt vor unseren Augen. Begleitet mit sphärischer Musik laufen wir im fünf Minuten Takt als kleine Gruppen durch die engen Gänge. Vorbei an Mahmoud, 36 Jahre alt, Besitzer eines Bekleidungsladens. An Jamal, 23 Jahre alt, Maskenbildnerin. Und an Yazan, 23 Jahre alt, Musikstudent. Fluchtrouten sind vor ihnen abgebildet, Müll, Kleidung oder Bilder sind um sie herum platziert. Jede*r von ihnen befindet sich in einer Art „Schaukasten“ inmitten der Gänge. Wir stehen vor ihnen, schauen sie an als wären sie Gemälde oder Kunstwerke. Es sind jedoch Menschen, die uns in die Augen blicken. Wir schauen uns gegenseitig an. Wer wird hier eigentlich ausgestellt?

Grünes Licht- wir gehen weiter. Vorbei an einem Wohnzimmer mit Couch und Goldfischglas. Eine ältere Frau sitzt auf dem Sessel und strickt. Wir blicken uns gegenseitig an während Le Pen eine Rede hält, die im Fernseher gegenüber zu sehen ist.

Europa und seine Abschottungspolitik, Fremdenfeindlichkeit, Flucht und Migration, Perspektivlosigkeit und Abstumpfung. Gewalt.

Diese Themen wurden in der performativen Installation sichtbar. Sollten sie auch erlebbar, erfahrbar sein? Soll die Installation die Besucher*innen schockieren? Will sie eine bestimmte Wirkung erzeugen? Sollen die Besucher*innen ein Gefühl dafür bekommen, wie es sich anfühlt, in einem Camp für Geflüchtete zu sein? Oder soll ihnen ihr eigenes Wohnzimmer vor Augen geführt werden?

Paula Jütting

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