Die Wahrheit ist heilig

Zugegeben, ich war leicht besorgt, weil ich kein einziges Wort Französisch spreche und allen guten Vorsätzen zum Trotz inhaltlich komplett unvorbereitet meinen Tribünenplatz auf der Bühne des Thalia eingenommen habe. Ja, richtig:  Auf der Bühne! Ich werde nicht gerne von vielen Menschen angestarrt und misstraue Darstellern und Regisseuren zutiefst, die zuweilen auf die Idee kommen, ihr Publikum mit einzubinden. Ich war nervös. Zudem war ich wegen einer eventuellen Reizüberflutung, aufgrund der Nähe zu der Bühnenhandlung, besorgt. Alles unberechtigte Ängste: Ich hatte einen wirklich tollen Abend! Das Programmheft ist so gut geschrieben, dass man selbst ohne die Übertitel genug verstanden hätte. Es handelt sich um ein reines Drama, der Zuschauerraum ist also sicher, und Reizüberflutung ist auch kein Thema, denn dieses Stück kommt einzig mit einer weißen, schmalen Spielfläche und der menschlichen Präsenz aus. Am Anfang ist das etwas komisch, weil man mit der Nase direkt vor einem schwarzen geschlossenen Kasten sitzt, der wie ein Schuhkarton nach oben geöffnet wird. Doch das ist sehr passend, denn es geht nicht um das Außen, nicht um pompöse Bilder oder Requisiten, es geht um das Innere, um zwischenmenschliche Beziehungen. Vu du pont erzählt eine zeitlose Geschichte, die jeder von uns kennt. Es ist die Geschichte von einem Menschen, der so sehr um einen anderen Menschen besorgt ist, dass er den Bezug zur Realität verliert und nicht mitbekommt, dass die Bedrohung, die er sieht, nur in seinem Kopf existiert. Er richtet mit den besten Absichten einen immensen Schaden an. Besonders, indem er jede Realität, die ihm entgegengehalten wird, als respektlos und undankbar verkennt. Für seine Familie bedeutet das verrückte Diskussionen, Verwirrung und emotionale Verstrickungen, die unaufhaltsam in einem Familiendrama enden. „Wir alle lieben jemanden. Manchmal auch zu sehr und eben dieses zu sehr leitet uns manchmal fehl.“ Das Thema spricht mich ungemein an. Ich war sehr dankbar, dass der Anwalt Alfieri, der die Geschichte als seine Erinnerung erzählt, immer wieder aus dem Rahmen der Erzählung aussteigt und sie kommentiert, was ein wenig Abstand zur Handlung schafft. So konnte ich während des Zuschauens reflektieren und zudem die wirklich wunderschöne Sprache in diesem Stück bewundern. Ich bin schweigsam und nachdenklich. Beim ersten Überlegen fallen mir drei Menschen in meinem Leben ein, die mich an die männliche Hauptrolle Eddie erinnern. Viele Sätze, die heute zu meiner Namensvetterin auf der Bühne gesagt wurden, haben mich an gelernte Lektionen erinnert, die ich in letzter Zeit völlig vergessen hatte. „Heute lassen wir uns auf Kompromisse ein, aber die Wahrheit ist heilig“, sagt Alfieri. Doch das Wichtigste ist die Frage, die ich mir am liebsten nicht stellen möchte: Wo in meinem Leben verhalte ich mich wie Eddie? Ein tolles Stück und eine hervorragende Inszenierung. Danke für den schönen Abend!

Katrin Friese GutjahrKatrin Friese (26): Studentin (Musikwissenschaft/Theaterwissenschaft), Eventmanagerin, Bühnenmensch.

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