How lucky we are

endlich
nah wie
fern all die
Farben der Welt Theater
unendlich

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Eine mit 3 Beispielen verknüpfte Reflexion (teils in der Narrative und bebildert) zum Thema Einlass und Organisation

Blog-Schreiben? – ‚Ja, ich will. Aber wie?‘ – Letztendlich ist es nur ein ziemlich lange unterdrückter Impuls. Ich schreibe gerne. Nur vermied ich es bisher, weil ich die deutsche Sprache in der Form nicht nutzen zu können glauben gemacht worden war. Stetig allgegenwärtig sublimiert bekommend: Sprache sei mittlerweile nahezu allerorten ausschließlich ordentlich legitimiert, damit auf technische Nachweiserbringung reduziert und so drangsaliert zu erbringen. Nur ein Diktum gilt: Akademisch trainiert, tradiert strukturiert. Exklusiv. Stempel.

Das angeregte Thema überraschte mich. Warum schreibst Du nicht über die Organisation der Karten? Über die Stücke selbst gibt es sowieso schon genug Beiträge. (‚Autsch!‘) Zugegeben: Über Administration als Ausgangspunkt zu schreiben war ein Aspekt, der mir in Bezug auf Theater, Festival und im Kontext einer Themenwahl kaum in den Sinn kam.

Letztendlich ist ein Theater-Festival ein Fest der Freude am Spiel. Die Lust einen Kosmos (ver-) unmöglichter Möglichkeiten zu entwerfen und zu zelebrieren. Respektvolles Verständnis  zu gründen, Missstände zu beleuchten. Ein Etwas zu entdecken, dass global, im Alltags-Leben offensichtlich vielerorts entglitten und verloren gegangen scheint. Nähe. Wärme. Sympathie. Lebendige, von freier Energie getränkte und getragene Performances. Freies Denken inbegriffen, intellektuelle Absurditäten oder gesellschaftskritische und politisch gewagte Konzeptvorstellungen. Lebendige Sprache. Not versus Super-Diversity (Karel Arnaut, 2012) but against flat pluralism. Das Abzirkeln in höher potenzierte oder flacher gezerrete Begrifflichkeiten, die zum theoretisch kargen Abstraktum ausgehöhlt und vertikal als ‚Objektiv‘ vor eine Kamera des allwissenden Auges fixiert sein sollen.

Das Theater der Welt, wie es 2017 in Hamburg ermöglicht war, ließ zu, dass die einhergehenden administrativ verordnete Exklusionen wie; ‚Schüler, Studenten, Azubis, Bufdi[1] bis 30 J. erhalten Ermäßigung‘ (als Synonym für den manifestierten leisen politisch verordneten Ausschluss potentiell berechtigter Kritiker einer schlecht funktionierenden Leistungsgesellschaft) mit  weniger Angst begegnet sein kann. Kleingedrucktes kommt aus kleinen Köpfen. Große Herzen atmen, lachen, leben und teilen ihr Theater der Welt. Unserer.

 

Beispiel 1 – Der erste Einlass

CHILDREN OF GODS Lemi Ponifasio und MAU-Ensemble aus Samoa (New Zealand)
Voraufführung, Baakenhöft, Kakaospeicher, Hamburg, Dienstag 23.05.2017, 21:00 Uhr.

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MAU-Ensemble, nach der Voraufführung, 23.05.2017, im Kakaospeicher, Baakenhöft, Hamburg

Per Zufall sind zur Voraufführung von CHILDREN OF GODS zwei Freikarten in Umlauf gegangen, die mich erreichten. Das war ein Glücksfall, den ich dankend annahm. Die Musikperformance dann, war so intensiv und vielschichtig, dass ich mich sofort danach entschied, zu allen folgenden Aufführungen jeweils an die Abendkasse zu gehen und mich in die Warteschlange einzureihen. Den Tanz und die Klänge des sich ständig Wandelnden ein weiteres Mal miterleben zu können war die Hoffnung.

