Theater ohne eigenen Raum

Belarus Free Theatre – Burning Doors (Deutschlandpremiere)
Mit Maria Alyokhina (Pussy Riot)

Wie ist es, als Künstler nicht kritisch sein zu dürfen? Was passiert, wenn sie in ihrer Heimat für ihren künstlerischen Ausdruck verfolgt und gefangen genommen werden? „Burning Doors“ zeigt, welche Strafen Kunstschaffende in Weißrussland und Russland erwarten und welche Erfahrung sie in der Gefangenschaft machen.

Geschaffen wurde das Stück von dem in Minsk gegründeten Belarus Free Theatre, das mit seinen Inszenierungen Missstände in der Heimat anprangert, Tabus anspricht und so das repressive Regime unter Lukaschenko öffentlich kritisiert. Es ist auch ein Stück in eigener Sache, denn für seine Haltung ist das Ensemble von der Regierung verboten worden und muss permanent mit Verfolgung rechnen. In der ständigen Angst, entdeckt zu werden, wechseln die Schauspieler ständig den Spielort. Proben und Auftritte finden im Untergrund statt – in leerstehenden Wohnungen, Garagen oder Waldstücken. Auch die Zuschauer, die zu den Auftritten kommen, machen sich strafbar. Geleitet wird die Gruppe von den Gründern Nicolai Khalezin und Natalia Kaliada. Seit das Ehepaar vor fünf Jahren aus Weißrussland verbannt wurde, lebt es im politischen Exil. Von Großbritannien aus koordinieren sie die Theaterproben via Skype.

Gemeinsam gegen die Unterdrückung

Burning Doors verhandelt, inspiriert von Foucault und Dostojewski, existenzielle Fragen und gibt unterdrückten Künstlern aus ehemaligen Sowjetrepubliken eine Stimme. So auch Maria Alyokhina, die als Mitglied der Punkband Pussy Riot bekannt wurde. Für ihr Punk-Gebet in einer russisch-orthodoxen Kirche in Moskau wurde die politische Aktivistin und Performancekünstlerin 2012 zu zwei Jahren Arbeitslager verurteilt. Nun tritt sie mit einer Gast-Performance auf und berichtet in versatzstückhaften Zeugenaussagen über Ihrer Zeit in Gefangenschaft. Demütigung und Willkür sind an der Tagesordnung. Andere Erfahrungsberichte und nacherzählte Verhöre kommen von den Prozessen des russischen Extremkünstlers Petr Pavlensky und des ukrainischen Filmregisseur Oleg Sentsov, der wegen Verdacht auf terroristische Handlungen zu 20 Jahren Haft verurteilt wurde.

Die Zeugenaussagen und Berichte sind minimalistisch inszeniert. Eine aufwendige Ausstattung lässt schon allein die Probensituation nicht zu. Kostüme und Bühnenbild sind schwarz-weiß gehalten, ebenso die Videoprojektionen, die Original-Mitschnitte von Künstleraktionen zeigt. Es ist die Zeit nach dem Punk-Gebet der Pussy Riots. Die grellen Sturmhauben werden gelüftet, bunte leichte Kleider und Strumpfhosen sind der schwarzen Gefängniskluft gewichen. Drei schwere Zellentüren markieren das Gefängnis.

 Kein Theaterstück – Das wirkliche Leben

In einem expliziten Spiel gehen die Schauspieler bis an Ihre körperlichen Grenzen. Folter und Gewaltszenen werden in der Performance mit einer unbeugsamen Kraft, kompromisslos und wütend dargestellt – bis hin zur Selbstpeinigung in Blut und Urin. Es ist ein Kampf gegen die Angst, gegen die Einschränkung der Freiheit und gegen die Gewalt eines autoritären Regimes. Weißrussland wird auch die letzte Diktatur Europas genannt.

Dabei verzichtet Burning Doors auf subtile Inszenierung und einen dominanten dramaturgischen Überbau. Was wirkt sind die starken, erschreckenden Bilder und die Energie der Schauspieler. „Das hier ist nicht einfach ein Theaterstück, es ist das wirkliche Leben.“, beschreibt es Natalia Kaliada.

Brennende Türen

Am 9. November 2015 setzte Petr Pawlensky die Tür der Zentrale des russischen Inlandsgeheimdienstes in Brand, um gegen staatlichen Terror zu protestieren. „Die Angst verwandelt Menschen in eine klebrige Masse einzelner Körper“, zitiert das Stück Pawlensky. „Aber die Abstufung der Angst entscheidet jeder selbst.“ Das ist auch Freiheit. Burning Doors appelliert an den Zuschauer und die eigenen Landsleute. Versteckt euch nicht! Kontrolliert eure Angst, um endlich frei zu sein. Im Schlussbild brennen dann auch die drei Zellentüren auf der Bühne.

 

Sarah Steinberg, geboren 1986, arbeitet nach einem Studium der Literatur- und Medienwissenschaften als Lektorin und Hörbuchregisseurin in Hamburg. Heute ist sie als Redakteurin tätig und schreibt in der Hansestadt für verschiedene Kulturblogs.

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