IDRIS ACKAMOOR & THE PYRAMIDS

IDRIS ACKAMOOR & THE PYRAMIDS
Oder die Umbenennungskunst, welche der entmenschlichten Erkennung entkommt.

Von Tania Mancheno

Namen sind Identifizierungsnachweise einer bestimmten Geschichte, die wir meistens unbewusst, jedoch in der Umbenennung dann doch bewusst, mit uns rumtragen. Um dieser Amnesie der eigenen Identität zu entkommen, erfinden die Mitglieder des Cosmic-Jazz-Kollektives The Pyramids ihren Namen immer wieder neu.

Bezüglich der Umbenennungspraxis kommentiert Florian Sievers in dem vom Programm von Theater der Welt verlinkten Artikel folgendes: „Irgendwie »afrikanisch« klingende Künstlernamen waren vor ein paar Jahrzehnten ein verbreitetes Phänomen unter den spirituell interessierten, politisch aktiven afroamerikanischen Jazzmusikern“.

Sievers Kritik ist respektlos und kontextlos. Sievers ignoriert die koloniale Macht der Benennung sowie den widerständigen Charakter der Umbenennungen. Seine Kritik ignoriert somit 500 Jahre Weltgeschichte,[1] die dagegen bei den Mitgliedern von Pyramids sehr präsent ist.

Alle Musiker von der Gruppe Pyramids, welche letzten Freitag im Thalia Nachtasyl zu erleben waren, haben ihren Namen mehrmals umgeschrieben. Wie klingt Margo Simmons, Olu Dara, und Ndugu, Idris Ackamoor und Kwame Kimathi Asante?

Im Deutschen klingen diese Namen erst mal kompliziert, d. h. sie sind erst mal schwierig. Erst mal fremd. Zeit wird benötigt, um sie zu lernen, um sie dann richtig aussprechen zu können. Sie sind „afrikanisch“, wie das Programm von Theater der Welt notiert. Aber nicht nur. Diese Namen klingeln mythologisch und politisch zugleich. Es genügt eine minimale Suche auf Google , um herauszufinden, dass Ndugu Swahili für Bruder steht, und dass Idris im Koran für den Übersetzer zwischen den Götter steht, also ein Äquivalent von Hermes, das Symbol Hamburgs. Nicht so fremd wie gedacht, oder? Asante may refer to Ashanti, the Ghanaian pre-colonial Kingdom. Auf Deutsch gesagt: Asante steht wahrscheinlich für das pre-koloniale Aschantireich.

Nun stellen Sie sich nur vor, was diese ganz bewusste Geschichte für die Musik hervorbringen kann. Dazu sollen Sie sich auch kubanische Rhythmen vorstellen, das Wort Jazz nicht aus den Augen verlieren, und nicht denken, dass Sie Geige oder Gesänge vermissen werden, da sie auch Teil des Konzertes sind!

Der Versuch, immer wieder den Identifizierungsstrategien zu entkommen, ist nicht nur in den Umbenennungsstrategien der Musiker zu erkennen. The Pyramids erfinden ihre Musik immer wieder neu.

Dazu kommen die politischen Aussagen und Handlungen der Mitglieder, die das Konzert begleiteten. The Pyramids brachten nicht nur Musik nach Hamburg mit. Sie brachten Informationen über die Situation der Sioux in den USA mit, die zurzeit gegen das Vergiften von Wasserquellen kämpfen müssen. Also ob sie dies nicht bereits lange genug gemacht hätten, sind die Kämpfe für ein Recht auf das Leben in Würde für die meisten der nicht-weißen Bevölkerungsgruppen dieser Erde immer noch aktuell.

„Wir leben in schwierigen Zeiten“, teilte  mir Margo Simmons nach dem Konzert mit.

Ihre Arbeit und Kunst helfen uns aber, die Energien wieder aufzunehmen, die dazu benötigt werden, um damit klarzukommen. Eine einmalige Nacht im Thalia Nachtasyl, in der die Mehrheit die Mehrheit und keine Minderheit mehr war. Und der DJ nach dem fast 3-stündigen Konzert war in Besitz der besten Schatzkiste von Musikplatten des alten Afrobeats der Welt.

Thanks a lot! And please come back to Hamburg!
Danke Theater der Welt für das schöne politische und poetische Konzert.

 


[1]                     Der nicht selbst gesuchte Name Amerikas, der mittlerweile sowohl für den Kontinent als auch für das Land benutzt wird (wo die Pyramids Musik machen, wenn sie nicht auf Tournee sind), bildet ein gutes Beispiel für die Geschichte, die sich hinter einen Namen verstecken lässt. Sie erfahren mehr über den Namen Amerika in meinen Stadtrundgängen in der HafenCity.

 

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