Stimmen aus der Universität – Burning Doors

Seminar HafenSzenen unter der Leitung von Prof. Dr. Ortrud Gutjahr

 

Feigheit ist die größte Sünde…

Dieser Satz ist mir in Erinnerung geblieben, wenn ich an Burning Doors des Belarus Free Theatre denke. Denn nach diesem Abend denke ich, dass ich feige bin.

Ich verfolge die Nachrichten und weiß ungefähr, was in der Welt vor sich geht. Und dabei wäre es heutzutage leichter einfach wegzuschauen und weniger deprimierend. Ich zeige gerne mit dem Finger auf Menschen wie Putin oder Donald Trump und schüttle mit dem Kopf. Denn es ist leicht Missstände zu benennen und sich darüber aufzuregen. Aber ist das wirklich genug? Was nützen abfällige Sätze über Regierungsoberhäupte, wenn diesen keine Taten folgen. Denn wir sind bequem geworden, was echten Einsatz angeht. Jeder möchte partizipieren, aber bitte nur mit dem angemessenen Sicherheitsabstand. Und diesen Abstand durchbricht das Stück heute für mich. Metaphorisch recht früh und tatsächlich, als die Schauspieler ihre Kleidung in das Publikum werfen und auf dieses zu gerannt kommen.

Ich wusste bereits vorher wer oder was Pussy Riot ist, aber ein Gesicht hatte ich nie dazu. Dieses wird mir heute Abend geliefert: Maria Alyokhina. Und dieses Gesicht erzählt eine Geschichte. Brutal und kompromisslos. Darum geht es ja auch bei Rebellion. Sich nicht um die Konsequenzen scheren und das Anliegen in den Vordergrund stellen. Beispielhaft wird hierbei Marias Zeit in Haft thematisiert, die des Künstlers Pjotr Pawlenski und die des Regisseurs Oleg Senzow, der immer noch in Haft sitzt. 20 Jahre hat Letzterer bekommen. Und je weiter das Stück voranschreitet, desto mehr wird mir bewusst, wie wenig ich eigentlich weiß. Und das erschreckt mich.

In einer kurzen Interviewsequenz fragt jemand aus dem Publikum: Was kann ich machen?

Ja, was kann ICH machen? Was können WIR machen? Maria sagt: Helft uns Oleg zu befreien. Ich bin nur frei, weil die Öffentlichkeit sich für mich eingesetzt hat.

Hier muss ich stutzen. MEINETWEGEN ist sie nicht frei. Ich erinnere mich an den Fall und wie sich die ganze Welt darüber aufgeregt hat und in Aufruhr war. Ich erinnere mich auch noch an meine eigene Fassungslosigkeit, aber getan habe ich nichts. Weil ich mich wohl ständig frage: Was habe ich kleine Studentin schon für Möglichkeiten? Was habe ich überhaupt für ein Mitspracherecht? UND: Habe ich überhaupt das Recht an einer Stelle einzugreifen, wenn ich nicht alle Einzelheiten kenne? Und hier haben wir es: Angst. Oder auch Feigheit.

Das Stück hat mich darüber nachdenken lassen. Wo hört das Zuschauen wo beginnt der Einsatz? Ich bewundere Menschen, die sich engagieren. Menschen, die wissen, was sie von der Welt erwarten und sich klar politisch positionieren können. Ich hoffe, dass ich auch einmal zu dieser Art Mensch gehören werde.

Am Ende brennen die Türen, die die Insassen gefangen gehalten haben und auch ich habe Feuer gefangen.

Julia Beller

 



Vom Recht auf freie Meinungsäußerung

Was passiert, wenn die Medien das Interesse verlieren? Aufhören, über etwas zu berichten, weil die Probleme nicht mehr akut genug erscheinen oder von aktuelleren Meldungen verdrängt werden? Eine Antwort darauf liefert das Stück Burning Doors, welches das sich im Exil befindede Belarus Free Theatre gemeinsam mit Pussy Riot-Mitglied Maria Alyokhina und Aktionskünstler Pjotr Pawlenski erarbeitet hat. 2012 wurde Alyokhina und zwei weitere Pussy Riot-Mitglieder aufgrund ihrer Kritik an der russischen Kirche in Form eines Punk-Gebets verhaftet, Pawlenski 2015 aufgrund diverser Protestaktionen. Eindrucksvoll berichten sie von ihrer Zeit in Haft, von der Folter, die sie dort erfahren mussten. Zwischensequenzen zeigen die Gleichgültigkeit der Regierung, die Pawlenskis Aktionen belustigen und die geforderte Freilassung Alyokhinas mit einem Schulterzucken beantwortet, auf.

Die Schauspieler des Belarus Free Theatre führen uns die Berichte der Künstler direkt vor Augen. Eine bedrückende Stimmung macht sich in mir breit. So tief dringt keine Berichterstattung in den Medien.

Ich bin beeindruckt vom Mut dieser Künstler, die ihre körperliche Unversehrtheit riskieren, um auf Missstände aufmerksam zu machen. Die wissen, was sie in Haft erwartet und trotzdem nicht aufhören, für ihre Meinung einzustehen. Und fühle mich selbst ganz klein. Weil ich zu oft Ungerechtigkeiten zwar erkenne, aber einfach hinnehme. Weil ich mich ohnmächtig fühle.

Doch Burning Doors zeigt, dass öffentlicher Einsatz für inhaftierte Künstler wirksam ist. Maria Alyokhina betont, dass sie nur darum wieder frei ist. Der Regisseur Oleg Senzow dagegen, der aufgrund von Protestaktionen gegen die Annektierung der Krim zu 20 Jahren verurteilt wurde, befindet sich noch immer in Haft. Bei ihm scheinen die Stimmen noch nicht laut genug zu sein. Das Stück macht nach dem verklungenen Echo des Pussy Riot-Skandals in Europa wieder stärker auf die Situation der Künstler in (Weiß)Russland, die sich mit unverhältnismäßigen Strafen für ihre regierungskritischen Aktionen konfrontiert sehen, aufmerksam. Freie Meinungsäußerung und menschlicher Umgang mit Inhaftierten sind keine Selbstverständlichkeit, wie man in Deutschland schnell vergessen kann. Aber auch wir können etwas tun. Gerade wir können etwas tun!

 

Jana JanßenJana Janßen wurde vor 21 Jahren im ostfriesischen Aurich geboren. Nach dem Abitur wollte sie dort so schnell wie möglich weg und ist nach Hamburg gezogen, um das Großstadtleben kennenzulernen. Hier studiert sie Germanistik und Psychologie und hofft, damit später auch mal einen Job zu finden.

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