Am Folgetag wurde informiert, dass der Leiter der Performance (Choreograph, Tänzer und Regisseur Lemi Ponifasio) die Änderung des Titels in „DIE GABE DER KINDER“ zur Festivaleröffnungs-Aufführung entschieden hatte. – Anfänglich, von außen betrachtet, verstand ich diese Änderung, vor allem im Kontrast zu meiner Begeisterung direkt nach der Aufführung, nicht.

Jedoch offenbarte sich beim Sichten von Fotos des Voraufführungsabends (nach Ende aufgenommen, und anfänglich ungesichtet gelassen) ein Graben. Dieser Graben zeigte sich zum  Zeitpunkt nach Abschluss der Generalprobe zwischen Publikum und Ensemble aus Samoa langsam und unscheinbar.

In dieser Sicht auf die Situation, trat aus diesem trennenden Nichts dreierlei hervor: 1) dass es eine große, von den Schauspielern sich abwendende Menge Mensch gab; 2) dass eine kleine Gruppe, sich teilweise offen zuwendender Menschen ‚wie verloren‘ zeigte; 3) dass es nirgends ein Überschreiten der – zwar unsichtbaren und dennoch offensichtlichen – Grenze des Unverständnisses zu geben schien.

Nach meiner Interpretation war eine befremdliche Ignoranz des Publikums gegenüber ihren Künstler-Gästen, die den Gastgeber-Kindern ihren Tanz nahegebracht hatten, zu sehen. Das Ensemble war mehr als 15.000 Kilometer zu einer Aufführung nach Deutschland gereist und niemand der Verwandten und Eltern wendete sich den Darstellern direkt nach der ersten (halb-) öffentlichen Aufführung zu, sagte ‚Danke‘ oder ‚Willkommen in unserem Land‘. Es wurde nichts Freundliches signalisiert. Das ist die eine Sache.

Die andere Sache war das Unverständnis gegenüber dem Gezeigten: Tanz, Körper, Klang – Licht. Einer vergessenen Geschichte. Einer verbindlichen: Mensch sein.

Mir erscheint, das hier vom MAU-Ensemble gezeigte digitale Foto wie ein Spiegel dessen, was symptomatisch für ungastliches Verhalten vonseiten einer Gesellschaft steht, die sich in meiner Sicht zu vielen Gelegenheiten als gebildet, kultiviert, demokratisch denkend und frei handelnd darstellt und doch nur aus verständnislosen Individualisten besteht. Jede europäische Konzentration liegt auf den eigenen Belangen, eher selten auf dem Gesamten. Wahre Gesten der Freundlichkeit ‚Fremden/Fremdem‘ gegenüber scheint im Allgemeinen ausgewichen zu werden.

In den Tagen darauf stand ich also in der Abendkassen-Warteschlange. Zur Premiere und den folgenden Aufführungen blieben immer wieder mehrere Karten der obersten Preiskategorie nicht-abgeholt. Diese wurden den Wartenden in der Warteschlange, in chronologischer Reihenfolge, zu folgenden Bedingungen angeboten: ‚Schüler, Studenten, Azubis, Bufdi[1] bis 30 J. ermäßigter Einlass.‘ Alle anderen sollten dafür zahlen den vollen Preis.  Zudem standen wenige weitere Plätze der unteren Preisklasse zum Kauf, mit dem Hinweis auf Nachfrage: ‚…die sind dann ermäßigt auch für Studenten ab 31 Jahre und Hartz IV-Empfänger zu haben. Oder, sie wollen doch die anderen Karten zum vollen Preis der obersten Preis-Kategorie kaufen‘. Für weitere Fragen (oder Beschwerden) stehe der Leiter vom Einlass zur Verfügung.

