Stimmen aus der Universität Hamburg – Du Désir d’Horizons – Publikumsgespräch

Seminar: Aktuelle Hamburger Theaterfestivals unter der Leitung von Prof. Dr. Martin Schäfer


Du Désir d‘Horizons
von Salia Sanou (Burkina Faso) – Publikumsgespräch

Die künstlerische Auseinandersetzung mit der Situation in Flüchtlingslagern als körperliche Übersetzung

Am Freitag den 09.06.2017 fand nach der Vorstellung im Kakaospeicher ein Gespräch mit dem Choreografen Salia Sanou und den Tänzerinnen und Tänzern statt. Sanou erzählte zunächst von seiner Absicht, die ihn zu der Arbeit an diesem Stück geführt hat. Er wollte zu den Menschen in den Lagern, um sich solidarisch mit ihnen zu zeigen. In dem sehr militärisch gehaltenen Umfeld sieht er kaum Platz für Menschlichkeit. Dass die Prioritäten der Menschen dort auf Essen und Trinkwasser liegen und nicht auf Tanztheater, kann er gut verstehen. Umso schöner ist es, zu sehen, wie sich die Leute durch den Einfluss des Tanzes verändern. Tanz kann Hoffnung schaffen und aufrechterhalten und Wunden heilen, so Sanou. Aus der Übergangssituation eines Flüchtlingslagers ist längst Alltag für so viele Familien geworden. Während die Kinder unschuldig und glücklich spielen und die Frauen sich um die alltägliche Versorgung der Familien kümmern, sind besonders viele der jüngeren Erwachsenen von der erfahrenen Gewalt gezeichnet und laufen in ihrer Perspektivlosigkeit wie Zombies herum, erzählt er.

Von diesen Erfahrungen und dem Alltag zwischen Hoffnung, Verzweiflung und Durchhalten wollte er eine poetische Version erzählen. Es sollte keine Dokumentation werden, mehr etwas wie eine Übersetzung mit dem Zustand der Körper (l’état du corps) als Ausgangspunkt. So wirkt es oft auch, als würden die TänzerInnen von ihrem Körper bewegt, gezogen, geschoben oder fallen gelassen und nicht umgekehrt. Aus den Workshops, die er während seiner zwei Monate dauernden Aufenthalte in den Lagern in Burundi und im Norden Burkina Fasos gab, sammelte er tänzerische Eindrücke, die er dann mit seiner Truppe in einer Choreografie umsetzte. Zwei Flüchtlinge haben auch direkt an der Entwicklung des Stücks mitgewirkt, konnten aber aufgrund ihres Status‘ für die Tour kein Visum bekommen. Manche der anderen TänzerInnen waren bei den Besuchen dabei, einer berichtet, er habe sich sofort verändert, als er das Camp betrat. Es sei sehr hart gewesen, diese Realität zu sehen und aufzunehmen. Catherine Denecy erklärt, bei jeder Aufführung des Stücks erschaffe sie auf gewisse Art die (eigene) Menschlichkeit neu, es sei immer ein neues Sich-Einlassen auf die Situation. Die amerikanische Tänzerin Asha Thomas, die erst später dazukam und nicht bei der Vorarbeit dabei war, geht auf die Stimmung des Wir und Die (Us and Them) ein – sie fühlte sich durch die tänzerische Auseinandersetzung in die Perspektive der anderen versetzt und es machte ihr deutlicher bewusst: Wir könnten auch an dieser Stelle sein. This could be us. Ihre ständige Motivation zog sie aus der Energie der Gruppe und so hofft sie auch, dass die Menschen im Camp gemeinsam Energie und Hoffnung schöpfen.

Zu den weiteren Bestandteilen des Stücks, dem Text und der Musik erzählt Sanou, er wollte ursprünglich einen Text von Samuel Beckett über das Chaos verwenden, für den er aber die Rechte nicht bekam. Also wurde es „Limbes/Limbo, un hommage à Samuel Beckett“ von Nancy Huston, ein Text über Reise und Exil, aus dem Valentine Carette Auszüge spricht. Die Musik wurde von dem Filmkomponisten Amine Bouhafa eigens für das Stück komponiert.

Das stimmungsvolle Wechselspiel von mitreißenden Rhythmen und stummen Passagen, der Einsatz von Text, Stimme und Geräuschen sowie die Assoziationen die beim Publikum individuell geweckt werden schaffen es, das weiterhin brisante Thema der Flüchtlinge auf neue Art darzustellen und zu vermitteln.

Charlotte Zarzycki

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