Burning Doors

Die 2005 in Minsk gegründete Theatergruppe Belarus Free Theatre (BFT) gilt dort mittlerweile als illegal. Ihre Kunst ist mehr als eine Kritik am Regime – es ist eine Kampfansage. Die Bühne des Theaters nutzen sie als Raum für Protest. Vor der Unterdrückung künstlerischer Freiheit und Meinungsfreiheit, flohen BFT 2011 nach Großbritannien.

Gestern zeigte die Theatergruppe ihre Arbeit Burning Doors auf Kampnagel, in der Originalsprache Russisch, mit deutschen Untertiteln im Bühnenhintergrund. Als Zuschauerin dieser Protest-Performance würde mir in Minsk eine Haftstrafe drohen. Dieses Bewusstsein wurde verstärkt durch drei Gefängnistüren, welche den Mittelpunkt des in weiß gehaltenen Bühnenbilds darstellten.

Inspiriert und beeinflusst von u.a. Foucault, Dostojewski und Bulgakow, thematisiert Burning Doors Gouvernementalität, Haftbedingungen in Weißrussland und zivilen Ungehorsam.

Regierungsvertreter werden in der Inszenierung als geldgierige und ignorante Männer im Anzug dargestellt, welche bei einem gemeinsamen Klobesuch im Dialog versinken. Dabei scheißen sie – auch auf die Belange der Bürger. Als das Klopapier fehlt, wischen sie sich den Hintern mit Regierungsdokumenten ab. Von Kunst als Protest halten sie nichts und der Maler Piotr Pawlenski gilt in diesen Kreisen als ein Masochist und Terrorist. Doch die Wände ihrer Luxusvillen mit Picassos Werken zu schmücken, gehört zum guten Ton und ist nicht zuletzt eine Kapitalanlage. Die Kunst der weißrussischen Regierung besteht darin, das Verhalten der Bürger zu steuern. Menschen, welche dies durch ihre Kunst entlarven, werden weggesperrt.

Was sich hinter den Türen weißrussischer Gefängnisse abspielt, stellen BFT körperlich dar. Der Körper sei das eigentliche Subjekt der Haftstrafe, denn ein Freiheitsentzug fände auch außerhalb des Gefängnisses statt.

Kämpfe, Blut, Urin und eine an Seilen befestigte, durch die Bühne geschleuderte junge Frau. Auf der Bühne wird Folter dargestellt.

Dass die Strafe im Freiheitsentzug selbst besteht, nicht in der Ausgestaltung des Vollzugs, gilt als international anwendbare Formel im Strafvollzugsrecht. Wenn sich der Grad der Zivilisation einer Gesellschaft am Zustand ihrer Gefangenen ablesen lässt, wie Dostojewski einst vertrat, dann bekam Weißrussland gestern ein Armutszeugnis verliehen.

Foltermethoden nachzugeben, sei Verrat. Verrat sei ein Ausdruck von Feigheit und Feigheit die größte Sünde. So auch der russischer Schriftsteller Michail Bulgakow. BFT appellieren an ihre Zuschauer*innen, während sie die Gefängnistüren auf der Bühne anzünden, nicht feige zu sein. Gegen Ungerechtigkeit zu protestieren und zu erkennen, wann eine Regierung ihre Bürger unterdrückt, denn auch hierzulande könnte das passieren.

 

Ormina Maschal:
Die Hafenstadt Hamburg ist vor 17 Jahren zur Heimat für die ukrainisch- und afghanischstämmigen Jurastudentin Ormina Maschal geworden.
Durch das Thalia-Pfadfinder Programm fand sie ihren Weg ins Theater und verfasst seit den Lessingtagen 2012 Theaterkritiken.

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