Doch mal ehrlich: Wer will Diskussionen über administrative oder soziologische Aspekte festgefahrener und ungerecht installierter politischer Strukturen und ihren Folgen innerhalb der Gesellschaft? Hier, z. B., in Form von Kritik an Fehl-Organisation im westeuropäischen Kartenverkaufs-Usus und der daraus resultierenden Quasi-Zugangsverweigerung zu kulturellen Ereignissen für Abgekoppelte Mitglieder der Gesellschaft. Digitale Transformation. Und das an so schönen Abenden wie diesen? Die Schönheit, die Menschen in sich tragen, wurde in der performativen Voraufführung von CHILDREN OF GODS transparent. Jede Auseinandersetzung, um überhaupt einen Platz in einer Vorstellung zu bekommen, zieht diese gute Energie und potentielle Erinnerung daran in immanente Mitleidenschaft. Wem wollte was zugemutet sein – warum und wozu? Byte before you are bitten?

 

Beispiel 2 – Mehr als Einlassen

SANCTUARY Brett Bailey, Performance/Installation, Oberhafen, 08.06.207, 17:15 Uhr
KONGO TRIBUNAL Milo Rau, Focus Afrika; Baakenhöft, MS Stubnitz, 08.06.2017,19:00 Uhr
BURNING DOORS Belarus Free Theatre, Russland, Kampnagel, K2, 08.06.2017, 19:00 Uhr
LOS INCONTADOS Mapa Teatro, Kolumbien, Kampnagel K1, 08.06.2017, 21:00 Uhr
MOVING PEOPLE Christane Jatahy, Brasilien, Baakenhöft, 09.06.2017, 21:30 Uhr

Donnerstag. Es gibt keine Zufälle. Es gibt Tage, an denen vieles schiefläuft. Das kennt doch jeder…- Oder? – Es sind mintunter nur unselige Verkettungen von ineinander verhakteltem, unkonzentrierten Dahinstolpern. Begleitet und angefüllt von intensivsten Bild-Kompositionen (SANTUARY, Oberhafen) und seltenen Begegnungen; erleichtert über das bisherige, gut  funktionierende Hin-und-Her-Fahrradfahren zwischen dem Baakenhöft-Oberhafen-Kampnagel-Bermudaeck. Und dann so etwas: Anstelle rechtzeitig zurück gen Haven zu fahren, lief ich in der Kampnagelhalle phlegmatisch meinen fellow-students hinterher. Verdattert, der erste richtige Blick, vor der Tür des K1, 18:55, auf das Ticket. ‚Oh! NeinKongo…Du bist hier gar nicht richtig! Oh OH!‘ Auf dem Absatz herumgedreht … und direkt  hineingestolpert in eine der zentralen Figuren der Festival-Leitung. Was bleibt zu sagen, außer: ‚Sorry‘ Und eine spontane Idee: ‚…darf ich Sie ansprechen… – ich habe einen blöden Fehler gemacht …der vielleicht bedeutet, dass ich heute Abend gar nichts mehr sehen werde, auch, wenn ich mich abhetze, weil…‘ Long story short: Es waren Plätze frei. Gepaart mit einfachem, klar philanthropischen Vorgehen. The Goddess of Theatre organized to be let in: Things can be turned around so elementary

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Der Mond über dem Baakenhöft für den Mann (mit Brille) vom Einlass (Freitag)

Freitag. Es beginnt die Frage zum Anlass seriöser Selbstkritik sich akzentuierter zu stellen. Nachdem der Vorabend so spät geendet hatte, begann der Morgen zu früh. Das Ticket für den Einlass zu MOVING PEOPLE war, wie die anderen, Wochen vorher gekauft und das persönliche Interesse war groß. Beginn: 21:30 Uhr. Auch das per email noch mal erinnerte Mitbringsel für die Reise stand bereit (ein orangener Topf mit Petersilie). Irgendwie war es hochgradig unangenehm, 21:25 Uhr, während der knapp getakteten U-Bahn-Anreise festzustellen, dass die Eintrittskarte zuhause liegengeblieben war.

Die am Vortag unerwartet erlebte Großzügigkeit bewegte mich, meinen Weg fortzuführen. Ansonsten hätte ich mich einfach müde umgedreht und wäre nach Hause gefahren. Nicht so in diesem Falle. Es geht weiter. An der Kasse schilderte ich meinen Faux Pas. –Kurze Anmerkung für jene, hier zum belächelnden Grinsen Neigenden: Wer wenig arbeitet macht wenig Fehler. Mutter, Studentin, ausgelastete Arbeitnehmerin,  zum sogenannten ‚Neuen-Prekariat‘-Gezählte‘ muss eines können, und darf: Vergessen. Der verantwortliche Kassenleiter des Abends sah das auch so. Danke.

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Lifting-up the Moving People Container-Screen, Baakenhöft;
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… der Mond von nah für den Mann (mit Brille) vom Einlass…
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…und die Petersilie im Gespräch mit einer anderen zu spät gekommenen Tasse.

Beispiel 3 – Der dritte und letzte Einlass-Bericht

BEYOND THE NEW HATE Carolin Emcke im Gespräch mit Didier Éribon, Moderation: Amelie Deuflhard; PSI#23 Overflow; Kampnagel, K2, 10.06.2017, 19:30 Uhr

AUTORENGESPRÄCH Édouard Louis und Didier Éribon, Die Wiederentdeckung der Gegend meiner Selbst, Thalia in der Gaußstraße, in französischer Sprache, Moderation und Übersetzung: Hanna Klimpe; 11.06.2017, 18:15 Uhr;

DAS ENDE VON EDDY Schauspiel; Édouard Louis, Thalia Gaußstraße – zeitlos –

Nachdem Gespräch von Didier Éribon und Carolin Emcke im K2, in der Kampnagel-Fabrik am 10.06.2017, im Rahmen des PSI#23 Overflow, wurden beim Verlassen der Halle den Besuchern Flyer mit dem Hinweis zum Autorengespräch Didier Éribon (Die Rückkehr nach Reims, 2009, frz.; 2015, dt.) mit Édouard Louis (Das Ende von Eddy, frz. 2016) in die Hand gelegt. So war ich froh über diese, mit Informationen bedruckte, haptisch konkrete Aufforderung auf rauem Papier. Das Ereignis wäre tatsächlich an mir vorübergegangen.

Nur einmal bin ich in den Thalia-Räumen in der Gaußstraße gewesen. Mit Präsenz dieser beiden Intellektuellen sehe ich mit meiner Scham und meiner Angst vor den Besseren (wer sollte das sein wollen?) und all dem damit zusammenhängenden Unverständnis nicht mehr alleine. Mit ausreichend kontemplativer Mut-Sammelzeit im Vorfeld ging ich in die Gaußstraße. Argumente lernen.

An der Kasse, auf Nachfrage, wo das Gespräch stattfände, führte die Antwort zur gleich beginnenden Aufführung von Édouard Louis‘ erstem Theaterstück Das Ende von Eddy.
‚Ok. Some ‚Me-Time mit Cappuccino auf einem der Hof-Boote‘ war mein Folgegedanke. Im Hof sitzend, zog ein Zuschauer-Tross zu einem Aufführungsort namens ‚Garage‘ vorüber. Die freundliche Kassenfrau tauchte plötzlich vor mir auf und fragte ‚…wollten Sie nicht auch mit in die Vorstellung…?‘ – ‚ja-äh..…eigentlich nur zur Gesprächsrunde‘ – ‚… aber es sind noch zwei-drei Plätze frei – … schnell…versuchen sie es doch einfach…“ – „WoW! Ja. Danke für den Hinweis! Gerne…“

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„Das Ende von Eddy“, Live Music: Tom Gatza
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„Das Ende von Eddy“ Darsteller Eddy: Steffen Siegmund
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„Das Ende von Eddy“ Ensemble Thalia Theater mit dem Autoren Édouard Louis (3.v.re.)

Thank you, worldwide wilder theatre people… –Thank you for being there and showing up here  –  for your strength,  the strength you have shared. You helped me to make it through the days and the mementos will do so for a longer time further on. You made me feel better and no longer alone. You made me speak. Write. Breathe. Thank you.

Mahalo

Hamburg, Germany, the 24th June 2017, 12:32 p.m.

[1] Auszubildende und BundesfreiwilligendienstlerInnen

 

Von Anna Catharina Mulder, Studentin an der Leuphana Universität Lüneburg.

 

 

 

 

 

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